Karrierepraxis
01 | Januar 2018 Artikel versenden Artikel drucken

Wie der Körper spricht

Bewegungsrichtung und Bedeutung | Sabine Koch

„Ich fühle mich niedergeschlagen“, „Ich bin oben angekommen“, „Das wirft mich zurück!“ oder „Ich fühle mich meiner Zeit voraus“ – sprachliche Metaphern wie diese legen nahe, dass Raumrichtungen und Semantik systematisch und nicht zufällig zusammenhängen. Die Forschungsrichtung des „Spatial Bias“ nimmt sich dieses Phänomens an und untersucht, wie Bewegungsrichtungen und sprachliche Bedeutung korrelieren.

„Spatial Bias“ (Räumliche Verzerrung) ist Teil der Embodiment-Forschung. Embodiment Forschung beschäftigt sich auf phänomenologischer und kognitions-/neurowissenschaftlicher Basis mit dem Zusammenhang von Körper und Geist. In unserer Forschungsgruppe geht es speziell um die Anwendung in den Gesundheits- und Therapiewissenschaften. Es werden nicht nur Auswirkungen von Denken und Fühlen auf den Körper untersucht, sondern auch, wie sich Bewegung auf Emotionen und Kognitionen auswirkt.

Bereits der Philosoph Ernst Cassirer hat in seiner Theorie der Symbolischen Formen 1925 angenommen, dass die Raumrichtungen „nach vorne – nach hinten, nach oben – nach unten und rechts – links“ sowohl im visuellen als auch im haptischen Raum mit unterschiedlichen Gefühlen und Bedeutungen verknüpft sind. Die Spatial-Bias-Forschung führt diese Gedankengänge weiter.

Für die Psychologin Barbara Tversky beispielsweise ist die Leibwahrnehmung die Grundlage der Raumwahrnehmung und diese wiederum die Grundlage der Konzeptbildung (Sprache). Sie bezieht sich dabei auf die Kognitionslinguisten George Lakoff und Mark Johnson, die in ihrer Conceptual Metaphor Theory davon ausgehen, dass sich alle abstrakten Konzepte aus unserer Verkörperung heraus gebildet haben: Das Konzept Zeit beispielsweise stellen wir uns als Bewegung durch den Raum vor.

Generell gehen positive Empfindungen mit einer leiblichen Ausdehnung und negative Empfindungen mit einem leiblichen „Zusammenziehen“ einher. Judith Kestenberg hat mit ihrer Theorie des Bewegungsprofils die Bewegungsrichtungen mit psychologischer Bedeutung verknüpft und lange vor Daniel Sterns Schriften auf diese grundlegende Dichotomie „wachsender vs. schrumpfender“ Bewegungen hingewiesen. Auch hinsichtlich der Beziehung zu anderen Personen sind Wachsen und Schrumpfen grundlegende Dimensionen: Dehne ich mich zu ihnen aus oder weiche ich vor ihnen zurück? Dies gilt in der Säuglingsforschung als eine der wichtigsten Beobachtungsdimensionen zur Befindlichkeit des Kindes. Annäherungs- und Vermeidungsverhalten hängt direkt mit Affekten zusammen, wie Georg Kafka bereits 1950 in seiner Theorie der „Uraffekte“ beschrieb. Er beschrieb Annäherungsaffekte motiva­tionsähnlich mit „Her mit mir zu Dir“ und „Her mit Dir zu mir“ und Vermeidungsaffekte mit „Weg mit mir von Dir“ und eine Mischform dieser als „Weg mit Dir von mir“.“

Arbeiten von Neumann und Strack aus dem Jahre 2000 und eigene Arbeiten aus dem Jahr 2014 haben diesen Zusammenhang von Annäherung- und Vermeidungsverhalten mit Affekten und Einstellungen experimentell gezeigt. Wachsen bei positiven und Schrumpfen bei aversiven Umgebungen ist ein gemeinsames evolutionäres Erbe, das uns mit Tieren und Pflanzen verbindet.

Richtungsbewegung und ­Bedeutung

Die vertikale Raumrichtung ist wissenschaftlich am besten untersucht „I feel up“ versus „I feel down“ legt im Englischen direkt den Zusammenhang zwischen Raumrichtung und emotionaler Bedeutung nahe. Experimente von Meier und Robinson sowie Thomas Schubert oder unserer Forschungsgruppe an der Universität Heidelberg zeigen, dass mit der Vertikalen nicht nur Stimmungen und Gefühle verbunden werden, sondern insbesondere auch Assoziationen von Stärke, mit den Polen Macht/ Erfolg (nach oben) versus Niederlage/ Misserfolg (nach unten).

Die sagittale Raumrichtung wurde zum Beispiel von Lera Boroditzki untersucht. Sie wird primär mit Zeit assoziiert. Núñez und Sweester zeigten 2006 in Gestikstudien zum einen, dass Redeinhalte über Zukünftiges mit Gesten nach vorne und Redeinhalte über Vergangenes mit Gesten nach hinten einhergingen; zum anderen, dass dies nicht interkulturell gültig ist: Es gibt Kulturen, die mit der Vergangenheit vor sich, sozusagen den Ahnen vor Augen leben. Die sagittale Bewegungsdimension steht darüber hinaus mit Entscheidung und Reflexion in Verbindung. Eine niederländische Forschungsgruppe zeigte, dass bei einem Schritt rückwärts die Reflexionsfähigkeit angeregt wird – ein gedankliches „Zurücktreten“ sozusagen.

Die horizontale Raumrichtung wurde von „Spatial Bias“-Forschern lange Zeit vernachlässigt. Noch 2008 sagte Barbara Tversky bei einem Berliner Symposium, dass sie von einer Gleichwertigkeit der Bedeutung der Richtungen rechts und links ausginge. Schon 2009 aber zeigte Daniel Casasanto in experimentellen Gestikstudien, dass die dominante Hand positiver bewertet wurde als die nichtdominante Hand und die Händigkeit von Personen Kaufentscheidungen am PC beeinflusst: Produkte, die auf der Seite der dominanten Hand abgebildet waren, wurden eher gekauft. Zudem zeigte Anne Maass von der Universität Padua, dass neben dem „natural bias“ der Händigkeit, ein „cultural bias“ auf der horizontalen Raumrichtung existiert: die Schreib- und Leserichtung einer Kultur bestimmt, wie die Bedeutung „gelesen“ wird. Eine Waschmittelwerbung beispielsweise, die die schmutzige Wäsche auf der linken, das Waschmittel in der Mitte und die saubere Wäsche auf der rechten Seite darstellte, wollte in der arabischen Welt, in der von rechts nach links geschrieben und gelesen wird, partout nicht funktionieren. Das Waschmittel fand dort erst Absatz, als die Reihen­folge der Darstellung ins Gegenteil verkehrt wurde.

Der Zusammenhang von Verkörperung und Sprache

Betrachtet man die drei Bewegungsdimensionen bzgl. ihres Zusammenhangs mit Bedeutung, so fällt auf, dass die dabei entstehenden Hauptkonzepte denen des Semantischen Differenzials von Osgood und Kollegen aus den 50er Jahren entsprechen. Dabei kategorisierten Osgood, Suci und Tannenbaum (The measurement of meaning) tausende von Adjektiven aus Wörterbüchern unterschiedlicher Sprachen, um drei grundlegende Dimensionen von Sprachbedeutung zu finden:

  • Die Evaluationsdimension (Bewertungsdimension: Positiv versus Negativ, mit den weitaus meisten Adjektiven; z.B. angenehm vs. unangenehm, freundlich vs. unfreundlich etc.).
  • Die Potenzdimension (Stärkedimension: Überlegenheit versus Unterlegenheit, mit den zweitmeisten Adjektiven; z.B. mächtig vs. ohnmächtig; stark vs schwach etc.).
  • Die Arousaldimension (Erregungsdimension: Aktiv versus Passiv, mit den wenigsten Adjektiven; z.B. aktiv/bewegt/erregt vs. passiv/ruhig/ stoisch).

Die Ähnlichkeit mit den Raumrichtungen (Embodiment-Dimensionen) ist auffallend und legt – gemeinsam mit entwicklungsgeschichtlichen Überlegungen sowohl phylogenetischer als auch ontogenetischer Art – nahe, dass sprachliche Bedeutungsdimensionen aus unserer Verkörperung resultieren oder zumindest direkt mit ihr zusammenhängen. Und nicht nur sie: auch unsere mathematischen Systeme basieren auf unserer Verkörperung, wie Lakoff und Núñez 2000 in ihrem Buch „Where mathematics comes from“ zeigen.

Neue Herausforderungen der „Spatial Bias“-Forschung sind die Untersuchung der Bewegungsrichtungen nach innen und nach außen (vgl. Fuchs, 2000 und Topolinski, 2016), die vermutlich noch grundlegender sind als die hier besprochenen Raumrichtungen.

Erweiterte Fassung eines Beitrags, erschienen in Universalis, das Alanus Magazin, Ausgabe 09/2017.

 

A U T O R I N

Sabine Koch leitet das Forschunginstitut für Künstlerische Therapien der Alanus Hoch­schule Alfter und ist Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie der SRH Hochschule Heidelberg.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken