Standpunkt
11 | November 2009 Artikel versenden Artikel drucken

Ein Lob der Sekretärin

Tanjev Schultz ist bildungs- und hochschulpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Tanjev Schultz ist bildungs- und hochschulpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

In Dortmund ist einer Sekretärin gekündigt worden, weil sie es gewagt hatte, eine Frikadelle vom Chef-Buffet zu essen. So ein gemeiner Mundraub kann natürlich nicht geduldet werden. Die Täterin war Angestellte eines Verbandes (es war nicht der Deutsche Hochschulverband). An einer Uni hätte man bestimmt ein Auge zugedrückt. Chef-Buffets mit Buletten gibt es da ohnehin selten. Und Hochschulen sind, verglichen mit den vielen Menschenverschleißanstalten in der freien Wirtschaft, noch immer ganz gute Arbeitgeber. Wobei das Gute auch seine schlechte Seite hat: Es interessiert sich niemand für die Sekretärinnen am Arbeitsplatz Hochschule. Sie könnten den Professoren auch verstaubte Aufsätze vom Schreibtisch klauen. Das wäre nicht schlimm. Wahrscheinlich hoffen viele Wissenschaftler sogar darauf.
Professoren können, medial gut begleitet, inbrünstig wehklagen über ihre kümmerliche Besoldung. Die meisten hätten wirklich mehr verdient, immerhin arbeiten sie unbeirrt an der siebenundvierzigsten Mehrfachverwertung ihres einen kreativen Augenblicks, den sie vor Jahren einmal hatten. Lebt eine Uni-Sekretärin knapp über Hartz IV, interessiert das höchstens den Verdi-Bezirksfunktionär. Und der ist in den Augen von Presse und Professor ja nur der fleischgewordene Ausdruck einer leistungsfeindlichen Vollkaskomentalität.
Es gibt mehr als 65 000 Verwaltungsmitarbeiter an den deutschen Hochschulen. Sie müssen jedoch sehr verrucht sein, denn niemand redet über sie, jedenfalls nicht über die Sekretärinnen auf den billigen Plätzen. Dabei tragen auch sie zu den Erfolgen und Misserfolgen der Hochschulen bei. Sekretärinnen, die einem Professor direkt zugeordnet sind, arbeiten oft in einem wenig beachteten Reich. Da gibt es den Chef, der nie im Büro ist und fast keine Aufgaben stellt. Auf dem Bildschirm im Sekretariat müssen deshalb viele Moorhühner ihr Leben lassen. Da gibt es aber auch den ADHS-Professor, der 27 Projekte gleichzeitig besprechen und immer alles sofort erledigt haben will. Wenn sie Glück hat, bekommt die Sekretärin ein Dankeschön im Vorwort des neuen Buches, das der Meister ihr zur Weihnachtsfeier überreicht.
Die steigenden Ansprüche an die Sekretariate müssten eigentlich mit einer Aufwertung des Berufs einhergehen. In einer Expertise der Friedrich-Ebert-Stiftung schlagen die Autoren eine neue Kategorie von „Wissenschaftsassistentinnen“ vor (U. Banscherus et al.: Arbeitsplatz Hochschule, Bonn 2009). Qualifikation und Gehälter müssten steigen, Fortbildungen wären nötig, die Wissenschaftler müssten ihre Assistentinnen auch einbinden in die Inhalte und Ziele ihrer Arbeit. Das wäre für alle von Vorteil. Aber viele Professoren wollen lieber nichts abgeben. Höchstens mal eine Bulette.


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