Kerndatensatz Forschung
10 | Oktober 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Hoher Output und sinkende Originalität

Der Kerndatensatz Forschung und die Geisteswissenschaften | Martin Schulze Wessel

Der Kerndatensatz Forschung stößt nicht überall auf Zustimmung. Der Historikerverband wendet sich gegen das Datensammlungs-Projekt, weil es die Forschung in den Geisteswissenschaften nicht weniger einschneidend verändern werde als Bologna die Lehre.

Als 29 europäische Bildungsminister 1999 in Bologna eine Erklärung für eine europaweite Hochschulreform unterzeichneten, versprachen sie viel: Durch die Etablierung von zweistufigen berufsqualifizierenden Berufsabschlüssen sollten die Mobilität und die Beschäftigungs­chancen der Studierenden erhöht und die europäische Hochschullandschaft harmonisiert werden. Vieles ist anders gekommen als gedacht, aber eines kann man dem Bologna-Prozess nicht absprechen: Von der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge ging eine große Verheißung aus.

Die vom Wissenschaftsrat betriebene Einführung des „Kerndatensatzes Forschung“ (KDS) wird von der Hochschulrektorenkonferenz als notwendige Voraussetzung für die Etablierung eines Wissenschaftsratings angesehen. Beide Instrumente zusammen – der „Kerndatensatz Forschung“ und das Rating – gehören in der Tat zusammen. Sie werden die Forschung nicht weniger einschneidend verändern als Bologna die Lehre. Der Unterschied: Es gibt keine Verheißung. Niemand verspricht, dass Forschung nach der Einführung von KDS und Rating besser sein wird, und es wird auch vermieden, auf europäische oder außereuropäische Vorbilder hinzuweisen, die in bildungspolitischen Diskussionen sonst nicht fehlen. Dabei gibt es durchaus Staaten wie Großbritannien, die Niederlande oder die Tschechische Republik, die entsprechende Verfahren eingeführt haben. Als Werbeträger für die Einführung von Kerndatensatz Forschung und Rating in Deutschland taugen sie offensichtlich nicht. Die Wirkungen der Reformen in den genannten Ländern werden von betroffenen Kollegen ganz überwiegend als schädlich für die Forschungskultur beschrieben. Aus dem englischen Wissenschaftssystem ist die hohe Stellenfluktuation bekannt, zu der es regelmäßig vor Evaluationen an den Hochschulen kommt. Universitäten, die im Ranking gut abschließen wollen, kaufen kurzfristig Wissenschaftler ein, deren Kennziffern sehr gut sind. Eine nachhaltige Förderung von exzellenter Wissenschaft kann damit nicht erreicht werden.

Worum geht es?

Das erklärte Ziel des Kerndatensatzes Forschung ist die Sammlung von standardisierten Forschungsdaten. Dazu werden von jedem Wissenschaftler rund 100 Angaben erhoben, die vom eigenen publizierten output bis zum Alter der betreuten Doktoranden reichen. Ein Prinzip ist die sogenannte „Datensparsamkeit“, womit gemeint ist, dass nur Daten gesammelt werden sollen, die sich über alle Disziplinen hinweg erheben lassen. Das bringt eine Tendenz in die Datensammlung, denn viele Tätigkeiten, die zum Profil von Geisteswissenschaftlern gehören, wie z.B. öffentliche Interventionen als „public intellectual“, sind auf die Natur- und Technikwissenschaften kaum zu übertragen und werden dementsprechend nicht berücksichtigt. Dagegen wird nach der Anmeldung von Patenten sehr wohl gefragt, obwohl diese für die Geisteswissenschaften keine Rolle spielen. „Datensparsamkeit“ spielt in diesem Fall also keine Rolle. Aber wie kann man überhaupt von „Datensparsamkeit“ bei einem Projekt sprechen, das in nie dagewesener Form persönliche Daten von Wissenschaftlern zentral speichert? Der Begriff hat alle Voraussetzungen, zum Unwort des Jahres zu werden.

»Viele renommierte Geistes­wissenschaftler sind keine Output-Olympioniken.«

Der Versuch, die individuelle Leistung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern quantitativ zu erfassen, hat offensichtlich Schwächen: Viele renommierte Geisteswissenschaftler sind keine Output-Olympioniken. Reinhard Koselleck stünde in einem Kerndatensatz Forschung ziemlich schlecht da. Selbstverständlich wird der Kerndatensatz für Forscherinnen und Forscher, die am Anfang ihrer Karriere stehen, eine verhaltenssteuernde Wirkung haben. Insbesondere für Postdocs ohne dauerhafte Anstellung wird der Druck unwiderstehlich sein, möglichst gute Kennziffern zu produzieren: den output in die Höhe zu treiben und Forschungsergebnisse in möglichst viele einzelne Aufsätze zu portionieren. Für die Wissenschaft ist dieser Effekt schädlich. Junge Geisteswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sollten das Fundament ihrer Forschungen breit anlegen können, d.h. viel lesen, viele Sprachen lernen, viel reisen. Nach Möglichkeit auch viel publizieren, aber nicht um jeden Preis.

Quantitative und qualitative Aussagen

Die Einführung und die Pflege des Kerndatensatzes Forschung wird mit einem ungeheuren Aufwand verbunden sein. Da stellt sich die Frage, wer die Lasten der Datenerhebung und -pflege zu schultern haben wird. In keinem Fall dürfen das am Ende die Fakultäten sein. Es muss aber ganz grundsätzlich das Verhältnis von Aufwand und Ertrag diskutiert werden. Für Wissenschaftler an Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten gibt es keinen entsprechenden Bedarf. Selbst für umfangreiche Anträge wie in der Exzellenzinitiative lassen sich die nötigen Daten vergleichsweise einfach individuell erheben. Der Kerndatensatz Forschung entspricht einem Interesse der Universitätsleitungen und Wissenschaftsverwaltungen nach einfachem Überblick. Der wichtigste Zweck des Kerndatensatzes liegt aber in seiner Verknüpfung mit dem Wissenschaftsrating, das für ganze Standorte und Disziplinen eine qualitative Bewertung geben will. Die Hochschulrektorenkonferenz hat ihre Zustimmung zum Wissenschaftsrating an die Einführung eines Kerndatensatzes Forschung gebunden. Für die Verklammerung von beidem gibt es ein plausibles Argument: Die Ergebnisse des standort- und disziplinenbezogenen Ratings verlieren schnell ihre Aussagekraft, wenn es zu personellen Wechseln zwischen Universitäten kommt. Der individuell erhobene Kerndatensatz Forschung kann dem Verfallsprozess entgegensteuern, denn die individuell erhobenen Daten können mit einem an eine andere Universität berufenen Wissenschaftler mitwandern, das Rating somit aktuell gehalten werden.

Der Kerndatensatz Forschung und das Wissenschaftsrating sind also in einem engen Zusammenhang zu sehen. Zusammen werden sie mit den quantitativen Erhebungen des Kerndatensatzes und den qualitativen Aussagen des Ratings die Forschungskultur in Deutschland tiefgreifend verändern. Dabei gibt es kein Problem innerhalb der Wissenschaft, das damit bearbeitet würde. Weder gelten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland als faul, noch gibt es einen Mangel an Qualitätskontrolle durch peer review. Jede Universitätsleitung und jede Institutsdirektion hat bereits jetzt die Möglichkeit, die Daten aller bei ihr beschäftigten Mitarbeiter zusammenzustellen.

Selbstzweck mit Folgen

Das Regime permanenter Datenerfassung und Wissenschaftsvermessung hat seinen Zweck in sich selbst. Das heißt nicht, dass es folgenlos bliebe: In den Geisteswissenschaften wird es hohen output bei sinkender Originalität herbeiführen. Gewinner ist der innovationsfeindliche mainstream.

 

A U T O R

Martin Schulze Wessel ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD).


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