Wahrheit und Wissen
06 | Juni 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Wie kommt man zu einer begründeten Meinung?

Über Filterblasen und Echokammern in einer Zeit des Post­faktischen aus der Perspektive der antiken Wissenskultur | Gyburg Uhlmann

Das Wort „postfaktisch“ hat eine steile Karriere gemacht. Es bezeichnet eine Diskussionskultur, in der Fakten als Argumente keine oder eine geringere Rolle spielen. Doch trifft dies wirklich den Kern des Problems? Geht es nicht vielmehr darum, dass wir heute zu wenig Anstrengung unternehmen, um uns Rechenschaft von den Gründen zu geben? Wie kommt man zu einer begründeten Meinung?

Sich von allem abzuschotten, was seiner eigenen Meinung nicht entspricht, ist ein Phänomen, das politische Meinungsbildungsprozesse beeinflusst. Es wird heute mit Bezug auf Soziale Netzwerke unter den Begriffen „Filterblase“ oder „Echokammereffekt“ intensiv diskutiert. Wie kann man es verhindern, dass Nutzer nur die Informationen bekommen, die ihnen gefallen und ihre schon fertigen Meinungen bestätigen? Wie kann die Politik global player wie Facebook dazu zwingen, ihren Nutzern nicht nur solche Nachrichten zu zeigen, die den Favoriten der Nutzer am ähnlichsten sind – auch wenn genau das dem Streben der Firmen nach Optimierung ihrer Werbeeinnahmen am meisten entspricht?

Wie bei vielen Dingen hilft auch hier der Blick auf frühere Zeiten und ihre sozialen Praktiken und Modelle, um etwas sehen zu können, was in den heutigen Diskussionen verdeckt bleibt, und um Methoden zu nutzen, die in aktuellen Debatten weniger präsent sind.

Diese werden gegenwärtig vor allem durch die Sozialwissenschaften dominiert. Ihnen traut man am ehesten zu, die Komplexität moderner Gesellschaften und ihrer Kommunikationswege durch ihre Analysen zu erhellen. Sie untersuchen meinungsbildende Faktoren und fragen nach den Mechanismen der Akzeptanz von Meinungen. Dabei legen sie auf empirische Studien gestützte Modelle vor, wie sich die Meinungsbildung innerhalb abgeschotteter Netzwerke vollzieht und welche Einflussfaktoren es dabei gibt – und zwar auch solche, die dem Zugriff der Politik unterliegen.

„Unwissen“ und „Nicht­wissen“

Denn die besorgten Meldungen und Studien haben eines gemeinsam: sie suchen nach Gegenmaßnahmen, die ergriffen werden können. Doch warum eigentlich stört es uns, dass Nutzer sozialer Netzwerke nur die Nachrichten zu Gesicht bekommen (wollen), die ihnen angenehm sind? Warum stört es uns, dass sie dadurch nicht umfassend, nicht richtig, sondern verzerrt informiert sind? Hat nicht jeder Mensch nicht nur ein Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern auch auf freie Meinungsbildung, und sei diese in unseren oder in mancher Augen auch noch so schief? Hat nicht jeder Mensch ein Recht auf Unwissen?

Doch ein solches Recht gibt es nicht. Dieses darf nicht mit dem Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ und dem „Recht auf Nichtwissen“ verwechselt werden. Denn mit diesen ist gemeint, dass jeder Mensch darüber entscheiden kann, was mit seinen persönlichen Daten geschieht bzw. als einer Variante davon, ob er solche persönlichen Daten überhaupt selbst wissen will, eine Frage, die in der Pränataldiagnostik ethisch höchste Wichtigkeit besitzt. Hier geht es also immer um Persönlichkeitsrechte und das uneingeschränkte Verfügenkönnen über sich selbst. Aber ein Recht darauf, etwas nicht oder nicht so genau zu wissen?

Während das Recht auf Nichtwissen als selbstbestimmter Informationsverzicht gerade einen mündigen, über die Folgen seiner Entscheidung wissenden Menschen voraussetzt, ist der Mensch in der Filterblase gerade nicht mündig und informiert. Was diese Situation nun so beunruhigend macht, ist, dass diese Unmündigkeit nicht oder zumindest nicht nur von außen induziert ist. Die algorithmische Informationsverteilung durch Facebook passt sich lediglich dem Kommunikations- und Informationsverhalten der Nutzer an und verstärkt dieses zusätzlich. Sie ist also in gewisser Weise von dem Nutzer selbst gewollt.

Der neue Begriff des Post­faktischen

Dies hat viel mit dem neuen Begriff des Postfaktischen zu tun, dessen steile Karriere man in den letzten Monaten beobachten konnte. „Postfaktisch“ bezeichnet eine Diskussionskultur, in der Fakten – also dass etwas der Fall ist oder dass etwas nicht der Fall ist – als Argumente keine oder eine geringere Rolle spielen. Der Wissenssoziologe Michael P. Lynch hat in seinem 2012 erschienenen Buch „In Praise of Reason“ darauf hingewiesen, dass es prägende Entwicklungen in der Geschichte der Rationalismuskritik gegeben hat, die dazu geführt haben, dass es heute keine allgemein geteilten Standards zur Prüfung von Fakten oder Überzeugungen mehr gibt und dass die Abwägung zwischen unterschiedlichen Fakten oder vermeintlichen Fakten ins Beliebige abgedriftet zu sein scheint. Er meinte mit diesen Entwicklungen die Gleichsetzung von Vernunft und Rationalismus, die Vorstellung, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit nicht gebe, oder auch die Betonung, dass auch die Wissenschaft von subjektiven Perspektiven abhängig sei. Betrachtet man dies nun vor dem Hintergrund einer allgemeinen Verdächtigung der Eliten und einem Mangel an Vertrauen, dass diese auch das Wohl aller verfolgen und erreichen können, dann wird etwas Wichtiges transparent: Wenn solche – in ihrem jeweiligen historischen Kontext berechtigten und differenzierenden – Vernunftkritiken auf den Nährboden der Unzufriedenheit mit den intellektuellen Entscheidungsträgern in einer Gesellschaft treffen, dann verwandeln sie sich in etwas sehr Gefährliches. Sie verwandeln sich in die totale Nivellierung allen Wissens und Nicht-Wissens oder das Gefühl des totalen Verlusts von Kriterien zur Unterscheidung. Eine Gesellschaft kann, wenn sich dieser Verlust ausbreitet, nicht mehr funktionieren.

»Wenn die Kriterien zur Unterscheidung verloren gehen
und dies sich ausbreitet, kann ­eine Gesellschaft nicht mehr funktionieren.«

Die Stoa und die antike ­Skepsis

Doch das greift noch zu kurz und muss historisch weiter untermauert werden. Wir müssen also weiter zurückgehen als bis zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts. Denn die antiken Diskussionen zur Meinungsbildung haben an dieser Stelle Interessantes beizutragen. Welche Qualität Meinungen haben und ob sie den Anspruch darauf erheben können, Wissen zu sein, stand im zentralen Fokus philosophischer Debatten spätestens seit Platon. In den antiken Debatten zwischen Stoa und akademischer Skepsis, wie sie im dritten bis ersten Jahrhundert v. Chr. ausgetragen wurden, finden wir die Modelle und Vorbilder der neuzeitlichen Vernunftkritiken und Skeptizismen, die uns heute in transformierter Form ins Postfaktische führen. Das kommt keineswegs von ungefähr und zufällig, denn die Theoretiker des 18. Jahrhunderts kannten und rezipierten die Texte des Sextus Empiricus eifrig, der ihnen dieses intellektuelle Erbe zusammenfasste. Die skeptischen und stoischen Diskussionen über die Wahrheit von Meinungen enden immer in der Aporie oder im Patt; und so tragen sie schon das Potenzial der Aufklärungsrationalismen in sich. Sie erscheinen als letztlich ununterscheidbar und bloße nutzlose Schulphilosophie.

Platon und Aristoteles

Wir finden in der Antike aber daneben andere Wege jenseits dieser bekannten Pfade – und es sind solche, die sich nicht zufrieden geben mit der einfachen – oder manchmal gar nicht so einfachen – Unterscheidung zwischen wahren und begründeten Meinungen und solchen, die das nicht sind oder zu sein beanspruchen können. Denn diese anderen antiken Debatten wollen mehr: sie wollen zeigen, dass es nicht nur die Möglichkeit zu wahren Meinungen gibt, sondern dass man auch etwas wissen (und nicht bloß meinen) kann. Diese anderen Wege in der Antike sind die Platons und seiner Schule und der des Aristoteles und seiner Schule, des Peripatos. Die Stoiker und Skeptiker haben sich über solche Dinge gestritten wie darum, ob denn die je nach Perspektive des Betrachters changierenden Farben eines Taubenhalses dazu zwingen, uns eines Urteils darüber völlig zu enthalten, welche Farbe der Taubenhals „wirklich“ besitzt, ob die Sinne hier also verlässliche Daten liefern. Die Platoniker und Aristoteliker hingegen hätten über eine analoge Diskussion, z.B. ob die Anzahl an Zuschauern bei einem Großereignis von der Position des Betrachters abhängt, nur gelächelt und bestritten, dass es sich hier überhaupt um ein relevantes Erkenntnisproblem handelt. Denn es liegt in beiden Beispielen ja auf der Hand, dass das Problem nicht bei den Fakten, sondern bei der Interpretation des Betrachters liegt. Je nach Lichteinfall hat der Taubenhals tatsächlich einmal die Farbe Blau und einmal die Farbe Violett. Schwierigkeiten bereitet nur die Meinung, der Hals sei an derselben Stelle zugleich blau und violett. Das ist er natürlich nicht, zumindest nicht zugleich und in derselben Hinsicht. Diese Hinsichten muss man unterscheiden. Und je nachdem, wo man steht, sieht eine Menschenmenge wirklich größer aus, als sie ist, weil man (vielleicht fälschlich) annimmt, dass sich diese in der gleichen Dichte noch weitere 100 Quadratmeter weiter fortsetzt. Wenn Aristoteles so etwas überhaupt als einen Wissensgegenstand betrachtet hätte, dann hätte er solche Fragen unter die Kategorie „dass (oder auch: was) ein Gegenstand ist (griech. hóti)“ geordnet. In seiner Metaphysik sagt er, es gebe einen Unterschied zwischen denen, die nur das „Dass“ (also die Fakten, griech. óti) kennen, nicht aber das „Warum“ (griech. dióti). Nur dieses sei wirkliches Wissen. Mit „wirklich“ meint Aristoteles eine Erkenntnis von etwas, die in hinreichender und dadurch infallibler Weise erfasst, was etwas ist. Wirkliches Wissen ist also Wissen von den Gründen und Ursachen von etwas. Von dieser Einsicht ausgehend, die Aristoteles aus einer langen griechischen Tradition der Suche nach den Gründen heraus entwickelt, wird verständlich, warum die klassische griechische Philosophie den Ursachen der Dinge eine so große Bedeutung beigemessen hat. Sie hat in ihnen eine Dimension erkannt, die uns hinter den Fakten mehr über diese erkennen lässt und ein sicheres, täuschungsfreies Fundament der eigenen Überzeugungen darstellt – und zwar ein Fundament dafür, sich nicht selbst zu täuschen, selbst einer Fehlmeinung zu unterliegen, etwas, das Platon als das größte Unglück betrachtet hat, das einem widerfahren kann.

Die Rastlosigkeit des Sokrates

Doch der Weg dahin ist kein eben leichter. Hierzu muss man sich die Rastlosigkeit in Erinnerung rufen, mit der Sokrates die Athener Bürger mit seinen bohrenden Nachfragen in Verzweiflung stürzte oder ihnen doch Verdruss hervorrief. Sokrates hat sich keineswegs mit den bloßen Fakten zufriedengegeben. Auch wenn er mit einer Meinung inhaltlich einverstanden war, hat er nicht locker gelassen, bis klar war, ob denn derjenige, der sie vertreten hat, auch wusste, warum seine Meinung richtig ist und in welcher Hinsicht. In dem Dialog Menon beschreibt der sophistische Gesprächspartner die Wirkung, die Sokrates mit diesem Nachfragen hatte, einmal mit dem Gefühl, wenn man einen Zitterrochen berührt. Man wird von dessen elektrischen Entladungen in Schockstarre versetzt und kann sich (geistig) nicht mehr bewegen. Denn er, Menon, wisse jetzt gar nicht mehr, was er denken solle, nachdem Sokrates ihm nachgewiesen hat, dass er keine Rechenschaft über seine Meinung, was Tugend ist, ablegen kann. Schritt für Schritt leitet Sokrates ihn dann an, bis er fast da ist, wo er hinwollte: da, wo er wirklich etwas Sicheres über die Tugend weiß. Ganz ähnlich macht es auch Aristoteles: er leitet seine Leserinnen und Leser in allen seinen Schriften schrittweise dazu an, ihre Meinungen auf Fakten und Gründe hin zu überprüfen. In den platonischen Dialogen sehen wir aber auch die Widerstände und Rückschläge in der Einführung einer solchen Reflexionskultur. Die meisten gerade der gesellschaftlich etablierten Gesprächspartner wollen gar nichts hören von Sokrates’ Nachweisen, dass ihr eigenes vermeintliches Wissen gar keines ist, sondern ein doppeltes Unwissen, weil sie meinen, etwas zu wissen, und daher den Mangel an Wissen gar nicht spüren und sich nicht auf die Suche nach begründetem Wissen begeben. Und auch, wenn Sokrates’ Botschaft auf fruchtbaren Boden fällt wie bei dem hochbegabten Jungpolitiker Alkibiades, dem späteren Athener Feldherrn, stellen wir in einem anderen Dialog mit Enttäuschung fest, dass die hoffnungsvollen Ansätze zur kritischen Revision der eigenen Meinungen seine Lebensweise doch nicht substanziell verändert haben.

Es geht um Gründe

Die antiken Diskussionen decken also auf, dass unser Unbehagen mit Filterblasen und Echoeffekten in sozialen Netzwerken nicht nur etwas mit den Fakten und Fakes zu tun hat, sondern mit der Interpretation von Fakten, und das heißt: mit der Qualität von Meinungen und unserer Fähigkeit, hinreichend begründetes Wissen von etwas, das diese Kriterien nicht oder nicht hinreichend erfüllt, zu unterscheiden. Es geht also um die Gründe. Es ist nicht egal, ob man etwas vom bloßen Hörensagen her behauptet, ob man sich auf die – bereits als unwahr widerlegte – Schlagzeile einer Boulevardzeitung beruft oder auf in mehreren Studien bestätigte tatsächliche Eigenschaften eines Sachverhalts. Das Begründen darf man nicht delegieren. Das muss jeder selbst tun, der eine Meinung äußert und dieser einen Geltungsanspruch zuweist. Man kann sich nicht, wie Donald Trump dies wiederholt und gerade im Zusammenhang mit den Spionagevorwürfen gegen die Obama-Administration getan hat, auf beliebige Quellen berufen und eine eigene Qualitätskontrolle dieser Quellen aussetzen, ja verweigern.

»Das Begründen darf man nicht delegieren. Das muss jeder
selbst tun, der eine Meinung mit Geltungsanspruch äußert.«

Das Postrechenschaftszeitalter

Das Beunruhigende ist daher nicht, dass wir uns in einem postfaktischen Zeitalter befinden – hier gibt es viel Hoffnung, dass dem nicht so ist, man muss sich nur die kompetenten journalistischen Recherchen der großen amerikanischen Zeitungen seit dem Machtwechsel in Washington ansehen –, sondern dass wir in einem post-Rechenschafts-Zeitalter leben, dass wir zu wenig Anstrengung unternehmen, die Qualität von Meinungen und die Basis ihrer Begründung in Frage zu stellen und zu verbessern. Sorgen machen muss daran, dass bei manchem Meinungsbildner und führenden Politiker das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen über die Richtigkeit der aufgestellten Behauptungen und vertretenen Meinungen, immer mehr weicht. Auch wenn es hier Rückwirkungen von der Masse der Anhänger auf ihre Meinungsführer gibt, weil sie Begründungen nicht mehr einfordern, so lässt es doch aufmerken, dass solche Politiker sich vornehmlich ihren Anhängern im eigenen Land und nicht einer allgemeinen, internationalen Öffentlichkeit oder auch dem Prinzip einer informierten Hinsichtenabwägung verpflichtet fühlen. Das ist eine nicht nur geographische Provinzialisierung der Meinungsbildung. Echokammereffekt und Filterblasen sind moderne Phänomene solcher Provinzialisierungen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass Menschen sich geschützte Räume suchen. Denn es ist zunächst unangenehm, wenn man sich mit etwas auseinandersetzen muss, das den eigenen vertrauten Meinungen widerspricht. Zunächst viel angenehmer ist es, sich diese Meinungen immer wieder neu bestätigen zu lassen. Demagogische Techniken nutzen gerade dieses Phänomen aus. Die Zufriedenheit kann aber doch nur eine sehr vordergründige und kurzsichtige sein. Platon ließ seinen Sokrates für die Auffassung eintreten, dass es nichts gebe, was mehr unglücklich mache, als sich über sich selbst zu täuschen und dass es sich lohne, das erste Unwohlsein mit dem Unvertrauten und der Verwirrrung, in die man gerät, wenn man seine Überzeugungen in Frage stellen muss, zu überwinden. Auch das fünfte Jahrhundert in Griechenland war eine bewegte Zeit. Sokrates wurde damals zum unruhigen und hartnäckigen Frager. Vielleicht bedarf es einer gewissen politischen Unruhe, um das Bedürfnis bei vielen danach zu wecken, die eigenen Meinungen wieder kritisch auf ihre Gründe hin zu befragen.

 

A U T O R I N

Professorin Gyburg Uhlmann lehrt Gräzistik an der Freien Universität Berlin. Foto: PFU Pressestelle, Bernd Wannenmacher


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