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04 | April 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Man kann bei der Wissenschaft nichts bestellen

Über Wissenschaft und gesellschaftliches Handeln | Dieter Lenzen

Weltweit demonstrieren Menschen für die Freiheit der Wissenschaft, die wissenschaftliche Wahrheit und gegen den Missbrauch von Fakten. Dabei stellen sich auch Fragen nach dem Kern der Wissen­schaft, nach ihren Defiziten und grundsätzlich nach der Bestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft.

Forschung & Lehre: Wissenschaftliche Erkenntnisse, Expertenwissen und Eliten werden weltweit denunziert, das „Intellektuelle“ gar verachtet. Wie erklären Sie sich diesen Verlust an Vertrauen in die Wissenschaft?

Dieter Lenzen: Ich glaube nicht, dass die Diagnose so zutreffend ist. Ergebnisse der Wissenschaft und Wissenschaftler sowie Wissenschaftlerinnen werden keineswegs überall denunziert. In Asien beispielsweise existiert weithin eine große Wertschätzung. Und: Nicht jeder Typ von Wissenschaft steht in der Kritik. Soweit Wissenschaft, insbesondere Natur- und Ingenieurwissenschaften, technisch und ökonomisch verwertbare Erkenntnisse hervorbringen, wird dieses von Wirtschaft und Politik weiterhin begrüßt. Demgegenüber haben die Geistes- und Sozialwissenschaften (die „Humanities“) insbesondere in den westlichen, kapitalistisch orientierten Gesellschaften Probleme, wenn sie das Feld empirischer Analysen verlassen oder theoretische Erörterungen in politischen Handlungsempfehlungen münden lassen. Das gilt verstärkt dann, wenn diese Handlungsempfehlungen mit Freiheitsverlusten oder Kosten für die öffentlichen Haushalte einhergehen, zum Beispiel in der Umweltpolitik, der Bildungspolitik, der Sozialpolitik.

Forschung & Lehre: Haben Wissenschaftler einen Anteil daran?

Dieter Lenzen: Ja, die Wissenschaft hat einen Anteil daran, als sie im Gefolge der Siebzigerjahre die positivistische Idee der Weltneutralität aufgab, dieses aus der Einsicht, dass Erkenntnis ohne dies nicht interessenfrei gewinnbar ist (die frühe Position der kritischen Theorie). Wenn dann, womöglich parteilich gebundene, Wissenschaftler sich dazu verführen ließen, Forschungsergebnisse entsprechend politischen Erwartungen zu „kochen“ oder zu „kämmen“ und so Widersprüche innerhalb der Wissenschaften zu ein und demselben Thema entstanden, war der Glaubwürdigkeitsverlust für die Öffentlichkeit vorgeprägt. Für jeden politischen Zweck schien sich ein korrumpierbarer Wissenschaftler aus Gründen der Eitelkeit, des „Gefragtseins“ finden zu lassen. Auch wenn dieses absolut nicht der Normalfall ist, wird dieser Eindruck doch durch die mediale Konfrontation unterschiedlicher „wissenschaftlicher“ Ergebnisse verstärkt.

F&L: Wie können Universitäten und Wissenschaftler so für ihre Sache streiten, dass sie Gehör finden? Wie lässt sich solches Engagement mit der Notwendigkeit der Distanz der Wissenschaft zur Gesellschaft vereinbaren?

Dieter Lenzen: Die gegenwärtigen hochspezialisierten Wissenschaften leiden unter einem Epistemologie-Defizit. Es gibt nicht wenige Bereiche, in denen der Unterschied zwischen empirischer Gewissheit und normativer Wahrheit nicht mehr gewusst wird. Es bedarf besonderer Anstrengungen auch bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, egal welchen Fachs, solche grundlegenden Differenzen wieder bewusst zu machen. Das bedeutet nicht, dass es Wissenschaft verboten ist, sich zu gesellschaftlichen Normen zu äußern. Im Gegenteil. Aber die feine Trennlinie zwischen einem empirischen Ergebnis und einer Handlungsnorm muss sauber gezogen werden. Aus einem empirischen Ergebnis folgt für das Handeln zwingend nichts. Empfehlungen für das gesellschaftliche Handeln müssen auf empirischen Gewissheiten aufruhen. Sie bedürfen aber immer einer transparenten zusätzlichen Handlungsnorm, wenn sie in doppelter Weise wahr sein sollen, im Sinne der Tatsachengewissheit und im Sinne diskursiver Wahrheit. Wissenschaft ist nicht Politik, sondern sie dient ihr, aber nicht nur ihr. Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch zu erfahren, wenn die Trennlinie zwischen Wissen und Wollen überschritten wird.

F&L: Gibt es dennoch im 21. Jahrhundert Argumente, die für den Wissenschaftler im Elfenbeinturm sprechen?

Dieter Lenzen: Man kann diese Position gern mit der Elfenbeinturmmetapher denunzieren. Als diese erfunden wurde, galt Elfenbein allerdings noch nicht als Naturfrevel. Wissenschaftliche Forschung und Lehre muss sich in erster Linie aus sich selbst rechtfertigen. Diese Voraussetzung für die Gewinnung jeder Wahrheit muss die Gesellschaft offenkundig allererst wieder verstehen.

F&L: Kann die Wissenschaft einen Beitrag dazu leisten, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern? Wenn ja, welchen?

Dieter Lenzen: Grundsätzlich gilt: Man kann bei der Wissenschaft nichts bestellen. Auch nicht Hilfe und Tricks für den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Wissenschaft ist nicht dazu da, Sozialingenieure zu produzieren. Aber dann doch: Historische Forschung beispielsweise, Kulturgeschichte, Soziologie und Psychologie und viele andere Disziplinen können zeigen, was geschieht, wenn innerhalb von Gesellschaften oder Gemeinschaften gefährliche Differenzen entstehen und sie können darlegen, unter welchen Bedingungen Differenzen grundsätzlich zu bewältigen sind. Welche solcher Maßnahmen dann tatsächlich zur Anwendung kommen, liegt in der Verantwortung der Politik, nicht der Wissenschaft.

F&L: Lässt sich die Hoffnung aufrechterhalten, dass universitäre Bildung – auch – der „Humanisierung der Menschheit“ dient?

Dieter Lenzen: Das Ziel einer „Humanisierung der Menschheit“ muss mehr als eine Hoffnung sein und es darf nicht aufgegeben werden. Für die Pädagogik des 19. Jahrhunderts erfüllte sich diese Erwartung durch die Idee einer „Höherbildung der Menschheit“. Sie bestand darin, dass aufgeklärte gesellschaftliche Subjekte in der Lage und bereit sein würden, ihre Konflikte vernunftbasiert und nicht affektgesteuert auszutragen. Dieses ist das Credo der abendländischen Aufklärung seit mehr als 200 Jahren. Die rasante, durch einen hemmungslosen Ökonomismus beschleunigte Globalisierung hat dieses Ziel aus dem Blick genommen. Der größte Teil des Globus ist dieser Vorstellung (noch) nicht verpflichtet. Umso mehr wird es darauf ankommen, auf Bildung als das Integrationsmoment schlechthin zu setzen. Mehr als 70 Jahre vernunftvoller Friede in Europa zeigen die, ja: Schönheit (!) dieser Idee. Wer im vernünftigen Sinne „höhergebildet“ ist, ist zur „aisthesis“ befähigt. Das heißt: Die in diesem Sinne Gebildeten vermögen das Leiden der anderen wahrzunehmen und ihnen vernünftig und nicht gewalttätig zu begegnen.

F&L: Am 22. April finden weltweit und auch in Deutschland Demonstrationen für die Freiheit der Wissenschaft („March for Science“) statt. Werden Sie daran teilnehmen?

Dieter Lenzen: Auf jeden Fall.

Die Fragen stellte Vera Müller.

 

A U T O R

Professor Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg. Foto: Pressebild.de – Bertold Fabricius


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