Forschung & Lehre

Vera Müller

Ergründet und entdeckt

01 | Januar 2018

Dr. Internet

Bis zu 80 Prozent der in Deutschland lebenden Internetnutzer suchen online nach Informationen über Krankheitsbilder, Behandlungsmöglichkeiten und Gesundheitstipps oder auch nach Ärzten, Krankenhäusern oder Medikamenten. Dies ist ein Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Universität Leipzig im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) zur Online-Beteiligung in Gesundheitsfragen, über die die dpa berichtet. Demnach wird das Internet im gesundheitlichen Kontext vor allem als Informationsplattform genutzt. Dabei gehe es nicht nur um das Sammeln von Informationen für den eigenen Bedarf. Immer öfter werde das Internet auch als Kommunikationsmöglichkeit verwendet, um anderen zu helfen: 18 Prozent sprechen Tipps in Online-Foren aus, 13 Prozent teilen eigene Krankheitserfahrungen. Darüber hinaus werde es vor allem zum Kauf von Medikamenten genutzt: 61 Prozent der Nutzer haben bereits online Medikamente bestellt. Dabei gelte: Je höher das monatliche Haushaltsnettoeinkommen ist, desto häufiger werden Medikamente online bezogen. Weniger genutzt würden bislang die Möglichkeiten, Ärzte online zu bewerten. Lediglich 24 Prozent machten zumindest gelegentlich davon Gebrauch.

LED

Kommunen, Unternehmen und Haushalte steigen auf LED-Beleuchtung um, um Energie und Geld zu sparen. Die Einsparung könnte jedoch verloren gehen, wenn das Geld für zusätzliche oder hellere Lampen ausgegeben wird. Genau diesen „Rebound-Effekt“ fürchten Forscher, die sich mit der künstlichen Beleuchtung des Nachthimmels befassen. Eine internationale Studie unter Leitung des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) liefert nun Belege für diese Befürchtung. Mittels neuer Satellitenaufnahmen konnten die Forscher die Entwicklung der Lichtabstrahlung von 2012 bis 2016 verfolgen. Sowohl die Intensität der künstlichen Aufhellung als auch die Ausdehnung der beleuchteten Fläche haben seit 2012 weltweit um rund zwei Prozent pro Jahr zugenommen. Global betrachtet sei das Maß des Anstiegs der künstlichen Beleuchtung mit dem Wachstum des Bruttosozialprodukts verknüpft. Die Wissenschaftler sehen Möglichkeiten, dank moderner LED-Technik die Lichtemission um zwei Drittel zu senken, ohne dass Menschen es dunkler empfinden. Die Menschen müssten aber lernen, es maßvoll und punktgenau dann einzusetzen, wenn es notwendig sei.
Christopher C. M. Kyba et al., DOI: 10.1126/sciadv.1701528

„Vertical Farming“

Wie lässt sich unbenutzter, urbaner Raum sinnvoll nutzen und in fruchtbares Land verwandeln? Diese Frage stellten sich zwei Briten und fanden die Antwort darauf in dem Buch „The Vertical Farm“ von Dickson Despommier. Das Konzept einer tragfähigen Landwirtschaft direkt im Zentrum moderner Großstädte, das lange Transportwege einspart und damit CO2 reduziert, begeisterte sie. Sie entwickelten daraufhin die Idee einer unterirdischen Farm im Weltkriegsbunker in London, der sich wie ein wurmartiger Komplex unter der Metropole entlangzieht. Heute wachsen in den Bunkern sog. Microgreens – Gemüse und Kräuter, die in einem sehr frühen Stadium geerntet werden. Der Prozess beginne damit, dass Mitarbeiter Teppichmatten mit Samen bestreuen und diese dann bei hoher Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Dunkeln bis zu fünf Tage wachsen lassen. Die frühe Ernte sorge dann für den besonders intensiven Geschmack. In manchen Ländern wie z.B. in Singapur oder den Vereinigten Staaten wird das Modell längst erfolgreich umgesetzt. Die britischen Unternehmer lieferten täglich 5.000 Packungen Bunkergemüse aus und hofften, in einigen Monaten schwarze Zahlen zu schreiben. Allerdings erschwere der Brexit Investitionen in Großbritannien. Das Schlimmste sei, dass das Unternehmen Subventionen aus Brüssel verlieren würde.
dpa

Populismus und Medien

Ein größerer Anteil populistischer Statements in der Nachrichtenberichterstattung hat zur Folge, dass sich die bereits vorhandene Meinung der Leser noch verstärkt, d.h. sowohl die Zustimmung als auch die Ablehnung von populistischem Gedankengut nehmen zu. Zu diesem Schluss kommen Kommunikationsforscher der Universitäten Mainz und Zürich. In einer gemeinsamen Studie hatten sie in den Jahren 2014 und 2015 gut 7.000 Artikel in Printmedien analysiert und 2.338 Leser in vier europäischen Regionen (Großräume Berlin, London, Paris und Zürich) zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten nach ihrer politischen Einstellung befragt. Demnach würden die unterschiedlichen Menschen in ihrer vorhandenen Meinung bestärkt, je nachdem, ob sie dem Populismus eher zustimmen oder ihn eher ablehnen. Die Analyse der Nachrichtenbeiträge zeigte den Forschern zufolge regionale Unterschiede. Insgesamt enthielten in der Zufallsstichprobe von 7.119 Artikeln von sieben bis acht Monaten im Durchschnitt 14 Prozent populistisches Gedankengut (z.B. Elitenkritik und eine Betonung des Volks): allerdings 20,4 Prozent der Artikel in Paris, aber nur 8,6 Prozent in Berlin, 15,2 Prozent in London und 13,1 Prozent in?Zürich. Für die Wissenschaftler sind die Ergebnisse in einem größeren Kontext zu sehen, nämlich der Polarisierung der Gesellschaft in den USA und vermehrt auch in Europa. Diese Polarisierung finde nicht mehr unbedingt zwischen den traditionellen politischen Parteien statt, sondern richte sich generell gegen das Establishment. Establishment-Befürworter rückten näher zusammen und fänden ungeahnte Schnittstellen, während die Gegner des Establishments der herrschenden Elite äußerst kritisch gegenüberständen und dementsprechend Verschwörungstheorien anhingen. Die Medien hülfen den Populisten dabei, diese Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben, fassen die Wissenschaftler zusammen. Dies wiederum trage zur Fragmentierung der Gesellschaft, zur sozialen Desintegration und zu wachsenden Konflikten bei.
Philipp Müller et al., DOI: 10.1111/jcom.12337

Welterbe Orgel

Orgelbau und Orgelmusik gehören zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Der zuständige Ausschuss der Unesco hat den deutschen Antrag im Dezember angenommen. Die Orgelkultur als traditionelle Kulturform habe in Deutschland eine wichtige Basis, so der Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission. Die vielen lokal- und regionalspezifischen Orgelbaustile, Kompositionen und Aufführungsformen sowie staatliche und kirchliche Ausbildungsmöglichkeiten seien Belege dafür, wie lebendig die Orgelkultur ist. Seinen Ursprung habe das Instrument vor mehr als 2.000 Jahren im hellenistischen Ägypten – sei seit dem Mittelalter aber vor allem in Deutschland weiter entwickelt worden. Die größte Orgeldichte gibt es mit 7.000 bis 8.000 Instrumenten im Südwesten Deutschlands. Bundesweit sind es etwa 50.000 Orgeln – vor allem in Kirchen und Konzertsälen. Auch 60 der 400 Betriebe haben nach Darstellung der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands ihren Standort in Baden-Württemberg. Die Lage des Orgelbaus in Deutschland sei bisweilen nicht einfach, weil es immer weniger Geld gebe und zudem etwa Kirchen und damit die Orgeln aufgegeben würden. Das Instrument sei ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Klang; jedes Instrument werde individuell für einen Raum gebaut.
dpa

Schutz von Hirndaten

Schon bald könnte die Gehirnaktivität ähnlich einfach erfasst werden wie bislang Handydaten und Bewegungsprofile. Enorme Fortschritte im Bereich Künstlicher Intelligenz machen das möglich, auch aufgrund millionenschwerer Investionen weltweit. Doch bislang sind diese hochsensiblen Daten im nicht-medizinischen Umfeld viel zu wenig geschützt. Zu diesem Schluss kommen Neurowissenschaftler, Mediziner und Ethiker unter Beteiligung des Universitätsklinikums Freiburg. Sie präsentieren vier Vorschläge (hier kurzgefasst), um künftig Hirndaten vor massenhafter Auswertung und Manipulation zu schützen: 1. Datenschutz: Geräte, mit denen die Hirnaktivität erfasst werden kann, sollten die Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer teilen dürfen. 2. Manipulationen der Hirnaktivität müssten außerhalb medizinischer Therapien verhindert werden. Darum sollte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte um den Schutz der Hirnaktivität erweitert werden. 3. Methoden zur Optimierung von Hirnfunktionen, etwa zur Verbesserung des Gedächtnisses, könnten für militärische Einsätze zweckentfremdet werden. Mittels eines umfassenden Rechtsrahmens sollte dem entgegengewirkt werden. 4. Die Forscher betonen die Neutralität der Datengrundlage und fordern mehr Forschung dazu, wie diese fair und repräsentativ wird.
Universitätsklinikum Freiburg, http://www.nature.com/news/four-ethical-priorities-for-neurotechnologies-and-ai-1.22960

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