Freiheit der Wissenschaft
05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

„Niemand will mehr gegen den Strom schwimmen“

Ein Professor wehrt sich gegen den Vorwurf, rechtsradikal zu sein | Jörg Baberowski

Ein Osteuropa- und Gewaltforscher wird von einer trotzkistischen Gruppe verfolgt. Wie verändert das seine Tätigkeit als Hochschullehrer? Was macht es mit ihm persönlich und warum hält er seine Situa­tion für ein Zeichen schwindender Wissenschaftsfreiheit?

Forschung & Lehre: Herr Professor Baberowski, von welchem Plakat haben Sie sich zuletzt in den Gebäuden der HU entgegengeblickt?

Jörg Baberowski: Vor ein paar Tagen sah ich ein Flugblatt dieser Sekte, auf dem mein Kopf und ein Hakenkreuz zu sehen war. Die Kampagne nimmt schlimme Formen an. Ich schaue, wo Plakate hängen oder Flugblätter verteilt werden, reiße sie ab und sammele sie ein. Sonst macht es ja keiner.

F&L: Mit „Sekte“ meinen Sie Mitglieder der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), die Ihnen vorwirft, rechtsradikal und gewaltverherrlichend zu sein?

Jörg Baberowski: Genau. Die Kampagne wird von einem Psychologen geleitet. Er ist das Hirn dieser kleinen Sekte und versteht es, den Psychoterror gut zu inszenieren. Unterstützt wird er von sechs oder sieben alten Männern aus der linksextremen Szene Westberlins und drei Studenten der Jugendorganisation der SGP, der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE). Er hat diese ahnungslosen Studenten in der Hand, die tun, was er von ihnen verlangt. Mich erinnert das an Scientology.

F&L: Kennen Sie die Studierenden aus Lehrveranstaltungen?

Jörg Baberowski: Sie sind an meinem Institut, waren aber nie in meinen Lehrveranstaltungen. Das wagen die gar nicht – ein Mechanismus, der für extremistische Gruppen typisch ist: Wenn man jemanden vernichten möchte, muss er abstrakt bleiben. Man könnte ihn ja sonst als Menschen wahrnehmen.

F&L: Das klingt nach einer Analyse auf Grundlage Ihres Forschungsgebiets…

Jörg Baberowski: Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit Stalinismus und Gewaltforschung und damit, wie man Menschen in Furcht und Schrecken versetzt und sie ausgrenzt: Man diskreditiert sie, schließt sie vom Diskurs aus und stigmatisiert sie in der Öffentlichkeit. Alle Diktaturen verfahren auf diese Weise. Aus diesem Arsenal bedient sich die Sekte. Fünf unbedeutende Personen, die niemand ernst nimmt, können erreichen, dass ein Kollege wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler oder ich selbst in der Öffentlichkeit als umstritten gelten. Es ist so absurd, dass man es sich gar nicht vorstellen mag, aber es passiert.

F&L: Was macht die Gruppe konkret?

Jörg Baberowski: Wo immer ich auftrete, sind sie auch, machen Fotos und Mitschnitte und behaupten danach etwas, das ich gesagt haben soll. Sie verwenden falsche Namen, kontaktieren Kollegen von mir und warnen davor, dass ein gefährlicher Rechtsextremist an der HU lehre. Sie beliefern andere Universitäten, an denen ich Vorlesungen halte, mit Falschinformationen. Solche Briefe schicken sie auch an ausländische Universitäten, deren Rektoren mich gar nicht kennen und nicht wissen, was sie mit solchen Informationen anfangen sollen. An der HU hält die Sekte ihre Veranstaltungen in den besten Räumen zur besten Zeit ab, weil ihre „Jugendorganisation“ vier Sitze im Studentenparlament hat und deshalb nicht daran gehindert werden kann – obwohl sie bei einer Wahlbeteiligung von sieben Prozent weniger als ein Prozent der Studenten vertritt.

F&L: Fühlen Sie sich nur als Wissenschaftler angegriffen oder auch persönlich bedroht?

Jörg Baberowski: Die Sekte ist eine Psychoterror-Gruppe. Sie ist zu klein, um ihre kriminelle Energie in Gewalt umzuwandeln. Außerdem wissen die Extremisten, dass ich sie anzeige, wenn sie die Schwelle überschreiten. Vorsicht ist allerdings geboten, weil Trittbrettfahrer auf den Zug aufspringen können. Inzwischen kennen mich viele Menschen, weil sie mich auf Plakaten oder Flugblättern gesehen haben. Man überlegt sich sehr gut, was man tut und wo man hingeht. Ich bekomme Morddrohungen. „Nazischwein, du musst umgebracht werden“ oder „wir machen dich fertig“, steht in den Mails, die ich erhalte. Vor ein paar Wochen sind die Glasscheiben der Eingangstür unseres Hauses eingeschlagen worden. An die Tür wurde mit blauer Farbe „fear“, das englische Wort für Furcht, gemalt.

F&L: Bedroht die Gruppe auch Ihre Studierenden?

Jörg Baberowski: Meine studentischen Mitarbeiter wurden in Texten von dieser Sekte namentlich genannt und als rechtsradikal bezeichnet. Ansonsten teilen sie Flugblätter an Studenten aus und versuchen, sie für sich zu mobilisieren. Das gelingt ihnen aber nicht. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Studenten, die durchschauen, was diese Gruppe tut, können aber wahrscheinlich nicht verstehen, was es für mich bedeutet, öffentlich diskreditiert und verleumdet zu werden.

F&L: Womit hat alles angefangen?

Jörg Baberowski: Ich habe vor drei Jahren den britischen Historiker Robert Service eingeladen, um seine Biografie über Leo Trotzki in meinem Doktoranden-Kolloquium vorzustellen. Ich erhielt dann einen Brief dieser mir damals noch unbekannten Sekte, in dem verlangt wurde, den Autor auszuladen. Ich musste meinen Gast vor den Fanatikern schützen, also ließ ich die Veranstaltung in einen anderen Raum verlegen. Die Gruppe mobilisierte 15 Personen, inklusive des Sektenführers David North, der aus den USA eingeflogen wurde. Ich ließ den Sicherheitsdienst holen und sagte den ungebetenen Besuchern, sie sollten gehen. Danach begann die Hasskampagne.

F&L: Wie hat Sie das als Hochschullehrer verändert?

Jörg Baberowski: Ich mache weiter wie vorher. Es gibt Kollegen, die Themen umschiffen, weil sie wissen, dass sie in vermintes Gelände geraten, aber das kann ich als jemand, der sich mit Gewalt und Diktaturen beschäftigt, nicht machen. Ich will es auch gar nicht. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich will, dass meine Studenten diskutieren – auch ungewöhnliche und radikale Positionen kennenlernen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Studenten müssen lernen, Thesen zu begründen. Das können sie nur, wenn sie sich auch mit Auffassungen auseinandersetzen, die ihnen nicht gefallen. Als Geisteswissenschaftler sollen sie sich darin üben, nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu widerlegen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Studenten mich für einen offenen und liberalen Professor halten.

F&L: Aussagen von Ihnen werden von rechtsextremen Plattformen wie die der NPD oder Breitbart geteilt. Lässt Sie das an Ihrer Ausdrucksweise zweifeln?

Jörg Baberowski: Ich lese keine rechtsextremen Pamphlete, und ich kann es nicht verhindern, zitiert zu werden. Wer meine Aussagen in ihrem Sinnzusammenhang sieht, versteht sehr gut, was gemeint ist. Ich habe Hitler mit Stalin verglichen. Stalin war ein Psychopath, Hitler war keiner. Stalin hatte Freude an Gewalt, Hitler nicht. Hitler wusste, was er tat. Er war ein Schreibtischtäter, der von den blutigen Folgen seiner Taten nichts wissen wollte. Das macht seine Taten moralisch nicht besser, sondern schlimmer. Niemand kann das wirklich missverstehen. Dass ich mich nicht kritisch über die Flüchtlingspolitik äußern darf ohne als rechtsradikal zu gelten, ist ein Beleg dafür, dass es in Deutschland immer noch an einer sachlichen Streitkultur fehlt. Wer nicht links ist, ist rechtsradikal.

F&L: Eine fehlende Streitkultur kritisieren Sie auch explizit am Diskurs an deutschen Hochschulen. Warum?

Jörg Baberowski: Niemand will mehr gegen den Strom schwimmen. Das war in den Geisteswissenschaften einmal anders. Es war eine Auszeichnung für einen jungen Wissenschaftler, die Thesen und Konzepte der Vorgängergenerationen scharf zu kritisieren, originell zu sein. Mir fällt kein Denker ein, der die Welt in den letzten 20 Jahren grundlegend herausgefordert hätte. Wer andere herausfordert, gilt als umstritten.

F&L: Womit erklären Sie sich diese Entwicklung?

Jörg Baberowski: Heute haben vor allem junge Hochschulmitarbeiter nur noch befristete Verträge und kaum eine Aussicht auf eine Professur. Dadurch nimmt der Konformitätsdruck zu und man versucht, sich anzupassen, weil am Ende nur zählt, wie gut die Wissenschaftler sich ins System einfügen lassen und in welchem Umfang sie Drittmittel einwerben.

Auch ist die Herrschaft des politisch Korrekten in alle Bereiche des Hochschullebens eingedrungen. Viele Gruppen beanspruchen für sich Sonderrechte, begründen sie aber universalistisch. Junge Menschen widmen sich keinen kontroversen Themen mehr, weil sie wissen, dass sie sehr schnell in eine Situation kommen können, die sie ihre Karriere kosten könnte. In den sozialen Medien können sie den Ruf eines Wissenschaftlers schnell ruinieren.

F&L: Sie sagen, dass es um Sonderrechte gehe, nicht um Gleichberechtigung. Darüber kann nicht diskutiert werden?

Jörg Baberowski: Es ist eine Konkurrenz um Privilegien. Was die einen haben, wollen natürlich auch die anderen haben. Stellt man Sonderrechte von Gruppen in Frage, sind sie beleidigt. Es wird für Soziologen, Historiker und Politikwissenschaftler daher immer schwerer, sich noch beschreibend zu äußern, ohne in den Verdacht zu geraten, die Ehre einer Gruppe zu beleidigen. Heikle Themen werden umgangen, die Flüchtlings- und Staatskrise ist von der Wissenschaft ignoriert worden. Hätte ich mich zu diesem Thema nicht geäußert, wäre mir viel Ärger erspart geblieben.

F&L: Sie bezeichnen Deutschland als ein „Reich der Tugendwächter“, indem nicht mehr zwischen Flüchtlingen – über die nur Gutes gesagt werden dürfe – und illegalen Einwanderern unterschieden werde, und warnen davor, dass die Integration vieler Menschen eines anderen kulturellen Hintergrunds den „sozialen Kitt“ der Gesellschaft gefährdet. Drei Migrationsforscher haben daraufhin kritisiert, dass Ihre Äußerungen nicht wissenschaftlich belegt seien und sie „wie ein ‚besorgter Bürger‘ mit vorwissenschaftlichen Glaubensbekenntnissen in die Debatte“ eingriffen. Damit fielen Ihre Äußerungen allenfalls in den Bereich der Meinungsfreiheit, aber nicht der Wissenschaftsfreiheit. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Jörg Baberowski: Der Vorwurf des vorwissenschaftlichen Glaubensbekenntnisses trifft auf diese drei Forscher eher zu als auf mich. Sie behaupteten, zwischen den Flüchtlingsbewegungen des Jahres 1945 und jenen des Jahres 2015 gebe es keinen Unterschied. Das ist eine groteske Verzerrung der Wirklichkeit. Manfred Hettling (Halle) hat in der F.A.Z geantwortet, sodass ich es nicht tun musste. Er verweist auf Bekanntes: dass die Vertriebenen deutsche Staatsbürger waren, die aufgenommen werden mussten, dass gleiche Sprache und Kultur die Integration erleichterten, dass die Vertriebenen Frauen und Kinder, aber keine jungen Männer waren und die Erfolgsgeschichte von damals kein Beleg dafür ist, dass die Krise von heute auf gleiche Weise gemeistert werden könne. Alles Selbstverständlichkeiten, die diese selbst ernannten Migrationsforscher aber nicht sehen wollten, weil ihre Ideologie ihnen die Sicht auf die Wirklichkeit verstellt.

F&L: Sie haben gegen den Bremer AStA eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil er Sie unter anderem als Hetzer, Rassisten und Rechtsradikalen bezeichnet hat. Das Kölner Landgericht hat Ihnen Mitte März in den meisten Anklagepunkten Recht gegeben – nur als rechtsradikal dürfen die Studierenden Sie weiter bezeichnen, weil dies ihrer freien Meinungsäußerung entspricht. Wie finden Sie das Urteil?
Jörg Baberowski: Ich habe Recht bekommen. Das Gericht hat aber wie Sie sagen geurteilt, dass der Vorwurf, jemand sei rechtsradikal, von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Manche Zeitungen haben daraus die Meldung gemacht, dass einer, der rechtsradikal sei, auch so genannt werden dürfe. Eine groteske Verdrehung der Urteilsbegründung. Wer rechtsradikal genannt wird, ist geächtet. Über die semantische Verschiebung von Begriffen machen sich die Richter aber leider keine Gedanken.

F&L: Die Universitätsleitung hat sich erst kürzlich hinter Sie gestellt. Wie hat sie das Ihnen gegenüber begründet?

Jörg Baberowski: Die Universität hat in den vergangenen Jahren den Standpunkt vertreten, dass es besser sei, die Sekte zu ignorieren, sie nicht aufzuwerten. Die Hochschulleitung hat versucht, aus der Schusslinie zu geraten. Auch sie hatte Sorge vor öffentlicher Kritik, wollte sich möglicherweise auch nicht mit einem, „umstrittenen“ Professor solidarisieren. Das mag für sie der angenehmste Weg gewesen sein, aber nicht für mich als Betroffenen einer Hasskampagne. Man muss solchen Gruppen Grenzen aufzeigen. Ich bin froh, dass Frau Kunst sich jetzt im Namen der Universität hinter mich gestellt hat.

F&L: Was muss passieren, damit an Hochschulen mehr auf Basis von Argumenten gestritten wird?

Jörg Baberowski: Die Hochschule sollte ein Ort sein, der Exzentrikern und dem wilden Denken ein Zuhause gibt. Wo sonst sollte das möglich sein? Mittelmäßigkeit, Konformität und Langeweile sind der Tod aller Wissenschaft.

Die Fragen stellte Katrin Schmermund.

 

A U T O R

Professor Jörg Baberowski ist Historiker und lehrt Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: © Till Eitel|eyetill.com


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