Arbeit
07 | Juli 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Aus dem Paradies vertrieben

Was Arbeit ökonomisch wert ist, kann nicht nur von der individuellen Leistung abhängen | Gert G. Wagner

Warum werden manche Berufe besser als andere entlohnt? Warum verdient der eine Arbeitnehmer mehr als der andere? Welche Bedeutung für den Lohn hat die individuelle Leistung, welche der Markt und die Gesellschaft? Eine ökonomische Analyse.

Wenn man sich mit dem Thema „Arbeit“, „Leistung“ und „Bezahlung“ beschäftigt, dann muss man sich darüber klar werden, dass das, was die Menschen als ihre persönliche Leistung ansehen, die „gerecht“ oder zumindest „fair“ entlohnt werden sollte, nicht unbedingt etwas mit der Leistung für die Gesellschaft zu tun hat, für die man – gerechterweise – auch anständig entlohnt werden sollte. Der gesellschaftliche Zusammenhang einer gerechten Entlohnung ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Schließlich erbringt man seine Leistung höchstpersönlich und hat auch in seine Ausbildung selbst investiert. Und doch gilt außerhalb des Paradieses in universeller Weise, dass ökonomische Leistung nur gesellschaftlich definiert werden kann, unabhängig vom Wirtschaftssystem – sei es ein „kapitalistisches“ oder ein „sozialistisches“. Und individuelle Gerechtigkeit kann in einer Gesellschaft nicht am Arbeitsmarkt hergestellt werden.

»Ökonomische Leistung kann nur gesellschaftlich definiert werden.«

Die meisten Menschen werden es als „gerecht“ ansehen, wenn die Unterschiede in der Entlohnung die Unterschiede in der Leistung am Arbeitsplatz wiederspiegeln. Das Problem ist aber, dass die individuelle Leistung am Arbeitsmarkt nicht messbar ist; in gewisser Weise ist individuelle Arbeitsleistung noch nicht einmal sinnvoll definierbar. Zwar kann man sagen: Im Sport wird Leistung ständig mit Stoppuhr, Waage und Maßband gemessen. Warum geht das nicht auch im Arbeitsleben? Ganz einfach: Ich kann leicht messen, dass einer schneller läuft als der andere. Aber ich kann nicht sagen, ob ein 100-Meter-Läufer mehr leistet als ein Gewichtheber.

Damit stellt sich aber die Frage: Wenn ein Leistungsvergleich zwischen Arbeitnehmern unmöglich ist, warum verdient dann ein Investmentbanker viel mehr als eine Altenpflegerin? Die Antwort ist – leider – recht einfach: weil die Bank mehr Geld verdient als das Pflegeheim. Die unterschiedliche Bezahlung hat mit der individuellen Anstrengung nichts zu tun. Denn die ökonomische Leistung eines Betriebs, die nicht mit der individuellen Leistung verwechselt werden darf, ist am Ende voll und ganz von der Nachfrage nach den Produkten bzw. Dienstleistungen eines Betriebs abhängig.

Angebot und Nachfrage

Streng genommen gibt es gar keine absolute ökonomische Leistung, allenfalls eine individuelle ökonomische Leistungsfähigkeit. Denn was eine konkrete Anstrengung ökonomisch wert ist, hängt davon ab, ob sie oder ihr Produkt nachgefragt wird und welcher Preis dafür gezahlt wird. Wächst die zahlungsfähige Nachfrage, wird die Anstrengung mehr wert. Die ökonomische Leistung hängt ganz offensichtlich nicht nur davon ab, wie geschickt ein Arbeitnehmer ist oder wie hart er arbeitet. Und diese harte Leistungsbewertung ist auch vernünftig. Warum sollen wir in der Welt außerhalb des Paradieses knappe Ressourcen verschwenden für Produkte und Dienstleistungen, die niemand kaufen will? Im Paradies, wo es alles im Überfluss gibt, ist es egal, ob es Dinge und Dienste gibt, die niemand will. Aber in einer Welt, in der die Menschen mehr Bedürfnisse haben als sie befriedigen können, macht es keinen Sinn, Arbeit und Energie in nicht nachgefragte Produkte und Dienstleistungen zu stecken. Umgekehrt bedeutet dies: wenn unsere Gesellschaft bereit wäre, mehr für Pflegekräfte zu bezahlen, dann würden die Beschäftigten ökonomisch mehr leisten, obwohl sie genau das Gleiche tun wie früher.

Man merkt also: es gibt keine individuelle ökonomische Leistung als solche, sondern sie ist immer in den gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet. Weder ökonomischen Erfolg noch ökonomischen Misserfolg kann man dem Einzelnen komplett selbst zuschreiben. Deswegen ist es falsch, wenn man Arbeitslose für ihre Situation allein verantwortlich macht.

Ökonomische Leistung bemisst sich nicht – wie Karl Marx in seiner „objektiven Arbeitswertlehre“. noch glaubte – am Aufwand, den man treibt, sondern am Ergebnis und dem Preis, der für eine ökonomische Leistung erzielt wird. Mit dem Begriff der „gesellschaftlich notwendigen Arbeit“ hat Marx selbst übrigens die Nachfrage in sein System der scheinbar objektiven Wertlehre eingeschmuggelt. Auch bei Marx gab es also – bei Lichte besehen – keinen objektiven Wert der Arbeit. Das ist auch im Sozialismus so: man muss sich an die Nachfrage anpassen. Die wird im Sozialismus freilich vom Staat gesetzt. In einer Marktwirtschaft wird die Nachfrage von vielen Akteuren bestimmt.

Entlohnung und Gerechtigkeit

Am Arbeitsmarkt und bei der Entlohnung gibt es – wie auf anderen Märkten – keine Gerechtigkeit. Will man gesellschaftliche Akzeptanz für die Bezahlung von Erwerbsarbeit gewinnen, dann kann man nicht nur beim Lohn ansetzen. In modernen Staaten gibt es die Möglichkeit, das, was als ungerecht hohes Einkommen und Vermögen empfunden wird, zu verkleinern: durch Steuern. Aber eine Verkleinerung von krassen Einkommensunterschieden mit Hilfe der Besteuerung reicht im allgemeinen nicht aus, damit die Entlohnung in einer Volkswirtschaft akzeptiert wird (d.h. als „angemessen“ oder „fair“ empfunden wird). Zur Akzeptanz eines Arbeitsmarktes und des Lohngefüges gehört sicherlich auch ein gutes Bildungswesen, das es Begabten – soweit es geht – unabhängig von ihrer Herkunft erlaubt, Arbeitsplätze zu erreichen, die anspruchsvoll sind und für die es eine gute Nachfrage gibt, und somit gut bezahlt werden. Und weniger Begabte sollen so gut ausgebildet werden, dass sie Arbeit verrichten können, für die es eine ausreichend hohe Nachfrage gibt, damit sie von ihrer Hände Arbeit leben können. D.h. auch, dass es gilt, durch die Schaffung entsprechend produktiver Arbeitsplätze dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer, die Vollzeit arbeiten, vom Nettolohn leben können. Wenn es Arbeitsplätze gibt, die sich nur rentieren, wenn Löhne unterhalb eines gesellschaftlich als angemessen akzeptierten Mindestlohns liegen, dann gilt es, die Arbeitsplatzstruktur zu verändern. Dabei gilt leider auch: leicht gesagt, schwer getan.

Ein ganz schwierig zu lösendes Problem tritt immer dann auf, wenn die Qualifikation von gut ausgebildeten und erfahrenen Arbeitnehmern plötzlich oder zunehmend nicht mehr nachgefragt wird. Weil sich die Nachfrage nach Produkten und Diensten oder die Produktionsmethode geändert hat. Die Einzelnen können dafür nichts. Wenn etwa Einzelhandel durch Postversand ersetzt wird. Oder – das ist das klassische Beispiel – auf Elektroloks keine Heizer mehr gebraucht werden. Einfach den Job zu wechseln geht oft mangels Jobs oder passender Qualifikation nicht. Wie diese Art von Strukturwandel sozialverträglich gestaltet werden kann, steht in keinem Lehrbuch. Klar ist nur: den massenhaften Wegfall bestimmter Arbeitsplätze einfach schulterzuckend hinzunehmen und lehrbuchhaft darauf zu verweisen, dass langfristig gesehen das alles kein Problem ist, ist keine menschenwürdige Lösung. In einer solchen Situation sind politische Ad-hoc-Lösungen gefordert. Auch wenn das Lehrbuchautoren nicht gefällt.

 

A U T O R

Gert G. Wagner ist Lehrstuhlinhaber für Empirische Wirtschaftsforschung an der TU Berlin, Max-Planck-Fellow am MPI für Bildungsforschung in Berlin und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW ­Berlin). Foto: Stephan Röhl


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