Open Access
02 | Februar 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Kein »entweder – oder«

Positionen der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu Open Access | Peter Strohschneider

Open Access als freier Zugang zu digitalisierten wissenschaftlichen Publikationen hat sich in den vergangenen Jahren international und in Deutschland immer mehr durchgesetzt. Von vielen begrüßt und von vielen Wissenschaftsorganisationen, insbesondere der Deutschen Forschungsgemeinschaft, vehement gefördert, bleiben doch Fragen. Antworten vom Präsidenten der DFG.

Forschung & Lehre: Die DFG setzt sich spätestens seit der „Berliner Erklärung“ aus dem Jahr 2003 für den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, für Open Access in der Wissenschaft ein. Was sind die Gründe?

Peter Strohschneider: Das „spätestens“ ist ganz richtig, die DFG hat sich schon vor 2003 für Open Access engagiert, und sie hat seitdem ihre Unterstützung dieser Publikationsform deutlich ausgebaut. Dabei ging und geht es uns stets darum, den digitalen Zugang zu Forschungsergebnissen dort zu unterstützen, wo er die Art und Weise verbessern kann, wie in einer bestimmten wissenschaftlichen Community Forschung praktiziert wird. Anders formuliert: Wenn die Qualität von Forschung dadurch gesteigert wird, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Forschungsergebnisse im Open Access und damit frei von finanziellen, rechtlichen oder technischen Barrieren zur Verfügung stellen, dann verdient dies die Unterstützung der DFG. Dabei ist wichtig zu beachten, dass sich die Arbeitsweisen in einzelnen Forschungsfeldern deutlich unterscheiden. Es hängt also in hohem Maße von der Fragestellung und Methodik der einzelnen Forschungsfelder ab, ob und in welchem Umfang Open Access vorteilhaft ist und wie diese Vorteile genutzt werden. Für einen Regionalwissenschaftler mag es von hohem Nutzen sein, dass finanzielle Zugriffshürden beseitigt sind und seine Publikationen auch von Kollegen in einem Entwicklungsland gelesen werden können, die sich einen Zugriff auf eine kostenpflichtige Zeitschrift nicht leisten könnten; für eine Zellbiologin kann es weitaus wichtiger sein, dass rechtliche Zugriffshürden fallen, wenn ein bestimmtes Artikelkorpus maschinengestützt ausgewertet werden soll, etwa um neue Korrelationen zwischen bestimmten Enzymen festzustellen.

»Verlage können und sollen auch weiterhin als Dienstleister arbeiten und vergütet werden.«

F&L: Der Veröffentlichung in digitaler Form wird insbesondere in den „Buchwissenschaften“ mit Unbehagen begegnet. Können Sie dies nachvollziehen?

Peter Strohschneider: Als Literaturwissenschaftler interessieren mich einerseits die Zusammenhänge zwischen Medientechnologien und Wissensformen. Andererseits hege ich durchaus ein gewisses Verständnis für die Sorge um das Buch als ein wichtiges Kulturgut. Allerdings gründet diese Befürchtung, das Buch werde aus der Wissenschaft verschwinden, auf der meiner Ansicht nach unzutreffenden Annahme, dass digitale Publikationen gedruckte Publikationen vollständig ersetzen würden. Ich meine demgegenüber, dass die viel zitierte „Transformation der Wissenschaftskommunikation“ nicht einer Substitutionslogik folgt, sondern einer Logik der Ausdifferenzierung. Deshalb muss viel stärker darüber gesprochen und spezifiziert werden, wo das Digitale die wissenschaftliche Tätigkeit unterstützt und wo Forschung auch auf nicht-digitale Inhalte rekurrieren muss. Schon jetzt profitieren Geistes- und Kulturwissenschaftler von der Fülle digitalisierter Werke früherer Jahrhunderte, und für die Erarbeitung einer historisch-kritischen Edition kann der Zugriff auf elektronische Fassungen der Texte wichtige Einsichten ermöglichen. Auch im Bereich der sogenannten Buchwissenschaften ist die DFG daher gut beraten, Open Access dort zu unterstützen, wo dieser für die Forschungspraxis als wichtig erachtet wird.

F&L: Wie groß ist nach Ihren Erkenntnissen die Zahl der Wissenschaftler, die Open Access wegen des schlechteren Rankings im Citation Index zugunsten von renommierten Zeitschriften ablehnen?

Peter Strohschneider: Sie kennen ja die grundsätzlichen Vorbehalte der DFG gegenüber der Scheinobjektivität von Leistungsbewertungen in der Wissenschaft, die sich auf eine rein numerische Basis stützen. Davon einmal abgesehen: Ich kenne keine Zahlen über das eventuelle Ausmaß einer solchen Ablehnung. Es ist sicher richtig, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vor allem dann in Open-Access-Zeitschriften publizieren, wenn diese im jeweiligen Fach als renommiert gelten, wie auch immer dieses Renommee sich ausdrücken mag. Doch die direkte Veröffentlichung eines Artikels in einer Open-Access-Zeitschrift ist ja nicht die einzige Möglichkeit, Forschungsergebnisse digital verfügbar zu machen. Neben diesem „Goldenen Weg“ des Open Access gibt es auch den „Grünen Weg“, bei dem ein Artikel in einem Print-Journal publiziert und zusätzlich über ein Open-Access-Repositorium verfügbar gemacht wird. Schon deswegen schließen sich die Publikation in einer Zeitschrift mit hohem impact-Faktor und Open Access keineswegs aus.

F&L: Seit Jahrhunderten gibt es eine kulturprägende Tradition der Schriftenveröffentlichung in Verlagen. Wird dieser mit dem vehementen Plädoyer für Open Access-Publikationen nicht der Todesstoß versetzt?

Peter Strohschneider: Wie kommen Sie denn darauf? Ebenso wie Verlage im Druckzeitalter als Dienstleister für die Wissenschaft agiert haben, können und sollen sie auch weiterhin als Dienstleister arbeiten – und für die erbrachten Dienste vergütet werden. Ohne diese Annahme wäre ja gar nicht zu verstehen, dass die DFG im Jahr 2009 das Förderinstrument „Open Access Publizieren“ etabliert hat. Mit ihm werden Universitäten dabei unterstützt, sogenannte Open-Access-Publikationsfonds aufzulegen, aus denen die Gebühren finanziert werden können, die Autoren für die Veröffentlichung ihrer Artikel in verlagsgebundenen Open-Access-Zeitschriften entstehen. Man mag es allenfalls als im Vergleich zur traditionellen Praxis neu bewerten, dass die Wissenschaft nun viel genauer beachtet, welche konkreten und unabdingbaren Dienste sie von den Wissenschaftsverlagen erwartet und welche Kosten deren Dienstleistungen verursachen dürfen. Hier finden intensive Aushandlungsprozesse statt, die auch durch den Wunsch nach möglichst transparenten Geschäftsmodellen bedingt sind.

F&L: Die Bibliotheken bewahren Bücher auf, die hunderte von Jahren alt sind. Wie wahrscheinlich ist es, dass heute digital publizierte Artikel in dreihundert Jahren noch lesbar sein werden? Ist das klassisch gedruckte Buch und die entsprechend gedruckte Zeitschrift langfristig der digitalen Publikation nicht weit überlegen?

Peter Strohschneider: Diese Frage geht erneut von einem „entweder – oder“ aus und verkennt damit unter anderem, dass eine Drucklegung allein oft nicht mehr genügt, um Forschungsergebnisse in Gänze darzustellen. Denken Sie beispielsweise an Aufsätze, die mit einem Programm hinterlegt sind, das Sie aktivieren müssen, um die Aussagen des Artikels wirklich nachvollziehen zu können. Die komplexen Beziehungsgeflechte der einzelnen Komponenten solcher sogenannter angereicherter Publikationen lassen sich im Druck nicht ohne Funktionsverluste abbilden. Schon deshalb ist es erforderlich, Werkzeuge, Verfahren und Organisationsformen zu entwickeln, die eine langfristige Verfügbarkeit auch der digitalen Inhalte gewährleisten. Tatsächlich ist die digitale Langzeitarchivierung kein neues Thema, und Bibliotheken wie Verlage haben unterschiedliche Lösungen dafür entwickelt und umgesetzt. Es wird freilich gerne übersehen, dass der Erhalt der digitalen Funktionalitäten zusätzliche Ressourcen erfordert. Ebenso wie die Speicherung physischer Objekte in Bibliotheken, Archiven und Museen Kosten etwa für Einbände, Regale, Stellfläche, Klimatisierung oder konservatorische Maßnahmen bis hin zur Entsäuerung nach sich zieht, ebenso erfordert auch der Erhalt digitaler Informationen weitere Ressourcen – für das Preservation Planning, für Datenmigrationen oder auch für das Rechtemanagement.

F&L: Hochschullehrer haben das verfassungsrechtlich verbriefte Recht, frei darüber zu entscheiden, ob und wie sie eine Publikation veröffentlichen. Wie verträgt sich dies mit einer Strategie, die Wissenschaftler verpflichten will, Open Access zu publizieren?

Peter Strohschneider: Sie werden wissen, dass die DFG im Jahr 2014 ein Rechtsgutachten zu der Frage in Auftrag gegeben hat, ob eine Verpflichtung zu Open Access in einem Spannungsverhältnis zur Wissenschaftsfreiheit steht. Kurz gefasst lautet die Kernaussage dieses Gutachtens, dass eine solche Verpflichtung dann rechtlich ausgeschlossen ist, wenn sie sich auf Publikationen aus der grundfinanzierten wissenschaftlichen Tätigkeit bezieht. Wenn die Forschungstätigkeit aus ergänzenden staatlichen Mitteln finanziert wird, könnte die Vergabe dieser Mittel an konkretisierende Bedingungen geknüpft werden, ohne dass, sagt das Gutachten, die Publikationsfreiheit direkt beschnitten würde. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass sich aus solchen Bedingungen „keine unverhältnismäßigen nachteiligen Folgewirkungen“ für die Autoren ergäben. Das könnte dem Gutachten zufolge dadurch erreicht werden, dass Open-Access-Förderrichtlinien sich an den für das unabdingbare Zweitveröffentlichungsrecht definierten Rahmenbedingungen orientieren. Das mit Horizon2020 eingeführte Open-Access-Mandat der Europäischen Kommission ist ein Beispiel dafür, dass auch deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zur digitalen Bereitstellung ihrer Forschungsergebnisse verpflichtet werden. Ich meine allerdings, dass die DFG gut daran tut, hier zurückhaltender zu sein.

F&L: Hat nach Ihrer Auffassung der Staat, der Steuerzahler, die Gesellschaft o.a. ein Recht auf Veröffentlichung von Arbeitsergebnissen von öffentlich-rechtlich geförderter Wissenschaft?

Peter Strohschneider: Wenn die Arbeitsergebnisse öffentlich-rechtlich geförderter Wissenschaft nicht publiziert würden, liefe Forschung vollständig ins Leere, sie würde sich ja dem Diskurs entziehen. Der Publikationsimperativ ist für Forschung konstitutiv. Das Engagement der DFG für Open Access erklärt sich nicht so sehr aus dem legitimen Interesse der Gesellschaft an der von ihr finanzierten Forschung. Vielmehr geht es vor allem anderen darum, sehr gute und beste Forschung dadurch zu ermöglichen oder zu erleichtern, dass Wissen und Informationen über das Internet einfach und für möglichst vielfältige Nachnutzungsszenarien verfügbar gemacht werden. Aus diesem Grund bieten wir vor allem im Bereich unserer Informationsinfrastrukturförderung einschlägige Instrumente an, mit denen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ebenso wie Forschungseinrichtungen unterschiedliche Möglichkeiten haben, die von ihnen als relevant erachteten Mechanismen und Verfahren zur digitalen Bereitstellung von Forschungsergebnissen zu entwickeln und zu etablieren. Wie es unserem Auftrag als Organisation der Forschungsförderung entspricht, steht dabei der potenzielle Nutzen dieser Publikationsformen für die Wissenschaft im Vordergrund. Dass im Open Access publizierte Forschungsergebnisse in vielen Fällen auch anderen Akteuren – aus Industrie und Wirtschaftsunternehmen, aus Politik und Journalismus, aber auch interessierten Laien – zu Gute kommen, ist eine willkommene Begleiterscheinung, aber nicht die treibende Kraft unseres Interesses an Open Access.

»Der Publikationsimperativ ist für Forschung konstitutiv.«

F&L: Wenn Open Access sich auf breiter Basis durchsetzt, werden dann die Hochschulen zukünftig statt für Bibliotheken für den Zugang für Open Access-Publikationen zahlen?

Peter Strohschneider: Damit sprechen Sie den wichtigen Punkt an, wie sich Finanzströme ändern und welche Verteilungskämpfe das mit sich bringt. Denn die Umstellung von einem Leser-basierten zu einem Produzenten-basierten Publikationssystem ist ja der Kern der Diskussion um Open Access. Deshalb sollte eine Universität nicht allein Ressourcen für die Lizenzierung von Informationen einplanen, sondern auch Mittel für die Produktion und Verbreitung ihrer eigenen Forschungsergebnisse bereitstellen. Es gibt freilich viele gute Gründe dafür, dass die mit Open Access einhergehenden Prozesse auch in Zukunft von der Bibliothek administriert werden. Sie ist nämlich die zentrale Organisationseinheit, die die Beziehungen zu wissenschaftlichen Verlagen gestaltet, um die für das wissenschaftliche Arbeiten relevanten Informations- und Wissensbestände zu vermitteln. Das kann eine Bibliothek im Subskriptionsmodell ebenso leisten wie im Open-Access-Modell. Zu der genuinen Bibliotheksfunktion, Informationen und Wissen zu selegieren, zu speichern, zu ordnen und bereitzustellen, kommt insofern die neue Aufgabe hinzu, Autoren bei der Open-Access-Bereitstellung ihrer Publikationen zu unterstützen. Für die Hochschulen ist dabei die Frage zentral, wie die bisher für die Literatur- und Informationsversorgung zur Verfügung stehenden Budgets so gesteuert werden können, dass nun auch Open-Access-Publikationen finanzierbar sind. Sogenannte Offsetting-Modelle, wie sie derzeit etwa in Großbritannien, in den Niederlanden oder in Österreich diskutiert und in ersten Ansätzen erprobt werden und die einen Ausgleich zwischen Lizenzzahlungen für Zeitschriften-Subskriptionen und Open-Access-Publikationsgebühren anstreben, zeigen, dass Bibliotheken solche Budgetanpassungen durchaus bewerkstelligen können.

 

A U T O R

Peter Strohschneider ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).


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