Religion und Wissenschaft
03 | März 2010 Artikel versenden Artikel drucken

Die Wiederkehr der Religion(en)

Über Gott, Geld und Theologie | Jochen Hörisch

Moderne Wissenschaft, Technik, Aufklärung und die Mündigkeit der Bürger würden nach Ansicht Vieler zu einem Bedeutungsverlust der Religion führen. Vom einstigen Meer der Religion würden nur noch Tümpel übrigbleiben, hieß es. Die letzten Jahre scheinen weltweit das Gegenteil zu zeigen. Die Religion hat sich weltpolitisch zurückgemeldet. Aber geht es dabei wirklich um Transzendenz oder doch nur um das liebe Geld?

Religion gibt es und wird es geben, so lange es das Problem der absoluten Kontingenz gibt – also (fast) von Ewigkeit zu Ewigkeit. Selbst ehrgeizigste Vertreter harter, logischer, rechenintensiver, empirischer Wissenschaften haben nicht den Ehrgeiz, Lösungen für Probleme wie die zu finden, warum überhaupt Sein ist und nicht vielmehr nicht/Nichts oder warum jemand zu diesem Zeitpunkt an jenem Ort als Kind dieser und nicht etwa anderer Eltern geboren wurde. Auf solche Fragen können und wollen Physik, Chemie, Biologie, aber auch Soziologie oder Psychologie keine Antwort geben. Man mag bedauern, dass Fragen, die rational und wissenschaftlich nicht zu beantworten sind, dennoch gestellt werden – aber man kann das nicht verhindern. Religion ist Kontingenzbewältigung und als solche durch nichts (es sei denn durch weisen Verzicht auf bestimmte Fragen) zu ersetzen.

»Religion ist Kontingenzbewältigung und als solche durch nichts zu ersetzen.«

Theologie ist Reflexion von Religion (so wie Ethik Reflexion von Moral und Ästhetik Reflexion von Kunst ist). Deshalb ist Theologie zumindest latent wissenschaftlich. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Denn sie kann, obwohl sie genau dies nicht will, kaum anders als diabolisch vorgehen. Betreibt sie doch notgedrungen ein hybrides bis blasphemisches Geschäft – Theologie zu sein und das heißt, Gott logisch erfassen zu wollen. Theologie beobachtet nämlich genau die Größe, die religiös als Letztbeobachter und als Letztgrund aller Gründe erfahren wird: Gott oder das Göttliche oder das Transzendente. Noch dann, wenn Theologie dialektisch wird und beobachtet, dass Gott sich nicht wie Innerweltliches beobachten lässt, beobachtet sie eben dies: dass Gott bzw. das Göttliche sich nicht verbindlich offenbart – aus welchen Gründen auch immer (etwa, weil er das nicht will oder weil er das nicht kann oder weil er Streit und Dissens liebt oder weil es ihn nicht gibt). Und so muss Theologie, wenn sie denn rudimentären Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit genügen will, konzedieren, dass theologisch nur eines offenbar ist: dass Gott nicht offenbar ist – jedenfalls nicht in der Weise, die Ansprüchen an wissenschaftliche Evidenz Genüge leistet. Wäre Gott mitsamt seinem Willen evident, gäbe es nicht unterschiedliche Religionen und miteinander konfligierende Offenbarungen.

Genau dies, dass es offenbar ist, dass Gott und der göttliche Wille nicht offenbar sind, kann aber Religion (anders als kritische Theologie) nicht konzedieren. Fromme Gemüter können zwar emphatisch erfahren, dass religiöser Glaube Kontingenzbewältigung erlaubt, aber kaum bzw. allenfalls mit starkem Widerstreben akzeptieren, dass Religion selbst in dem Sinne kontingent ist, dass es mehrere, miteinander häufig durch herzliche wechselseitige Abneigung verbundene Religionen gibt. In der wissenschaftlichen (etwa religionswissenschaftlichen, ethnologischen, soziologischen, psychologischen) Beobachtungsperspektive ist es „interessant“, „aufschlussreich“, mitunter auch amüsant, dass aus religiöser Sicht der Freitag, Samstag oder Sonntag geheiligt werden muss, dass Wein ein göttlicher oder aber satanischer Trank sein kann, dass der Verzehr von Schweinefleisch oder von Kühen ein Tabu ist, dass Frauen in der Kirche reden oder nicht reden dürfen, dass der Papst als Stellvertreter Christi oder als Antichrist wahrgenommen werden kann etc.

»Wenn es um letzte Dinge geht, hört der Spaß auf.«

Aus der religiösen Teilnehmerperspektive verbietet es sich selbstredend, dergleichen Fragen funktional, komparatistisch und nüchtern, also wissenschaftlich zu analysieren, geschweige denn, Diskussionen darüber witzig zu finden. Religionen haben in aller Regel ein gebrochenes Verhältnis zu Ironie, Witzen und Gelächter. Ihr obligatorischer Psycho-Modus ist der tiefe Ernst, der eine fatale Tendenz hat, für Konflikt-Eskalationen zu sorgen. Wenn es um letzte Dinge geht, hört der Spaß auf. Deshalb ist weniger die Wiederkehr der Religion als die Wiederkehr der vielen Religionen ein Problem. Religionen im Plural können allenfalls frivole Polytheisten wie Goethe, nicht aber tief religiöse Gemüter und Institutionen zulassen.

Gott und Geld

Das erklärt auch das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Wirtschaft, Gott und Geld. Moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaften haben die Konfliktpotentiale von Religionen nicht nur durch Aufführungen von Lessings Nathan der Weise und die Rezeption aufgeklärten Gedankenguts entschärft, sondern auch – wie kein anderer als Lessing in seinem epochalen Drama erkannt hat – durch die Umstellung von Gott- auf Geldorientierung. Dass alle verbindlich eine Religion beglaubigen und gemeinsam dieselben Rituale teilen, ist für die Kohäsion einer Gesellschaft schlicht nicht mehr nötig, wenn alle gemeinsam Geld beglaubigen. Erlösung kann zu Erlösen, Credo zu Kredit, Schuldige zu Schuldnern, Gläubige zu Gläubigern, Offenbarungen zu Offenbarungseiden, Heilige Messen zu Handelsmessen und Gottesillusion zu Geldillusion konvertieren. Denn auch Geld ist ein Medium der Kontingenzbewältigung – ein bescheideneres als religiöser Glaube, aber eben auch ein funktionales und vergleichsweise häufig recht gut funktionierendes. Geld gibt zwar keine Antwort auf absolute Kontingenzfragen, aber es ermöglicht den Umgang mit relativer Kontingenz: Man kann, dem göttlichen Medium Geld sei Lob und Preis, dieses oder jenes kaufen, mit diesem oder jenem tauschen, ein Vermögen anhäufen, das einen überlebt und Testamente wertvoll macht, sich gegen Krankheiten und mit einer Kapitallebensversicherung gegen das Risiko, allzu lange zu leben, versichern und vieles mehr.

Banker werden nicht gerne an die religiösen Implikationen des Geldes, Priester nicht gerne an die monetären Nächstverwandten des Glaubens erinnert. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive aber sind die Wahlverwandtschaften zwischen Gott und Geld bzw. zwischen Kapitalismus und Religion unübersehbar. Verwandte unterhalten zueinander nicht immer spannungslose Beziehungen. Religion hat den begründeten Verdacht, die Ökonomie könne ein religiöser Erbschleicher sein. Die Ökonomie hat den begründeten Verdacht, von einem zornigen und unzeitgemäßen Patriarchen, der die Zeichen der Zeit nicht recht versteht, enterbt werden zu können. Gerade weil Geld ein funktionaler Gottesersatz ist, hat die globale Banken- und Finanzkrise mehr als „nur“ ökonomische Relevanz; sie stimuliert auch religiöse Militanz. Am Comeback der Religionen und also der religiösen Konflikte aber dürfte der Teufel seine helle Freude haben.

 

A U T O R

Jochen Hörisch ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Er veröffentlichte u.a. Gott, Geld, Medien (Suhrkamp 2004) und Bedeutsamkeit – Über den Zusammenhang von Sinn, Zeit und Medien (Hanser 2009).


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