hochschulen und gesellschaft
12 | Dezember 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Strukturprägend

Hochschulen als Motor städtischer und gesellschaftlicher Entwicklung | Guido Benzler | Ulf Richter

Hochschulen prägen das Gesicht einer Stadt und wirken identitätsstiftend. Sie nehmen Einfluss auf die Demographie bis hin zur wirtschaftlichen, soziokulturellen und städtebaulichen ­Entwicklung ­einer Stadt. Am Beispiel einiger Hochschulen werden konkrete bauliche Konzepte vorgestellt.

Nachdem die 1960er Jahre vor allem durch den Ausbau bestehender Hochschulen und die Neugründung von Hochschulstandorten geprägt wurden, entstanden in den 1970er Jahren mit der Ruhr-Universität Bochum, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Universität Siegen oder der Bergischen Universität Wuppertal in Nordrhein-Westfalen eher Hochschulgroßbauten.

Dabei war eine innerstädtische Anordnung oft nicht möglich, sodass die enormen Flächenbedarfe eher in städtischen Außenbereichen realisiert wurden und so große Gebäudekomplexe entstanden sind. Mit der Anordnung als Campus sollte die Interdisziplinarität innerhalb einer Hochschule gefördert werden. Sowohl die zentralen Einrichtungen wie Bibliothek und Mensa als auch Wohnraum für Studierende wurden auf dem jeweiligen Hochschulareal errichtet.

Bedeutung der Bauten für die Zeit

Die bauliche Situation der in den 60er und 70er Jahren, in der Phase der Hochschulexpansion, entstandenen Hochschulgebäude ist schlecht. Die Gebäude können die aktuellen Anforderungen an Lehre und Forschung nur noch zum Teil erfüllen. Sowohl die Bewirtschaftungskosten der Liegenschaften als auch die Kosten für eine Sanierung auf den Stand der Technik bewegen sich am Rand der Wirtschaftlichkeit. Gerade die modulare Bauweise der 1960er/70er Jahre, von der Hochschulbauten in dieser Zeit geprägt sind, ermöglichte eine kurze Bauzeit sowie standardisierte Raumstrukturen. Ein Großteil der Gebäudesubstanz erreicht zurzeit eine Nutzungsdauer von 40 bis 50 Jahren und ist im Hinblick auf Raumformen, Baumaterialien, Beleuchtungskonzepte, bauphysikalische und ökologische Anforderungen veraltet.

Die Hochschulen stehen im Bereich ihrer baulich-technischen Infrastruktur vor einem massiven Investitions- und Sanierungsstau. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) stellte bereits 2016 fest, dass „allein für den Bestandserhalt der Hochschulgebäude (ohne Universitätsklinika) bundesweit rund 29 Mrd. Euro aufgewendet werden müssen. An vielen Orten stellt sich damit die grundsätzliche Frage, ob ein Neubau oder die Sanierung der richtige Weg für eine zukünftige Entwicklung der jeweiligen Hochschule ist. Liegenschaften stellen für eine Hochschule eine strategisch wichtige Ressource dar. Ein modernes und attraktives Umfeld ist oftmals sowohl für die Anwerbung von Studierenden als auch für die Gewinnung neuer Professorinnen und Professoren ein entscheidendes Kriterium. Des Weiteren müssen Hochschulen darauf achten, die zentrale Rolle der Hochschulstandorte zu gewährleisten, indem sie bedarfsgerechte Flächenerweiterungen sicherstellen und steigende Studierendenzahlen sowie vielfältige Forschungsaktivitäten ermöglichen.

Aktueller Stand der Hochschulentwicklung

Im Zuge des Bologna-Prozesses mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat es in den letzten 15 Jahren an den Hochschulen in Deutschland große Veränderungen gegeben. Geänderte Studienangebote, Nutzeranforderungen, Lehr-/Lernformen und eine steigende Anzahl sowie die zunehmende Diversität der Studierenden stellen die Hochschulen vor große organisatorische und bauliche Herausforderungen. Auch in den Innenstädten haben sich Entwicklungen ergeben: z.B. sind in den letzten Jahrzehnten Freiflächen durch den Rückzug von Industrie, Schwerindustrie und Bahnanlagen entstanden oder Teile von Innenstädten trotz Sanierungsinvestitionen verödet. Auch die Veränderungen des stationären Einzelhandels, insbesondere die Verringerung der Verkaufsflächen, wirken sich auf die innerstädtische Entwicklung vieler Kommunen aus und eröffnen Hochschulen mancherorts neue bauliche Perspektiven. Diese Entwicklungen geben Raum für stadtplanerische Gedanken. In der Anordnung von Hochschulflächen im urbanen Umfeld wird ein großer Attraktivitätsfaktor sowohl für die Innenstädte und Stadtteilzentren als auch für Studierende und Mitarbeiter gesehen. Dabei wirken Neubauten, Erweiterungen oder die Sanierung von Bestandsgebäuden stadtbildprägend und identitätsstiftend.

Einige Maßnahmen, mit denen Hochschulen auf die oben genannten Veränderungen reagieren können, werden im Folgenden an konkreten Konzepten der Universität Kassel, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) sowie ausführlich am Beispiel der Universität Siegen vorgestellt.

Universität Kassel

Das Baustrukturkonzept der Universität Kassel sieht eine Erweiterung der Hochschulflächen auf dem Gelände einer ehemaligen Tuchfabrik nördlich des bestehenden Campus vor. Dadurch wird eine Konzentration von Hochschuleinrichtungen auf einem innerstädtischen Campus erreicht. Der teilweise Erhalt von Bestandsgebäuden und die Integration in ein städtebauliches Konzept erzeugen eine Aufwertung der Flächen und sind stadtbildprägend, sodass die Universität Kassel zu einem Motor der innerstädtischen Entwicklung wird. Mit der geplanten Erweiterung wird die Chance genutzt, gleichermaßen die Vorteile eines zentralen Universitätscampus mit eigenständiger Identität zu stärken wie auch die städtebauliche und soziale Verknüpfung mit dem Stadtteil und seinen Bewohnern herzustellen. Zentrale Bausteine bilden hierbei die großformatigen öffentlichen Räume als Rückgrat der Universitätserweiterung. Die Herausforderung besteht dabei in der Verzahnung mit dem Stadtkörper sowie die Schaffung neuartiger, qualitätsvoller Stadträume, die für alle nutzbar sind. Die Einordnung der Erschließungsstruktur in das vorhandene Straßensystem mit eindeutiger Adressenbildung ist Grundlage für die Integration in den Stadtkörper. Mit den neuen zentralen Einrichtungen Hörsaalzentrum, Mensa und Neubau ASL sowie den übergeordneten Freiräumen werden die wesentlichen planerischen Strukturen, innerhalb derer die zukünftige Entwicklung des Hochschulstandorts Kassel langfristig und flexibel erfolgen kann, festgelegt.

HAW Hamburg

Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg), die drittgrößte Fachhochschule in Deutschland, verteilt sich auf vier Standorte innerhalb des Stadtgebietes. Da die vorhandene Bausubstanz teilweise stark sanierungsbedürftig ist und Mängel in der Barrierefreiheit aufweist, entstand die Vision von einem komplett neuen, teils grünen Campus, der sich zentral in den Stadtteil St. Georg einpasst und als ein Katalysator für die weitere Stadtentwicklung dient. Die Integration des Lohmühlenparks in den Campus am Berliner Tor ließ diese Vision im Jahr 2013 Wirklichkeit werden.

Der innerstädtische Teil des Campus Berliner Tor wurde 2002 mit einem Neubau für die Hochschulleitung und -verwaltung, die Zentralbibliothek und ein Weiterbildungszentrum ausgebaut. Das Studierendensekretariat, die Zentrale Studienberatung und das International Office wurden kompakt in einem Gebäude verortet. Im Jahre 2010 wurde eine alte Maschinenhalle umgenutzt und beherbergt nun das Zentrum für Energietechnik. Im selben Jahr zog ein weiteres Department zum Campus Berliner Tor. Ergänzt wurde der Campus durch eine große Mensa, verschiedene Cafés sowie ein Wohnheim. In den kommenden Jahren sind weitere Neubauten am Standort geplant. Durch den Ausbau des Campus Berliner Tor trägt die HAW zur Belebung des innerstädtischen Betriebs und durch den innovativen Neubau zur Modernisierung des Stadtbilds bei.

Universität Siegen

Die Universität Siegen wurde im Jahr 1972 gegründet und hat aktuell rund 20.000 Studierende sowie 3.300 Beschäftigte in Forschung, Lehre und Verwaltung. In ihrer Anfangszeit war sie eine regional orientierte Gesamthochschule. Über die Jahre hat sie sich zu einer mittelgroßen, interdisziplinär ausgerichteten Universität entwickelt, wobei besonders zwischen 2007 und 2011 ein grundlegender Entwicklungsprozess stattfand. Dabei wurden die zwölf Fachbereiche mit dem Ziel, die Lehre in den Fakultäten stabil und verlässlich sowie die Forschung dynamisch und flexibel zu gestalten, in vier Fakultäten überführt.

Weil die Universität mit einer Vielzahl dislozierter Standorte über die Stadt verteilt ist, hatte dieser Prozess vor allem auf die bauliche Standortentwicklungsplanung große Auswirkungen. Der Hauptstandtort ist in Siegen-Weidenau am Haardter Berg der Campus Adolf-Reichwein-Straße (AR) mit den Nebenstandorten Hölderlinstraße (H) und Paul-Bonatz-Straße (PB). Weitere Standorte verteilen sich über das ganze Siegener Stadtgebiet.

In den Jahren 2011 bis 2013 hat die Universität in Zusammenarbeit mit der rheform GmbH parallel zu ihrer inhaltlich-strukturellen Entwicklung eine Analyse ihrer baulichen Infrastruktur in Form einer Hochschul-Standortentwicklungsplanung (HSEP) vorgenommen. Der Gebäudebestand bietet unterschiedliche Möglichkeiten, den Entwicklungsprozess im Rahmen einer zielorientierten Immobilienstrategie umzusetzen und dabei eine ganzheitliche Betrachtung der Standorte und Immobilien anzustellen. Aufgrund der Entwicklungen in den Lehr- und Forschungsstrukturen ist ein Ziel der Universität Siegen, eine kompakte, adressbildende und effiziente Organisation und Verortung zu erreichen. Weitere Kernaussagen der HSEP-Untersuchung sind, dass in der Zukunft erhebliche Investitionen in die Infrastruktur erforderlich sein werden, da ein großer Teil der Gebäude 40 Jahre oder älter sind.

Damit stellt sich die grundsätzliche Frage nach Neubau oder Sanierung, da schon jetzt erkennbar ist, dass bei vielen Gebäuden der Instandhaltungs- bzw. Modernisierungsaufwand nahe oder sogar über dem Wert von 75 Prozent der Neubaukosten liegt. Die Erfordernisse aus der Beurteilung der Bausubstanzen (bauliche Analyse) und aus der strukturellen Entwicklung der bestehenden Liegenschaften (strukturelle Analyse) wurden gegenübergestellt und ein Konzept zur bedarfsgerechten Entwicklung der notwendigen baulichen Maßnahmen (bauliche Entwicklung) erarbeitet. Im Zuge der HSEP wurden die zukünftigen funktionalen Flächenbedarfsanforderungen als integraler Bestandteil mit berücksichtigt. Die Universität steht damit vor einer Richtungsentscheidung. Die HSEP sah dafür zwei mögliche Entscheidungsalternativen vor:

Zum einen wurde die Variante „Modernisierung im Bestand – Erhaltung des Status Quo“, die eine Sanierung der dislozierten Standorte in einem Zeitraum von 25 bis 30 Jahren vorsieht, untersucht. Dabei wurden komplexe Umzugsszenarien, Belegungsoptimierungen und Interims-/Neubauten geprüft. Die Entwicklung bestimmt sich rein aus den baulichen Maßnahmenbedarfen und Dringlichkeiten der Bestandsbauten.

Zum anderen wurde die Variante „Zentralisierungskonzept auf dem Campus Adolf-Reichwein-Straße“, die eine Zentralisierung der Fakultäten I, II, IV möglichst an einem Campus mit einer Bestandnutzungs- und Ersatzneubaustrategie vorsah, näher untersucht. Die Priorität wurde an den vorhandenen Restnutzungsdauern der Objekte, den Flächenbedarfen und den Entwicklungszielen der Universität Siegen festgemacht. Die langfristigen Entwicklungsziele der Universität sollten dabei eine nachhaltige Entwicklung und Stärkung der gesamten Universität Siegen im Wettbewerb um Studierende, Lehrende, Forschende sowie Mitarbeitende und das Zusammenspiel zwischen der Universität und ihrem Umfeld im Blick haben.

Gerade die aktuellen Herausforderungen in Lehre und Forschung mit steigenden Studierendenzahlen und Drittmitteleinnahmen, dem effizienten Umgang mit Ressourcen, dem steigenden Flächenbedarf, den gestiegenen Anforderungen an die Ausstattung und die Aufenthaltsqualitäten für die Studierenden sowie dem baulichen Zustand und der Schaffung einer modernen Campusstruktur stellen die Universität vor ein komplexes Abhängigkeitsgeflecht. Die inhaltliche Entwicklung der Universität hängt maßgeblich von der baulichen und infrastrukturellen Entwicklung der nächsten Jahre ab. Die richtigen Weichen gilt es jetzt zu stellen.

Die vorhandenen Möglichkeiten eröffnen die Chance, die Universität Siegen in den nächsten fünf bis zehn Jahren zur Volluniversität auszubauen.

Die Bedeutung der Universität für die Stadt und Region ist erheblich und soll auch weiterhin gemeinsam entwickelt werden. Ein wesentlicher Schritt für die Universität war, dass die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im Jahr 2016 in das Untere Schloss im Stadtzentrum verlegt wurde. Dies führte zu einer erheblichen Belebung und Bereicherung der Innenstadt und einem ersten innerstädtischen Campus für die Universität.

Neben der überwiegend quantitativen Betrachtung in der HSEP wurde es notwendig, eine städtebauliche Perspektive zur Umsetzung der beiden Varianten zu erstellen. Zur Entwicklung von unterschiedlichen Ideen fand Anfang 2015 ein sogenanntes Werkstattverfahren statt, an dem fünf Teams, bestehend aus Stadt- und Freiraumplanern, teilnahmen. Der Vorschlag der Arbeitsgemeinschaft Loidl/Wessendorf (Berlin) wurde von der Jury als bester zukunftsweisender Entwurf ausgewählt. Dabei entwickelt sich die Universität Siegen perspektivisch zu einer Campus-Universität auf dem Haardter Berg, was unmittelbar an die Variante 2 der HSEP anknüpft. Anschließend wurde Loidl/ Wessendorf beauftragt, aus dem Entwurf einen städtebaulichen Masterplan für die Universität zu entwickeln.

Während der Konkretisierung des Masterplans ergab sich mit dem Ausbau des innerstädtischen Campus rund um das Untere Schloss eine neue Entwicklungsperspektive für die Universität. Derzeit besteht die einmalige Chance, die für eine universitäre Nutzung erforderlichen Flächen im Stadtzentrum unterzubringen. Dabei wird natürlich auch der Vorteil gesehen, dass neben vielen positiven Entwicklungsperspektiven für die Universität auch viele weitere positive Effekte für die städtische Entwicklung eintreten können. Vor diesem Hintergrund prüft die Universität aktuell unterschiedliche Möglichkeiten, wie sich diese Variante realisieren ließe.

Das Flächenpotenzial rund um diesen Standort bietet die Möglichkeit, einen innerstädtischen Campus zu entwickeln, auf dem alle geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Diszipli­nen in unmittelbarer Nachbarschaft untergebracht werden können. So­mit wird ein wichtiges Ziel der Universität greifbar, dass nämlich neben der Präsenz in der Stadt eine Zentralisierung der Lehre und Forschung an einem Ort möglich wird und dass über die Lehre zusammenhängende Bereiche, wie z.B. in der Lehrerbildung, möglichst fußläufig in wenigen Minuten erreichbar sein könnten. Es entstand folglich eine dritte Variante mit zwei Campus, einem am Standort AR für die Naturwissenschaftlich-Technische Fakultät (Fak IV) und einem innerstädtischen Campus für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (Fak I, II). Diese Variante bietet eine Reihe von Vorteilen und wird sowohl innerhalb der Universität als auch von Seiten der Stadt Siegen, der regionalen Wirtschaft und der Stadtgesellschaft als die optimale Perspektive angesehen.

Bedeutende Rolle

Wie die oben aufgeführten Beispiele verdeutlichen, können Hochschulen in der städtischen und gesellschaftlichen Entwicklung einer Region bedeutende Rollen einnehmen. So sind sie Motor für die (inner)städtische Entwicklung und tragen durch ihre Nutzer wie vor allem die Studierenden zu der Belebung des jeweiligen Stadtteils oder Ortes bei. Durch innovative Neubauten oder umfassende Sanierungsarbeiten erhöhen sie zudem häufig die Attraktivität ihrer Standorte. Als öffentliche Investoren prägen sie somit die Struktur des Stadtbildes und tragen zu einer Steigerung der Aufenthaltsqualität bei.

 

A U T O R E N

Professor Dr. Guido Benzler ist geschäftsführender Gesellschafter der rheform GmbH.

Ulf Richter ist Kanzler der Universität Siegen.


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