Ein Kreis mit Symbolen aus der Wissenschaft
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Exzellenzinitiative
Was ist exzellente Wissenschaft?

Die Reform der Exzellenzinitiative soll das Hochschulwesen verbessern. Doch sind die großen Probleme erkannt und einer Lösung näher gebracht?

Von Bernhard Kempen Ausgabe 5/16

Seit über einem Jahr ringen Bund und Länder vor und vor allem hinter den Kulissen um die Struktur einer erneuerten Exzellenzinitiative. Dabei könnte es ja ganz einfach sein. Man müsste nur der Imboden-Kommission folgen. Immerhin waren hier Sachverständige am Werk, die im Auftrag der GWK in intensiver Arbeit tief in das innere Getriebe der Exzellenzinitiative geschaut haben und sehr plausible und praktikable Empfehlungen für deren Fortsetzung gegeben haben, Empfehlungen übrigens, die sich mit den Vorschlägen des DHV weitgehend decken.

Nach der GWK-Entscheidung vom 22. März soll es zukünftig nur noch zwei statt drei Förderlinien geben. In Befolgung der Imboden-Empfehlungen will man die Graduiertenschulen als eigene Förderlinie fallen lassen. Die Exzellenzcluster sollen flexibler werden. Zukunftskonzepte sollen weiter eine Rolle spielen. Die Exzellenzuniversitäten sollen auch wegen ihrer zurückliegenden Leistungen honoriert werden, zwei Exzellenzcluster sollen sie aber mindestens eingeworben haben, um überhaupt eine Exzellenzprämie erfolgreich beantragen zu können.

Mit dieser Voraussetzung entfernt sich die GWK weit von den Imboden-Empfehlungen. Dort wollte man die Leistungen einer Universität klugerweise in Relation zu ihrer Größe setzen. Die Hürde von zwei Exzellenzclustern dürften kleinere Universitäten aber kaum überspringen. Dass mehrere Universitäten auch im Verbund den Exzellenzstatus beantragen dürfen, ist da nur ein schwacher Trost, denn auch hier muss jede einzelne wenigstens ein Exzellenzcluster vorweisen.

Zukunftskonzepte bilden eigene Förderlinie

Eine Abkehr von den Zukunftskonzepten als eigene Förderlinie wäre besser gewesen. So viel universitäre Zukunft, wie in den zurückliegenden Exzellenzrunden zu Papier gebracht wurde, gibt es nicht und konnte es nie geben. Es verhält sich so, wie mit den meisten Neujahrsvorsätzen: mehr Sport treiben, länger schlafen, gesünder essen – das geht drei, vier Wochen lang gut, bevor die Sachzwänge des Alltags Oberhand gewinnen.

Freilich, der selbstreflexive Akt des Vorsatzfassens ist dabei schon für sich genommen etwas wert und die dreiwöchige Standhaftigkeit auch. Aber zu einer lange andauernden, nachhaltigen Verbesserung führen die Neujahrsvorsätze kaum.

Und so wird in Erinnerung bleiben, dass die Universitäten aus dem Trott der Mangelverwaltung gerissen wurden, sich Gedanken über eine bessere Zukunft machten und auf diese Weise eine Zeit lang eine eigene Dynamik, mitunter aber auch einen eigentümlichen Aktionismus entfalteten. Kritisch wird bei alledem zu resümieren sein, dass diese Prozesse nicht notwendig ursächlich für Verbesserungen in der Forschung geworden sind und dass die konzeptionelle Neuausrichtung in einzelnen Universitäten auch durchaus schädliche Nebenfolgen hervorgerufen hat.

Die externe Bewertung der Zukunftskonzepte war eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie fiel der DFG und dem Wissenschaftsrat nicht schwer. Konsistenz, Plausibilität, Realisierbarkeit, Forschungsadäquanz und Innovationskraft von Zukunftskonzepten sind allerdings kurioserweise einfacher zu beurteilen als wissenschaftliche Leistungen der Vergangenheit. Die These, derzufolge die Idee flüchtig, die Tat aber gewiss sei, findet hier ihre Widerlegung: Die universitäre Zukunftsidee ist sicher, die wissenschaftliche Tat ist flüchtig. Denn was ist exzellente Forschung?

Exzellente Forschung verlangt überdurchschnittlich großen Erkenntnisfortschritt

Eine einfache, aber deswegen nicht falsche Antwort lautet bezogen auf die Forschung: Exzellente Forschung weist sich durch einen überdurchschnittlich großen Erkenntnisfortschritt gegenüber dem bisherigen Erkenntnisstand aus. Daraus ergeben sich zwei Folgen:

Erstens, exzellente Forschung ist auf jedem Wissensgebiet möglich, unabhängig von dessen tatsächlicher oder vermeintlicher Relevanz für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Zweitens, bei der Suche nach exzellenter Forschung ist das universitäre Grundrauschen der Drittmitteleinwerbungen, Zitationen, Patente und Ehrenauszeichnungen weitgehend auszublenden, denn es gibt allenfalls indirekte Hinweise auf die Existenz herausragender Forschung. Nur in einem streng wissenschaftsgeleiteten Begutachtungsverfahren kann exzellente Forschung identifiziert werden.

Nun geht es der GWK aber nicht nur um exzellente Forschung, sondern um exzellente Universitäten. Das kann man verstehen, gutheißen muss man es nicht. Für den politischen Wunsch, die Komplexität wissenschaftlich exzellenter Forschungsleistung dadurch zu reduzieren, dass man sie erst gar nicht beim Namen nennt und stattdessen die Universität prämiert, an der diese Leistung erbracht wurde, für diesen Wunsch der Politik gibt es möglicherweise eine wenig schmeichelhafte Erklärung: Dahinter könnte das Eingeständnis stehen, wissenschaftliche Spitzenforschung nicht in einfache politische Botschaften übersetzen und vielleicht auch gar nicht verstehen zu können.

Kleine Fächer unter der Wahrnehmungsschwelle?

Wie dem auch sei. Wenn das politische Ziel verfolgt wird, exzellente Universitäten zu prämieren, dann muss das Problem von kleinen und großen Universitäten und das Problem von kleinen und großen Fächern gelöst werden: Die Vorstellung, dass sogenannte kleine Fächer der Geisteswissenschaften unter der Wahrnehmungsschwelle der Exzellenzinitiative bleiben könnten, ist unerträglich. Und der Gedanke, dass die exzellente Forschung an einer kleinen Universität unbeachtet bleiben wird, während die weniger exzellente an einer großen prämiert wird, ist nicht minder unerträglich nicht nur wegen der zu Tage tretenden Verteilungsungerechtigkeit, sondern vor allem wegen der demotivierenden Wirkung auf die exzellente Forschung am kleineren Standort.

Damit komme ich zu einem Begriffspaar, dessen zentrale Bedeutung für alle politischen Exzellenzübungen und -verrenkungen nicht überall gesehen wird: Motivation und Demotivation. Erstere gilt es zu bewirken, letztere zu vermeiden. Eigentlich sollte es bei der Exzellenzinitiative nur darum gehen. Es darf ihr nicht um hochglänzende Messingschilder an frisch lackierten Uni-Portalen gehen, nicht um die Verwandlung altehrwürdiger Universitätsgebäude in maritime Navigationshilfen, nicht um ein deutsches Harvard und auch nicht um die nächsten Landtagswahlen. Es sollte ihr vor allem darum gehen, wie es gelingen kann, mit pekuniären Anreizen die universitäre Forschung zu stimulieren.

Die pekuniären Anreize selbst sind überschaubar. 4,6 Milliarden in den zurückliegenden 10 Jahren sind viel, aber aufs Jahr gerechnet waren es "nur" 460 Millionen für mehr als 100 antragsberechtigte Universitäten, von denen dann in den sog. Eliteuniversitäten circa fünf Prozent ihres jeweiligen Jahresetats als zusätzliches Geld ankamen. Wir müssen nicht nach Amerika schauen, es reicht schon ein Blick auf die benachbarte ETH Zürich, um zu erkennen, dass die Summen nicht gigantisch sind. Aber ich will nicht nörgeln. Die symbolische Wirkung, die mit der staatlichen Extra-Prämierung einhergeht, ist als Motivationsfaktor durchaus relevant.

Unzureichende Grund­finanzierung

Wenn es um die Summen geht, scheint mir die immer noch unzureichende Grundfinanzierung der Universitäten das viel größere Problem zu sein. Ich fürchte, dass es Universitäten in den Bundesländern, die mit beiden Beinen fest auf der Kürzungsbremse stehen, vergleichsweise schwerer haben werden, als Exzellenzuniversitäten ausgezeichnet zu werden. Das ist etwa so, als wollten Sie von einem Pferd, das sie über Jahre bei halber Futterration in einem undichten Stall stehen ließen, den ersten Platz beim Springturnier erwarten.

Wenn wir schon die Wettbewerbsrhetorik verwenden, dann muss sichergestellt sein, dass faire Wettbewerbsbedingungen herrschen. Und das bedeutet, dass an vielen Standorten erst einmal die Grundvoraussetzungen für sehr gute Forschung geschaffen werden müssen.

Ein erster, notwendiger Schritt könnte dabei sein, dass die Länder dort, wo das nicht schon geschehen ist, die frei gewordenen BAföG-Mittel an die Hochschulen auskehren. Immerhin geht es hier um 1,2 Milliarden Euro pro Jahr, das ist in Relation zu den 460 Millionen der Exzellenzinitiative eine ordentliche Summe.

Im letzten Jahr habe ich das Verhalten der absprachewidrig agierenden Bundesländer als Schweinerei bezeichnet, und ich wiederhole das in diesem Jahr. Eine Schweinerei wird nicht besser dadurch, dass sie sich Jahr für Jahr wiederholt. Die Länder hatten sich verpflichtet, die vom Bund übernommenen und auf diese Weise frei gewordenen BAföG-Mittel jährlich an die Hochschulen auszukehren, und diese Verpflichtung müssen sie erfüllen.

Die 30.000 Mitglieder des Deutschen Hochschulverbandes und die Noch-Nicht-Mitglieder wissen: Wir können gerne über Exzellenzcluster und Exzellenzuniversitäten reden. Wer uns motivieren will, noch besser zu werden, muss aber achtgeben, dass er uns nicht – und sei es unbeabsichtigt – demotiviert. Das wäre fatal. Denn am Ende zählt nur unsere individuelle wissenschaftliche Leistung. Ich sage es ohne falsches Pathos: Wir sind die Wissenschaft.

Überarbeitete Fassung eines Vortrages gehalten zur Eröffnung des 66. DHV-Tages am 5. April in Berlin