Bürokratie
03 | März 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Erzählte Verwaltung

Bürokratisches Schreiben in der Literatur | Burkhardt Wolf

Als unser aller „Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber) erscheint die Bürokratie in etlichen Erzähltexten. Doch zeigt schon ein kurzer Blick auf diesen Topos der Weltliteratur nicht nur das Immer­gleiche, sondern unterschiedlichste „Verwaltungskulturen“.

Wie sähe ein Bühnenstück der Verwaltung aus? Ein stiller Beamter, der stundenlang am Bürotisch sitzt und sich nur gelegentlich regt, um dann kurz in seinen Akten zu blättern oder eine Notiz zu machen – dieses Szenario kann allenfalls ein Anti-Drama liefern, an dem kaum ein Publikum Gefallen finden dürfte. David Foster Wallace hat es als unmögliches Schauspiel der Bürokratie beschrieben – dies aber wohlgemerkt im Rahmen seines Romans The Pale King (postum erschienen 2011). Denn letztlich scheint die Bürokratie eine Angelegenheit des Erzählens. Wie Verwaltungsakten zustan­de gekommen sind, welche Folgen ein Verwaltungsakt haben kann und welche Medien, Menschen und Milieus die „Herrschaft des Büros“ überhaupt ermöglichen – all dies vermag offenbar nur ein Erzähltext aufzurollen.

Bürokratien „beobachten“ die Welt im Medium der Akten, um für jeden Einzelfall zu einer Entscheidung zu kommen, die ihrerseits in die Akten kommt. Literatur aber ermöglicht eine „Beobachtung zweiter Ordnung“, wie Niklas Luhmann sagt: Sie beobachtet, wie eine Verwaltung beobachtet, und macht dadurch „Ordnungsmöglichkeiten sichtbar, die anderenfalls unsichtbar blieben.“ Gerade indem sie „bürokratisch“ schreiben, also Verwaltungsakte in narrativen Akten reflektieren, können Erzählungen an Bürokratien sichtbar machen, was diese selbst nicht wahr- und zu den Akten nehmen: ihre eigenen blinden Flecken, ihre Dysfunktionen, Geheimnisse und Perversionen. Zur Behörde steht die Literatur in einem „kritischen“ Verhältnis.

Akten des „infamen“ Lebens

Dies gilt bereits für jene Epoche, da es „die Bürokratie“ als Wort noch gar nicht gab: für das Siglo de Oro Spaniens (ca. 1550-1650). Einerseits errichtete man hier nach Entdeckung der „Neuen Welt“ ein umfassendes Verwaltungssystem, das die fernen Ländereien und ihre Reichtümer, ihre Völker und ihre Neubesiedlung dokumentieren und kontrollieren sollte; und hierzu wurden zahllose Schreiber angestellt, endlos lange Aktenwege eingerichtet sowie unterschiedlichste Aufschreibesysteme (Fragebögen und Listen, Tabellen und Bilanzen) eingesetzt. Andererseits sollte Spanien selbst im Zuge seiner Reconquista in einen orthodoxen Einheitsstaat verwandelt werden, weshalb man nicht nur die ansässigen Juden und Mauren vertrieb, sondern auch alle Neuchristen der Scheinkonversion verdächtigte. Seit 1490 wurden, nicht selten angeregt durch Denunziationen, zahllose Conversos vor die staatliche Inquisition zitiert. Ihre Vernehmungen wurden protokolliert und als Fallberichte (relaciones de causas) zu den Akten genommen, um auf dem Amtsweg über das weitere Schicksal der Verdächtigen zu entscheiden. Inwiefern die Verhöre als ritualisierte Wahrheitsspiele vonstatten gingen, bei denen allenfalls plausible, zumeist jedoch schlechtweg fingierte Lebensläufe zu Protokoll gegeben wurden; und inwiefern die inquisitorische Beobachtung vormals unbehelligten, unbekannten und in diesem Sinne „infamen“ Menschen erstmals einen Lebenslauf machte – nichts Anderes wurde seit Erscheinen des Lazarillo de Tormes (1552) im Erzählgenre der novela pícaresca beobachtet. Mit dem „Schelmenroman“ mag, wie man behauptet hat, die Geburt des realistischen Erzählens von den „einfachen Leuten“ und ihrem betrüblichen Leben verbunden sein. Motiviert und provoziert wurde er jedoch allererst durch die Bürokratie.

„Bureaucratie“

Das pikareske Erzählen drehte sich um jenen Moment, da die Verwaltung auf die Lebenswelt zugreift. Als bureaucratie bezeichnete man seit Mitte des 18. Jahrhunderts indes eine Verwaltung, die sich auf lebensferne Weise verselbstständigt hat. Nachdem Ludwig XV. einen Großteil seiner souveränen Entscheidungsmacht einem Heer beamteter, zumeist mittelmäßiger und oft selbstherrlicher Schreiber übertragen hatte, prägte der Physiokrat Vincent de Gournay diesen Begriff. Als Wort war „die Bürokratie“ mithin immer schon so polemisch wie als Sache reformbedürftig. Es war Alexis de Tocqueville, der sie in seiner Studie Über die Demokratie in Amerika (1835/40) erstmals zu einem theoriewürdigen Thema aufwertete. Zugleich warf er hier erstmals einen vergleichenden Blick auf unterschiedliche Verwaltungskulturen: Öffentliche Ämter würden in den USA, anders als in Europa, durch kommunale Wahlen vergeben; die Bürokraten seien dort ohne Privilegien und jederzeit abzuberufen; doch hätten sie ungleich größeren Handlungsspielraum, so dass die Verwaltung in den USA weniger dem Gesetzesvollzug von oben diene als vielmehr der politischen Gestaltung von unten. Als Erblast des Ancien Régime bezeichnete Tocqueville nicht nur den Zentralismus der französischen Bürokratie, sondern auch das Amtsgebaren und die farblose, wenngleich gezierte Sprache der hiesigen Bürokraten. Als wollte er diese erste Habitusanalyse fortschreiben und selbst eine Verwaltungsreform anbahnen, entwarf Honoré de Balzac 1840 eine ganze „Physiologie des Beamten“ und definierte dabei die Bürokratie als jenes „Maximum an Schnüffelei, Kleinlichkeit, Schreibseligkeit, Papierbeschmierung“, das allenfalls der Papierindustrie zugutekommt. Beamte, die vormals ihrem Minister unterstellt waren, seien nunmehr einem anonymen Regime des „Berichts“ unterworfen, das alle Aktivität im Aktenverkehr erstickt und das zudem ins Grenzenlose wuchert, was wiederum eine Vermehrung des Bürokratenheers vonnöten macht. Unter diesen Vorzeichen verfasste Balzac 1844 dann den Roman Die Beamten als Teil seiner Comédie humaine. Balzacs Protagonist, ein heroischer Reformbürokrat, wird hier von den „parasitären“ Nutznießern des Apparats zu Fall gebracht, und weil das Verwaltungssystem so unverbesserlich wie unentrinnbar scheint, widmet er sein Talent fortan nur mehr der „freien“ Wirtschaft.

»Maximum an Schnüffelei, Kleinlichkeit, Schreibseligkeit, Papierbeschmierung.«

Die suspendierte ­Bürokratie

Auf den Gedanken, Geschäftsbürokratien seien das bessere Gegenstück der öffentlichen, konnte man freilich nur in Kontinentaleuropa kommen. Für die angelsächsische Welt sind sie, wie Max Weber sagt, „im Grundwesen ganz gleichartig“. Dies zeigt sich etwa an Herman Melvilles Erzählung Bartleby, The Scrivener (1853): Staatliche und private Bürokratien gehen hier nahtlos ineinander über, und auch die Anwaltskanzlei, in die Bartleby gelangt, bietet nur endlose mechanische Schreibarbeit. Doch ist Bartleby, dieser einer Verwaltungsreform wegen entlassene Beamte, ohnehin kein tatkräftiger Neuerer. Vielmehr quittiert er sämtliche Arbeitsaufträge mit den Worten I would prefer not to („ich möchte lieber nicht“). Diese Formel signalisiert weder Zustimmung noch Verweigerung, weder Bejahung noch Verneinung; als eigentümliche „Aperformanz“ suspendiert sie all jene Tatbestandsaufnahmen und Urteile, um die sich das administrative Geschäft der Kanzlei dreht. Letztlich wird Bartleby wieder zu jenem Hüter einer alternativen Daseins- und Verwaltungsordnung, der er von jeher war. Denn ehe er in die Kanzlei kam, war er aus dem dead letters office (dem seit 1825 eingerichteten US-Amt für unzustellbare Briefe) entlassen worden, das sich den Dokumenten dessen widmet, was einmal hätte sein können, aber nie verwirklicht wurde: Briefen ohne Empfänger, „toten Buchstaben“ und unwirksamen Schreibakten. Während das office eine suspendierte, bloß potenzielle und niemals aktuell gewordene Welt verwaltet, suspendiert Bartleby die Verwaltung aktueller Angelegenheiten. Fast unnötig zu sagen, dass er damit jene Rolle spielt, die für Melville das literarische Schreiben im Verhältnis zum bürokratischen übernehmen soll.

Die Bürokratie als Kulturträger

Literatur und Bürokratie unterhalten in unterschiedlichen Verwaltungskulturen auch unterschiedliche Beziehungen. Österreich etwa hat nicht nur deshalb eine besonders reiche Tradition bürokratischen Schreibens, weil hier bereits die ersten Dichter Bürokraten, Bürokraten aber von jeher literarisch ambitioniert waren. Als „Bürokratie“ verstand man im Habsburger Reich mit seinen heterogenen Kulturen und Nationalitäten jenen Amtsadel, der hier neben dem Militär und Kaiser allererst Zusammenhalt stiftete. Habsburg werde „nicht regiert, sondern verwaltet“, stellte bereits Metternich fest, weshalb die Bürokraten hier als Kulturträger gelten konnten und jener „habsburgische Mythos“, den man als Folie der österreichischen Literaturgeschichte beschrieben hat, auf die Figur des Bürokraten zentriert ist. Bei Autoren wie Joseph Roth, Franz Werfel oder Stefan Zweig geriet nach 1918 die Rückschau auf die „Welt von gestern“ zur nostalgischen Liebeserklärung an die kaisertreuen Reichsbeamten, die zwischen den Maßen unterschiedlichster Lebenswelten und der reichseinheitlichen Ratio noch „billig“ zu vermitteln mochten. Weniger verklärend erzählte hingegen Robert Musil von einem untergegangenen „Kakanien“, das zwar keine zureichenden Daseinsgründe hatte, dessen „königlich ungarische“ und „kaiserlich königlich österreichische Stücke“ aber zumindest vom „papierweißen Arm der Verwaltung“ zusammengehalten wurde. Franz Kafka wiederum, den man jahrzehntelang als düsteren Propheten einer totalitären Bürokratie gelesen hat, war tagsüber (als Angestellter einer halbstaatlichen Versicherungsgesellschaft) der Fürsprecher einer wohlfahrtsstaatlichen Reformbürokratie. Sein nächtliches Schreiben aber begriff er als fortgesetztes „Im-Dienst-Sein“. Kafkas Texte entwerfen deshalb weniger Schreckensszenarien der Verwaltung, als dass sie die Amtswürden kaiserlicher, gerichtlicher und bürokratischer Figuren humoristisch desavouieren, bürokratische Apparate (wie den der Hollerith-Maschine in der Strafkolonie) fachgerecht demontieren und die Expansion der modernen „bürgernahen“ Bürokratien (wie diejenige, die „Schloß“ und „Dorf“, Amt und Leben ununterscheidbar macht) narrativ kartographieren.

Die literarische Kritik der ­Reform

Kafkas Texte sind bereits von jenen Diskursen informiert, die im 20. Jahrhundert zum Umbau öffentlicher Verwaltungen führen sollten. Vom scientific management über die Human-Relations-Bewegung bis hin Human-Ressource-Paradigma bemühte man bürokratiekritische Anregungen nicht nur von wirtschaftlicher, sondern auch von künstlerischer Seite. Doch dass seit den 1980er Jahren mit der Agenda eines New Public Management hoheitliche Aufgaben an Privatunternehmen vergeben und künstlerische Diagnosen zu Managementideen wurden, hat die literarische Kritik der Bürokratie auch im Zeitalter ihrer Optimierung nicht verstummen lassen. Anders als noch Tocqueville macht etwa Wallace gerade die „antibürokratische Mentalität“ der USA für den Schwund ihres Bürgersinns verantwortlich. Ausgehend vom Umbau der größten US-Finanzbehörde rekonstruiert The Pale King die Expansion neoliberaler Programme und Praktiken: In deren Zuge sei die Bürokratie zu einem Unternehmen geworden, das Gewinnmaximierung über Gerechtigkeit und die Ausschöpfung aller verfügbaren Ressourcen über das alte Ethos der Bürokraten stelle. Waren Verwaltungschefs vormals noch kleine Souveräne, so sind sie nunmehr zu erschöpften und „bleichen Königen“ geworden. Worum sich Wallaces Bühnenstück also letztlich dreht, ist nicht nur die – im Theater unerträgliche – Langeweile der Verwaltung; man kann es als „postdramatisches“ Requiem für jene Bürokraten sehen, deren Abgang auch die erzählte Verwaltung an ihr Ende kommt lässt.

 

A U T O R

Burkhardt Wolf ist Heisenberg-Stipendiat der DFG und derzeit Vertretungsprofessor an der LMU München.


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