Wissenschaftliche Karriere
02 | Februar 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Nach der Promotion

Wie (un-)attraktiv ist eine wissenschaftliche Karriere? | Monika Sieverding | Andrea Evers

Nach der Promotion stellt sich für viele die Frage, ob sie weiterhin in der Wissenschaft bleiben und auf das große Ziel „Professur“ hinarbeiten oder ob sie die Scientific Community verlassen. In einer aktuellen Studie der Universität Heidelberg wurden promovierte Frauen und Männer innerhalb und außerhalb der Wissenschaft nach ihrer Zufriedenheit mit ihrer beruflichen Situation befragt.

Die Promotion ist ein erster wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere. Ein Doktortitel verbessert jedoch auch die beruflichen Perspektiven außerhalb der Wissenschaft. Von daher stellt sich für viele (Frisch-) Promovierte die Frage: Weiter die wissenschaftliche Karriere verfolgen oder aus der Wissenschaft aussteigen? Im Rahmen des „Postdoc-Perspektiven-Projekts“ an der Universität Heidelberg (Leitung: M. Sieverding und A. Speck) untersuchten wir die berufliche Situation sowie die Einstellungen von Männern und Frauen kurz nach der Promotion. Die nachfolgenden Ergebnisse legen nahe, dass es gute Gründe dafür geben könnte, nach der Promotion aus der Wissenschaft auszusteigen.

Methode

Insgesamt hatten 1.180 Personen von 2009 bis Mitte 2011 in verschiedenen Fächern ihre Promotion an der Universität Heidelberg abgeschlossen. Da Promotionen im Fach Medizin nicht vergleichbar sind mit Promotionen in anderen Fächern, wurden diese nicht berücksichtigt. Von 1.015 Personen konnten deren E-Mail-Adressen ermittelt werden. Im November 2011 wurden diese Personen online befragt; insgesamt haben hiervon 380 Personen teilgenommen (Rücklauf 37,4 Prozent).

Es wurden Daten zur Promotion, zum Fach und zur aktuellen Stelle (einschließlich Arbeitszeiten und Gehalt) erfragt. Darüber hinaus erfassten wir soziodemografische Variablen wie Alter und Lebenssituation (Partnerschaft, Kinder). Die reale Arbeitszeit wurde mit folgender Frage erhoben: „Wie viele Stunden arbeiten Sie zurzeit (unabhängig vom Ort) in einer durchschnittlichen Arbeitswoche?“ Die subjektive Karrierezufriedenheit sowie die allgemeine Lebenszufriedenheit wurden mit bewährten Skalen erfasst. Die Skala Karrierezufriedenheit besteht aus fünf Aussagen (Beispiel: „Ich bin mit den Fortschritten in meinem bisherigen allgemeinen Karriereverlauf zufrieden“) mit einem fünfstufigen Antwortformat (von „stimmt nicht“ bis „stimmt genau“). Die Lebenszufriedenheit wurde ebenfalls über fünf Aussagen erfasst (Beispielaussage: „Ich bin mit meinem Leben zufrieden“), auch hier gab es ein fünfstufiges Antwortformat (von „trifft nicht zu“ bis „trifft voll zu“).

»Promovierte in der Wissenschaft arbeiten mehr, verdienen aber
deutlich weniger als Promovierte außerhalb der Wissenschaft.«

Im Folgenden werden die Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung eine Stelle in der Wissenschaft hatten, mit den Personen verglichen, die eine Stelle außerhalb der Wissenschaft hatten. Nicht berücksichtigt werden für diesen Vergleich die Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung keine Stelle innehatten (N = 31).

Unterschiedliche Karriere- und Lebenszufriedenheit

Von den 380 promovierten Personen hatten zum Zeitpunkt der Befragung 349 eine Stelle, davon war die Mehrheit (62 Prozent) noch in der Wissenschaft tätig, nämlich 218 Personen (127 Männer, 91 Frauen). 131 Personen (66 Männer und 65 Frauen) waren zum Zeitpunkt der Befragung auf einer Stelle außerhalb der Wissenschaft tätig. Das Durchschnittsalter lag bei 32,4 Jahren (32,2 Jahre innerhalb und 32,7 Jahre außerhalb der Wissenschaft). Die Mehrheit der Befragten (77 bzw. 73 Prozent) lebte in einer Partnerschaft, nur eine Minderheit (21 bzw. 23 Prozent) hatte bereits Kinder. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht in der Promotionsdauer (im Durchschnitt 4,1 bzw. 4,3 Jahre) oder in den Promotionsnoten (im Durchschnitt 1,9 bzw. 2,0) und waren damit in wichtigen Hintergrundvariablen vergleichbar.

Arbeitszeit: Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche war bei den Personen in der Wissenschaft mit 46,1 Stunden im Durchschnitt knapp drei Stunden höher als bei den Personen, die außerhalb der Wissenschaft tätig waren (43,3 Stunden).

Einkommen: Die promovierten Personen, die eine Stelle außerhalb der Wissenschaft innehatten, verdienten im Durchschnitt deutlich mehr Geld als die Personen, die eine Stelle in der Wissenschaft innehatten (s. Abbildung 1). Fast die Hälfte (46 Prozent) der Promovierten, die in der Wissenschaft tätig waren, verdiente monatlich weniger als 3.000 Euro brutto (außerhalb der Wissenschaft waren dies nur 27 Prozent). Außerhalb der Wissenschaft verdienten 46 Prozent mehr als 4.000 Euro monatlich, innerhalb der Wissenschaft waren dies nur 9 Prozent.

Karrierezufriedenheit und Lebenszufriedenheit: Promovierte Personen, die eine Stelle außerhalb der Wissenschaft innehatten, waren mit ihrer beruflichen Entwicklung deutlich zufriedener und zeigten auch eine höhere allgemeine Lebenszufriedenheit als die Personen in der Wissenschaft (s. Abbildung 2).

Befristung der Stelle: In der ersten Erhebung war die Befristung der aktuellen Stelle nicht erfasst worden, deshalb stellten wir diese Frage in einer Nachbefragung acht Monate nach der Ersterhebung, an der 248 Personen (davon 141 Personen mit Stelle in Wissenschaft, 93 Personen mit Stelle außerhalb der Wissenschaft) teilnahmen. Es stellte sich heraus, dass von den Postdoktoranden, die in der Wissenschaft tätig waren, die Mehrzahl (92 Prozent) eine befristete Stelle hatte, bei den Postdoktoranden außerhalb der Wissenschaft hatte dagegen die Mehrzahl (72 Prozent) eine unbefristete Stelle. Es zeigte sich ein negativer (signifikanter) Zusammenhang zwischen Befristung der Stelle und Karrierezufriedenheit: Personen mit unbefristeter Stelle waren erwartungsgemäß mit ihrer beruflichen Situation zufriedener.

Wie (un-)attraktiv ist die wissenschaftliche Karriere?

An unserer Erhebung haben nur Personen teilgenommen, bei denen der Abschluss der Promotion höchstens zwei Jahre zurücklag. Knapp 40 Prozent der Befragten hatten inzwischen eine Stelle außerhalb der Wissenschaft angetreten. Wir fanden kleinere (aber signifikante) Unterschiede in der realen Arbeitszeit, jedoch gravierende Unterschiede in Einkommen und Zufriedenheit zwischen den beiden Gruppen. Personen, die nach der Promotion in der Wissenschaft geblieben sind, arbeiten mehr und verdienen weniger als ihre gleichaltrigen und gleich qualifizierten Kollegen und Kolleginnen, die außerhalb der Wissenschaft eine Stelle angetreten haben. In der Regel haben Postdoktoranden in der Wissenschaft eine befristete Stelle. Die Mehrheit der Postdoktoranden, die sich entschieden hat, aus der Wissenschaft auszusteigen, hat dagegen eine unbefristete Stelle. Wen wundert es, dass sich die beiden Gruppen nicht nur in der Karrierezufriedenheit, sondern auch in der Lebenszufriedenheit unterscheiden? Und das so kurz nach Abschluss der Promotion.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Besoldung von Professoren hat kürzlich erst die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass eine Karriere in der Wissenschaft zumindest unter finanziellen Aspekten nicht sehr attraktiv ist. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen nun, dass schon kurz nach der Promotion Personen, die sich für die Wissenschaft entschieden haben, nicht nur beim Verdienst, sondern auch bei der Arbeitszeit ungünstiger dastehen als vergleichbare Personen, die die Wissenschaft verlassen haben. Hinzu kommt noch die unsichere berufliche Perspektive in der Wissenschaft. Die große Mehrheit der promovierten Personen, die in der Wissenschaft geblieben sind, haben befristete Stellen. Nicht alle diese Personen werden einmal eine Professur oder eine vergleichbare Stelle bekommen können. Diese Unsicherheit, ob eine jahrelange sehr aufwändige Investition in die wissenschaftliche Laufbahn später mit einer entsprechenden Stelle belohnt werden wird, beeinträchtigt ebenfalls die Karriere- und Lebenszufriedenheit. Es stellt sich somit die Frage: Wie (un-)attraktiv ist eine wissenschaftliche Laufbahn?

Abbildung 1. Monatliches Bruttogehalt (in Euro) bei promovierten Personen (in %) kurz nach der Promotion mit Stelle innerhalb der Wissenschaft  (N = 206) bzw. außerhalb der Wissenschaft (N = 124)

Abbildung 1. Monatliches Bruttogehalt (in Euro) bei promovierten Personen (in %) kurz nach der Promotion mit Stelle innerhalb der Wissenschaft (N = 206) bzw. außerhalb der Wissenschaft (N = 124)

Abbildung 2. Zufriedenheit von Postdoktoranden/innen, die 2009 – 2011 ihre Promotion abgeschlossen haben, in Abhängigkeit vom beruflichen Umfeld (im Jahr 2011), Personen mit Stelle in der Wissenschaft: N = 218, Personen mit Stelle außerhalb der Wissenschaft: N = 131, mögliche Werte von 1 (sehr unzufrieden) bis 5 (sehr zufrieden).

Abbildung 2. Zufriedenheit von Postdoktoranden/innen, die 2009 – 2011 ihre Promotion abgeschlossen haben, in Abhängigkeit vom beruflichen Umfeld (im Jahr 2011), Personen mit Stelle in der Wissenschaft: N = 218, Personen mit Stelle außerhalb der Wissenschaft: N = 131, mögliche Werte von 1 (sehr unzufrieden) bis 5 (sehr zufrieden).

 

A U T O R I N N E N

Monika Sieverding ist Professorin für Genderforschung und Gesundheitspsychologie an der Universität Heidelberg.
Andrea Evers war Koordinatorin des Projektes „Postdoc- Perspektiven“ an der Universität Heidelberg.


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