streitkultur?
12 | Dezember 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Im eigenen Interesse

Konfliktzonen in der Tierwelt | Oliver Krüger

Aggression und Streit unter Tieren zeigen sich auch im Bereich der Fortpflanzung. Was treibt die Konflikte an? Über kollidierende Strategien von Weibchen und Männchen, unterschiedliche genetische Interessen und Charaktere.

Forschung & Lehre: Welche Bedeutung haben Konflikte im Tierreich?

Oliver Krüger: Eine große. Ob das Nahrung ist, ob das potenzielle Paarungspartner sind, es gibt eine Reihe von Ressourcen, um die die Tiere konkurrieren und natürlich dann auch in Konflikt geraten. Diese werden dann mehr oder weniger heftig ausgetragen.

F&L: Welche Rolle spielen sie für die Arterhaltung?

Oliver Krüger: Diesen Zusammenhang darf man überhaupt nicht herstellen, weil die Selektion auf der Ebene des Individuums stattfindet und Arterhalt hier keine Rolle spielt. Löwenmännchen z.B. töten Jungtiere, damit die Weibchen dann wieder in den Östrus kommen. So können die Löwenmännchen, nachdem sie das Rudel übernommen haben, ihre eigenen Gene weitergeben und müssen nicht die Tiere eines anderen Männchens großziehen. Hier sehen wir sofort, dass hat nichts mit Arterhaltung zu tun, sondern diese Männchen handeln in ihrem eigenen Interesse, sogar gegen die Fitnessinteressen der Weibchen. Es geht immer nur darum, dass Individuen versuchen, für sich das Bestmögliche zu erreichen, um möglichst viele Nachkommen in die nächste Generation zu entlassen.

F&L: Bleiben wir bei der Fortpflanzung: Welche Strategien verfolgen Männchen und Weibchen bei der Paarung?

Oliver Krüger: Es gibt natürlich in der Natur phantastische Variationen. Dass häufig die Männchen sehr intensiv um Weibchen konkurrieren, kann man am einfachsten dadurch erklären, dass Männchen sehr viele kleine Fortpflanzungszellen produzieren, die Weibchen relativ wenige sehr große, d.h. diese wenigen Eizellen sind kostbar. Und wenn das der Fall ist, dann suchen Weibchen natürlich einen optimalen Paarungspartner, der gute Gene liefert und der sich bei vielen Arten auch besonders intensiv um diesen Nachwuchs kümmert. Das passt nicht besonders gut zueinander: Männchen stehen häufig unter dem Selektionsdruck, möglichst viele Paarungspartner zu bekommen, Weibchen unter starkem Selektionsdruck, einen möglichst optimalen Paarungspartner zu finden.

F&L: Wieviel Aggression steckt im Paarungsakt?

Oliver Krüger: Wenn Männchen in der Lage sind, Paarungen einzufordern, dann ist relativ viel Gewalt im Spiel. Bei Orang-Utans sind über 50 Prozent aller Paarungen Vergewaltigungen. Auch bei anderen Tierarten ist das Männchen aufgrund seiner Größe und Stärke in der Lage, dem Weibchen eine Paarung aufzuzwingen. Bei vielen anderen Arten ist das nicht der Fall, dann muss das Weibchen kooperieren. Schließlich gibt es auch die Variante, dass Weibchen größer oder stärker sind und teilweise bei der Paarung das Männchen sogar verspeisen, z.B. Gottesanbeterarten oder Spinnen. Es hängt immer davon ab, wie stark der Selektionsdruck und der Konkurrenzdruck sind und wer sich hinterher um den Nachwuchs kümmert. Alle diese Fragen sind wichtige Faktoren, die beeinflussen, wie eine Paarung, das Paarungssystem und das Sozialsystem aussehen bzw. wie Männchen und Weibchen überhaupt zusammen leben.

F&L: Gehen wir einen Schritt weiter: Welche Konflikte entstehen, wenn der Nachwuchs da ist?

Oliver Krüger: Es existiert beides: Immer gibt es natürlich gemeinsame Interessen und aufgrund der genetischen Asymmetrien in einer Familie Potenzial für Konflikte. Männchen und Weibchen haben das gemeinsame Interesse, bei vielen Arten zumindest, die Brut zusammen großzuziehen. Das schränkt Konflikte ein. Auf der anderen Seite sind Männchen und Weibchen, wenn sie sich verpaaren, im Allgemeinen nicht miteinander verwandt, und das bedeutet, es gibt klar unterschiedliche genetische Interessen. Und dies führt dazu, dass Männchen und Weibchen in einen Konflikt eintreten, z.B. um die Frage, wer soll sich wie intensiv um den gemeinsamen Nachwuchs kümmern.

Der nächste Konflikt ist der zwischen den Eltern und ihren Nachkommen. Das hat damit zu tun, dass in einer Kernfamilie die Eltern mit all ihren Kindern gleich verwandt sind. Aber jedes Kind ist mit sich selbst zu eins verwandt, und – zumindest bei Säugetieren und Vögeln – mit ihren Eltern jeweils nur zu 0,5. Denn die Hälfte der Gene kommen jeweils von der Mutter und vom Vater. Und das hat zur Folge, dass ich mir selbst doppelt so wichtig bin wie meine Eltern mir wichtig sind. Und das bedeutet wiederum, ich sollte eigentlich versuchen, meine Eltern zu überzeugen, mir mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen als eigentlich für sie gut wäre.

Das letzte Konfliktpotenzial besteht dann zwischen Geschwistern, und zwar mit dem gleichen Argument. Ich habe einen Bruder, mit dem bin ich 0,5 verwandt, mit mir selbst bin ich eins verwandt. D.h. mein Wohlergehen ist mir doppelt so wichtig wie das Wohlergehen meines Bruders, dennoch bin ich mit meinem Bruder verwandt. Deswegen sehen wir natürlich sehr viel Kooperation in einer Familie, aber wir sehen auch Konflikte.

»Warum ist nicht der immer aggressive, der immer
versucht, die Dominanz zu erhalten, der Beste?«

F&L: Kommen wir noch zu zwei anderen Aspekten. Wie beim Menschen, so gibt es auch unter Tieren unterschiedliche Charaktere. Wie zeigt sich das im Streitverhalten? Und wie passt so etwas in das genetische Programm?

Oliver Krüger: Das gibt es auf jeden Fall. Das Forschungsthema Tierpersönlichkeit ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu einem brandaktuellen, sehr intensiv erforschten Feld geworden, da Verhaltensforscher festgestellt haben, dass Tiere auch konsistent unterschiedliches Verhalten zeigen. Also nicht nur bei Menschen gibt es den schüchternen, den aggressiven, den explorativen Typ, sondern auch bei Tieren. Das bedeutet nicht, dass Tiere viel flexibler auf jegliche Situationen reagieren, sondern das schüchterne Männchen kann ebenso nicht so ganz aus seiner Haut wie das aggressive Männchen. Wir müssen jetzt versuchen zu verstehen, wie solche unterschiedlichen Persönlichkeitstypen innerhalb einer Population koexistieren. Warum ist nicht der immer aggressive, der immer versucht, die Dominanz zu erhalten, der Beste? Die Antwort darauf lautet, dass mit Aggressivität und Dominanzverhalten natürlich auch Kosten einhergehen. Wir verstehen zunehmend, dass diese Dinge in einem sehr dynamischen Gleichgewicht stehen, dass sowohl eine aggressive als auch eine friedfertige Strategie koexistieren können.

F&L: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Streitlust?

Oliver Krüger: Ich würde diesen Zusammenhang nicht herstellen wollen, weil es relativ schwierig ist, Intelligenz bei Tieren zu messen. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Komplexität des Sozialsystems und potenziellen Konflikten. Aber wenn Sie sich z.B. hochkomplexe Sozialsysteme bei Tieren anschauen, ob das eine Gruppe von Schimpansen ist oder ein Rudel Wölfe, dann gibt es natürlich entsprechende Dominanzhierarchien und Mechanismen, um genau diese Konflikte wiederum zu kanalisieren oder zu minimieren. Es lässt sich also nicht einfach sagen, hochentwickelte Sozialsysteme bedeuten mehr oder weniger Konflikte. Wenn Tiere ständig in einer größeren Gruppe zusammenleben, ist das Potenzial für Konflikte höher, aber auf der anderen Seite gibt es Mechanismen, um diese Konflikte auch einzuschränken.

F&L: Wie unterscheidet sich der Streit bei Menschen von dem in der Tierwelt?

Oliver Krüger: Tiere haben wie Menschen Mechanismen entwickelt, um eine Eskalation zu verhindern. In den allermeisten Fällen geht es um eine Ressource, Streit als Selbstzweck kommt bei Tieren sehr selten vor. Letzteres scheint mir beim Menschen durchaus etwas ausgeprägter zu sein. Allerdings stehen Tieren und Menschen Möglichkeiten zur Verfügung, einer Eskalation vorzubeugen. Bei Tieren ist der Streit wahrscheinlich sehr viel stärker ritualisiert als beim Menschen. Eine Eskalation kommt meist nur dann vor, wenn die Gegner gleich stark sind oder der Wert der Ressource sehr hoch ist. Tiere streiten also vielleicht ein bisschen rationaler als Menschen, weil die entsprechenden Mechanismen vorliegen, die Streit um des Selbstzwecks eigentlich ziemlich unnütz machen.

Die Fragen stellte Vera Müller.

 

A U T O R

Oliver Krüger ist Professor für Verhaltensforschung an der Universität Bielefeld.


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