Lehre
10 | Oktober 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Schaltplan der Zukunft?

Die Digitalisierungsstimmung an deutschen Hochschulen | Michael Jäckel

Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage, wie gute Lehre sinnvoll vermittelt werden kann, gibt es wohl kaum. Das betrifft auch den Einsatz digitaler Medien in der Lehre. Gedanken des Präsidenten der Universität Trier über eine Digitalisierung, die Lehrende und Lernende in den Hochschulen bestenfalls enger zusammenbringt, und zum Problem unterschiedlicher Geschwindigkeiten.

Der Moderator des Hochschulforums Digitalisierung wollte zu Beginn der Diskussionsrunde wissen, ob es in Sachen Digitalisierung an deutschen Hochschulen eher evolutionär oder disruptiv zugehe. Dabei hatte das Hochschulforum selbst in einer neueren Publikation die Devise „Den Wandel weiterdenken“ ausgegeben. Ich antwortete mit einem Hinweis auf das Erstlingswerk des US-amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo, der bereits in den 1970er Jahren eine nicht nur irritierende, sondern auch aufschlussreiche Geschichte erzählte, und zwar in Gestalt der Vision eines alten weisen Indianers: „Er hat gesagt, alle neuen Universitäten würden nur noch aus einem kleinen Raum bestehen. Das würde folgendermaßen funktionieren: Zu Beginn eines jeden Semesters würde die gesamte Studentenschaft – die mindestens fünfhunderttausend betragen müsste, damit die Computer genug zu tun hätten – sich auf einem großen freien Platz vor einer Fernsehkamera versammeln. Sie würden auf Videoband aufgenommen. In einer getrennten Aktion würde man dann auch, einzeln, das Lehrpersonal auf Video aufnehmen. Anschließend würden die beiden Monitore in den einen Raum gestellt werden, der die Universität darstellt. […] Am ersten Unterrichtstag um neun Uhr morgens würde ein Computer die beiden Geräte einschalten, die sich gegenüber­ständen. Das Videoband der Studenten würde sich dann das Videoband des Lehrpersonals ansehen. Das System könnte schließlich so verfeinert werden, dass es im ganzen Land nur noch eine einzige Universität gäbe.“ Daraufhin meinte der Zuhörer, dass dieser Beobachter doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit sei.

Auf der Höhe der Zeit? Wir müssten eigentlich erstaunt sein, was über die Zukunft der Bildung schon alles gedacht wurde. Um was geht es eigentlich? Die meisten Antworten tendieren zu: „Um alles.“ Digitalisierung steht als Synonym für den Schaltplan der Zukunft, sie verkörpert die Metaebene eines Phänomens, das der verstorbene Frank Schirrmacher einmal so formulierte: „Jeder neue Output des Silicon Valley […] ist ein Ereignis der sozialen Physik.“ Etwas verändert die Spielregeln und die Strukturen. Wäre der Film „Die Reifeprüfung“ in der heutigen Zeit entstanden, würde der Freund des Hauses zu dem erfolgreichen Absolventen Benjamin nicht mehr “One Word: Plastics… There‘s a great future in plastics.” sagen, sondern den großen Deal in „Digitization“ sehen. Diese berühmte Szene erinnert an die Monotonie heutiger Ansprachen, die alle nur noch dieses eine (Digitalisierung) predigen. Man muss aufpassen, dass aus dem Begriff kein „Plastikwort“ wird. Diese One Word-Philosophien hinterlassen einen diffusen Handlungsdruck nach dem Motto: Egal, was Sie tun: Es wird kommen.

»Es gibt in der Geschichte der Universität keine Tradition,
die systematisch die Ab­wesenheit der Studierenden zelebriert hat.«

Verdrängungssorgen

Es gibt in der Geschichte der Universität keine Tradition, die systematisch die Abwesenheit der Studierenden zelebriert hat. Im Gegenteil: Der Ausschluss aus der akademischen Welt war für wechselnde Anspruchsgruppen Ansporn, den Zugang zu erkämpfen oder politisch auszuhandeln. Jene, die es an die Universität schafften, freuten sich auf eine komplizierte Welt des Denkens. Eine Erwartung an die Qualität der Lehre lautete: „Das Wichtigste war mir, dass es endlich anders wurde als in der Schule; und ich verachtete geradezu diejenigen wenigen Lehrenden, die sich im Sinne der eben erst aufgekommenen Hochschuldidaktik bemühten, uns den Weg in das Fach einfacher zu machen. Ich wollte es schwierig haben, weil das das untrügliche Zeichen dafür war, in der Wissenschaft angekommen zu sein.“ Man stelle sich das einmal im Rahmen einer aktuellen Akkreditierungsrunde vor.

Aber digitale Lehre wird noch längst nicht mit Nachdruck eingefordert, auch von Studierendenseite nicht. Viele halten die Fokussierung auf den Begriff auch für falsch, für engführend. Sie plädieren für gute Lehre, die eine gute Mischung aus analogen und digitalen Komponenten anbietet. Anwesenheit versus Abwesenheit ist sehr von Verdrängungssorgen der brick- durch eine click-Universität überlagert und damit der falsche Ansatz. Die Verzahnung von analoger und digitaler Lehre/Forschung belebt den Campus. In der politischen Diskussion kommt es sehr darauf an, an dieser neuen (Informations-)Infrastruktur zu arbeiten und den Gedanken einer „Anwesenheitsinstitution“ (Rudolf Stichweh) auch dadurch zu befördern, dass die Organisation des Studiums den universitären Alltag belebt und moderne Lernorte entstehen.

Das betrifft selbstredend auch die Organisation der Lehre selbst. Bereits in den 1960er Jahren hatte der kanadische Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan die Souveränität der Lehrkanzel in Zweifel gezogen. Das Modell des Lehrstuhls existiert gleichwohl weiterhin, und auch die Reputationsstrukturen sind noch immer sehr stark auf das Erreichen solcher Positionen ausgerichtet. Dass diese Art der Wissensvermittlung nunmehr durch von Beginn an partizipative Formate ersetzt werde, ist nicht wirklich zu erkennen. Auch viele akademische Plattformen setzen auf das Modell des Vortragenden, perfektionieren jedoch dafür die dramaturgischen Effekte einer Vorlesung oder versuchen sich in kleineren Formaten („learning nuggets“). Wo viele Zuhörer involviert sind, bleibt die gelingende Einbindung eine Herausforderung. Die Liste der Fragen, die sich hinter der Leinwand auf dem Podium, von dem eingangs die Rede war, ansammelte, wurde länger und länger. Auch wenn versucht wurde, auf möglichst viele davon einzugehen, wies die Frage eines auf Mitwirkung Hoffenden, „Was passiert mit all diesen Fragen?“, auf die grundsätzlichen Grenzen der Beteiligung hin. Daniel Bell hatte diesen Engpass bereits in den 1970er Jahren erkannt. Die Informationsgesellschaft sei gekennzeichnet durch ein Spiel zwischen Personen, weil ein wachsendes Bedürfnis nach Partizipation einen Anstieg von Interaktionen mit sich bringt. Er kam zu dem Ergebnis, dass „das erhöhte Mitspracherecht paradoxerweise meist nur das Gefühl einer größeren Frustration aus[löst].“ „Die Welt“, so schrieb Niklas Luhmann einmal, „wird gleichsam zusätzlich mit Geräusch gefüllt, mit Initiativen, Kommentaren, Kritik.“

Aber mit diesem Hinweis auf mehr „Abstimmungsbedarf“ wird die Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt, was in der Diskussion über Online-Lehre/digitale Lehre durchaus betont wird: Diese kann auch dazu führen, dass Lehrende und Lernende enger zusammenkommen, dass also die oben beschriebene Verzahnung zunimmt. Sie kann sinnvolle Abwechslung in den Lehralltag bringen und das Ausmaß des Frontalunterrichts reduzieren. Manche sprechen euphorisch bereits von Curriculum 4.0, meinen damit häufig doch das gegenseitige Impulsgeben in Vorlesung, Seminar oder praktischer Übung. Das universitäre Bildungserlebnis setzt nicht mehr auf „Ich will dich nicht verstehen“, sondern „Ich hätte da eine Idee.“, auch durch Zwischenschaltung von Technik.

Individualisierung statt Standardisierung

Ewig und drei Tage wird es damit nicht dauern, aber euphorisch geht es auch nicht zu. Die akademische Welt lebte immer von Individualisierung, nicht von Standardisierung. Natürlich ist auch selektive Wahrnehmung im Spiel, wenn etwa zu sehr auf Learning Analytics und die Abrufzahlen von Vorlesungen geschaut wird. Eine Taylorisierung des Lehrens und Lernens wirkt auf viele wie eine Rückkehr in die frühen Zeiten des Maschinenlernens und der Unterrichtsinstruktionsapparate. Ein neues Rollenverständnis des Lehrenden für diese digitale Welt ist noch nicht da, ebenso geht es den Studierenden, die mit verhaltener Neugierde den Wandel beobachten, den sie privat bereits umfänglich praktizieren.

»Ein neues Rollenverständnis des Lehrenden
für die digitale Welt ist noch nicht da.«

Der Wettbewerb wird zukünftig über die Vielfalt der Formate stattfinden. Vorstellungen von Vorlesungen, Seminaren, Projektstudien werden uneinheitlicher. Zudem gibt es eine Art doppelten Effekt: Die einen Disziplinen – z.B. Ökonomie, Recht, Sozialwissenschaften – greifen die Digitalisierung als Treiber von Wandlungsprozessen auf, die anderen – etwa Digital Humanities, Digital History – verzahnen Lehre und Forschung eng mit den neuen Möglichkeiten von Recherche und Dokumentation. Die Digitalisierung versetzt uns also bereits heute auf vielen Pfaden in die Lage, die Zahl der Variablen, die gute Vielfalt ermöglichen, signifikant zu erhöhen. Die Erweiterung des Werkzeugkastens ist immens. Die Einführung der digitalen Lehre ist daher nicht das trojanische Pferd der click university-Befürworter, sondern eine Einladung, den Campus attraktiver zu machen. Wenn die Hochschulen diesen Weg gehen, leisten sie einen Beitrag zur Belebung der Gesellschaft, sie bringen den Campus und seine Bewohner auf Fahrt. Diese müssen dazu auch nicht immer auf dem Campus sein. Selbstlernen macht zwar einen großen Teil aus, aber meistens alleine zu sein, kein Generationen- und Zugehörigkeitsgefühl entwickeln zu können, die Alma Mater als rechteckiges Display zu erleben, passt nicht in eine Welt, die vom Kreativitätsimperativ lebt. Wer nur an neue Zielgruppen (Berufstätige, internationaler Bildungsmarkt) denkt, lähmt den Campus.

Es waren vor wenigen Jahren vier Großbuchstaben und ein kleines s, die für Aufregung sorgten: MOOCs. Die Hochschulrektorenkonferenz etwa analysierte ausführlich die Potenziale und Probleme dieser Massive Open Online Courses. Die Aufregung ist heute eher verflogen, aber die Plattformen expandieren: edX, Coursera, FutureLearn – hohe Nutzerzahlen werden gemeldet, Nanodegrees und Mini-Master offeriert. Welche akademische Anerkennung diesem Wandel folgt, ist noch nicht absehbar; ein Angriff auf ein von hohen Gebühren finanziertes System wie das der USA ist es wohl. Die deutschen Hochschulen beobachten die Entwicklung und üben sich in dem Format, meistens im Sinne einer Anreicherung der Präsenzlehre oder als Testballon, auch in Kooperation mit weiteren akademischen Partnern. Fernstudiengänge orientieren sich neu, reine Online-Studiengänge sind bereits vorhanden und entwickeln sich weiter – verursachen aber auch hohe Kosten (Zeit und Geld).

Digitale Zweitwelt Universität?

Anerkennung war einer von vier Wünschen, die der amerikanische Soziologe William Isaac Thomas dem menschlichen Verhalten zugrunde legte. Ebenso wichtig schienen ihm neue Erfahrungen, Sicherheit und Aufmerksamkeit im Sinne von „response“. In einem übertragenen Sinne – ohne diese Klassifikation im wissenschaftlichen Sinne überzubewerten – gilt dies auch für das hier skizzierte Handlungsfeld. Nur, weil Digitalisierung irgendwie mit allem zu tun hat, muss man nicht alles mitmachen. Es macht auch keinen Sinn, eine „digitale Zweitwelt Universität/Hochschule“ anzustreben. Die Universitäten und Hochschulen hadern mit dem Tempo der technologischen Entwicklung, wollen aber nicht auf dem Bahnsteig stehen, während der Zug vorbeifährt. Sie wollen also aus neuen Erfahrungen lernen und nicht ständig in einem unsicheren Gebiet nach dauernd neuen Orientierungen suchen. Sie benötigen daher auch gute Rahmenbedingungen, die ihnen eine Entfaltung von Campus und Angebot im hier beschriebenen Sinne ermöglichen. Mit dem Ziel, mehr oder weniger einzigartig zu sein.

 

A U T O R

Professor Michael Jäckel ist Präsident der Universität Trier. Als Mitglied des Rats für Informationsstrukturen vertritt er die Interessen der Hochschulrektorenkonferenz im Rahmen des IT/Digital-Gipfels der Bundesregierung und ar­beitet an zentraler Stelle im Hoch­schul­forum Digitalisierung mit.


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