Political Correctness
04 | April 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Resultat einer Weltfluchtagenda

Eine Kritik der Political Correctness | Alexander Grau

Liegen hinter dem Kampf um politische Korrektheit, die sich gegen die Diskriminierung von Minderheiten einsetzt, andere als altruistische Gründe verborgen? Geht es der PC vor allem um Macht und den Anspruch, für das Politische schlechthin zu stehen? Ein kritischer Einspruch.

Sprache kann manchmal entlarvend sein. Da haben die Vertreter der Political Correctness vollkommen Recht. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Political Correctness (PC) selbst. Denn der harmlose Ausdruck „political“ suggeriert, hier gehe es ganz allgemein um angemessenes Handeln das Gemeinwesen betreffend. Doch das ist ein Etikettenschwindel. Weder geht es um das Gemeinwesen noch um allgemeine Regeln. Hinter dem Ausdruck „political“ verbirgt sich eine sehr konkrete und rigide Agenda, die den Anspruch erhebt, für das Politische schlechthin zu stehen – als wäre die Welt ein politisches Einparteiensystem. Wer so denkt, dem geht es um keine Angemessenheit, dem geht es um Macht.

Theoretische Grundlage der Political Correctness (PC) ist die Vorstellung, Sprache sei nicht nur Ausdruck des Denkens, sondern Denken und Sprache seien im Grunde identisch. Ändere man die Sprache, so ändere man mithin auch das Denken.

Diese Vorstellung, obwohl zeitweilig en vogue, ist nachweislich Unsinn. Das liegt schon daran, dass die Konnotation nicht an ein Sprachzeichen gebunden ist, sondern an das betreffende Denotat. Damit könnte die Sache erledigt sein. Ist sie aber nicht.

Das eigentliche Ärgernis

Denn das eigentliche Ärgernis der PC liegt in dem politisch motivierten Versuch der Gedankenmanipulation und der Schaffung eines neuen Menschen.

Bezieht man soziologische Aspekte mit ein, könnte man formulieren: Hier soll die Masse angeblich in traditionellen Stereotypen denkender Bürger durch eine akademische Avantgarde umerzogen werden. Wie selbstherrlich, anmaßend und grotesk ein solches Unternehmen ist, fällt den Protagonisten nicht einmal auf.

Das Grundproblem ist dabei bestrickend einfach: Will ich eine freie Gesellschaft mit freien Menschen, die – weil Menschen nun mal sind wie sie sind – mitunter auch abstoßende Ansichten haben, oder will ich eine normativ hochgerüstete Gesellschaft moralischer Klone?

Die Antwort sollte eigentlich klar sein. Ihre Begründung liegt in den individuellen Freiheitsrechten. Pointiert formuliert: Jedermann hat das Recht, ein reaktionärer Stammtischbruder zu sein und von Umerziehungsmaßnahmen verschont zu bleiben.

Das würden Vertreter der PC natürlich nicht akzeptieren. Sie würden darauf bestehen, dass erst das gesellschaftliche System die Menschen in ihr diskriminierendes Weltbild gezwungen habe und es daher Aufgabe aufklärerischer Gesellschaftspolitik sei, die Menschen aus ihrer systembedingten Unmündigkeit zu befreien – zur Not gegen ihren Willen.

»Das Muster, nach dem hier gedacht wird, ist psychoanalytisch:
Dort der Patient und hier der Therapeut.«

Das Muster, nach dem hier gedacht wird, ist psychoanalytisch: Dort der Patient, der sich seiner Krankheit gegebenenfalls gar nicht bewusst ist bzw. dessen Krankheitsleugnung geradezu als Beleg für seine Erkrankung gilt, und hier der Therapeut, der die Lage durchschaut. Entsprechend werden Weltanschauungen, die vom politisch korrekten Kanon abweichen, pathologisiert.

Wurzeln im Neomarxismus

Ihre Wurzeln hat diese Verunglimpfungsstrategie im Neomarxismus der 1920er Jahre. Das „Versagen“ der Arbeiterklasse während des Ersten Weltkrieges hatte aus marxistischer Sicht gezeigt, dass die klassische Theorie nicht länger haltbar ist. Die Erwartung, dass die bürgerliche Gesellschaft an ihren ökonomischen Widersprüchen zugrunde gehen würde, erwies sich als Illusion.

Führende neomarxistische Intellektuelle zogen aus dieser Einsicht die Konsequenz, dass zur Herstellung einer revolutionären Situation zuerst die bürgerliche Gesellschaft und ihre Institutionen zerstört werden müssen. Als Ziel wurde die Herstellung kultureller und politischer Hegemonie ausgegeben, namentlich an den Universitäten, in den Medien und im Kulturbetrieb.

Die PC ist das unmittelbare Produkt dieser kulturrevolutionären Strategie. Im Kern geht es ihr nicht um die berechtigten Interessen unterdrückter Minderheiten, um Emanzipation und Selbstbestimmung. Die sind nur Mittel zum Zweck. Vielmehr geht es den Ideologen der PC um die Zerstörung der europäischen bürgerlichen Welt bzw. dem, was davon übrig geblieben ist.

Überdeutlich wird das an der permanenten Radikalisierung einschlägiger Forderungen. Ging es in der Folge der Bürgerrechtsbewegungen der 60er Jahre zunächst um die Abstellung sprachlicher und vor allem faktischer Diskriminierungen von Frauen, außereuropäischen Ethnien und sexuellen Minderheiten, so zielt die neue PC – die sich seit Anfang des neuen Jahrhunderts ausgehend von den USA ausbreitet – auf eine Art Konfrontationsschutz gegenüber allem, was als persönlich verletzend empfunden werden könnte. Konsequent zu Ende gedacht, ist das so gut wie alles: der europäische Kunst- und Literaturkanon, die Architektur unserer Städte, ihre Denkmäler und der wissenschaftliche Rationalismus, der aus dieser Sicht einem europäischen Logozentrismus entspringt.

Kurz: Wäre die neue PC ehrlich und konsequent, müsste sie den Abriss halb Europas propagieren und die Eliminierung unserer Kultur- und Wissenschaftstradition.

Was ist das? Ersatzreligiosität? Selbsthass? Hypermoralismus? Vermutlich alles zusammen. Vor allem aber ist es Ausdruck eines bedenklichen Eskapismus, einem Unvermögen, sich der Welt zu stellen, die Weigerung, erwachsen zu werden. Es ist das Resultat einer Weltfluchtagenda, in der die in den Geisteswissenschaften mitunter kultivierte Übertheoretisierung und häufig geradezu kontrafaktische Weltbeschreibung eine unglückliche Verbindung eingeht mit der Realitätsverweigerung von auf Selbstverwirklichung und Identitätsfindung zielenden Jugendlichen oder Sinnsuchern.

Bezeichnenderweise wird diesem Denken gerade die Buntheit der Welt, für die man zu kämpfen glaubt, zum eigentlichen Feind. Trotzköpfig und fanatisch fordert man das Recht auf einen kulturellen Schutzraum, ein „right to be comfortable“, ein Recht auf Behaglichkeit.

Das alles könnte man als unfreiwillig komische Degenerationserscheinung von Wohlstandsgesellschaften abtun. Doch das wäre leichtfertig. Insbesondere für die Geisteswissenschaften können Bewegungen wie die PC langfristig zu einem Legitimationsproblem führen. Zumindest dann, wenn der überwiegende Teil der Steuerzahler den Eindruck hat, hier würden weltfremde Spinner ihr esoterisches Süppchen kochen.

Werturteilsfreiheit der Wissenschaften

Vor allem aber gefährdet die PC den Geist unabhängiger Wissenschaft selbst. Eine Wissenschaft mit Denkverboten und Sprachregelungen, in der ganze Themen und Fragen nicht mehr behandelt werden dürfen und Diskussionsveranstaltungen nicht nach Qualifikation, sondern nach „moralischen“ Maßstäben besetzt werden, ist keine Wissenschaft mehr.

»Vor allem aber gefährdet die PC den Geist von unabhängiger Wissenschaft selbst.«

Man braucht nicht semesterlang Max Weber studiert zu haben, um darauf zu pochen, dass die Wissenschaften, insbesondere die latent ideologieanfälligen Geistes- und Sozialwissenschaften, am heuristischen Ziel der Werturteilsfreiheit mit Nachdruck festzuhalten haben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass diese Werturteilsfreiheit aus bekannten Gründen nie vollständig zu erreichen ist. Die Alternative wäre Ideologieschulung. Doch die hat in einer Universität nichts zu suchen.

Für Wissenschaftler (und auch Studenten) aller Fakultäten sollte das gelten, was der große Journalist Hanns Joachim Friedrichs Moderatoren empfahl: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“.

Das ist natürlich ein frommer Wunsch. Doch wie wichtig es ist, hin und wieder daran zu erinnern, zeigen die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

 

A U T O R

Dr. Alexander Grau ist freier Publizist, Kultur- und Wissenschaftsjournalist.


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