10 | Oktober 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Schafft den Mittelbau ab!

Einheit von Forschung und Lehre jenseits von Oligarchie und Patriarchat | Richard Münch

Seit vielen Jahren wird der Nachwuchsförderung und der Frauenförderung in den akademischen Festreden
höchste Priorität eingeräumt. An der kritischen Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Frauen an den deutschen Universitäten hat dies nur graduell etwas geändert.Was sind die Gründe? Was müsste geändert werden? Eine Analyse aus soziologischer Sicht.

Wenn man die vielen ungelösten Probleme der deutschen Universitäten auf einen Nenner bringen möchte, dann ist es das Versagen im Hinblick auf die Aufgabe, einerseits dem wissenschaftlichen Nachwuchs und den Frauen die Tür für Karrieren zu öffnen, andererseits für eine fortlaufende Erneuerung des Wissens durch neue Forschergenerationen in unabhängiger Stellung zu sorgen. Weil die Karriereaussichten äußerst gering sind, kehren vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler frühzeitig der Universität den Rücken und versuchen ihr Glück entweder in den Vereinigten Staaten oder sie wechseln rechtzeitig in Berufe außerhalb der akademischen Welt.

Opfer der Oligarchie: Mittelbau und Professoren

Die immer noch im System verharrende große Zahl von Nachwuchswissenschaftlern bleibt auf Mittelbaustellen hängen, wird mangels Karriereaussichten demotiviert und im Routinebetrieb von Lehre, Selbstverwaltung, Forschungsanträgen, Tätigkeitsberichten, Bachelor-/Masterumstellung, Akkreditierungen und Evaluationen verschlissen. Selbst die Glücklichen, die es schaffen, auf eine Professur berufen zu werden, verbringen die kreativsten Jahre ihres Lebens im Dienste ihres Vorgesetzten. Sie werden vierzig Jahre und mehr, bis sie in die Selbständigkeit entlassen werden. Es ist freilich eine Selbständigkeit, die sie gleich wieder in ein feudales Verhältnis von Fürsorge und Treue mit ihren Mitarbeitern verbannt, in dem sie hauptsächlich damit beschäftigt sind, Projekte zur Beschäftigung von Mitarbeitern zu akquirieren. Sind sie darin besonders erfolgreich, dann stellen sie mit 15 weiteren Kollegen einen Sonderforschungsbereich auf die Beine, in dem sie in erster Linie darin gestählt werden, Großprojekte durchzubringen, zu managen und zu Ende zu führen, die jederzeit an allen Ecken und Enden aus den Nähten platzen oder einbrechen können und viel Leidensfähigkeit im Umgang mit Kollegen verlangen, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Ist also im Alter von 40 und mehr Jahren endlich die Unabhängigkeit einer Professorenstelle erreicht, hat man sie sogleich wieder verloren, weil man jetzt zu den heroischen Leistungsträgern gehört, die sich in eine Maschinerie fügen müssen, die ihnen tagtäglich vorgibt, was zu tun ist: ständige Sitzungen mit Kollegen – auch solchen, denen man lieber aus dem Weg gehen möchte –, um ein Kooperationsprojekt zu planen, zu verwalten, intern zu prüfen, zur Probe und im Ernstfall evaluieren zu lassen, Workshops durchzuführen, Gäste einzuladen und zu betreuen, Bericht zu erstatten und die Aktivitäten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Soweit man sich von dieser internen Maschinerie befreien kann, wird man von einer externen Maschinerie der Gutachter-, Akkreditierungsund Kommissionstätigkeit vereinnahmt. Auch die alte Ordinarienherrlichkeit ist längst von einer Lawine des Antrags-, Berichts- und Darstellungsmanagements begraben worden. Der spät zur Selbständigkeit berufene Professor erfährt in seiner ersehnten Rolle, dass er nun erst recht alle Freiheit zur Forschung verloren hat.

Weil die Karriereaussichten äußerst gering sind, kehren Nachwuchswissenschaftler der Universität frühzeitig den Rücken.

Opfer des Patriarchats: Frauen

Von Professorinnen kann hier kaum gesprochen werden, weil ihr Anteil an den 17 Prozent Professorenstellen erst in allerjüngster Zeit die 10 Prozent-Hürde übersprungen hat, wozu die Vermehrung der Professuren unterhalb des Lehrstuhls maßgeblich beigetragen hat. Das Patriarchat ist nur die andere Seite der Oligarchie. Aus diesem Grunde verwende ich in diesem Text ganz bewusst überwiegend die männliche Form. Sie beherrscht das Feld. Man muss gar nicht lange herumrätseln, warum in Deutschland so wenige Frauen in Professorenstellen gelangen.
Die Ursache ist die Personalstruktur und die damit verbundene Verfestigung der Oligarchie.

Das Aussortieren der Frauen erfolgt auf kaltem Wege, ohne jegliche Absicht.

Den nachwuchsfeindlichen Strukturen des deutschen Universitätssystems fallen mehr Frauen zum Opfer als Männer. Das liegt schon daran, dass die Oligarchie vom männlichen Habitus beherrscht wird. Im System der Oligarchie steigen nämlich am Ende nicht diejenigen auf, die sich unterordnen und Gehorsam leisten, sondern diejenigen, denen es gelingt, sich aus der Unterordnung zu befreien, Positionsgewinne durch Publikationen einschließlich der bewussten Unterscheidung vom Lehrstuhlinhaber zu erzielen, sich auf Konferenzen darzustellen und zu behaupten, Kritik zu üben und einstecken zu können. Das sind alles männliche Eigenschaften, die eher von den Jungs von klein auf in allerlei Hahnenkämpfen erworben werden. Das Aussortieren der Frauen erfolgt so auf kaltem Wege, ohne jegliche Absicht.

Strategien der Systemerhaltung

Wir haben die Gruppe der Professoren besonders klein gehalten und praktisch auf Lebenszeit vor der Konkurrenz durch neue Generationen von Professoren mit ihren eigenen Forschungsprogrammen geschützt. Nicht mehr als 17 Prozent des gesamten wissenschaftlichen Personals an den Universitäten verfügen praktisch über ein Monopol der Ausübung von Definitionsmacht und der Gestaltung von Forschungsprogrammen. An den außer- universitären Forschungseinrichtungen ist die Monopolstellung der Direktoren noch komfortabler. Ganze Heerscharen von Mitarbeitern dürfen bis ins hohe Alter ihre Kreativität in der Ausführung vorgefertigter Forschungsprogramme verschleudern. Aus einem solchen Milieu können keine Nobelpreisträger hervorgehen. Sie müssen – nachdem sie als junge Wissenschaftler in die USA ausgewandert sind und dort Karriere gemacht haben – wieder reimportiert werden. Daran ist zu erkennen, dass die aktuelle, auf emigrierte Wissenschaftler zielende Rückholaktion aus den USA am falschen Ende ansetzt. Die anders als in den USA – wo es das überhaupt nicht gibt – reichlich mit Mitarbeitern ausgestatteten Rückkehrer reihen sich in die Gruppe derjenigen Lehrstuhlinhaber und Direktoren ein, deren Stellung im deutschen Wissenschaftsbetrieb gerade dafür verantwortlich zu machen ist, dass in Deutschland selbst zu wenig Kreativitätspotential junger Wissenschaftler ausgeschöpft wird, weil sie viel zu lange in untergeordneter Stellung gehalten werden.

Eine neue Stufe erreicht die Monopolstruktur der Forschung durch die Kür von ›Elite-Universitäten‹.

Dieser fatalen Allianz zwischen Oligarchie und Drittmittelforschung sowie außeruniversitärer Forschung hat sich mittlerweile noch eine tendenzielle Spaltung des Mittelbaus in Forschungsund Lehrpersonal hinzugesellt. Weil immer mehr außeruniversitäre und universitäre Forschungsstellen für den Mittelbau geschaffen wurden und gleichzeitig die Belastung der etatmäßigen Lehrstuhlmitarbeiter durch Lehre, Studierendenbetreuung, Berichtspflichten und Drittmitteleinwerbung exorbitant erhöht wurde, lassen Bewerber aus der Position einer Forschungsstelle heraus mit beeindruckenden Publikationslisten „gewöhnliche“ Lehrstuhlmitarbeiter bei Berufungsverfahren um Längen hinter sich. Sind sie dann auf die Professur berufen, erleben sie die Lehranforderungen und die ganzen weiteren Managementaufgaben als einen Schock, von dem sie sich nur mit tatkräftiger Unterstützung durch ihre Mitarbeiter erholen können.

Der Gipfel dieser Entwicklung ist die Einführung der neuen Kategorie der „Lehrkräfte“ und der „Lehrprofessuren“. Mit dem massiven Ausbau der Drittmittelforschung ist die Trennung von außeruniversitärer Forschung und universitärer Lehre in die Universitäten selbst hineingetragen worden. Für die Forschung kann dieser Schachzug nur als fatal bezeichnet werden. Er stellt den Grundfehler der vollkommen mangelhaften Nachwuchsförderung und Erneuerungsrate des Wissens auf Dauer. Für die Lehre ist der Schachzug genauso fatal, weil er die Massenausbildung routinisiert und von der wissenschaftlichen Entwicklung abkoppelt und damit das Kreativitätspotential, das aus dieser Ausbildung in die Forschung einfließen müsste, nicht ausreichend geweckt werden kann. Das zur Rechtfertigung der neuen Kategorie der Lehrprofessur erzählte Märchen von den unterschiedlichen „Begabungen“ stammt aus dem Instrumentenkasten des in Deutschland noch fest verwurzelten berufsständischen Denkens, das in einer offenen Wettbewerbsgesellschaft in erster Linie als Abwehr von Konkurrenz wirkt.

Eine neue Stufe erreicht die Monopolstruktur der Forschung in Deutschland durch die Kür von „Elite-Universitäten“, die ihr gewonnenes symbolisches und monetäres Kapital schleunigst für das Schmieden von internationalen „Allianzen“ einsetzen wollen. Solche Monopol- und Allianzstrukturen erbringen den Monopolisten und Allianzpartnern Monopolrenten, d.h. Erträge ohne Leistungen. Auf der Strecke bleibt die Wissenschaft, deren Wissensevolution durch solche Monopolund Allianzstrukturen einschneidend behindert wird.

Der Weg aus der Malaise

Unter dem Regime der Kurzsichtigkeit, das von McKinsey und Co. errichtet worden ist, werden aus einem vielfältigen Gebilde wie Universitäten „Unternehmen“ gemacht, denen eine „Corporate Identity“ verpasst wird. Sie sollen sich Wettbewerbsvorteile verschaffen und Monopolrenten sichern, indem sie Konkurrenten durch Schließungsprozesse – wie z.B. „internationale Allianzen“ – vom Markt drängen. Mit solchen Strategien ist allein dem Ruhm von Universitätspräsidenten gedient, aber nicht der Wissenschaft. Kreative Forschung mit bahnbrechenden Ergebnissen kann überall betrieben werden. Man braucht dazu nur das überall ohne jegliche Einschränkung als Kollektivgut zugängliche vorhandene wissenschaftliche Wissen, um ihm durch eigene Kreativität etwas hinzuzufügen. Die Veröffentlichung des neuen Wissens ist wieder überall zugänglich und kann an jedem Ort aufgegriffen und in weitere Erkenntnis umgesetzt werden. Eine Universität hat weder über den Input des Forschungsaktes noch über dessen Output eine exklusive Verfügung. Deshalb macht es für die Organisation der Forschung jenseits der notwendigen Grundausstattung überhaupt keinen Unterschied, wo Wissen produziert wird, wie viel davon an einem Ort entsteht und wie viel besonders erfolgreiche Forscher auf einen Ort konzentriert sind.

Der Monopolisierung von Forschungsressourcen durch besonders reiche Universitäten in den USA nachzueifern, ist der falsche Weg. Der richtige Weg wäre, zur Kenntnis zu nehmen, dass es im amerikanischen Wissenschaftssystem überhaupt keinen „Mittelbau“ in unserem Sinn gibt und praktisch die ganze Spitzenforschung in den Universitäten und nicht in außeruniversitären Forschungseinrichtungen betrieben wird. An den amerikanischen Universitäten haben gegenwärtig 77 Prozent des wissenschaftlichen Personals eine Professorenstelle (56 Prozent Seniors,
21 Prozent Juniors), die weiteren 23 Prozent haben eine Postdoc-Stelle oder eine andere Position, wie z.B. Instructor, inne. In den 1970er Jahren machten diese Professorenstellen noch 85 Prozent aus. Über den Rückgang auf 77 Prozent wird inzwischen heftig geklagt. Kooperative Forschung ist so organisiert, dass sich Professoren gleichberechtigt zu Teams zusammenschließen, an denen Postdoktoranden und Doktoranden mitarbeiten. Die Stellung eines Postdoktoranden oder eines Doktoranden ist eine völlig andere als diejenige eines Mitarbeiters an einer deutschen Universität. Die Professoren sind Betreuer ihrer Arbeit, aber nicht Vorgesetzte. Das ist der entscheidende Unter- schied! Man sollte auch die Teaching und Research assistants nicht mit unseren Assistenten- und Mitarbeiterstellen verwechseln. Es handelt sich dabei um kleine Nebenjobs von Doktoranden, die häufig gewechselt werden und allein dem Zweck dienen, das Promotionsstudium zu finanzieren. Mit einer dauerhaft untergeordneten Stellung wie bei unserem Mittelbau haben diese Nebenjobs nichts zu tun. Wenn schon die USA angesichts ihrer führenden Stellung im globalen Feld der Wissenschaft zum Vorbild genommen werden sollen, dann kann es nur einen Schluss geben: Schafft den Mittelbau komplett ab! Das impliziert auch den weitgehenden Abbau der Drittmittelforschung und der außeruniversitären Forschung und die Umwandlung der so gewonnenen Personalstellen in Tenure-track Juniorprofessuren an den Universitäten. Eine erwünschte Nebenfolge dieser Maßnahme wäre die vollständige Beseitigung aller Engpässe der universitären Lehre ohne einen Cent zusätzlicher Steuergelder und ohne einen Cent Studiengebühren. Auf diesem Wege wird der Oligarchie und dem Patriarchat in der Wissenschaft der Boden entzogen. In dem grundlegend erneuerten System gibt es keine Forschung ohne Lehre und keine Lehre ohne Forschung. Es können keine wissenschaftlichen Monopolrenten durch Ausgrenzung von Konkurrenten verdient werden.

An den amerikanischen Universitäten haben gegenwärtig 77 Prozent des wissenschaftlichen Personals eine Professorenstelle.

Ein Systemwandel, der kreative Kräfte freisetzt

Halten wir am Ende nochmals inne: Müssen wir überhaupt von Amerika lernen, wo auch nicht alles zum Besten bestellt ist? Schließlich hat doch jede Kultur ihren eigenen Wert, der um seiner selbst willen erhalten bleiben könnte, gleichviel was daran von der Position einer Außensicht kritisiert werden mag. Nein! Im Kontext der Weltgesellschaft geht das nicht mehr ohne Legitimitätsverlust. Die deutsche Wissenschaft steht also vor einem Scheideweg: Entweder gelingt es durch Strategien wie die Exzellenzinitiative, die Lehroffensive und Rückholaktionen, das alte System für weitere Jahrzehnte zu retten, oder es wird durch internationales „Benchmarking“ so sturmreif geschossen, dass ein befreiender Systemwandel möglich wird. Der skizzierte Systemwandel würde für die Wissenschaft jene kreativen Kräfte freisetzen, die aus dem Stillstand herausführen und für eine raschere Erneuerung des Wissens sorgen.

 

A U T O R

Richard Münch ist Professor für Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zum Thema seines Beitrags ist soeben ein neues Buch von ihm erschienen: Richard Münch, Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz, Frankfurt a.M.: Edition Suhrkamp, 2007.


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