Arbeit
07 | Juli 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Auf der Suche nach dem Sinn

Die Bedeutung der Arbeit für das Leben | Heather Hofmeister | Friedericke Hardering

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Dekaden radikal verändert. Diese ­Umbruchsituation bietet die Möglichkeit, Arbeit in ihrer bestehenden Form zu hinterfragen und ein gesellschaftliches Nachdenken über den Sinn der Arbeit anzustoßen.

Der Wandel der Arbeit in Deutschland ist vielschichtig und vielfältig: Während noch in den 1970er Jahren rauchende Schlote und Industrieanlagen das Bild vieler Städte prägten, ist davon heutzutage nicht mehr viel zu sehen, und großzügige Bürokomplexe prägen unsere modernen Städte. Deutschland hat sich von einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, und ganz andere Arbeiten prägen heute die Vorstellungen darüber, was eine normale Arbeit ausmacht. Arbeit ist zudem in den vergangenen Dekaden für viele Beschäftigte flexibler und zugleich unsicherer geworden. Durch die genannten Veränderungen werden viele Annahmen, die noch vor wenigen Jahrzehnten nahezu unhinterfragt Geltung hatten, in Frage gestellt: Während früher der erste Arbeitgeber nach der Ausbildung oder dem Studium auch für lange Jahre der einzige Arbeitgeber blieb, sind die Erwerbsbiographien heute diskontinuierlicher, und für Beschäftigte im Niedriglohnsektor garantiert eine Vollzeitbeschäftigung längst kein existenzsicherndes Einkommen mehr. Zahlreiche Soziologinnen und Soziologen sehen in diesen Veränderungen einen fundamentalen Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft, durch den auch grundlegende Fragen über das Verhältnis von Mensch und Arbeit angestoßen werden. Hier kommt auch die Frage nach dem Sinn der Arbeit ins Spiel. Aber was heißt Sinn der Arbeit und zu welchem Ende wird über ihn nachgedacht?

Sinn der Arbeit

In der Soziologie der Arbeit sind es vor allem zwei Themenbereiche, in denen Fragen des Sinns erörtert werden. Der erste Themenkomplex kreist um Fragen der zentralen Bedeutung der Arbeit für das Leben. In Arbeitsgesellschaften wie Deutschland, in denen die Erwerbsarbeit das zentrale Medium sozialer Integration darstellt und die Identität wie auch die gesellschaftliche Positionierung definiert, gilt Arbeit als wichtige Quelle des Lebenssinns. Wie sich die Bedeutung der Arbeit für Subjekte zeigt, lässt sich besonders gut anhand der Arbeitslosenforschung nachvollziehen. Hier konnten zahlreiche Studien zeigen, wie sich die Arbeitslosigkeit negativ auf die Identität und allgemeine Lebenszufriedenheit der Betroffenen auswirkt. Dabei leiden die Personen neben den Einkommenseinbußen besonders an dem Stigma, welches mit Arbeitslosigkeit assoziiert ist. Ähnliche Befunde liegen auch über andere Gruppen, wie z.B. Hausfrauen vor, deren Arbeit nicht die gleiche gesellschaftliche Anerkennung genießt wie die außerhäusliche Erwerbsarbeit, und die dadurch das Gefühl eines Identitätsverlustes oder der Unsichtbarkeit erleben. Während dieser erste Themenkomplex die Frage nach dem „Sinn der Arbeit“, also der Bedeutung von Arbeit für den Lebenssinn behandelt, werden in einem zweiten Themenbereich Fragen der Gestaltung von Arbeit für das Erleben von „Sinn in der Arbeit“ relevant.

»Arbeitslose leiden neben den Einkommens­einbußen besonders
an dem Stigma, welches mit Arbeitslosigkeit assoziiert ist.«

Sinn in der Arbeit

Geht es um den „Sinn in der Arbeit“, wird nicht mehr nach dem ob, sondern nach dem wie der Arbeit gefragt: Wie muss Arbeit beschaffen sein, damit sie als sinnvolle Arbeit erlebt werden kann? Unter dem Eindruck restriktiver und hochgradig fragmentierter Arbeit, wie z.B. Fließbandarbeit, stellte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage, wie Arbeit von den Beschäftigten noch als sinnvolle Arbeit begriffen werden kann. Studien konnten Entfremdungserfahrungen aufzeigen; zudem wurde deutlich, dass die Beschäftigten auch bei schlechten Bedingungen ihre Arbeit aufwerten, und sie für sich und andere zu einer wertvolleren Arbeit umdeuten. Was subjektiv eine sinnvolle Arbeit ist, lässt sich also nicht ausschließlich über die Beschaffenheit des Beschäftigungsverhältnisses, die Arbeitsorganisation oder die Arbeitsinhalte definieren.

Zudem lassen sich vier große Quellen des Sinns identifizieren, die dazu beitragen, dass Menschen ihre Arbeit als sinnvolle Arbeit deuten können: Hierzu zählt erstens Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, durch Arbeit etwas bewegen zu können und sich als wirksam handelnder Menschen zu begreifen, zweitens Authentizität, also sich selbst in der Arbeit treu zu bleiben und sich gleichzeitig in die gewünschte Richtung weiterentwickeln zu können, drittens, mit der Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können und viertens, über Arbeit Zugehörigkeit zu erleben und sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen. Hier spiegeln sich zwei Bedürfnisse des Menschen wider: Sich einerseits als autonome Person identifizieren zu können und andererseits Teil einer Gemeinschaft zu sein.

So unterschiedlich die beiden Themenfelder des „Sinns der Arbeit“ und des „Sinns in der Arbeit“ zunächst erscheinen, können sie doch kaum getrennt voneinander verhandelt werden: Denn die subjektiven Deutungsmöglichkeiten der individuellen Tätigkeit sind untrennbar verbunden mit den gesellschaftlichen Annahmen über die Bedeutung der Arbeit für das Leben. Nun ist im Kontext beider Diskussionen die Frage gestellt worden, ob sich durch gesellschaftliche Veränderungen wie die Individualisierung, der Anstieg des Wohlstandsniveaus oder auch gewandelte Arbeitsbedingungen die grundlegenden Erwartungen an Arbeit verändern.

Alte Werte, neue Werte

Verändern sich die Wünsche und Erwartungen an die Arbeit durch veränderte Rahmenbedingungen? Und wie wichtig ist Beschäftigten materielle Sicherheit verglichen mit Selbstverwirklichung und Sinn bei der Arbeit? Bereits im Kontext des soziokulturellen Umbruchs westlicher Gesellschaften der 1970er Jahre wurde diskutiert, ob sich neben einem grundlegenden Wandel der Werte auch die Erwartungen an die Arbeit verändern. Insgesamt zeigten Untersuchungen ein gemischtes Bild: Beschäftigte wünschten sich materielle Sicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten bei der Arbeit. In den 1990er Jahren wurde die Frage erneut adressiert, ob Menschen sich einen stärkeren inneren Bezug zur Arbeit wünschen. Auch für die 1990er Jahre lässt sich kein einheitlicher Wandel von instrumentellen Arbeitswerten hin zu arbeitsinhaltlichen Werten beobachten. Die Untersuchungen über einen Wandel von Arbeitswerten zeigen vor allem eines, nämlich dass sich die Erwartungen an die Arbeit nicht zu einer Seite hin auflösen lassen: Beschäftigte erwarten sich von der Arbeit sowohl die Sicherung des Lebensunterhalts als auch Entwicklungsmöglichkeiten und interessante Arbeitsinhalte. Was dabei subjektiv gerade im Vordergrund steht, ist abhängig von den aktuellen Lebensbedingungen und biographischen Erfahrungen.

Avantgarden eines neuen Arbeitsverständnisses?

Wo stehen wir mit der Frage nach dem Sinn in der Arbeitswelt heute? Zahlreiche Artikel in Feuilletons und Zeitschriften greifen thematisch die Suche nach dem Sinn in der Arbeit auf, und identifizieren bestimmte Personengruppen als Avantgarde gesteigerter Erwartungen an die Arbeitsinhalte: Danach soll Arbeit erfüllend sein, Selbstverwirklichung und persönliche Entwicklung fördern und einen erkennbaren gesellschaftlichen Nutzen haben, während der Gelderwerb weniger im Vordergrund steht. Es sind insbesondere drei Gruppen, die in diesem Kontext immer wieder genannt werden.

Die erste Gruppe bilden die freiwilligen Berufswechslerinnen und Berufswechsler, die in der mittleren Lebensphase eine berufliche Sinnkrise durchlaufen und sich in der Folge ein neues Betätigungsfeld suchen. Häufig finden sich Beispiele von Beschäftigten, die einen außergewöhnlichen Wechsel vollzogen haben, beispielsweise ihren Weg vom Bankangestellten zum Yogalehrer oder von der Wirtschaftsprüferin zur Weinbauerin gefunden haben. Empirisch gibt es allerdings keine klaren Hinweise darauf, dass es sich bei solchen Wechseln, die quer zu den normalen Karrierepfaden verlaufen und häufig nicht mit höherem Prestige und Einkommen einhergehen, um einen aktuellen Trend handeln könnte.

Die zweite Gruppe, die häufig mit neuen Erwartungen an die Sinnhaftigkeit der Arbeit assoziiert wird, ist die Generation Y. Diese auch als „Millenials“ bezeichneten jungen Menschen, die zwischen 1980 und 1990 geboren wurden, gelten als neue Arbeitsmarktakteure, die mit ihren Wünschen an ihre Arbeitgeber als potenzielle Veränderer der Organisationskulturen gewertet werden. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass der Generation Y einerseits Entfaltungsspielräume in der Arbeit wichtig sind, andererseits aber auch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit, Freizeit und Familie und die soziale Verantwortung des Unternehmens. Somit repräsentieren sie „alte“ und zugleich „neue“ Erwartungen an die Arbeit. Inwieweit die Millenials diese Werte im Laufe ihres Lebens beibehalten, kann allerdings zum jetzigen Zeitpunkt kaum beurteilt werden.

Die dritte Gruppe, die mit einer alternativen Sicht auf Arbeit in Verbindung gebracht wird, sind die Anhänger der Postwachstums-Bewegung, wozu Personen zählen, denen Fragen nachhaltigen Wirtschaftens und der Konsumkritik wichtig sind. Wesentlich ist für sie, Ressourcenkreisläufe zu verstehen und achtsam mit bestehenden Ressourcen umzugehen. Dieses Verständnis wird umgesetzt, indem Dinge des alltäglichen Lebens, von Nahrungsmitteln über Kleidung und Gebrauchsgegenstände, wieder selbst hergestellt werden, um unabhängiger vom Wirtschaftssystem zu sein. Dahinter steht der Wunsch nach einem einheitlichen Konzept für Arbeit und Leben, um dadurch Ansprüche an Konsum, Unabhängigkeit, Freiheit und andere Werte in Einklang zu bringen.

»Fragen nach dem Sinn kommen erst dann auf, wenn der Sinn in der Krise ist.«

Die drei genannten Gruppen eint, dass sie über die Bedeutung der Arbeit in ihrem individuellen Lebenszusammenhang nachdenken und dabei eigensinnige Erwartungen an die Arbeit formulieren. Inwieweit diese Überlegungen gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten können, lässt sich gegenwärtig noch nicht absehen. Bisher handelt es sich lediglich um Tendenzen, die empirisch kaum ins Gewicht fallen. Allerdings bietet sich durch die Aufmerksamkeit, die diesen Gruppen medial geschenkt wird, die Chance, einen neuen Diskurs über die Bedeutung von Arbeit zu eröffnen.

Mach neu! Sinn in einer neuen (Arbeits-)Welt

In der Erforschung von Sinn gilt es als Gemeinplatz, dass Fragen nach dem Sinn erst dann aufkommen, wenn der Sinn in der Krise ist. Die gegenwärtige Thematisierung von Fragen des Sinns in der Arbeit verweist so auf eine Umbruchsituation, die die Möglichkeit bietet, Arbeit in ihrer bestehenden Form zu hinterfragen. Aktuelle Diskussionen über die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, die Einführung der 30 Stunden-Woche, das bedingungslose Grundeinkommen oder die Einführung einer Frauenquote deuten an, dass verschiedene Gewohnheiten der alten Arbeitswelt überdacht werden. Gesellschaftlich stellt sich damit die Frage, wie die Arbeitswelt so gestaltet werden kann, dass sie mehr den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entspricht und Raum für individuelle Entfaltung und die Erfahrung von Gemeinschaft bietet. Letztlich ist die Frage nach dem Sinn der Arbeit nur eine Spielart der Frage nach dem guten Leben. Diese Frage zu adressieren und gesellschaftlich in den Fokus zu rücken, eröffnet die Chance für Veränderungen hin zu einer humanen Arbeitswelt.

 

A U T O R I N N E N

Heather Hofmeister ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Arbeitssoziologie und geschäftsführende ­Direktorin des Instituts für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt, und Co-Direktorin in the Center for Leadership and Behavior in Organizations (clbo-frankfurt.org). Friedericke Hardering, Dr. phil, ist Postdoktorandin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. Sie leitet zusammen mit Heather Hofmeister das DFG Forschungsprojekt: Gesellschaftliche Vorstellungen sinnvoller Arbeit und individuelles Sinnerleben in der Arbeitswelt.


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