Standpunkt
01 | Januar 2018 Artikel versenden Artikel drucken

(Ko)Autorenschaft

Wolfgang Dreybrodt ist emeritierter Professor für Physik an der Universität Bremen.

Wolfgang Dreybrodt ist emeritierter Professor für Physik an der Universität Bremen.

Die Zahl der Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen in international führenden Zeitschriften steigt ständig. In den Geo- und Umweltwissenschaften ist sie pro Aufsatz im Mittel auf acht gewachsen. In der Medizin sind es elf. In den meisten Fällen sind die Publikationen aus Dissertationen entstanden. Der Doktorand ist erster Autor, der Betreuer normalerweise Letztautor. Das ist angemessen. Die anderen Koautoren sind oft Kollegen aus dem Netz des Betreuers, die Kommentare oder Diskussionsbemerkungen zu der Arbeit geliefert haben. Diese Projektprofessoren tummeln sich auf Konferenzen und in Netzwerken, wo sie aus Gesprächen über ihre Arbeiten gegenseitig Autorenschaft ableiten. Leiter von Großgeräten, deren Techniker Routinemessungen an vom Doktoranden gelieferten Proben durchgeführt haben, beanspruchen ebenfalls Autorschaft. Auf diese Weise wird ein Großgerät, oft von der DFG finanziert, zur Druckmaschine von Publikationen ohne eigene wissenschaftliche Leistung. Viele Doktoranden kennen einige ihrer Koautoren nur flüchtig oder gar nicht.

Nach den Regeln der DFG sollen „als Autoren einer wissenschaftlichen Originalveröffentlichung alle diejenigen, aber auch nur diejenigen, firmieren, die zur Konzeption der Studien oder Experimente, zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen und … sie verantwortlich mittragen.“ Bei Einhaltung dieser Regeln würde die Zahl der Autoren drastisch sinken. Leider sind Maßnahmen der DFG, ihre eigenen Regeln einzuhalten, kaum erkennbar. Auch die wissenschaftlichen Verlage akzeptieren ungeprüft Arbeiten mit hohen Autorenzahlen und verlangen vom corresponding author die Einhaltung ihrer Regeln. Das Interesse an Umsatzrendite ist wohl wichtiger.

Die Konsequenzen sind dramatisch. Mit der Zahl der Autoren sinkt die Verantwortung des Einzelnen. Der Doktorand kommt in Versuchung, Fakten, die die Ergebnisse der Arbeit in Frage stellen, zu verschweigen. Solange seine meist ranghöheren Koautoren dies nicht bemerken, und dies ist in der Regel so, ist er entschuldigt. Er steht unter erheblichem Druck. Drittmittelgeber und die Universität erwarten Publikationen. Diese dienen oft vorrangig der Karriere und erst dann dem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis. Damit wird für die zukünftige Laufbahn des Doktoranden ein solches Verhalten vorprogrammiert.

Die Grundlage wissenschaftlicher Arbeit hat Albert Einstein so formuliert: „Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen.“

Wenn die Zahl der Veröffentlichungen mehr zählt als ihr Inhalt, wird Einsteins Grundsatz kontraproduktiv. Auch die Zahl der Zitate gibt nicht zuverlässig Auskunft über die Qualität, denn Autorenkartelle zitieren sich gegenseitig, um ihre Reputation zu steigern. Die Literaturliste in vielen Mainstream-Arbeiten umfasst mehr als sechzig Zitate. Nur ein Bruchteil davon ist zum Verständnis der Arbeit nötig. All dies untergräbt das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Wissenschaft. Die Ressourcen, die die Gesellschaft der Wissenschaft zur Verfügung stellt, werden mit dem Verlust an Vertrauen sinken. Es ist Aufgabe der Wissenschaftsverbände, führend der DFG, dem entgegenzuwirken. Es genügt nicht, Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis aufzustellen, wenn diese nicht befolgt werden. Oder vertritt die DFG inzwischen schon Positionen der Projekt-Professoren?


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken