Aussenseiter & Störenfriede
07 | Juli 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Dunkelmänner oder Lichtgestalten?

Zur Ambivalenz der Störenfriede | Dieter Thomä

Angesichts der Komplexität und Kontingenz moderner Gesellschaften kommt bei vielen Menschen der Wunsch nach einer störungsfreien Welt auf. Sollte man Störenfriede also bekämpfen, oder müsste man sie eher begrüßen? Ein Blick in die Geschichte des Störenfrieds als Lehrstück für den Umgang mit ihnen im 21. Jahrhundert.

Einer der berühmtesten Werbespots aller Zeiten ist Apples „Think Different“-Kampagne von 1997. Gefeiert werden darin die „Verrückten, Außenseiter, Rebellen und Störenfriede“, die „denken, sie könnten die Welt verändern“, und dies dann tatsächlich schaffen. Als Beispiele werden u.a. Thomas Alva Edison, Albert Einstein, Martin Luther King und Bob Dylan angeführt. Die ehrwürdige Vorgeschichte dieses Werbespots reicht zurück bis zum englischen Philosophen John Stuart Mill, der die „exzentrischen Menschen“ als „Salz der Erde“ bezeichnete, und zu Henry David Thoreau, dem Vorkämpfer des „zivilen Ungehorsams“, dessen Geburtstag sich übrigens am 12. Juli 2017 zum zweihundertsten Mal jährt. Und zur Nachgeschichte gehören die allgegenwärtigen, wohlfeilen Appelle, Disruption, Innovation oder Kreativität zu fördern. Denken darf man durchaus – aber bitte nur „out of the box“!

Im Phänomen des Störenfrieds verbirgt sich tatsächlich ein Lebensthema der menschlichen – zumal der modernen, freiheitlichen, dynamischen – Gesellschaft. Doch diesem Thema wird man nur gerecht, wenn man den kalifornischen Kitsch von Apple beiseite lässt. Dann fällt zuallererst die Ambivalenz der Störenfriede ins Auge. Es gibt unter ihnen erfrischende Querköpfe, aber auch nervtötende Querulanten. Einige tragen die Freiheitsfahne, andere zünden eine Bombe. „Whistle­blower“ decken Missstände auf, skrupellose Geschäftemacher versuchen – wie Sigmund Freud schrieb –, zur „Befriedigung ihrer Habgier“ andere „durch Lüge, Betrug, Verleumdung zu schädigen“. Man mag Störenfriede willkommen heißen oder aber zum Schweigen bringen – und wohin man tendiert, hängt nicht nur von deren Gebaren ab, sondern auch davon, wie es um die bestehende Ordnung bestellt ist, ob man also in einer bleiernen Zeit oder in blühenden Landschaften lebt.

Der puer robustus

Die Bewegungsmuster und Kampfmittel der Störenfriede in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik sind jeweils andere. Besonders gut kann man sie im Reich der Politik studieren – und zwar deshalb, weil sie über viele Jahrhunderte hinweg anhand einer einzigen Figur erkundet worden sind: des puer robustus. Heute ist dieser „kräftige Knabe“ oder „starke Kerl“ seltsamerweise in Vergessenheit geraten, aber viele große Geister haben sich ihren eigenen Reim auf ihn gemacht, ihn bekämpft oder begrüßt.

Mitte des 17. Jahrhunderts verschaffte Thomas Hobbes dem puer robustus seinen ersten großen Auftritt – und er ist aus zwei Gründen brandaktuell. Zum einen wollte Hobbes die politische Ordnung – so wie dies auch heute gängig ist – von den Individuen und ihren Interessen her begründen, und deshalb musste er in Kauf nehmen, dass sie sich die Entscheidung vorbehielten, ob sie brav mitspielten oder ausscherten. Zum anderen trat Hobbes’ staatliche Ordnungsmacht mit einem großen Versprechen auf, das die Individuen bei ihrer Entscheidung beeindrucken sollte: nämlich mit dem – heute gleichfalls attraktiven – Versprechen der Friedenssicherung. Der puer robustus war nach Hobbes taub für dieses Versprechen und galt ihm als der „böse Mensch“ schlechthin. Gemeint war ein Typ mit einem „kindischen Sinn“, der nichts von Regeltreue hielt, auf die eigene „Macht“ setzte und auf eigene Faust agierte.

Hobbes gelang es nicht, diesen puer robustus gleich wieder von der Bühne der Geschichte hinunterzustoßen. Vielmehr ist das intellektuelle Feuerwerk, das er um diese Figur herum entzündete, über viele Jahrhunderte hinweg nicht erloschen. Den vorerst letzten auffälligen Auftritt hatte der kräftige Kerl in China während einer kurzen Phase politischer Liberalisierung im Frühjahr 1957. „Lasst hundert Blumen blühen“ – so lautete der Aufruf Mao Zedongs. Die Studenten der Universität Peking nahmen ihn beim Wort, gründeten die „Hundert-Blumen“-Bewegung und taten auf Wandzeitungen ihre Meinungen kund. Ihr Wortführer Tan Tianrong gab seiner Botschaft die Überschrift „Giftiges Unkraut“, ließ sie mit einem Heraklit-Zitat beginnen, wonach die „Regierung der Stadt an bartlose junge Männer übergeben werden“ solle, und unterzeichnete mit der lateinischen Formel „Puer robustus sed malitiosus“. Dieser Typ trat – ganz anders als bei Hobbes – als demokratischer Aktivist auf: als guter Störenfried.

Nicht ein, sondern viele Störenfriede verbergen sich also im puer robustus. Er gelangte vom London des 17. ins Peking des 20. Jahrhunderts – und überdies an zahlreiche andere Orte. Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, Victor Hugo, Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Sigmund Freud, Leo Strauss und viele andere haben sich über der Frage entzweit, was mit dem puer robustus gemeint und von ihm zu halten sei. Das ganze Spektrum vom ultimativen bad boy bis zur Lichtgestalt wird dabei ausgeschritten. Der puer robustus erscheint als Dickschädel oder Leichtfuß, Barbar oder Narr, Trittbrettfahrer oder Künstler, Räuber oder Retter. Immer ist er verwickelt in ein Spiel von Ordnung und Störung, Ausgrenzung und Grenzüberschreitung.

Vier Typen des Störenfrieds

Wenn man die Störenfriede, die unter dem Namen puer robustus firmieren, sortiert, so stößt man auf vier Typen, deren aktuelle Verkörperungen noch heute für Unruhe sorgen. So taugt die Geschichte des puer robustus auch als Lehrstück für den Umgang mit den Störenfrieden des 21. Jahrhunderts.

Der erste Typ ist Hobbes’ Originalversion des puer robustus, also der egozentrische Störenfried, der meint, seinen Nutzen ohne oder gegen die staatliche Ordnung maximieren zu können. Er ist Vorbild für zahllose Kriegsgewinnler und Trittbrettfahrer sowie für die Protagonisten der Finanzkrise von 2008, die mit faulen Geschäften Menschen um ihre Existenz und Staaten an den Rand des Abgrunds gebracht haben.

Neben den Egozentriker tritt schon früh eine andere Version des Störenfrieds. Auch dieser Typ hält nichts von Regeln, aber er folgt dabei nicht seinem Eigeninteresse – und das hat einen ganz einfachen Grund: Er kann gar nicht auf sich fixiert sein, denn er weiß noch nicht, was er will, sondern ist erst zu einem anderen Ich und einem neuen Leben unterwegs. Die Geburt dieses Typs fällt in die Jahre um 1770, und sein geistiger Vater ist Denis Diderot. In dem Roman Ra­meaus Neffe deutet er den puer robustus gegen Hobbes zu einem exzentrischen Störenfried um und feiert ihn als genialen Kindskopf, der die „gesellschaftlichen Konventionen“ wie „ein Krümchen Sauerteig“ durcheinanderbringt. Dessen Nachfolger treten heute als politische Rebellen, aber auch in der sogenannten Kreativwirtschaft auf. Auffällig ist, dass sich viele selbsternannte Nonkonformisten gleich geschäftstüchtig auf dem Markt positionieren und in den Mainstream der Gesellschaft zurückschwimmen.

»Nicht jeder Störenfried ist auf dem Egotrip oder setzt auf Extravaganz.«

Nicht jeder Störenfried ist auf dem Egotrip oder setzt auf Extravaganz. Manche haben eine größere gesellschaftliche Vision. So gibt es einen dritten Typ des Störenfrieds, der sich mit dem Status quo anlegt, um eine andere, bessere Ordnung durchzusetzen. Jean-Jacques Rousseau macht sich fast zur gleichen Zeit wie Diderot zu dessen Fürsprecher und muss nicht lange nach einem Namen für ihn suchen: Er nennt ihn gleichfalls puer robustus und spielt damit auf jugendliche Unverdorbenheit und Tatkraft an. Rousseaus Held will das Gesetz (griechisch: nomos) nicht – wie die anderen „starken Kerle“ – unterlaufen oder überspielen, sondern erneuern – und deshalb kann man ihn als nomozentrischen Störenfried bezeichnen. Zu den legitimen Erben dieses Störenfrieds gehören heute die Verfechter einer „kreativen“, „agonistischen“ oder „rebellierenden“ Demokratie.

Unter den Störenfrieden, die zurzeit aktiv sind, gibt es noch einen vierten – abscheulichen – Typus. Wenn man die Geschichte des puer robustus heranzieht, dann kommt man ihm am nächsten, wenn man sich an Max Horkheimers Beschreibung der „kleinen Wilden“ hält. Diese Wilden – Horkheimer meinte die faschistischen Schlägertrupps – stehen für so etwas wie eine gestörte Störung, denn in ihre Hetze und Härte mischt sich ein Motiv, das dem Selbstbild des Störenfrieds eigentlich zuwiderläuft: der unbedingte Gehorsam, das Aufgehen in der Masse, die Selbstpreisgabe für eine große Sache. Wenn dieser Typus denn einen Namen verdient hat, so allenfalls den des massiven Störenfrieds. Heutzutage tritt er nicht nur als Faschist auf, sondern als Fundamentalist in allen möglichen Versionen und, mit besonderer Brutalität, als Islamist. Der ISIS-Experte Scott Atran spricht entsprechend von einer „Identitätsfusion“, bei der sich der einzelne Terrorist in eine totale Einheit mit einer höheren Instanz hineinfantasiert. Auch die neuen populistischen Bewegungen setzen in abgeschwächter Form auf eine solche „Identitätsfusion“ und spekulieren auf die Sehnsucht nach einer geschlossenen Gesellschaft oder nach nationaler Größe: „Make America great again“.

Angesichts der Komplexität und Kontingenz der modernen Welt kommt bei vielen Menschen der Wunsch nach einer störungsfreien Welt hoch – ein Wunsch, der ebenso verständlich ist wie verfehlt. Egal wie Ordnungen aufgestellt sind, sie müssen Grenzen ziehen, also auch Ausgrenzungen vornehmen, und so schaffen sie selbst den Rand und das Abseits, wo Störenfriede heranwachsen. Es kann nicht darum gehen, sie loszuwerden, auf einige von ihnen kann man sich sogar freuen. Allerdings fällt auf, dass zurzeit eine ziemlich üble Mischung egozentrischer und massiver Störenfriede die Szene dominiert. Die einen kümmern sich nur um sich und schlagen sich mehr oder minder gekonnt durch, die anderen schließen sich totalitären oder populistischen Bewegungen an. Dabei gerät ungerechterweise in den Hintergrund, dass die Entwicklung der Gesellschaft auf gute Störenfriede angewiesen war – und ist. Seit 1779 weiß man, dass es „fast unmöglich“ ist, „die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen“ (Georg Christoph Lichtenberg).

Störenfriede in der Wissenschaft

Auch in der Wissenschaft tun sich die Störenfriede derzeit schwer, und das hat vor allem zwei Gründe. Zum Ersten hat das sich stark ausbreitende Peer-Review-Verfahren neben diversen positiven Effekten die Konsequenz, dass der ideale Journal-Artikel in einer tiefen Verbeugung vor den Peers – also vor dem herrschenden Forschungsstand – und in einer bescheidenen Arrondierung bereits vorliegender Befunde oder Argumente besteht. Zum Zweiten werden Wissenschaftler zunehmend als Experten gesehen, denen der gesellschaftlich relevante Auftrag übertragen wird, vorgefertigte Fragen akkurat zu beantworten. Ach, wo kämen wir hin, wenn Wissenschaftler nicht nur Antworten gäben, sondern sich das Recht herausnähmen, eigene Fragen aufzuwerfen?

Vom Autor ist 2016 das Buch „Puer robus­tus. Eine Philosophie des Störenfrieds“ (Suhrkamp Verlag) erschienen.

 

A U T O R

Dieter Thomä ist Professor für Philo­sophie an der Uni­versität St. Gallen.


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