Wahrheit
09 | September 2017 Artikel versenden Artikel drucken

In Vergessenheit geraten

Über die Unverzichtbarkeit der Wahrheit | Volker Gerhardt

Die Absage Donald Trumps an die Wahrheit führt die Notwendigkeit vor Augen, neu über ihren Wert nach­zudenken. Gerade die heutige Vielfalt aller Lebensbedingungen erfordert ein Festhalten an der Wahrheit.

Missachtung der Wahrheit

„Vielleicht“, so hat Meinhard Miegel im Frühjahr 2017 in einer Kolumne seines Denkwerks Zukunft geschrieben, „wird man Donald Trump eines Tages dankbar sein müssen, dass er das mit diesem Zynismus und dieser Brutalität jetzt deutlich macht. Vielleicht bedarf es dieses Schocks. Denn die westliche Kultur leidet seit langem unter der Auszehrung ihrer Substanz. Donald Trump hat dies auf beklemmende Weise bewusst gemacht.“ (Braunschweig-Spiegel, 19. Fe­bruar 2017)

Das unbestreitbar Wahre dieses Urteils bezieht sich auf die Missachtung der Wissenschaften und der Künste durch den derzeitigen amerikanischen Präsidenten. Miegel glaubte noch sagen zu können, Trump meine, was er sagt. Inzwischen ist aktenkundig, dass dies der Wahrheit nicht entspricht. Trump lässt sich durch keine Fakten irritieren; er widerruft seine Aussagen, wann immer er glaubt, das komme seiner Klientel entgegen und bringe ihm Stimmen zurück. Er nimmt nicht zur Kenntnis, dass es für ihn darauf schon nicht mehr ankommt. Damit erhöht sich die Gefahr, die dieser Präsident für die Zivilisation des Westens darstellt.

Doch so verzweifelt die Lage auch ist: Ein Gutes hat die präsidiale Absage an die Wahrheit erbracht: Sie hat mit der viel zu lange für unüberholbar modern (oder gar schon für „postmodern“) gehaltenen Verabschiedung der Wahrheit innerhalb weniger Wochen ein Ende gemacht. Galt es bis zum Frühjahr des Jahres noch als Zeichen definitiver Rückständigkeit, der Wahrheit überhaupt Bedeutung beizumessen, beeilt man sich nun nicht nur auf marches for sciences, sondern auch in gelehrten akademischen Zirkeln, die Unverzichtbarkeit der Wahrheit außer Zweifel zu stellen.

Ob damit bereits die Pointe der Rede vom „wachsenden Wert der Wahrheit“ begriffen ist, sei dahingestellt. Aber niemand, dem an Erkenntnis und einem guten Ruf gelegen ist, möchte sich sagen lassen, er biete nur Fiktionen, die sich von Fakten nicht unterscheiden lassen.

Kein Meteorologe, er mag noch so sehr unter den Unwägbarkeiten seiner Vorhersagen leiden, kann es hinnehmen, als „Stalinist“ bezeichnet zu werden, nur weil er den „Klimawandel“ für möglich oder für wahrscheinlich hält. Genau das aber haben sich die im April zu einer Kongressanhörung geladenen Klimaforscher in Washington anhören müssen. Von den Parteigängern Donald Trumps wurden sie als „Kommunisten“ beschimpft, weil sie angeblich nur von ihren menschenfreundlichen Wunschvorstellungen ausgegangen sind. Sie werden nicht nur der Lüge bezichtigt, sondern im Vergleich mit Stalin zu Verbrechern gestempelt.

Die Vielfalt der Theorien

Das Problem der Wahrheit ist, dass man ihre moralische Bedeutung unterschätzt und ihren metaphysischen Rang überhöht. Zum Lügner wird einer nicht, indem er irgendeiner Metaphysik anhängt, sondern indem er das Gegenteil von dem sagt, was er meint oder weiß. Das kann schon dadurch geschehen, dass er die Wahrheit nicht zu sagen wagt, weil ihm der Mut dazu fehlt oder weil er Gründe hat, etwas zu verbergen.

»Das Problem der Wahrheit ist, dass man ihre moralische
Bedeutung unterschätzt und ihren metaphysischen Rang überhöht.«

Das aber sind in der Regel nicht die Gründe, die man braucht, um von Gott oder von dem zu sprechen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Einem Dieb kann daran gelegen sein, die Wahrheit über die Herkunft seines Diebesguts nicht ans Licht kommen zu lassen. Dazu kann paradoxerweise auch gehören, dass er etwas als wahr behauptet, was gar nicht stimmt, nur um von seinem Verbrechen abzulenken. Von Metaphysik braucht er ebenso wenig zu wissen wie der Mensch, der nach dem Weg gefragt wird und sicher ist, dass der Bahnhof gleich um die Ecke liegt. Man braucht die Wahrheit, um sich, so oder so, verständigen zu können.

Das ist so schlicht und selbstverständlich, dass man sich fragen muss, wie es jemals dazu kommen konnte, die offenkundige Wahrheit über die Unverzichtbarkeit der Wahrheit in Vergessenheit geraten zu lassen. Versucht man den Hintergrund der Kehrtwendung auszuleuchten, denkt man zunächst an die Schwierigkeit, die Wahrheit zu definieren. Hier hat sich bereits im Anschluss an Kant, der eine „Namenerklärung“ der Wahrheit für „geschenkt“ und für stets schon „vorausgesetzt“ hielt, eine kaum noch zu überschauende Vielfalt von Definitionen ergeben, die sich wechselseitig zu überbieten und außer Kraft zu setzen suchen. Das Erstaunliche aber ist, dass sich im Kaleidoskop der logischen, semantischen, dialektischen, materialistischen, positivistischen, diskurstheoretischen, konstruktivistischen oder pragmatistischen Wahrheitstheorien keine findet, die empfiehlt, auf Wahrheit zu verzichten! Sie warnen mit guten Gründen davor, Wahrheit absolut zu setzen, und sind sich darin einig, dass die Wahrheit zur sprachlichen Verständigung menschlicher Individuen gehört.

Etwas anderes ist der Vorschlag, nicht mehr eigens von der Wahrheit zu sprechen, weil das Attribut „wahr“ einer auf Wahrheit Anspruch erhebenden Aussage nichts Neues hinzufüge. So kann es in der Tat als überflüssig angesehen werden, beim Würfeln nicht nur die angezeigte Punktzahl zu nennen, sondern ausdrücklich: „Das ist wahr!“ zu ergänzen. Aber es liegt uns doch nicht selten daran, den Ernst oder die Aufrichtigkeit einer Aussage zu beto-nen. Und dann hat es auch einen guten Sinn, von der Wahrheit zu sprechen.

Die Verkennung der Wahrheit

Ohne Rücksicht auf die eindrucksvolle Intensität philosophischer Theorie­bemühungen herrscht gleichwohl die populäre Überzeugung vor, „Wahrheit“ sei nicht nur als Wort verzichtbar, sondern habe auch als Klassifikation von Aussagen ausgedient. Die dafür herangezogene Begründung ist vor allem deshalb so verblüffend, weil sie selbst für wahr gehalten wird: Die Wahrheitsskeptiker gehen stillschweigend von der geglaubten Wahrheit aus, die Metaphysik habe ausgedient und Gott sei tot. Damit habe die Wahrheit jeden Rückhalt verloren und so sei es an der Zeit, sie aufzugeben.

»Es herrscht die populäre Überzeugung vor, ›Wahr­heit‹
sei nicht nur als Wort verzichtbar, sondern habe auch
als Klassifikation von Aussagen ausgedient.«

Philosophisch spricht so gut wie nichts für diese These. Denn dass die Wahrheit einen göttlichen Grund benötigt, mag zwar die Auffassung von bedeutenden Religionslehrern und Dichtern sein; mit Blick auf den alltäglichen, den wissenschaftlichen oder den anspruchsvollen philosophischen Gebrauch des Begriffs ist sie gänzlich unerheblich.

Ob es richtig ist, dass der Würfel „eins“ oder „sechs“ anzeigt, hängt allein davon ab, welche Seite oben liegt. Und ob es wahr ist, dass der Mond uns immer die gleiche Seite zeigt, wird auf der Basis von Beobachtungsdaten entschieden. Nur Empirie, Logik und sprachlicher Kontext entscheiden darüber, ob ein Urteil als „wahr“ oder „falsch“ zu gelten hat. Dessen Richtigkeit ist unabhängig davon, ob der Sprecher an Gott glaubt oder sich moralisch zur Wahrhaftigkeit verpflichtet sieht.

Man kann also festhalten, dass es auf eine grundlegende Verkennung der Wahrheit hinausläuft, wenn man ihr einen metaphysischen Funktionsverlust oder ein historisches Ende zu bescheinigen versucht. Die modernistische Absage an die Wahrheit kann nur eine Folge der Enttäuschung darüber sein, dass die Wissenschaft nicht schon von sich aus alle Probleme löst. Irgendwie hat man mehr von ihr erwartet, und zahlt es ihr nun durch Geringschätzung heim.

Wenn das, wie bei Nietzsche, mit der Auszeichnung der nicht auf Wahrheitsprüfung angewiesenen Produktivität der Kunst verbunden ist, hat das einen versöhnlichen Zug. Denn auf die Kunst zu setzen, ist unabdingbar. Doch in ihr eine Alternative zur Wissenschaft auszumachen, wäre schon deshalb ein Missverständnis, weil beide, Kunst und Wissenschaft, wechselseitig aufeinander angewiesen sind.

Das Element der Wahrheit ist die Relativität

Es wäre nicht fair, dem verbreiteten Verbalverzicht auf die Wahrheit nur einem metaphysisch-theologischen Missverständnis anzulasten. Tatsächlich gab und gibt es weitere Wahrheiten, die einflussreiche Autoren veranlasst haben, auf erklärte Distanz zur Wahrheit zu gehen.
Im 19. Jahrhundert war es die durch den Historismus exponierte Vielfalt der Epochen und Kulturen, mit der die Überzeugung vom Wandel der Ansichten und Einsichten so dramatisch anwuchs, dass man glaubte, das Streben nach Wahrheit preisgeben zu müssen. Das konnte aber nur das Streben nach der einen Wahrheit betreffen, nach der selbst die Gottsucher unter den Philoso-phen gar nicht mehr suchten. Gleichwohl unterstellte man ihnen diese Ab-sicht und glaubte damit einen Grund zu haben, von der Wahrheit überhaupt Abschied nehmen zu müssen.

Das fiel den Modernen auch deshalb besonders leicht, weil sie ihre Epoche als schlechthin neu empfanden. Sie glaubten, erst die Neuzeit habe die Gleichzeitigkeit verschiedener Kulturen und die Relativität aller Einsichten und Wertungen erfahren lassen. Also unterstellten sie ihren Vordenkern ein naives Verständnis von der Welt und von der Wahrheit, dem sie nun ein Ende bereiten wollten.

Niemand wird leugnen, dass die Moderne eine sensationelle Ausweitung der Handlungsräume, eine Beschleunigung allen Wandels, die – auch medial – gesteigerte Vergegenwärtigung der Konflikte sowie vielversprechende Zu-kunftsversprechen gebracht hat. Doch zu dem in der Selbstaufwertung der Modernen erhofften revolutionären Bruch ist es nie gekommen. So hat sich auch die Wahrheit, deren Element in der Vermittlung der Relativität der menschlichen Welterfahrung liegt, nicht nur gehalten, sondern sich erst recht als unverzichtbar erwiesen. Es ist der nicht erst von Nietzsche, sondern bereits von Cusanus, Montaigne, Leibniz und Kant betonte „Perspektivismus“, der die Wahrheit zum dringlichsten Erfordernis des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses macht.

Der Wert der Wahrheit wächst

Die Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist zum Leitstern der Kultur des Westens geworden. Es war und ist die Wahrheit (und nichts als die Wahrheit!), die der Einsicht in die Vielfalt der Lebensbedingungen ihren Grund und ihre Sicherheit gibt. Sie (und nur sie!) war und ist es auch, die bei Denkern, die nach einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit suchen, zum Missverständnis des generellen Wahrheitsverzichts führt.

So richtig die Einsicht in die Relativität aller Lebensbedingungen ist, so kurzschlüssig ist es, von ihr auf die Überfälligkeit der Wahrheit schließen zu wollen! Gerade die Vielfalt, Gegensätzlichkeit, gewiss auch die bleibende Unvereinbarkeit von Positionen, haben uns bewusst zu machen, dass nichts dringlicher ist als ein Festhalten an der Wahrheit. Deren Wert wächst, je mehr wir unter dem Anspruch leben, mit der Vielfalt nicht nur weltweit, sondern in alledem auch menschenwürdig umzugehen. Es ist die Wahrheit, die uns, in Anerkennung der Pluralität der Perspektiven, gleichwohl in der Hoffnung auf Verständigung (unter Umständen sogar mit allen) leben lässt.

Das ist eine aufgeklärte Sicht auf die Wahrheit, die jedem den Mut abverlangt, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Dabei sollte niemand die Macht der Triebe und den Rang von Gefühlen unterschätzen: Aber ohne Wahrheitsanspruch lässt sich auch mit ihnen nicht einvernehmlich umgehen.

Das macht bewusst, welches Unglück es ist, einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu haben, der diesen Anspruch, wenn er ihn von sich aus nicht kennen sollte, noch nicht einmal bei anderen achtet.

 

A U T O R

Volker Gerhardt ist Seniorprofessor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Foto: Anja Weber


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