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09 | September 2017 Artikel versenden Artikel drucken

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„Data Refuge“ kümmert sich um die ­Rettung ­wissenschaftlicher Daten in den USA | Bethany Wiggin

Viele Forscher in den USA fürchten wachsende Zensur und verstärkte Eingriffe der US-Regierung im Umgang mit sensiblen Daten. Eine Initiative zur Online Archivierung versucht, dies zu verhindern und die Daten in Sicherheit zu bringen, bevor es zu spät ist. Ein Interview über ein großes und zeitaufwändiges Vorhaben.

Forschung & Lehre: Wann wurde Ihnen bewusst, dass mit der Wahl Donald Trumps im November 2016 wissenschaftliche Daten in Gefahr sind?

Bethany Wiggin: Bereits Ende November brach unter unseren Fakultätsmitgliedern, Doktoranden und Stipendiaten am Penn Programm für Mensch und Umwelt (Environmental Humanities) an der University of Pennsylvania eine rege Diskussion darüber aus, ob und wie wissenschaftliche und andere Daten zum Klimawandel und Umweltschutz unter der kommenden Trump-Regierung in Gefahr sind. Im Wahlkampf hatte sich Donald Trump nicht nur als Leugner des Klimawandels gezeigt, sondern auch als virulenter Realitätsleugner. Wir waren uns eigentlich sofort nach der Wahl sicher, dass unter der kommenden Administration die Zukunft von Daten in Gefahr ist. Nach einigen Tagen, die mit Empörung und Ratlosigkeit gefüllt waren, fingen wir systematisch an zu untersuchen, worin die eigentliche Gefahr besteht. Wir schauten uns historische Beispiele anderer Leugner des Klimawandels an und wie Umweltdaten in der Vergangenheit zensiert wurden. Hilfreich waren dabei die Gesetze, die die Archivierung digitaler Bestände der US-Behörden regeln. Wir sprachen außerdem mit Archivaren und Bibliothekaren, die langjährige Erfahrung und eine breite Expertise im Umgang mit digitalen Beständen haben.

F&L: Und was passierte dann?

Bethany Wiggin: Je mehr wir in Erfahrung bringen konnten, desto mehr wuchs unsere Sorge. Wir erfuhren z.B., wie kanadische Wissenschaftler unter dem ehemaligen Premier und Leugner des Klimawandels Stephen Harper, der von 2006 bis 2015 regierte, mundtot gemacht wurden. Dann wurden im Dezember 2016 Umweltdaten und Lehrmaterialien von offiziellen Webseiten im Bundestaat Wisconsin gelöscht. Wir befürchten nun, dass das Vorgehen von Scott Walker, des Gouverneurs von Wisconsin, der Umweltwissenschaftler an der Universität attackiert und die Forschungsgelder gekürzt hatte, Vorreiterfunktion haben könnte. An einem Wochenende Mitte Dezember halfen wir daher dem Meteorologen und Journalisten Eric Holthaus, einen Twitter-Sturm auszulösen, und am folgenden Montag erschien das Ganze als Leitartikel in der Washington Post.

F&L: Wie sieht Ihr Plan zum Schutz der Daten aus?

Bethany Wiggin: Wir wollen Wissenschaftler, Archivare, Bibliothekare bzw. alle Bürgerinnen und Bürger für dieses Thema sensibilisieren, denn Daten existieren schließlich nicht ohne die Menschen, die für sie verantwortlich sind. Gesammelte Daten können nicht allein von Maschinen oder dem Netz erhalten werden, sondern Menschen müssen sich darum kümmern. Für Dateien in Datenbanken, die nicht von Maschinen gecrawlt und zuverlässig ins Internetarchiv gebracht werden können, schufen wir Mitte Januar die sogenannte „Data Refuge“. Unser Wahrzeichen ist das mit einem Vorhängeschloss versehene Logo der „United States Environmental Protection Agency“ (EPA), einer unabhängigen Behörde der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zum Umweltschutz und zum Schutz der menschlichen Gesundheit. Diese „Refuge“ ist allen Datenrettern zugänglich. Jeder, der dem Protokoll folgt, das die Integrität der „geretteten“ Dateien garantieren soll, darf gesicherte Kopien von Regierungsdateien kostenlos dort speichern. Hauptsächlich werden Umwelt- und Klimadaten dort aufbewahrt, aber inzwischen auch Daten zu Kunst und Kultur. „Data Refuge“ soll auch andere Bibliotheken und Forschungsinstitute anspornen, Daten zu schützen. Das war eigentlich der Gedanke hinter der „Libraries Plus Inititiative“ (Libraries +), die Anfang Mai startete. Da befürchtet wird, dass Gelder für Data-Kataloge gekürzt werden, arbeitet diese Initiative unterstützend mit. Mit der „National Geographic Society“ lancieren wir zudem im Herbst das zweijährige Projekt „Storytelling Builds Data Refuge.“ Mit der Stadtverwaltung in Philadelphia und anderen amerikanischen Großstädten, mit der „Union of Concerned Scientists“ und anderen wollen wir damit eine „Story-Bank“ aufbauen, die Geschichten sammelt, die den landesweiten Gebrauch von Klima- und Umweltdaten zeigen und anschaulich machen sollen. Die Geschichten sollen demonstrieren, wie Klima- und Umweltdaten im alltäglichen Leben von ganz normalen Bürgern eine Rolle spielen. Da nach unserer Ansicht die US-Bundesregierung ihren Bürgern wichtige Informationen zum Klima- und Umweltschutz entzieht, müssen wir andere zukunftsweisende Strategien entwickeln. „Data Refuge“ hat einen kleinen Anfang in diese Richtung gemacht.

»Diese Administration führt wahrhaftig ­einen Krieg
gegen die Wissenschaft und die Menschen, die nach ihr streben.«

F&L: Um welche Datenbestände geht es?

Bethany Wiggin: Die Datenbestände der Umweltbehörde EPA sind besonders stark gefährdet. Trump droht immer wieder, die Mittel dieser Behörde radikal zu kürzen. Der jetzige Administrator der EPA, Scott Pruitt, hat während seiner Karriere als Justizminister im Bundesland Oklahoma 16 Mal Strafanzeige gegen die EPA gestellt. Es bleibt sein erklärtes Ziel, die Behörde zu schließen. Ende April wurden dann alle EPA-Seiten zum Klimawandel aus dem Netz genommen. Die Pressemitteilung erklärt einfach: „EPA.gov, the website for the United States Environmental Protection Agency, is undergoing changes that reflect the agency’s new direction under President Donald Trump and Administrator Scott Pruitt.“ Und auch alle Seiten zum Klimawandel, die früher auf den Seiten des Weißen Hauses leicht zugänglich waren, sind heute nicht mehr dort. Diese Seiten sind zwar nicht spurlos verschwunden, aber sie sind viel schwieriger zu finden. Man muss wissen, dass es sie früher gab, um überhaupt erst auf die Idee kommen zu können, sie im Internetarchiv zu suchen. Der Präsident und der Kongress haben schon mit den Haushaltsverhandlungen für das kommende Jahr angefangen. Obwohl sich die Trump-Administration bis jetzt noch nicht mit einigen Vorhaben durchsetzen konnte, werden die geplanten Kürzungen für den Umweltschutz verheerend sein. Als Wissenschaftlerin bin ich ein Kind der Aufklärung. Im Namen der Aufklärung sind zwar viele Verbrechen geschehen, jedoch bekämpfte die Aufklärung den Aberglauben und betonte die Wichtigkeit von „evidence-based arguments.“ Ohne Beweis gibt es keine Wissenschaft. Das deutsche Wort „Wissenschaft“ drückt es viel eleganter aus: was wir wissen, müssen wir erst schaffen, d.h. machen. Für die Wissenschaft reicht der „Glaube“ nicht. Trump und seine Anhänger bieten zwar sog. „alternative Tatsachen“. Aber diese Alternativen sind reiner Aberglaube. Diese Admistration führt wahrhaftig einen Krieg gegen die Wissenschaft und die Menschen, die nach ihr streben, d.h. die Wissen schaffen wollen. Aus diesen Gründen steht auf der Webseite von „Data Refuge“: „In conversation with many partners, such as you, we can build refuge for federal climate and environmental data vulnerable under an administration that denies the fact of ongoing climate change. We are committed to fact-based arguments, and Data Refuge works to preserve the facts we all need. Data Rescue events create trustworthy copies of federal climate and environmental data (among other things), while the Internet Archive and a consortium of major research libra­ries holds these copies.“

F&L: Wie wird das Projekt von Ihren Kollegen aufgenommen? Erhalten Sie Rückenwind in der Scientific Commu­nity?

Bethany Wiggin: Schon Mitte Dezember bekamen wir starken Rückenwind, nachdem der Leitartikel in der Washington Post so viele Leser erreichte und dann im Folgenden überall über die möglichen Gefahren berichtet wurde. Vor allem konnten wir uns durch die „Union of Concerned Scientists“ (UCS) noch mehr Unterstützung für das Projekt Datenrettung sichern. Durch die Umfrage unter 70 000 Wissenschaftlern erfuhren wir, von welchen Daten und Datenbeständen welche Forschungsfragen und -vorhaben abhängen, und welche Datenbestände die Wissenschaftler für besonders bedroht halten. Inzwischen organisieren wir uns mit anderen Partnern, um einen Verband von Bibliotheken und Open Data/Science Organisationen weltweit zu organisieren.

Seit Mitte Dezember ist die Bewegung, Klima- und Umweltdaten zu schützen, enorm gewachsen. Viele Großstädte sind auf einem guten Weg. EPA-Seiten sind jetzt auf den Regierungsseiten von Chicago, Philadelphia und anderen Städten zu finden. Und Forschungsinstitute ließen uns vertraulich wissen, dass sie nicht nur Kopien von EPA-Daten anlegten, sondern auch von Daten der NASA, des Department of Energy u.a.m. Mit Bibliothekaren der „Library of Congress“ und der „Sunlight Foundation“ war ich am „Capitol Hill“, um eine Sachverständigenaussage zum Datenschutz zu machen. Ende April wurde sogar ein Gesetz von Senator Gary Peters (Demokrat aus Michigan) und Senator Cory Gardner (Republikaner aus Colorado) zum Schutz der Daten vorgeschlagen. Leider wird es trotzdem seit Ende April dieses Jahres im Gesetzgebungsverfahren blockiert.

Wir bleiben jedoch am Ball und versuchen weiter zu gestalten: Seit Mitte März dieses Jahres arbeitet „Data Re­fuge“ mit vielen Forschungsbibliotheken und anderen Partnern am „Federal Depository Library Program“ zum Schutz der Daten fürs digitale Zeitalter. Wir versuchen, dort an angehende Initiativen anzuknüpfen, wie z.B. „PEGI“ (Preservation of Electronic Government Information).

https://libraries.network
https://freegovinfo.info/node/12168
http://www.ppehlab.org/storytelling

Die Fragen stellte Friederike Invernizzi.

 

A U T O R I N

Bethany Wiggin ist Professorin für Deutsche Literatur an der University of Pennsylvania und Gründungsdirektorin von Penn Program für Mensch und Umwelt (Environmental Humanities). Außerdem leitet sie das Projekt zur Rettung wissenschaftlicher Daten in den USA „Data Refuge“. Foto: © yakubova-studio


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