Mobilität
07 | Juli 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Reisen bildet … und verändert?

Persönlichkeitsentwicklung und internationale Mobilität | Julia Zimmermann | Franz J. Neyer

Immer mehr Studierende entscheiden sich für einen Auslandsaufenthalt während ihres Studiums. Doch welche Rolle spielen diese Mobilitätserfahrungen für die Reifung der eigenen Persönlichkeit? Sagt die Länge der Auslandserfahrung etwas über die Persönlichkeit des Studierenden aus? Eine aktuelle Studie gibt Aufschluss.

Ein Semester in Spanien, zum Sprachkurs nach Frankreich, ein Praktikum in China oder den USA – aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ca. ein Viertel der Studierenden im Laufe der Studienzeit Auslandserfahrungen sammelt. Die Gründe sind vielfältig: Neben dem Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen und berufsbezogenen Qualifikationen steht für viele Studierende die Möglichkeit, eine andere Kultur kennenzulernen und in den Alltag eines fremden Landes einzutauchen, im Vordergrund.

Was bleibt von der Zeit in der Ferne?

Bislang gibt es nur wenige Erkenntnisse darüber, wie sich internationale Mobilitätserfahrungen jenseits von studien- und berufsbezogenen Qualifikationen auf die Persönlichkeit der jungen Erwachsenen auswirken. Um dieser Frage nachzugehen, haben wir im Rahmen des Projekts PEDES-Personality Development of Sojourners über 1.000 Studierende von mehr als 200 deutschen Hochschulen über ein Studienjahr hinweg mehrfach befragt.* Zur Stichprobe zählten sowohl mehr als 500 Studierende, denen ein Auslandsaufenthalt unmittelbar bevorstand, als auch eine vergleichbare Anzahl Kontrollstudierender, die das nächste Studienjahr in Deutschland planten und keine vergleichbaren Auslandserfahrungen hatten. Das prospektive Kontrollgruppendesign der Online-Studie mit einem Messzeitpunkt vor der Ausreise und zwei weiteren im Verlauf des akademischen Jahres ermöglichte es uns, Selektionseffekte (d.h. Unterschiede in den Persönlichkeitsprofilen von Kontroll- und Auslandsstudierenden vor der Auslandserfahrung) von Sozialisationseffekten (d.h. Unterschiede in der Persönlichkeitsentwicklung von Kontroll- und Auslandsstudierenden) zu trennen.

»Bedeutsame Ereignisse wie die erste Partnerschaft stoßen die Persönlichkeitsentwicklung an.«

Da insbesondere in Zeiten enger Curricula die Frage nach der Dauer eines Auslandsaufenthalts eine wichtige Rolle spielt, wurde innerhalb der Auslandsgruppe zwischen Studierenden mit unterschiedlicher Aufenthaltsdauer im Ausland differenziert: 297 Studierende verbrachten das ganze Studienjahr im Ausland und waren auch zum letzten Messzeitpunkt, d.h. acht Monate nach der Ausreise aus Deutschland, noch in ihren Gastländern. Dem gegenüber stehen 230 Studierende, die schon nach der zweiten Befragungsrunde, d.h. nach einem etwa einsemestrigen Auslandsaufenthalt, wieder nach Deutschland zurückkehrten. Aus dem Vergleich dieser beiden Gruppen lassen sich sowohl Rückschlüsse darüber ziehen, ob Auslandsaufenthalte unterschiedlicher Dauer persönlichkeitsspezifisch von unterschiedlichen Studierenden präferiert werden, als auch Schlussfolgerungen dazu ableiten, ob die Persönlichkeitsentwicklung vergleichbar ist.

Die „Big Five“-Dimensionen der Persönlichkeit

Das Hauptaugenmerk der PEDES-Studie lag auf den grundlegenden Merkmalen der Persönlichkeit, den häufig auch als Big Five bezeichneten Persönlichkeitsdimensionen Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Diese gelten als relativ stabile Merkmale, die mit hoher Konsistenz zwischen Individuen unterscheiden. Bisherige Studien zum Einfluss von Lebensereignissen auf diese Persönlichkeitsdimensionen konnten jedoch zeigen, dass bedeutsame Ereignisse, wie die erste Partnerschaft oder der Übergang in das Berufsleben, die Persönlichkeitsentwicklung anstoßen. So stand im Zentrum der PEDES-Studie die Frage, ob auch studienintegrierte Auslandsaufenthalte einen Erfahrungskontext bilden, der sich auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt.

Darüber hinaus galt unser Interesse den Mechanismen, die mögliche Auswirkungen von Auslandserfahrungen vermitteln. Bisherige Studien zeigten, dass insbesondere die grundlegenden Veränderungen des sozialen Umfelds, d.h. sowohl die (räumliche) Distanz zu wichtigen Kontaktpersonen, die in der Heimat verbleiben, als auch der Aufbau eines neuen sozialen Netzwerks in einem fremden und internationalen Kontext, eine zentrale Herausforderung internationaler Mobilität darstellen. Vor diesem Hintergrund sammelten wir detaillierte Informationen zu den einzelnen sozialen Beziehungen der Studierenden und prüften, wie viele und welche Kontakte über die Zeit beendet wurden oder neu hinzukamen.

Keiner kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist – und wer fährt?

Die Selektionsanalysen zeigten, dass Studierende der Auslandsgruppe sich schon vor der Abreise in zentralen Persönlichkeitsdimensionen von den Kontrollstudierenden unterschieden. Alle Auslandsstudierenden zeigten höhere Werte in Extraversion, ein Persönlichkeitsfaktor, der Merkmale zusammenfasst, die sich auf soziale Interaktionen beziehen, z.B. Geselligkeit, Herzlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Studierende, die sich für einen längeren Auslandsaufenthalt entschieden, unterschieden sich zudem durch höhere Offenheitswerte von der Kontrollgruppe; diejenigen, die einen einsemestrigen Auslandsaufenthalt planten, waren durch besonders ausgeprägte Gewissenhaftigkeit gekennzeichnet. Die Ergebnisse bestätigen also nicht nur die grundlegende Bedeutsamkeit von Persönlichkeitsmerkmalen im Hinblick auf Mobilitätsentscheidungen, sondern deuten auch darauf hin, dass verschiedene Formen von Mobilitätsangeboten selektiv von Studierenden mit unterschiedlichen Persönlichkeitskonstellationen wahrgenommen werden.

»Mobile junge Erwachsene sind mit einer höheren Zahl von Kontaktabbrüchen,
aber auch mit höheren Kontaktgewinnen konfrontiert.«

Über diese bestehenden Persönlichkeitsunterschiede hinaus konnte außerdem ein substantieller Einfluss der Auslandserfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Erwachsenen in den Bereichen Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Neurotizismus identifiziert werden. Die Entwicklungsverläufe der Auslandsstudierenden unterschieden sich von denen der Kontrollgruppen durch eine positive Entwicklungstendenz für Offenheit, eine akzentuierte Zunahme von Verträglichkeit sowie eine stärkere Abnahme des Neurotizismus, d.h. eine Reduktion von Merkmalen wie Ängstlichkeit oder soziale Befangenheit. Die Effekte waren unabhängig von der geplanten Aufenthaltsdauer und zeigten sich konsistent in beiden Auslandsgruppen. Lediglich der Effekt für Neurotizismus trat mit zunehmender Aufenthaltsdauer noch deutlicher hervor.

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass junge Erwachsene, die sich für einen Auslandsaufenthalt entscheiden, nicht nur im Hinblick auf Fremdsprachenkenntnisse und Karriereoptionen, sondern auch im Sinne einer persönlichen Reifung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung profitieren. Ausschlaggebend für diese Entwicklungen sind nach unseren Befunden insbesondere die spezifischen sozialen Kontakterfahrungen, die ein Auslandsaufenthalt ermöglicht. Die sozialen Netzwerke der international mobilen Studierenden waren durch eine deutlich stärkere Fluktuation wichtiger Unterstützungsbeziehungen gekennzeichnet, das heißt, mobile junge Erwachsene waren mit einer höheren Zahl von Kontaktabbrüchen, aber auch mit höheren Kontaktgewinnen konfrontiert. Besonders markant waren die Unterschiede im Hinblick auf die Zugewinne neuer internationaler Kontakte: der Anteil internationaler Beziehungspartner unter den neuen Kontakten war für Auslandsstudierende etwa zehnfach erhöht. Mediationsanalysen belegten, dass die Auswirkungen internationaler Mobilität auf die Persönlichkeitsmerkmale Offenheit für Erfahrungen und Neurotizismus auf die intensivierten internationalen Kontakterfahrungen der Auslandsstudierenden zurückzuführen sind.

Damit wird deutlich, dass vor allem die sozialen Erfahrungen, die der multikulturelle Interaktionskontext eines Auslandsstudiums ermöglicht, ausschlaggebend für die persönliche Reifung der international mobilen Studierenden sind. Unsere Ergebnisse sprechen dafür, solche Erfahrungskontexte auch in Zukunft zahlreichen Studierenden durch verschiedene Strategien der Hochschulinternationalisierung zugänglich zu machen.

* Zimmermann, J. & Neyer, F. J. (in press). Do we become a different person when hitting the road? Personality development of sojourners. Journal of Personality and Social Psychology.

 

A U T O R E N

Dr. Julia Zimmermann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Jena. Franz J. Neyer ist Professor für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Jena.


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