Chatten, recherchieren, shoppen – auch lernen?
Wie nutzen Studierende Computer und Internet? | Rolf Schulmeister
Computer und Internet sind bei den Studierenden nicht mehr wegzudenken. Die heutige Studentengeneration ist bereits damit aufgewachsen. Doch wofür nutzen sie diese Medien? Welche Interessen verfolgen sie dabei? Und – nicht zuletzt – welche Rolle spielen Computer und Internet für ihr Studium?
Wie intensiv nutzen Studierende das Internet? Wenn man den in den Medien verbreiteten Zahlen glaubt, dann frequentieren sie es sehr häufig und sehr lange. Die deutschsprachigen Studierenden sind zu einem großen Teil in StudiVZ Mitglied, die internationalen in Facebook. Wenn man den Umfragen Glauben schenkt, dann sind die Studierenden stundenlang mit dem Computer oder im Internet beschäftigt.
In der Tat gibt es Aussagen von Studierenden, in denen sie das Internet als einen ihrer „Zeitfresser“ bezeichnen, dem sie mehr Zeit widmen als dem Fernsehen oder dem Lesen. Welche Ziele und Interessen verfolgen sie dabei? Diese Zeit verbringen sie in StudiVZ, mit dem Lesen von Webseiten, die mit Sport, Mode, Unterhaltung und Lifestyle-Shopping zu tun haben. Nur nicht mit den Inhalten des Studiums.
In der Online-Umfrage für die Studie „Die Entmystifizierung eines Phänomens – Die Generation Y?! ‘Recruiting the Next Generation’“, an der 2 098 Studierende aus 23 Städten (20 Hochschulen), überwiegend aus Deutschland teilnahmen, haben wir u.a. nach der Nutzung von Internet-Funktionen für Kommunikation, Information oder Lernanwendungen gefragt, wobei danach differenziert wurde, welche der Funktionen und Anwendungen täglich, wöchentlich, monatlich oder alle paar Monate genutzt werden. Es stellte sich heraus, dass die Studierenden täglich die Kommunikationsfunktionen nutzen, Informationsrecherchen eher wöchentlich tätigen, während sie den Einkauf im Internet eher monatlich bzw. noch seltener vornehmen. Diese Verteilung der Funktionen Kommunikation, Recherche oder Shoppen demonstriert ein durchaus realistisches und pragmatisches Verhalten.
»Nur Dienste, die einen deutlichen Mehrwert versprechen,
werden gewählt, die anderen abgewählt.«
Die Hälfte der 32 abgefragten Internet-Funktionen waren der Mehrheit der Studierenden nicht bekannt bzw. wurden nicht benutzt. Darunter fielen alle Anwendungen, die sich beim Lernen zur Unterstützung von Recherchen, für die Strukturierung von Informationen, das Schreiben und das kollaborative Lernen gut eignen würden (Social Bookmarking, Webkonferenz, Wikis schreiben, Virtueller Klassenraum, Podcast etc.). Bei den Medien stellte sich Musik als Hauptnutzung heraus, Video, Fotos und Film sowie Internetradio sind die zweithäufigste Nutzungsart, während Podcasts, Internet-TV, Games und Weblogs überwiegend nicht genutzt werden.
Bei den Internet-Diensten ergab sich – wenig überraschend –, dass von all den nützlichen Internet-Diensten lediglich Wikipedia und StudiVZ häufig, Amazon, YouTube und eBay ab und zu genutzt werden. Über 90 Prozent der Studierenden kannte Zoho, Zotero, LibraryThing, Twitter, Del.icio.us und LinkedIn nicht bzw. nutzten sie nicht, und gut zwei Drittel der Studierenden hatten zwar schon mal von Second Life, MySpace oder Lokalisten gehört, nutzten diese Dienste aber nicht. Auch hier kann man von einer recht pragmatischen Leistungserwartung sprechen: Nur Dienste, die einen deutlichen Mehrwert versprechen, werden gewählt, die anderen abgewählt.
In einer Faktorenanalyse wurden vier unterschiedliche Profile für Gruppen innerhalb der Stichprobe ermittelt. Die stärkste Gruppe ist besonders an Kultur interessiert, die zweitstärkste Gruppe an Wirtschaft, Recht, Ingenieurwesen und Naturwissenschaft, die dritte Gruppe zeichnet sich durch eine soziale Orientierung aus. Die technisch versierten Nutzer stellen die kleinste Gruppe dar.
Was folgt aus diesen Daten zur Computer- und Internetnutzung der Studierenden für die Lehre an Hochschulen? Die weitaus größte Mehrheit der Studierenden wünscht sich einen moderaten Medieneinsatz im Studium. Wieder zeigt sich, dass die Kommunikationsfunktionen, hier Email und Chat, hohe Zustimmung erhalten, während virtuelle Seminare mit 78 Prozent abgelehnt werden. Auch andere Studien belegen, dass bei Studierenden kein Transfer vom Internet zum Lernen besteht und dass das Internet den geringeren Teil der Lebensinteressen der Studierenden ausmacht. Es sind in den letzten Jahren mehrere Befragungen Studierender mit ähnlicher Zielsetzung durchgeführt worden, die, was die Nutzung des Internets anbetrifft, im Grunde zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind.
Noch näher kommt man der Realität, wenn die Studierenden stündlich und täglich eingeben, was genau sie am Tag getan haben. Im ZEITLast-Projekt* haben wir mittels einer webbasierten Zeitbudget-Studie an vier Universitäten und in sechs Studiengängen fünf Monate lang täglich die Aktivitäten der Studierenden registrieren lassen und untersucht, wieviel Zeit Studierende im Studium in welche lernrelevante Handlungen investieren. In dem Zusammenhang haben wir auch erhoben, wie lange die Studierenden Computer und Internet für das Studium nutzen:
Die Medien werden recht zurückhaltend genutzt, in Prüfungsmonaten in der Regel etwas häufiger als zu anderen Zeiten. Die studienrelevante Nutzung der Medien beschränkt sich auf wenige Minuten pro Tag. Dies ist keine Aussage darüber, wie viel Zeit die Studierenden mit ihrem Computer und im Internet verbringen, mit StudiVZ, YouTube oder auf Websites für Sport, Unterhaltung und Lifestyle, aber den Anteil dieser Aktivitäten, den sie dem Studium widmen, den haben wir erfasst und der ist überraschend gering.

Tabelle: Mittelwerte der studienrelevanten Mediennutzung pro Tag (Std:Min:Sek; 7 Tage pro Woche)
*An dem Verbundprojekt sind beteiligt: Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Mainz, beteiligte Studiengänge: BA Erziehungswissenschaft, Dipl. Erziehungswissenschaft; Prof. Dr. Heidi Krömker, Institut für Medientechnik, Technische Universität Ilmenau, beteiligte Studiengänge: Ingenieurinformatik, Mechatronik, Medientechnik; Prof. Dr. Rolf Schulmeister, Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung, Universität Hamburg, beteiligter Studiengang: Medien- und Kommunikationswissenschaft; Prof. Dr. Erwin Wagner, center for lifelong learning, Stiftung Universität Hildesheim, beteiligte Studiengänge: Kulturwissenschaften, Sozial- und Organisationspädagogik. Das Projekt wird über eine Laufzeit von drei Jahren (2009 bis 2012) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Informationen unter www.zhw.uni-hamburg.de/zhw /?page_id=419.
Eine Textfassung mit Angaben zu allen anderen Studien, auf die sich der Text bezieht, kann bei der Redaktion angefordert werden.

A U T O R
Rolf Schulmeister war Professor am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) der Universität Hamburg
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