Aufstieg durch Bildung?
02 | Februar 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Drang nach Veränderung

Erfolgreiche Bildungsaufsteiger | Aladin El-Mafaalani

Es ist viel die Rede von der „Bildungsrepublik Deutschland“ auf der einen Seite und den „Bildungsfernen“ auf der anderen, für die es zunehmend schwieriger wird, sich aus ihrem Milieu herauszuarbeiten. Wie schaffen trotzdem einige den Weg von „unten nach oben“? Wie ist es Bildungsaufsteigern aus benachteiligten Milieus gelungen, die sozialen Schranken zu überwinden? Was waren ihre Aufstiegsmotive?

Forschung & Lehre: In den Vereinigten Staaten wird jemand, der es nach oben geschafft hat, bewundert. Gilt das auch in Deutschland?

Aladin El-Mafaalani: Natürlich wird auch in Deutschland ein sozialer Aufstieg hochgeschätzt. Allerdings ist das meritokratische Versprechen, dass es jeder aus eigener Kraft „vom Tellerwäscher zum Millionär“ schaffen kann, in den USA deutlich stärker im Nationalbewusstsein verankert. Bei uns prägen eher Statuserhalt und die sozialstaatliche Absicherung von Lebensrisiken aller sozialen Schichten das Nationalbewusstsein und weniger – als in den USA – die soziale Mobilität. Interessant ist, dass in beiden Ländern ein Wandel erkennbar wird. In den USA wird zunehmend erkannt, dass der amerikanische Traum kaum noch Wirklichkeit wird, wodurch sich erste Entwicklungen hin zu staatlich organisierten sozialen Sicherungssystemen, für die es in den USA eigentlich keine starke Tradition gibt, erklären lassen. In Deutschland hingegen verliert das sozialstaatliche Sicherheitsversprechen zunehmend an Glaubwürdigkeit, wodurch die Bedeutung von Chancengleichheit und Bildung wächst. PISA hat dem „Land der Dichter und Denker“ gezeigt, welch enorme Ungleichheit bei den Bildungschancen existiert, und fast zeitgleich wurde durch die Agenda 2010, insbesondere „HARTZ IV“, der sicherheitsorientierte deutsche Sozialstaat – zumindest in der Wahrnehmung der Menschen – in Frage gestellt. Soziale Sicherheit und soziale Mobilität stellen gewissermaßen Substitutionsgüter dar. In Zeiten, in denen keine politische Kraft glaubhaft soziale Sicherheit anbieten kann, werden „Bildungspakete“ geschnürt und in den politischen Programmen aller Parteien gewinnen Formulierungen wie „Bildungsrepublik Deutschland“, „Bildungsoffensive“ oder „Aufstieg durch Bildung“ zunehmend an Bedeutung.

»In Zeiten, in denen keine politische Kraft glaubhaft soziale Sicherheit anbieten kann,
werden ›Bildungspakete‹ geschnürt.«

F&L: Es ist allgemein die Rede von Chancenungleichheit. Sie haben über „Bildungsaufsteiger“ geforscht. Warum diese Perspektive?

Aladin El-Mafaalani: Zunächst kann man aus einer Vielzahl von Studien feststellen, dass der Herkunftseffekt über einen enorm langen Zeitraum wirkt: Bereits in der Grundschule, aber insbesondere beim Übergang zu den weiterführenden Schulen, sind Kinder aus Arbeiter- und Unterschichtfamilien benachteiligt. Betrachtet man nur noch diejenigen Kinder, die es auf ein Gymnasium schaffen, stellt man fest, dass diese seltener als Vergleichsgruppen das Abitur absolvieren; diejenigen, die das Abitur schaffen, gehen deutlich häufiger nicht zur Hochschule – und ganz besonders selten an eine Universität. Auch bei Betrachtung der Berufsposition und des Einkommens lässt sich selbst bei der Gruppe der Akademiker ein Herkunftseffekt nachweisen, der im Übrigen deutlich schwerer wiegt als das Geschlecht. Man kann also sagen, dass soziale Filter über die gesamte Lebensspanne und über alle Etappen, in denen gesellschaftlich relevante Ressourcen verteilt werden, hindurch wirken. Das alles lässt sich aus amtlichen Daten und repräsentativen Erhebungen deutlich nachweisen. Ich habe mir auf der Mikroebene angeschaut, unter welchen Bedingungen es einige dennoch geschafft haben, über die Bildungsinstitutionen die sozialstrukturelle Leiter aufzusteigen. Und man kann sagen, dass Menschen, die all diese sozialen Filter überwunden haben, ähnliche Eigenschaften und gemeinsame Erfahrungen haben, unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder in welcher Branche sie tätig sind. Ich betrachte Aufsteiger als ein Kontrastmittel zur Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse. Man kann die Barrieren analysieren und feststellen, dass sie existieren – das ist ein hinreichend belegter Befund – oder man untersucht die Bedingungen ihrer Durchlässigkeit. Letzteres war meine Forschungsperspektive.

»Alles, was in der Kindheit gut und wichtig war, wird aufgegeben.
Das muss man erstmal aushalten können.«

F&L: Wie haben die Aufsteiger die Einschränkungen ihrer sozialen Herkunft überwunden? Was waren ihre Aufstiegsmotive?

Aladin El-Mafaalani: Ein interessanter Befund ist sicher, dass kein Aufstiegsmotiv im klassischen Sinne vorlag. Diejenigen, die es geschafft haben, über Bildung aufzusteigen, wollten nicht reich und berühmt werden. Genau das wollen sehr viele Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche aus den unteren Schichten, gerade weil ihnen in besonderer Weise Geld und Anerkennung fehlen. Und wer vornehmlich nach materiellem Reichtum und Ruhm strebt, wird heutzutage in massiver Weise von Bildung abgelenkt. Der Aufstiegstraum benachteiligter Kinder lässt sich besser mit der Formel „vom Ghettokid zum Gangsta Rapper oder Fußballprofi“ fassen. Karrieren im Sport oder in der Musikbranche gewinnen in hohem Maße an Attraktivität, was durch Castingshows weiter verstärkt wird. Das liegt daran, dass Lukas Podolski oder Bushido Modelle darstellen, die nicht nur deshalb anziehend wirken, weil sie reich und berühmt sind, sondern insbesondere auch deshalb, weil sie gleichzeitig ihre Sprache und ihr Auftreten beibehalten haben. Sie suggerieren, dass man reich und berühmt werden kann, ohne sich zu verändern. Genau hier liegt der Knackpunkt: Erfolgreiche Bildungsaufsteiger streben nicht nach Geld oder Macht, ja nicht einmal nach einem sozialen Aufstieg, sondern nach Veränderung. Ausgangspunkt war eine gewisse Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Nach dem erfolgten Bildungsaufstieg haben sich intensive Veränderungen der Persönlichkeit und des Habitus manifestiert. Wer über die Bildungsinstitutionen aufsteigt, verändert sich selbst, auch seine Art zu reden, und im Laufe der Zeit auch seinen Freundes- und Bekanntenkreis.

F&L: Welche Stärken zeichnen die von Ihnen befragten Bildungsaufsteiger aus?

Aladin El-Mafaalani: Die Stärken der Bildungsaufsteiger zeigen gleichzeitig die Probleme und Risiken beim Aufstieg auf. Diejenigen, die es geschafft haben, zeichnen sich durch ein hohes Maß an Trennungskompetenz aus. Denn der Bildungsaufstieg kann auch als Distanzierung vom Herkunftsmilieu beschrieben werden. Im Prinzip könnte man sagen, dass alles, was in der Kindheit gut und wichtig war, aufgegeben wird. Das muss man erstmal aushalten können. Es ändern sich die Interessen, der Lebensstil, die Werte, das Aussehen, die Sprache usw., während das Herkunftsmilieu nahezu unverändert bleibt. Das kann zu einer Entfremdung führen, auch gegenüber der eigenen Familie. Zum anderen sind es Aufsteiger in umfassender Form gewohnt, Unsicherheit auszuhalten und sich in unbekannten Kontexten zurechtzufinden. Man muss bedenken, dass die familiale Sozialisation kaum auf die Herausforderungen in Institutionen höherer Bildung bzw. in höheren Milieus vorbereitet hat. Zu dieser Selbstständigkeit und Flexibilität kommen Engagement und Disziplin.

F&L: Gibt es Unterschiede zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund?

Aladin El-Mafaalani: Der Unterschied liegt darin, wovon sich erfolgreiche Aufsteiger distanzieren. Die Werte und Lebensstile in den Herkunftsfamilien unterscheiden sich zwischen diesen beiden Gruppen deutlich. Während sich die türkeistämmigen Gastarbeiterfamilien durch sehr hohe Bildungsaspirationen und starke Loyalitätserwartungen auszeichnen, liegen bei den einheimischen Arbeiter- und Unterschichtsfamilien vergleichsweise geringe Bildungsaspirationen sowie schwache Loyalitätserwartungen vor. Man könnte das aus einer anderen Perspektive folgendermaßen formulieren: Die türkeistämmigen Aufsteiger mussten den Widerspruch überwinden, dass von ihnen erwartet wurde, in der Bildungsinstitution Schule erfolgreich zu sein und zugleich den traditionellen Denkmustern im bildungsfernen Herkunftsmilieu treu zu bleiben. Demgegenüber wurden an die Einheimischen kaum Loyalitätserwartungen adressiert, wobei allerdings auch die Bildungsaspirationen und das Bildungsengagement selbstständig entwickelt werden mussten. Diese Unterschiede führen zu unterschiedlichen Herausforderungen, die im Extremfall zu einer Entfremdung vom Herkunftsmilieu führen können. Allerdings lässt sich bei allen Unterschieden feststellen, dass die Bedeutung des Migrationshintergrunds häufig überschätzt wird. Die soziale Herkunft scheint ungleich stärker die Mühen des Aufstiegs zu begründen.

»Die Bedeutung des Migrationshintergrunds wird häufig überschätzt.«

F&L: Unterstützte das deutsche Bildungssystem – Stichwort Durchlässigkeit – die Aufsteiger?

Aladin El-Mafaalani: Kaum. In den Biografien spielten Lehrkräfte eher eine negative Rolle. Bei den von mir untersuchten Menschen handelt es sich um Manager, Professoren, Politiker oder Künstler, deren besondere Fähigkeiten aus heutiger Perspektive niemand infrage stellen würde. Allerdings hatten die wenigsten eine Gymnasialempfehlung, in kaum einem Fall wurden die besonderen Fähigkeiten in der Schule erkannt. Entsprechend treten Lehrer als Förderer kaum in Erscheinung. Unterstützer gibt es in jeder Biografie, allerdings sind es häufig Zufallsbegegnungen, Menschen aus höheren Milieus, die die Orientierungsfunktion, die von den eigenen Eltern nicht ausgefüllt werden kann, übernehmen. Man kann also sagen: Es gab keine systematische Hilfestellung für Kinder aus benachteiligten Milieus, gleichzeitig sind die Herausforderungen beim Aufstieg enorm – über die Motive für den Aufstieg und die Distanzierung vom Herkunftsmilieu habe ich bereits gesprochen.

F&L: Sie sprechen von „wenig wahrscheinlichen Phänomenen“. Ein etwas entmutigendes Fazit…

Aladin El-Mafaalani: So ist es. Aber es müsste nicht so sein. In Deutschland wird viel selektiert und wenig individuell gefördert; es wird viel in Kompensation gesteckt und wenig in Prävention investiert; und es herrscht ein unheimlich kognitivistisches Bildungsverständnis. Um nur auf den letzten Punkt einzugehen: Es gibt andere Schulsysteme, da sind eine Ärztin, ein Psychologe, mehrere sonder- und sozialpädagogische Fachkräfte und ein umfangreiches Freizeitangebot in der Schule vor Ort. So gelingt es, dass nicht mehr das Gutdünken der Eltern über die Förderung entscheidet, sondern alle dieselben Möglichkeiten in der Schule vorfinden. Genau diese Systeme sind nicht nur erfolgreich, sondern darüber hinaus auch egalitärer als unseres. Wir müssen einsehen, dass Bildung mehr ist als Vokabellernen und Hausaufgaben machen und auch Chancengleichheit nicht durch Nachhilfe allein erreicht werden kann.

 

A U T O R

Dr. Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster. Er hat zu dem Thema eine qualitative Studie durchgeführt und die Ergebnisse in dem Buch veröffentlicht: „BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen“, Springer VS, 2012.


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