Lehrstuhlmanagement
08 | August 2017 Artikel versenden Artikel drucken

„Zehnkampf (ohne Ausbildung)“

Lehrstuhlinhaber und Lehrstuhlinhaberinnen berichten aus der Praxis

Fähigkeiten aus dem Leistungssport, scheint es, können für das Management eines Lehrstuhls durchaus von Nutzen sein. Doch auch für sportlich weniger Eingeweihte gibt es erhellende Einblicke in den Lehrstuhlmanagement-Alltag: Wie gut fühlten sich die Lehrstuhlinhaber vorbereitet auf ihre Aufgabe und wie sind die „ersten 100 Tage” geglückt?

Professor Kurt Geihs leitet den Lehrstuhl für Verteilte Systeme an der Universität Kassel.

Professor Kurt Geihs leitet den Lehrstuhl für Verteilte Systeme an der Universität Kassel.

Das Management eines Lehrstuhls gleicht einem Zehnkampf (ohne Ausbildung): Die erste Disziplin lautet „Exzellente Mitarbeiter finden“; dabei sind Ausdauerqualitäten gefordert. Natürlich erwartet die Hochschulpolitik, dass ein Professor den „Känguru-Weitsprung“ beherrscht, d.h. große Sprünge und nichts im Beutel. „Anträge schreiben“ ist wie Stabhochsprung, die Latte liegt sehr hoch und alle halten sich für Überflieger. Danach kommt „Forschung planen und organisieren“, eine Kombination von Speerwurf mit anschließendem Hürdenlauf, um den Speer zu suchen. Bei der Disziplin „universitäre Lehre“ verzichten einige ganz auf den Start und schicken lieber ihre Mitarbeiter. Eine sehr anstrengende Disziplin ist „Verständnis für die Arbeitsweise der Verwaltung“, z.B. wenn die Bauabteilung eine riesige Klimaanlage ohne Vorwarnung vor das Bürofenster stellt oder die Reisekostenabrechnung nach der Digitalisierung länger dauert als vorher. „Gremienarbeit“ ist wie Marathonlaufen, kostet viel Zeit, ist sehr ermüdend und manchmal verlaufen sich die Teilnehmer. Eine anspruchsvolle Disziplin ist „E-Mail dreschen“ – wie trennt man 5 Prozent Weizen von 95 Prozent Spreu? „Begutachten“ ist noch viel zeitaufwändiger und schwieriger, denn dafür gibt es bisher noch keinen zuverlässigen Spam-Filter. Am Ende bleibt leider wenig Zeit für „Kreative Forschungsideen in Ruhe durchdenken“.


Professorin Sabina Jeschke ist Direktorin des Cybernetics Lab der RWTH Aachen  Uni­ver­sity, Fakultät für Maschinenwesen. Foto: Marcus Gerard

Professorin Sabina Jeschke ist Direktorin des Cybernetics Lab der RWTH Aachen Uni­ver­sity, Fakultät für Maschinenwesen. Foto: Marcus Gerard

Mein Institut ist von hoher Interdisziplinarität geprägt. Ingenieure und Naturwissenschaftler forschen gemeinsam mit Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaftlern an 4.0-Technologien und deren gesellschaftlichen Implikationen. Dabei stelle ich fast täglich fest, dass sich die Tradition der Universitäten inklusive Promotionszulassungen, Publikationsmodellen, Drittmittelzugängen und Gutachtergruppen noch immer „an den Disziplinen“ orientiert – obwohl die wichtigsten Herausforderungen gerade an den Fachgrenzen liegen.
Bei dem täglichen „Fight“ gegen diese Barrieren helfen mir meine früheren Erfahrungen aus dem Leistungssport oft fast so viel wie mein fachliches Wissen. Einen Leistungssport betrieben zu haben ist mehr eine „physische Qualifikation“ – es erfordert Wettkampfhärte, Frustrationstoleranz, Ehrgeiz, Leidenschaft. Und es braucht immer Teamarbeit und Vertrauen: Ohne Trainer und Team ist kein Erfolg möglich.
Ich vertraue meinem Team. Gemeinsam lassen wir uns auf ständige Veränderungen ein, auf agil wechselnde nationale und internationale Anforderungen und auf harten Konkurrenzkampf. Täglich gehen wir an die eigenen Grenzen und stecken uns ehrgeizige Ziele. Nur wenn wir auch „unmögliches“ angehen, können wir gewinnen, die Forschung vorantreiben und wirkliche Innovationen schaffen.


Professor Christian Große leitet den Lehrstuhl für Zerstörungs­freie Prüfung an der TU München.

Professor Christian Große leitet den Lehrstuhl für Zerstörungs­freie Prüfung an der TU München.

2010 konnte ich den Lehrstuhl für Zerstörungsfreie Prüfung an der TU München als Double-Appointment in Bau- und Maschinenwesen übernehmen. Da ich mit Unterbrechungen seit 25 Jahren im Wissenschaftsbetrieb an einer Universität tätig war (als Student, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Doktorand, Habilitand und schließlich apl. Professor), fühlte ich mich gut vorbereitet auf die neue Tätigkeit. Dazu kam das exzellente Angebot für Fortbildungskurse an der TUM. Trotzdem ist es nicht einfach, die Bereiche Lehre, Grundlagenforschung und industrielle Auftragsabwicklung organisatorisch effizient abzubilden. Mit geringen personellen Ressourcen und ohne Dauerstellen ausgestattet, kommt man da leicht an die Grenzen. Ohne Assistent fehlt es personell an Kontinuität. Die jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen lernen dann schnell, Verantwortung zu übernehmen und dass es darauf ankommt, auch selbst alle Bereiche der Lehrstuhlarbeit übernehmen zu können. Aber das bereitet sie dann auch sehr gut für das restliche Arbeitsleben vor, in dem es zunehmend auf Flexibilität, Vernetzung und strukturiertes Handeln ankommt und darauf, dass man Chancen erkennt und ergreift. Es ist vielleicht das größte Geschenk für einen Hochschullehrer, junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei dieser Entwicklung zu unterstützen.


  Professorin Jule Specht leitet den Lehrstuhl für  Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu ­Berlin.

Professorin Jule Specht leitet den Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu ­Berlin.

Als Kritikerin des Lehrstuhlsystems eine Lehrstuhlinhaberin zu werden, birgt eine gewisse Ironie. Zunächst einmal ist da aber eine riesige Freude über die damit einhergehende Lebenszeit-Professur. Zeit, die bisher mit Zukunftssorgen verpulvert wurde, kann nun fruchtbar investiert werden: in den Aufbau eines neuen, langfristig angelegten Forschungsschwerpunktes mit unklaren Erfolgsaussichten und in das Vorbereiten von Vorlesungen, die mich noch viele Jahre begleiten werden.
Die ersten 100 Tage als neue Lehrstuhlinhaberin waren vor allem arbeitsintensiv. Ab Tag eins türmten sich Pflichten: zehn Semesterwochenstunden Lehre, dazu fünf zu koordinierende Lehraufträge, insgesamt mehrere hundert neue Studierende, zusätzlich Kommissionen und mehr. Gleichzeitig war erst am Tag 104 mein Büro bezugsfertig und meine erste Mitarbeiterin eingestellt. Denn die Ressourcen eines Lehrstuhls müssen zunächst einen langen Weg durch eine überaus umständliche Verwaltung schaffen. Das kostet allen Zeit. Und mich Nerven und Schlaf.
In der Summe bleibt die unbefristete Professur an meiner Lieblings-Universität ein großes Glück. Einen Lehrstuhl braucht es zu diesem Glück allerdings nicht. Bereichernd fände ich es, wenn stattdessen ein Department mit zusätzlichen Professuren (und weniger Mittelbau) entstünde, denn ich bin überzeugt, dass ein leistungsstarkes und sozialverträgliches Wissenschaftssystem eine moderne Departmentstruktur benötigt.


Professor Thomas Raab leitet den Lehrstuhl Geopedologie und Landschafts­entwicklung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.

Professor Thomas Raab leitet den Lehrstuhl Geopedologie und Landschafts­entwicklung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.

Während meiner Zeit als Postdoktorand und Habilitand habe ich mich weder gezielt noch bewusst auf eine Leitungsfunktion an einer Universität vorbereitet. Im Mittelpunkt standen die wissenschaftliche Qualifikation, d.h. Forschen, Lehren, Publizieren. Viele Managementaufgaben, die sich mir heute als Lehrstuhlleiter stellen und die besonders in den ersten, noch unerfahrenen Jahren zu bewältigen waren, sind nach dem Prinzip „Learning by Doing“ abgearbeitet worden. Ich hatte das große Glück, dass mir mein Doktorvater und Mentor frühzeitig Verantwortung übertragen und mir auch stets vertrauensvoll Einblick in seine eigene Leitungstätigkeit gegeben hat. Dieses Vertrauen in den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Transparenz gegenüber den eigenen Mitarbeitern sind nach meiner Erfahrung die wichtigsten Elemente für die Vorbereitung auf die Leitung eines Lehrstuhls. Wie in vielen Bereichen unseres Lebens – privat oder beruflich, von der Jugend bis ins Alter – gestaltet sich das Bewältigen von Managementaufgaben oft als Steh-auf-Spiel, bei dem Fehltritte unvermeidbar sind. Wichtig ist, dass man aus den Fehlern rasch lernt und wieder aufsteht.


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