Karriere
06 | Juni 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Als Arbeiterkind zur Professur?

Wissenschaftliche Karrieren und soziale Herkunft | Christina Möller

Während die soziale ­Herkunft von Studierenden regelmäßig in der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks untersucht wird, ist über die soziale Zusammensetzung der Professorenschaft nur wenig bekannt. Aus einer Befragung der Professorinnen und Professoren an den Universitäten in Nordrhein-Westfalen liegen nun repräsentative Ergebnisse für dieses Bundesland vor.*

Angesichts der zunehmenden Debatten über Diversity und Chancengleichheit ist es erstaunlich, dass die soziale Herkunft von Universitätsprofessorinnen und -professoren eine Leerstelle in der deutschen und auch internationalen Hochschul- und Ungleichheitsforschung ist. So ist es doch eine legitime und hinsichtlich der gesellschaftlichen Funktion des Hochschullehrerberufs durchaus wichtige Frage, aus welchen Schichten sich diese Personengruppe rekrutiert. Während über die ungleichen Karrierechancen nach Geschlecht Studien vorliegen, wurde die Frage, welchen Einfluss die soziale Herkunft auf wissenschaftliche Karrieren hat, bisher kaum untersucht.

Zahlreiche Studien haben die soziale Selektivität im deutschen Bildungssystem und den großen Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg dokumentiert, sodass naheliegend ist, dass dieser Einfluss auch bei wissenschaftlichen Karrieren relevant ist. Zudem kann eine wissenschaftliche Karriere erst nach einem erfolgreichen Studium eingeschlagen werden, das hauptsächlich von Nachkommen akademischer Schichten abgeschlossen wird. Promovierende, so zeigen Einzelstudien, sind sozial noch weitaus privilegierter zusammengesetzt als Studierende, sodass sich im wissenschaftlichen Nachwuchs und auf den Professuren nur geringe Anteile sozialer Aufsteigerinnen und Aufsteiger aus unterprivilegierten Milieus befinden können. Wie viele es aber tatsächlich sind und in welchen Fächern sie häufiger anzutreffen sind, ist eine weitgehend offene Frage.

Eine Befragung der Professorenschaft an allen Universitäten in Nordrhein-Westfalen, die sich in Trägerschaft des Landes befinden, bringt nun Licht in dieses weitgehend unbeleuchtete Phänomen. Die Analysen liefern wichtige Hinweise hinsichtlich der langfristigen Entwicklungen der sozialen Zusammensetzung und der relativen sozialen Offen- bzw. Geschlossenheit in den professoralen Statusgruppen und Disziplinen. Befragt wurden insgesamt 1.340 Professorinnen und Professoren, die einen repräsentativen Querschnitt abbilden. Der Frauenanteil im Sample beträgt 20 Prozent, eine ausländische Staatsangehörigkeit haben sechs Prozent.

Die soziale Herkunft wurde anhand des Konzepts der sozialen Herkunftsgruppen der Sozialerhebung des Studentenwerks erfasst, das die vier Gruppen „niedrig“, „mittel“, „gehoben“ und „hoch“ unterscheidet. Es berücksichtigt sowohl die elterlichen Berufspositionen als auch deren Bildungsabschlüsse. So lassen sich die Daten der Professorinnen und Professoren mit denen von Studierenden in Beziehung setzen, die seit den 1950er Jahren vom Studentenwerk erhoben werden.

»Aus der Herkunftsgruppe ›niedrig‹ stammen
elf Prozent der Professorinnen und Professoren.«

Aus der Herkunftsgruppe „niedrig“ stammen elf Prozent der Professorinnen und Professoren. Ihre Eltern sind bzw. waren großteils Arbeiter, Angestellte in ausführender Tätigkeit oder Beamte im einfachen und mittleren Dienst ohne Hochschulabschluss. Aus der Herkunftsgruppe „mittel“ stammen insgesamt 27 Prozent, deren Eltern beispielsweise Meister und Poliere sowie mittlere Angestellte und Beamte ohne Hochschulabschluss waren. Der Herkunftsgruppe „gehoben“ sind ebenfalls 27 Prozent zugehörig. Zu dieser Herkunftsgruppe zählen Professorinnen und Professoren, deren Eltern häufig keinen Hochschulabschluss, aber gehobene Berufspositionen hatten (u.a. auch mittlere und größere Selbstständige). Der Herkunftsgruppe „hoch“ sind alle akademisch gebildeten Angestellten in gehobener Position und mit umfassenden Führungsaufgaben zugeordnet ebenso wie akademische Beamte des höheren Dienstes, mittlere und größere Selbstständige, Freiberufler mit mittlerem Einkommen sowie ebensolche ohne Hochschulabschluss mit hohem Einkommen. Aus dieser Herkunftsgruppe stammen mit über einem Drittel (34 Prozent) die meisten Professorinnen und Professoren.

Die starke Selektionskraft der sozialen Herkunft in der wissenschaftlichen Karriere wird dann besonders deutlich, wenn die Anteile der väterlichen Berufspositionen ins Verhältnis mit denen in der Erwerbsbevölkerung gesetzt werden. Von den 1950er Jahren bis Mitte der 1980er Jahre, d.h. in der Zeit, als die heutigen Professorinnen und Professoren im Kindheits- und Jugendalter waren, hatten etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen den Status von Arbeitern, unter den Vätern der Professorinnen und Professoren lediglich 13 Prozent. Über ein Drittel der Väter der Professorenschaft waren hingegen höhere Beamte (18 Prozent) und gehobene und leitende Angestellte (24 Prozent). Ihre Anteile unter den Erwerbstätigen stiegen in diesem Zeitraum an, kamen aber mit durchschnittlich 1,2 Prozent (höhere Beamte) und 1,3 Prozent (leitende Angestellte) nur marginal vor. Diese Relationen verdeutlichen, dass eine dominante Rekrutierung aus gesellschaftlich gering verbreiteten hohen Gesellschaftsschichten und eine sehr geringe Rekrutierung aus breiten Bevölkerungsteilen wie die der Arbeiter vorliegen.

Nach Geschlecht zeigt sich, dass Professorinnen mit sieben Prozent signifikant seltener aus der niedrigen Herkunftsgruppe stammen als Professoren (12 Prozent). Demgegenüber stammen sie mit 37 Prozent (zu 33 Prozent) häufiger aus der höchsten Kategorie. Der Zugang in die oberen Etagen der Wissenschaft stellt sich für Frauen nicht nur schwieriger dar als für Männer, sodass sie immer noch unterrepräsentiert sind, sondern ihr Erfolg ist auch stärker von einer privilegierten Herkunft abhängig. Ähnliches gilt für Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bzw. mit ausländischem Geburtsort, da sie deutlich häufiger eine privilegierte Herkunft haben als jene mit deutscher Staatsangehörigkeit und in Deutschland geborene Personen.

Trend zur sozialen Schließung

In den letzten 20 Jahren sind zunehmend Professorinnen und Professoren aus der hohen Herkunftsgruppe berufen worden und geringfügiger aus der niedrigen. Dieser Trend zur sozialen Schließung zeigt sich besonders drastisch, wenn die Daten mit Studierendenkohorten in Bezug gesetzt werden, aus denen sich die Professorinnen und Professoren hypothetisch rekrutiert haben.

Wie die Sozialerhebung belegt, stammten die Studierenden im Jahr 1963 zu zehn Prozent aus der niedrigen und zu 50 Prozent aus der hohen Herkunftsgruppe. Die Professorinnen und Professoren, die zeitlich entsprechend später berufen wurden (Berufungskohorten 1981 bis 1990), haben sich häufiger aus der niedrigen Herkunftsgruppe rekrutiert und deutlich seltener aus der hohen (13 zu 30 Prozent). Dieses Ergebnis ist ein Hinweis darauf, dass die im Zuge der Bildungsexpansion geschaffenen Universitäten und der dadurch erhöhte Bedarf an Hochschullehrerinnen und -lehrern Gelegenheitsfenster für qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus niedrigen sozialen Schichten boten und sie so leichter auf eine Professur gelangen konnten.

»Die soziale Herkunft hat in der wissenschaftlichen Karriere an Bedeutung zugenommen.«

Wie die Sozialerhebung weiterhin belegt, erzeugte die Bildungsexpansion in den nachfolgenden Jahrzehnten unter den Studierenden eine deutliche soziale Öffnung. In 1985 stammten allein 18 Prozent aus der niedrigen Herkunftsgruppe und lediglich 25 Prozent aus der hohen. Diese soziale Öffnung beim Hochschulzugang hat sich jedoch nicht in der Universitätsprofessur verstetigt, im Gegenteil: Die soziale Herkunft hat in der wissenschaftlichen Karriere an Bedeutung zugenommen. Die 2001 bis 2010 berufenen Professorinnen und Professoren stammten lediglich zu 10 Prozent aus der niedrigen und zu 38 Prozent aus der höchsten Kategorie.

Begleitet wird die soziale Schließung zudem durch eine Halbierung der eh schon seltenen Personen mit einem zweiten Bildungsweg (von rund sieben auf rund vier Prozent in der jüngsten Berufungskohorte), sodass die universitäre Karriere mittlerweile fast ausschließlich über einen geraden Bildungsweg erreicht wird und ungerade Bildungs- und Berufsbiografien, z.B. über frühe Berufsausbildungen und einen späteren Eintritt in die Hochschule, verschwindend gering vorkommen.

Zudem haben die Anteile jener Personen, die einen akademisch gebildeten Vater haben (d.h. einen Vater mit Fachhochschul- oder Universitätsabschluss), in den letzten Geburtskohorten drastisch zugenommen. Die jüngsten Professorinnen und Professoren (Geburtskohorte 1975 bis 1984) stammen zu rund 60 Prozent aus einem akademischen Elternhaus, während im Vergleichsjahr unter den Erwerbstätigen lediglich 12 Prozent akademisch gebildet waren. Als Vergleichsjahr wurde 1990 herangezogen, in dem die Professorinnen und Professoren im Kindheits- bzw. Jugendalter waren und wichtige Bildungsentscheidungen anstanden. Zwar sind auch die Akademikeranteile unter den Erwerbstätigen in der BRD im Zeitverlauf angestiegen, jedoch deutlich moderater als unter den Professorinnen und Professoren (vgl. Abb.1).

Abb. 1: Entwicklung der Akademikeranteile unter den Vätern der Professorenschaft im Vergleich mit den Erwerbstätigen in der BRD insgesamt. Quelle: Eigene Erhebung der nordrhein-westfälischen Universitätsprofessorinnen und -professoren 2010.

Abb. 1: Entwicklung der Akademikeranteile unter den Vätern der Professorenschaft im Vergleich mit den Erwerbstätigen in der BRD insgesamt. Quelle: Eigene Erhebung der nordrhein-westfälischen Universitätsprofessorinnen und -professoren 2010.

Status der Professur

Während die Langzeitperspektive insgesamt eine soziale Schließung der Universitätsprofessur verdeutlicht, zeigen sich u.a. beim Status der Professur große Unterschiede. Während die soziale Zusammensetzung der C4-/W3- bzw. C3-/W2-Professorinnen und Professoren mit nur geringen Abweichungen der bereits aufgezeigten Gesamtverteilung entspricht, sticht die Juniorprofessur mit einer extremen sozialen Geschlossenheit hervor: Lediglich je sieben Prozent stammen aus der niedrigen und mittleren, 25 aus der gehobenen und 62 Prozent aus der hohen Herkunftsgruppe. Die Statuskategorie der Juniorprofessur wird meist kurz nach der Promotion besetzt und ist zwar zeitlich befristet, aber bereits mit weitgehender Autonomie in Forschung und Lehre ausgestattet. Bei der Besetzung scheinen Personen mit hoher sozialer Herkunft von ihrem ‚kulturellen Erbe‘ profitieren zu können, da es ihnen in der Regel leichter fällt, zu einem frühen Zeitpunkt Erfolge zu erreichen.

Ganz anders verhält es sich bei der außerplanmäßigen (APL-) Professur. APL-Professorinnen und -Professoren werden in der Regel nach Erreichung ihrer Habilitation und dadurch deutlich später ernannt. Ihre Position ist weniger prestigeträchtig, da sie mit geringerer materieller Vergütung und weniger Machtbefugnissen ausgestattet ist. Sie stammen zu 17 Prozent aus der niedrigen, zu 28 Prozent aus der mittleren, zu 31 aus der gehobenen und zu 24 Prozent aus der hohen Herkunftsgruppe und sind daher sozial deutlich heterogener zusammengesetzt als alle anderen untersuchten Statuskategorien.

Soziale Differenzierungen zeigen sich auch in den Fächergruppen: Während die juristischen und medizinischen Fächer als traditionsträchtige Disziplinen, aber auch Sportwissenschaften und Kunst und Musik, zu den sozial eher geschlossenen Disziplinen gehören, sind insbesondere erziehungswissenschaftliche, sozial- und politikwissenschaftliche Fächer als auch die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften offener für soziale Aufsteigerinnen und Aufsteiger (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Soziale Hierarchie der Fächergruppen anhand der sozialen Herkunft der Professorenschaft. Quelle: Eigene Erhebung der nordrhein-westfälischen Universitätsprofessorinnen und -professoren 2010.

Abb. 2: Soziale Hierarchie der Fächergruppen anhand der sozialen Herkunft der Professorenschaft. Quelle: Eigene Erhebung der nordrhein-westfälischen Universitätsprofessorinnen und -professoren 2010.

Unsichtbare Kategorie

Die soziale Schließung in der Professur in den letzten zwei Jahrzehnten verweist darauf, dass im Zuge der Bildungsexpansion zwar mehr Bevölkerungsgruppen als zuvor an höherer Bildung teilhaben konnten, dass diese Teilhabe jedoch nur selten auch mit einem sozialen Aufstieg auf hohe Berufspositionen in der Wissenschaft verbunden war. Vielmehr ist die wissenschaftliche Karriere nach dem Studium nur für wenige gangbar und die Erreichung einer Professur wieder zunehmend von familiären Ressourcen abhängig. Die neue Statuskategorie der Juniorprofessur, die eingeführt wurde, um langfristig die Habilitation in Deutschland zu ersetzen, scheint diese Entwicklung zu forcieren.

Die Analysen zeigen zudem, dass es erhebliche Unterschiede nach Fächergruppen gibt. Disziplinen sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Fachkulturen kleine Mikrokosmen, in denen die soziale Herkunft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mal mehr, mal weniger karrierehinderlich bzw. -ermöglichend wirkt.

Insgesamt ist anzunehmen, dass die Befunde aus NRW nicht eins zu eins auf andere Bundesländer übertragbar sind, da regionale und politische Besonderheiten die soziale Struktur der Professorenschaft beeinflussen. Vielmehr ist zu vermuten, dass die Professorenschaft in NRW eine größere soziale Durchlässigkeit aufweist, die sich aus der hohen Dichte an im Zuge der Bildungsexpansion neu geschaffenen (Reform-)Universitäten erklärt. Die aufgezeigten zeitlichen Entwicklungen sowie die Differenzierungen nach Disziplin und Status sind jedoch in ihren Tendenzen sicherlich auch für andere Bundesländer bzw. für die Bundesebene generalisierbar. Die bisher unsichtbare, aber äußerst wirksame Kategorie der sozialen Herkunft sollte daher verstärkt in den Blick gerückt werden.

*Siehe auch: „Wie offen ist die Universitätsprofessur für soziale Aufsteigerinnen und Aufsteiger?“ in SOZIALE WELT 4/2013.

 

A U T O R I N

Christina Möller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Soziologie an der Universität Paderborn und hat an der TU Darmstadt über die soziale Herkunft der Professorenschaft promoviert. Ihre Dissertation wird voraussichtlich Anfang 2015 erscheinen.


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