Spanien
09 | September 2009 Artikel versenden Artikel drucken

Zehn Jahre »Bologna« in Spanien

Tagebuch eines Universitätslehrers | José-Domingo Rodríguez Martín

Wer glaubt, dass das Phänomen „Bologna“ nur in Deutschland umstritten ist, der irrt. Ein junger Rechtsprofessor aus Spanien beschreibt aus sehr persönlicher Perspektive, wie er diese Debatte in den vergangenen zehn Jahren in seinem Land wahrgenommen hat. Ein heiter-melancholischer Rückblick.

1999: Ich bin ein junger Wissenschaftler, frisch promoviert im Römischen Recht, der bereits eine gewisse Erfahrung als Dozent vorzuweisen hat und der die großartige Gelegenheit erhält, seine Ausbildung im Ausland erweitern zu können. Ich befinde mich in der süßen Zeit des universitären Lebens, in der man die Energie und vor allem die Freiheit hat, sehr oft seiner Heimatuniversität entkommen zu können: Indem man sämtliche Stipendien beantragt, die es gibt, verschwindet man aus seinem Land, schließt sich in Bibliotheken in Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland ein und diskutiert mit Kollegen aus ganz Europa über Lehr- und Forschungsmethoden, während man eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier genießt.

Ich nehme an Vorlesungen, Seminaren und Übungen meiner Kollegen aus dem Ausland teil; ich unterhalte mich mit Studenten aus vielen Ländern; ich grübele über Prüfungen der verschiedensten Formate … und ich denke an meine alte und geliebte Universität in Spanien. Nicht ohne eine gewisse Hoffnungslosigkeit nehme ich Notiz von vielen Ideen und Erfahrungen, die man wunderbar auch auf die spanische Universität anwenden könnte.

Aber in diesem Jahr gibt es große Neuigkeiten: Nach den Arbeiten des Vorjahres an der Sorbonne wird nun die Deklaration von Bologna verabschiedet. Mit meiner Berufung zum Dozenten und zum Wissenschaftler in voller jugendlicher Entfaltung lese ich die Deklaration und danke Gott, dass ich in der richtigen Epoche geboren wurde: In wenigen Jahren, und in der Fülle meines universitären Lebens, wird die europäische Universität umgestaltet werden und ein weiteres Stück im großen vereinten Europa darstellen. Die große Reform wird dazu beitragen, dass die Studenten in ganz Europa ohne Probleme der Anerkennung studieren können und ein Anreiz für Qualität geschaffen wird, kurz: ein ganzer Prozess des Nachdenkens wird sich einstellen, um die Universität zu erneuern und zu modernisieren. Für die ganze junge Generation der spanischen Universitätsprofessoren, die wir einen Großteil unseres akademischen Jahres mit Forschen im Ausland verbringen, ist das die Chance, zur Reform unserer Universität alles beizutragen, was wir in Europa über Lehr-, Forschungs- und Leitungsmethoden gelernt haben.

2003: Vier Jahre sind vergangen, nach großer Anstrengung habe ich nun einen Vertrag von der Universität erhalten. Auch wenn ich mich von hier nicht mehr wie früher für so lange Zeit auf- und davonmachen kann, genieße ich meine Arbeit in Spanien: Gemeinsam mit anderen jungen Kollegen der Universität tue ich, was ich kann, um meine Lehrmethoden zu modernisieren.

Aber hin und wieder erinnere ich mich an diese Reform von Bologna… was ist aus ihr geworden? Einmal abgesehen von „verfassungsrechtlichen“ Problemen ist das vereinte Europa mit einem schönen Rhythmus weiter fortgeschritten: die internen Grenzen Europas haben sich für alle Bürger geöffnet, wir haben eine gemeinsame Währung, und man sagt sogar, in Prag und Berlin seien Dokumente zum Thema Universität veröffentlicht worden… Also vermute ich, dass keine Eile besteht, da geplant war, die Reformen 2010/2011 umzusetzen, aber ich für meinen Teil weiß nicht, ob ich mich da auf die spanischen Politiker verlassen soll…

2005: Jetzt sind schon sechs Jahre seit der Deklaration von Bologna vergangen ohne Neuigkeiten, aber zu guter Letzt hat sich die neue sozialistische Regierung unter Rodríguez Zapatero an die Arbeit gemacht: Endlich haben wir das Königliche Dekret 56/2005, das die Umsetzung der Deklaration von Bologna an der spanischen Universität regelt. Dank der neuen Bildungsministerin María Jesús Sansegundo beginnt nun die Reform!

Aber… Moment mal… Als ich den Text des Dekrets lese, fällt mir auf, dass er sich nur auf die Reform der… postgraduierten Studiengänge bezieht! Wie ist es möglich, ein neues Aufbaustudium zu entwerfen, wenn man vorher noch nicht einmal weiß, wie das neue Studium bis zum ersten Abschluss aussehen wird? Unter meinen Kollegen herrscht großer Aufruhr, niemand versteht, was geschieht, aber trotzdem verliert man nicht den Mut: Die Neuerung ist willkommen, obwohl man argwöhnt, dass sie improvisiert und wenig stimmig sei. Viele stürzen sich darauf, erstmals offizielle universitäre Masterprogramme zu entwickeln. Es ist ein fürchterlicher Verwaltungsaufwand, Bürokratie und Papierkrieg, aber das Anliegen verdient die Mühe. Im Jurastudium beginnen viele Masterprogramme, in denen eine einjährige spezialisierte Ausbildung über konkrete Themen angeboten wird. Viele Studenten sehen in diesen Masterprogrammen eine interessante Gelegenheit, sich zu spezialisieren, nach fünf Jahren Licenciatura (entspricht funktionell dem Staatsexamen, A.d.Ü.) in Jura.

2006: Unerwartet wechselt Zapatero die Bildungsministerin aus, jetzt hat den Posten Mercedes Cabrera. Diese Maßnahme überrascht: die zweite Bildungsministerin in nur zwei Jahren, genau mitten im Prozess der universitären Umstellung. Es kommt mir verdächtig vor, aber ich denke nicht daran, die Hoffnung aufzugeben.

»Kaum habe ich den Posten des Vizedekans übernommen, werde ich unter Papier vergraben.«

2007: Nach einem harten Auswahlverfahren gelingt es mir, eine Stelle als Profesor Titular de Universidad für Römisches Recht zu erhalten. Kaum beginne ich aufzuatmen – ich denke daran, meine verbleibende Energie und meine kürzlich erworbene Stabilität darauf zu verwenden, mit bestem Willen bei den vorgeschlagenen Reformen mitzuarbeiten –, als das Unglaubliche geschieht: Aus dem neuen Ministerium kommt ein neues Gesetz für die Universitäten, und mit ihm ein zweites Dekret 1393/2007. Das heißt: Das System, das man sich vor nur zwei Jahren erdacht hat, wandert nun in den Papierkorb, und ein ganz Neues wird eingeführt. Und das, obwohl es nur noch drei Jahre bis zur endgültigen Umsetzung von Bologna sind…

In aller Ruhe lesen wir das Dekret, ohne Vorurteile und mit Zuversicht: Dieses neue Dekret regelt zumindest das Studium bis zum ersten Abschluss… aber es reformiert auch das Aufbaustudium, das doch gerade erst reformiert wurde. Die Verwirrung unter meinen Kollegen an der Universität wächst von Mal zu Mal: Einerseits besteht das neue Studium bis zum ersten Abschluss aus vier Jahren (240 ECTS-Punkte), während offen gelassen wird, ob der folgende Master ein oder zwei Jahre dauern wird (60 oder 120 ECTS-Punkte) – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Universitäten, wo man das System 3+2 bevorzugt. Dieses System hätte der spanischen universitären Tradition mehr entsprochen, die das Studium in einen ersten Teil von drei Jahren und in einen zweiten Teil von zwei Jahren unterteilt hatte. Andererseits sind die Masterprogramme, die vor nur zwei Jahren eingeführt worden, nun nicht mehr gültig und müssen reformiert werden. Diejenigen, die sie mit viel Aufwand entworfen und umgesetzt haben, verstehen zu Recht nicht, warum die Studienpläne, die vor zwei Jahren gültig waren, es jetzt nicht mehr sind… und das unter der gleichen Regierung.

Obendrein wird eine Organisation gegründet mit dem Unheil verkündenden Namen „Nationale Agentur für die Evaluation von Qualität und Akkreditierung (Agencia Nacional de Evaluación de la Calidad y la Acreditación: ANECA)“. Ich kann mir zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellen, bis zu welchem Punkt diese Institution, geschmiedet in den Flammen der Bologneser Revolution, nunmehr über mein Schicksal und das meiner Kollegen entscheiden wird. Als Organ, das die universitäre Qualität sichert, muss alles durch seine Hände gehen: Nun musst du nicht mehr vor einem Auswahlkomitee bestehen, stattdessen sendest du die Dokumente deines Lebenslaufes an die ANECA und einige mysteriöse Evaluatoren, die normalerweise nicht deinem Fachgebiet angehören, und die beurteilen, ob du Professor werden kannst oder nicht (Akkreditierung). Alle sechs Jahre evaluieren sie dich und beurteilen ohne weiteres, ohne dass eine Erwiderung stattfindet oder eine wissenschaftliche Diskussion, ob deine Arbeit in dieser Zeit wissenschaftliche Qualität besitzt oder nicht (sexenios). Jede Fakultät von jeder Universität muss der ANECA umfangreiche Berichte schicken und bis zum letzten Stuhl, Tisch und Fotokopierer rechtfertigen, worüber genau sie verfügt, damit ihr erlaubt wird, offizielle Titel des Studiums oder Aufbaustudiums zu vergeben. Ein Kollege, der Philologe ist, sagte mir, dass die griechischen Moiren weniger Kontrolle über das menschliche Schicksal hatten als die ANECA.

Ich beginne zu argwöhnen, dass die Realität sich ganz anders entwickelt hat als ich es mir 1999 vorgestellt hatte… Ich denke, letzten Endes werden diejenigen, die darunter leiden, die Dekane und Vizedekane sein, die während des gesamten Umsetzungsprozesses Stunden um Stunden vergraben in surrealistischer Bürokratie verbringen müssen, ohne unterrichten oder forschen zu können… Die Armen, denke ich.

2008: Man ernennt mich zum Vizedekan für die Postgraduiertenstudiengänge an meiner Fakultät. Ich hätte nicht die Dekane und Vizedekane bemitleiden sollen… jetzt bin ich selbst einer geworden! Kaum habe ich den Posten übernommen, werde ich unter Papier vergraben. Ich forsche nicht und selten unterrichte ich. Überflutet von meiner „Arbeit“ (ich versuche, meinen Kollegen die Reform der Reform zu erklären, ich verfasse für die ANECA Dokumente, deren Sinn und Nutzen ich nicht verstehe), glaube ich, dass die Angelegenheit nicht noch schlimmer werden kann… aber von neuem irre ich mich: Zapatero entscheidet, dass das Bildungsministerium sich nun nicht mehr um die Universitäten kümmert, und dass diese von jetzt an in die Zuständigkeit der – wie sollte es anders sein – neuen Ministerin für Forschung und Innovation, Cristina Garmendia, fallen sollen. Die dritte Ministerin in vier Jahren. Es bestätigt sich: Der Prozess der Umsetzung des Bolognasystems in Spanien ist ein steuerlos abdriftendes Schiff in der Strömung.

»Der Prozess der Umsetzung des Bolognasystems in Spanien ist ein steuerlos abdriftendes Schiff in der Strömung.«

Aber Zapatero hält für uns noch weitere Überraschungen bereit: Die Regierung sagt, dass die Reform der Universität nichts kosten dürfe. Das hat uns gerade noch gefehlt: Sie wollen eine neue und wettbewerbsfähige Universität, aber nur, wenn es sie nicht einen Cent kostet. Ein Kollege, der Ingenieur ist, fasst es bildlich und treffend zusammen: Sie wollen einen Ferrari, aber statt einen zu kaufen, geben sie uns einen Hammer und roten Sprühlack, um unseren alten SEAT 600 damit zu tarnen.

Was für ein Jahr. Als Vertreter meiner Fakultät nehme ich in Oviedo an der Konferenz der Dekane der spanischen Rechtsfakultäten teil. Dort schlagen drei spanische Universitäten, darunter auch die meine, vor, dass die Rechtswissenschaft sich aus der Umsetzung von Bologna zurückziehen soll, bis man die Reform gründlicher durchdacht hat, in Zusammenarbeit mit den Rechtsfakultäten aus ganz Europa, und frei von der plötzlichen Eile der Politiker, die der Gesellschaft verkaufen wollen, die spanische Universität sei „schon europäisch“. Zu meiner Überraschung wird der Vorschlag mit überwältigender Mehrheit abgewiesen. Die spanischen Rechtsfakultäten, die sich seit den 1980er Jahren in unvernünftiger Weise vermehrt haben (wir sind etwa 70!), finden sich ohne Studenten wieder und nutzen die Umstellung auf Bologna als Werbung, um die Zahl der Einschreibungen zu erhöhen. In was für einem Land lebe ich, denke ich, alle fliegen an der Hand des Ikarus. Angesichts der Geschehnisse bei dieser Konferenz ist ein Weg zurück nicht mehr möglich. Man wird die Studienpläne meiner Fakultät reformieren müssen.

Natürlich hören die Überraschungen nicht auf: Die Regierung entscheidet, keinerlei allgemeine Leitlinien über die Studienpläne für Jura in Spanien zu verfassen. Jede Autonome Region (es gibt 17 davon!) kann diejenigen verfassen, die sie für angemessen hält und jede Fakultät kann sie in völliger Freiheit umsetzen. Das ist schön für die universitäre Autonomie, aber … ist das ein Prozess der Konvergenz? Am Ende beginnen an meiner Fakultät die Arbeiten zur Umsetzung der Pläne, und ich muss sagen, dass meine Kollegen daran energisch und zuversichtlich mitwirken, trotz allem. Man arbeitet mit Eifer und man stimmt sich über einen neuen Studienplan ab, der uns vernünftig erscheint. Er enthält bessere berufsorientierte Übungen und gewisse Wahlmöglichkeiten, aber er bewahrt viele der Stärken unseres alten Studienplans.

Plötzlich beginnen die Studenten, gegen Bologna zu protestieren. Mein Gott, was für ein Jahr. Die Bewegung dehnt sich über ganz Spanien aus, wenn auch nicht mit derselben Bissigkeit wie in anderen Ländern. Als Vizedekan treffe ich mich mit ihnen, um ihre Beschwerden anzuhören: Sie bringen vor, dass man die Universität zur Ware mache; ich weiß ganz aufrichtig nicht, wo sie das aufgeschnappt haben, sage ich ihnen, zumindest nicht, was Jura betrifft. Sie führen an, dass bei der Umstellung der Abschlüsse die „nicht rentablen“ Fächer wegfallen werden (Geisteswissenschaften, manche der kleinen philologischen Fächer); hier gebe ich ihnen vollkommen Recht. Sie sagen, dass die Masterprogramme absurd teuer seien; und erneut muss ich ihnen Recht geben. Und auf die Frage hin, warum sie sich erst jetzt äußern, wo das Ganze doch schon seit 1999 im Gange ist, antworten sie mir charmant: „Herr Professor, 1999 waren wir zehn Jahre alt…“. Oh Herr, wie alt ich geworden bin.

2009: Es ist noch ein Jahr bis zur Implementierung von Bologna. Vermutlich sind es meine Osterferien, aber ich habe mich in meinem Dorf in La Mancha einsperren müssen. Ich verfasse ein umfangreiches Gutachten, das der ANECA zu erklären sucht, warum die Rechtsfakultät der Universidad Complutense, die seit 1508 Rechtswissenschaft unterrichtet, fähig ist, dies auch im kommenden Jahr zu tun. Plötzlich erreicht mich eine E-Mail: Eine große Anzahl von renommierten Juristen verfasst ein Manifest gegen die Umsetzung von Bologna in der Rechtswissenschaft (http://sites. google.com/site/saquemosderechodebolonia) und die Mail verbreitet sich mit großer Geschwindigkeit. Ich weiß nicht, ob ich das verstehe: Als letztes Jahr die Dekane aller spanischen Rechtsfakultäten massiv für Bologna stimmten, wo waren da alle diese Unterzeichner? Ich arbeite weiter, besser nicht darüber nachdenken; aber dann, wie eine moderne Erscheinung des launenhaften Zeus, kommt Zapatero im Radio und kündigt an, dass er schon wieder die Regierung umbildet, und dass, wie sollte es anders sein, die Universitäten nun nicht mehr dem Ministerium für Forschung und Innovation unterstehen, sondern wieder dem Bildungsministerium, und dass er nun einen (selbstverständlich) neuen Minister einplant: Ángel Gabilondo. Der vierte Minister in fünf Jahren.

Meine Juristenseele, gewöhnt an die wohltuende und beruhigende Dauerhaftigkeit der römischen Gesetze, ist verstört. Ich würde mich beschweren, oder vielleicht würde ich nachdenken, oder ich würde sogar auf die Straße gehen, aber… ich habe keine Zeit: Ich habe noch eine Mail erhalten, ich muss noch mehr Papiere an die ANECA schicken.

 

Übersetzung: cand.iur. Saskia Kümmerle, Heidelberg

 

A U T O R

José-Domingo Rodríguez Martín ist Professor Titular (entspricht einem nicht verbeamteten Universitätslehrer, Anm.d.Ü.) für Römisches Recht und Vizedekan für Aufbaustudiengänge und Abschlüsse, Juristische Fakultät der Universidad Complutense in Madrid.


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