Gesellschaft
04 | April 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Alte Heimat, neue Heimat?

Die Rückbesinnung auf das Eigene in einer globalisierten Welt | Karl-Heinz Kohl

Die europäischen Industrienationen haben sich nie als Einwandererländer verstanden. Inzwischen sind sie es jedoch faktisch – mit allen damit verbundenen Herausforderungen wie Identitätsverlusten, Fremdheitsgefühlen und der Tendenz, zu traditionellen Ordnungsmustern zurück­zukehren. Eine Analyse aus ethnologischer Perspektive.

Die großen globalen Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte haben einen Prozess ausgelöst, den man in der neueren sozialanthropologischen Forschung unter den Begriff einer „Deterritorialisierung von Kultur“ zu fassen versucht. Sprach man früher von Kulturkreisen, so war dabei die begrenzte geographische Verbreitung nicht nur von einzelnen Kulturen, sondern auch von sich in ihren Grundzügen ähnelnden Kulturen gleich mitgedacht. Diese Einheit ist heute nicht mehr gegeben. Insbesondere in den großen westlichen Industrieländern finden sich zahlreiche kulturelle Diasporen, deren Angehörige sich von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft durch ein bewusstes Festhalten an dem Wert- und Normengefüge, an den religiösen Überlieferungen und oft auch am Lebensstil ihrer geographischen Herkunftskultur unterscheiden. In einigen Fällen ist es inzwischen sogar so, dass sich heute mehr von ihnen im Ausland aufhalten als in den Regionen, aus denen sie ursprünglich stammten. So übertrifft zum Beispiel die Zahl der Bewohner der Pazifikinsel Guam, die sich in den USA niedergelassen haben, die der auf der Insel gebliebenen bei weitem.

Auswandern heute

Der indisch-amerikanische Kulturanthropologe Arjun Appadurai hat für solche Gruppen schon vor zwanzig Jahren den Begriff ethnoscapes geprägt: Gemeinschaften von Menschen, die räumlich verstreut leben und weltweit miteinander vernetzt sind, die sich durch ihre gemeinsame Sprache und Herkunft verbunden fühlen, aber insgesamt doch sehr flexibel und an ihren Rändern offen sind. Das hat sich inzwischen allerdings geändert. Aus den früher eher lockeren Bindungen sind feste soziale Beziehungsgefüge geworden, die ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl kennzeichnet. Beigetragen hat dazu paradoxerweise die wachsende Mobilität. Die enorme Zunahme und die Verbilligung des internationalen Flugverkehrs haben dazu geführt, dass wiederholte Besuche in der alten Heimat auch für ärmere Migranten erschwinglich geworden sind. Eine noch bedeutendere Rolle spielen die modernen Kommunikationsmedien. Wer will, kann heute tagtäglich über die Kontinente hinweg mit Verwandten sprechen, Geldtransfers sind in Minutenschnelle erledigt, und wer es im Ausland zu etwas gebracht hat, demonstriert dies in seinem Heimatort gern, indem er sich dort schon einmal seinen Alterswohnsitz errichten lässt.

Hierin besteht ein wesentlicher Unterschied zu den Auswanderergenerationen früherer Zeiten. Die oft wochenlange und kostspielige Schiffsreise in die Neue Welt wurde im Bewusstsein angetreten, damit der alten Heimat für immer den Rücken zu kehren. Dementsprechend hoch war der Integrationswille. Die Anpassung an die Sprache und Kultur des Gastlands war meist bereits in der zweiten Generation vollzogen. Die Kinder schämten sich des ausländischen Akzents und Gehabes ihrer Eltern. Dieser Anpassungsdruck ist in den ehemaligen britischen Siedlerkolonien bis heute stark geblieben.

Zuwanderer und Mehrheits­gesellschaft

Die europäischen Industrienationen haben sich dagegen nie als Einwandererländer verstanden. Viele von ihnen sind es aber nach der Auflösung der alten Kolonialreiche faktisch geworden, ohne entsprechende politische Konzepte entwickelt zu haben. In Deutschland sahen die Verhältnisse etwas anders aus. Vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte verstand man bei uns das Bekenntnis zu Kosmopolitismus und Multikulturalismus auch als Distanzierung von jeder Form nationalsozialistischen Gedankenguts. Während es in England und Frankreich bald zu ethnischen Ghettobildungen kam, trug in Deutschland die zu einem Teil zur Staatsräson gewordene Offenheit gegenüber allem Fremden zu einer in vielen Fällen gelungeneren Integration bei. Die Willkommenskultur existierte bereits lange, bevor das Wort erfunden wurde und sie im Herbst 2015 ihren Höhe- und wenige Monate danach ihren Wendepunkt erreichte.

Allerdings ist die Umkehr, die sich in anderen Ländern schon weit früher abzuzeichnen begann, nicht nur eine Folge des stetig wachsenden Zustroms von Flüchtlingen. Das in Deutschland und etwa auch in Kanada zunächst erfolgreiche Konzept des Multikulturalismus scheiterte an einer Entwicklung, die man mit einem parallelen Schlagwort als Multilokalisierung von Kultur bezeichnen könnte. Nicht mehr dazu genötigt, sich an die Vorgaben der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, entdeckten die Zuwanderer die kulturelle Identitätspolitik als Mittel zur Durchsetzung ihrer partikularen Interessen. Unterstützt wurden sie dabei von einer kosmopolitisch orientierten liberalen Öffentlichkeit, von Teilen der Medien und nicht zuletzt auch von der Wirtschaft. Die Wiederentdeckung der eigenen kulturellen Wurzeln erfolgte dabei zu einem Zeitpunkt, zu dem sich weltweit Retraditionalisierungsprozesse beobachten ließen, die durch den als Bedrohung empfundenen Globalisierungsprozess ausgelöst und von ihm zugleich befördert wurden. Sie finden sich nicht nur in islamisch, sondern auch in hinduistisch und buddhistisch geprägten Kulturen. Unter den indigenen Bevölkerungsgruppen der ehemaligen britischen Siedlerkolonien sind sie nicht weniger stark.

»Das selbstbewusste Auftreten der Mi­gran­ten wird von
breiteren Bevölkerungskreisen als Provokation empfunden.«

Symbole ihrer religiösen und ethnischen Zugehörigkeit werden von den Migrantengruppen in den westeuropäischen Großstädten heute offen zur Schau getragen. In London etwa gehören Schleier, Niqab und Sikh-Turbane zum alltäglichen Straßenbild. Moscheen haben ihren Weg aus den Hinterhöfen gefunden und beginnen, in ihrer Prachtentfaltung mit den Kirchen zu wetteifern. Das selbstbewusste Auftreten der Migranten, die auch die Medien dazu nutzen, ihre demokratischen Rechte auf kulturelle und religiöse Selbstbestimmung einzufordern, wird von breiteren Bevölkerungskreisen als Provokation empfunden. Zur Verstärkung dieser Affekte tragen die bewusst zu diesem Zweck inszenierten Terroranschläge noch bei. Faktisch aber dürften sie eine andere Wurzel haben. Ethnologische Studien haben immer wieder gezeigt, welche konstitutive Rolle die Abgrenzung gegenüber dem als kulturell Fremden konzipierten Anderen bei der Herausbildung eines einheitlichen Wir-Gefühls spielt.

Gegenbewegungen

Infolge dieser Konfrontation formieren sich heute unterschiedliche Strömungen und Gegenbewegungen, die als populistisch abzutun zu einfach wäre. Denn ihre Einstellung gegenüber den ethnischen Minderheitengruppen ist durchaus ambivalent. In ihrer relativen Geschlossenheit, Überschaubarkeit und Ausrichtung an traditionellen Ordnungsmustern repräsentieren sie einen Zustand, nach dem sich mancher zurücksehnen mag, dem das Leben in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft zu viele Entscheidungen abfordert. Darauf verweist unter anderem die relativ hohe Zahl der Konvertiten zum Islam. Was sie aber weit häufiger evozieren, ist eine Rückbesinnung auf das Eigene, die in der Wiederkehr sogenannter primordialer Bindungen zum Ausdruck gelangt: den noch aus der frühen Kindheit stammenden Gefühlen der Zugehörigkeit zu den nächsten Verwandten, zu der Sprache, mit der man aufgewachsen ist, und zu jener überschaubaren Örtlichkeit, die wir im Deutschen Heimat nennen. Aggressiver Fremdenhass, der in Gewalttätigkeiten mündet oder zu solchen aufruft, ist dagegen eher selten. Bezeichnenderweise findet er sich kaum in den urbanen Agglomerationen, in denen das Zusammenleben mit Menschen anderer ethnischer Herkunft schon seit vielen Jahrzehnten zum Alltag gehört.

Ob und wie sich die gegenwärtig abzeichnenden Konflikte zwischen unterschiedlichen kulturellen und normativen Orientierungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt der westlichen Industrieländer auswirken werden, lässt sich schwer voraussagen. Weit eher als zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen dürften sie dazu führen, dass ein regional bezogener Kommunitarismus an die Stelle eines Kosmopolitismus tritt, dessen Identifikationsmuster möglicherweise zu schwach sind, um dem wachsenden Bedürfnis nach festen Zugehörigkeiten standzuhalten. Wie ausgeprägt die Sehnsucht nach face-to-face-Gemeinschaften heute ist, tritt vielleicht nirgends deutlicher zutage als in dem Bestreben, sie in der Face­book-Gesellschaft zumindest virtuell zu erzeugen.

 

A U T O R

Karl-Heinz Kohl ist em. Professor am Institut für Ethnologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zur Zeit ist er Fellow am Institut für die Wissen­schaften vom Menschen in Wien.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken