10 | Oktober 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Mehr Empirie und Realitätssinn im Bologna-Prozess!

Eine Replik auf Peter Gaehtgens | Julian Nida-Rümelin

Die Reform der Hochschulen, die unter dem Stichwort des Bologna-Prozesses durchgeführt wird, ist die umfassendste in den letzten Jahrzehnten. Sie hat glühende Verfechter und erbitterte Gegner. Da ist ein nüchterner, gleichwohl kritischer Blick hilfreich. Eine Antwort auf die Thesen von Peter Gaehtgens in Forschung & Lehre 7/07.

Die beherzte Verteidigung des Bologna-Prozesses und der Aufruf diese in Deutschland zu beschleunigen von Peter Gaehtgens, dem vormaligen Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz enthält viele zutreffende Feststellungen, aber zugleich sind zentrale Thesen pure Ideologie, die auch dadurch nichts an empirischem Gehalt gewinnt, dass sie unterdessen zum Standartrepertoire wissenschaftspolitischer Stellungnahmen gehört.

Es ist richtig, dass sich Deutschland und andere europäische Länder die hohen Abbrecherquoten der Vergangenheit insb. in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern nicht leisten kann und dass die Umstellung auf die neuen Studiengänge diesen Missstand nach aller bisheriger Erfahrung beheben wird. Aber es ist falsch, wenn behauptet wird, dass die Umstellung auf neue Studiengänge die Mobilität der Studierenden fördern wird. Das Gegenteil ist schon deswegen der Fall, weil die Bachelor-Studiengänge wie sie gegenwärtig in Deutschland und in anderen europäischen Ländern konzipiert werden einen Wechsel innerhalb dieser drei Jahre gegenüber den früheren Magister- und Diplomstudiengängen erschweren und nicht erleichtern. Hinzu kommt, dass sich heute schon abzeichnet, dass die deutschen Bachelor-Abschlüsse an amerikanischen Universitäten in der Regel nicht anerkannt werden, weil sie nach der Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre in fast allen deutschen Bundesländern einen Bachelor-Abschluss ein Jahr früher vorsehen, als in den USA. Hier haben amerikanische Universitäten einen unterdessen schon vielfach genutzten Ansatzpunkt, um die unliebsame Billigkonkurrenz aus europäischen Ländern abzuwehren.

»Bisher hatten jedenfalls Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer ein hohes Renommee in den USA.«

Bisher hatten jedenfalls Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer ein hohes Renommee in den Vereinigten Staaten und das zu Recht, weil sie in der Regel Fremdsprachen- und Bildungskenntnisse mitbrachten, die in den USA unüblich sind. Auch ist das Niveau geisteswissenschaftlicher Forschung in Kontinental-Europa gegenüber weiten Teilen der US-amerikanischen humanities deutlich höher, wissenschaftsorientierter und seriöser, wenn auch in Deutschland und Frankreich im Gefolge zunehmend postmoderner Ausrichtungen eines Teils der Geisteswissenschaftler gewisse Verfallserscheinungen wissenschaftlicher Seriosität festzustellen sind.

italienische-universitaetGaehtgens und die Wissenschaftspolitiker fast aller Parteien sprechen von der anzustrebenden Akademisierungsquote von 40 oder gar 50 Prozent und stellen dies in einen Gegensatz zu den 20 Prozent eines Altersjahrgangs in Deutschland die gegenwärtig ein Studium absolvieren. Ich empfehle hier ein wenig Empirie, ein wenig mehr Rücksichtnahme auf Realitäten des Arbeitsmarktes. Die Lebenserwerbseinkommen von Akademikern in Westdeutschland sind in Vergleich zum Lebenserwerbseinkommen von Facharbeitern in Westdeutschland in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen und liegen heute fast gleich auf (der übliche Vergleich von Monatseinkommen ist ökonomisch unsinnig). Daraus kann nur gefolgert werden, dass der Arbeitsmarkt mit Akademikern in Westdeutschland (in Ostdeutschland liegt die Situation wegen der stärkeren Elite-Orientierung in der früheren DDR-Ausbildung und der dort deutlich niedrigeren Akademisierungsquote anders) insgesamt gesättigt ist. Eine weitere Ausdehnung der Akademisierungsquote würde die Lebenseinkommen von Akademikern unter die der Facharbeiter drücken, was für sich genommen noch nicht tragisch wäre, was aber nur eine andere Erscheinungsform eines Verdrängungswettbewerbes nach unten ist. Es gibt gegenwärtig schon die Tendenz, dass in vielen Ausbildungsberufen es zunehmend üblich wird das Abitur oder die Hochschulreife einzufordern. Es ist aber kein sinnvolles Ziel der Bildungspolitik auf Grund dieses Verdrängungswettbewerbes nach unten Hauptschul- oder Realschulabsolventen etwa das Friseurhandwerk zu verbauen. Werden wir doch einmal konkret: Gibt es gegenwärtig zu wenig Juristen? Gibt es gegenwärtig zu wenig BWL-Absolventen? Gibt es gegenwärtig zu wenig Architektur-Absolventen? Ganz zu schweigen: Gibt es gegenwärtig zu wenig Absolventen eines Germanistik-, Romanistik-, Geschichtsstudiums? In der Tat besteht in Deutschland eine Lücke bei bestimmten Ingenieurberufen (weniger bei Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge) was mit dem Abbau der Forschungsabteilungen in vielen großen Unternehmen in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zu tun hat. Jetzt zeigen sich die langfristigen Folgen dieser damaligen Fehlentscheidungen.

Wie kann es sein, dass Gaehtgens und mit ihm die allermeisten Wissenschaftspolitiker in Deutschland übersehen, dass es hierzulande, anders als in den USA, anders als auch in den meisten europäischen Ländern, alternative Wege in den Beruf gibt, die insgesamt das Qualifikationsniveau der deutschen Arbeitnehmerschaft deutlich über dem der USA oder Großbritanniens halten? Das duale System von Allgemeinbildung und betrieblicher Ausbildung ist ein kostbares Gut, das durch diese Politik einer angestrebten Verdoppelung der Akademisierungsquote endgültig zerstört würde. Ein Standortvorteil Deutschlands, den das verarbeitende Gewerbe aber auch weite Bereiche des Dienstleistungssektors sehr zu schätzen wissen, wäre endgültig dahin. Wenn der Prozentsatz derjenigen, die in ihrem schulischen Bildungsweg nicht die Hochschulreife anstreben immer geringer wird, werden diejenigen, die keine Hochschulreife vorweisen können für den Arbeitsmarkt immer uninteressanter (Bildungsforscher sprechen hier vom signalling effect). In den USA ist das Realeinkommen derjenigen, die keinen College-Abschluss vorweisen können seit den 70er Jahren trotz weit höherer Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes der USA im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich, nicht mehr gestiegen. Dies hängt nicht etwa damit zusammen, dass nur Qualifikationen, die ein College-Studium bietet, auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden, sondern zweifellos damit, dass die verschiedenen Bildungsabschlüsse als Indikatoren von Intelligenz, Einsatzbereitschaft, Tugenden gewertet werden. Wer in nichtakademischen Berufen nur noch den wenig befähigten, wenig engagierten, wenig aufgeweckten „Rest“ belässt, zwingt nicht nur die Absolventen eines Studiums in berufliche Tätigkeiten und Einkommensgruppen, die weit unter ihrer Qualifikation liegen, sondern beschädigt andere Bildungs- und Berufswege. In den USA gibt es nur folgende Alternativen: Highschool-Diploma oder Highschool-Dropout, College-Diploma oder College-Dropout, Gradschool-Absolvent (Master) und schließlich PhD. Dies kann jedenfalls für Deutschland und für viele andere europäische Länder kein Vorbild sein. Ich warne daher eindringlich davor sich an OECD-Statistiken zu orientieren, wenn es um die anzustrebende Akademisierungsquote in Deutschland geht. Wer diese an den USA, an Kanada oder anderen Ländern, die ein ähnliches Bildungssystem haben, orientiert, zerstört den Standort-Vorteil eines breiten Spektrums von Bildungs- und Berufsqualifikationen, den Deutschland gegenwärtig noch (wenn auch mit fallender Tendenz) hat.

»Das duale System von Allgemeinbildung und betrieblicher Ausbildung ist ein kostbares Gut.«

Wenn der Bologna-Prozess zu einem guten Ende geführt werden soll, dann dürfen wir in Deutschland nicht alle Fehler wiederholen, die andernorts schon gemacht wurden. Meine italienischen Kollegen aus der Philosophie (Italien gehört ja zu den von Gaehtgens gelobten Ländern, die schon völlig auf neue Studiengänge umgestellt haben im Gegensatz zu Deutschland) sprechen je nach Naturell ironisch oder sarkastisch vom superliceo in das man nun die italienische Universität verwandelt habe. Die in Deutschland traditionell besonders ausgeprägte Tendenz der Normierung und Bürokratisierung tut ein Übriges um das Identitätsmerkmal der modernen europäischen Universität zu gefährden: Die enge Verbindung von Forschung und Lehre. Es gab einmal eine Zeit da haben sich liberale und konservative Wissenschaftler in Deutschland heftig gegen die Finalisierung der Wissenschaft und der Universitäten gewandt, wie sie von linken Sozialwissenschaftlern vorgeschlagen wurde. Heute werden die alten Träume derjenigen, die akademische Freiheit immer schon suspekt fanden, wahr, allerdings unter Vorzeichen, die sie vermutlich nicht glücklich machen. Gehen wir daher nicht über den zentralen Makel des Bologna-Prozesses hinweg, nämlich die Einteilung in berufsfeld- und in wissenschaftsorientierte Studiengänge. Das war der Kern der neuen wissenschaftlich ausgerichteten Universität des 19. Jahrhunderts, das die ganze heutige Fächervielfalt, die Forschungsdynamik und die Akademisierung vieler Berufe erst ermöglicht hat. Wer mit dieser Tradition bricht, indem er Studiengänge etabliert, die berufsfeld- und solche die wissenschaftsorientiert sind, versündigt sich nicht nur an diesem Identitätsmerkmal der modernen Universität, fällt damit in die mittelalterliche und frühneuzeitliche Ausbildungs-Universität für spezifische Berufe (damals Theologen, Mediziner und Juristen) zurück, sondern beschädigt paradoxerweise auch die Arbeitsmarktchancen ihrer Absolventen.

»Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um die Bildungssubstanz der geisteswissenschaftlichen Studiengänge zu erhalten.«

Daher ein letztes Mal das Plädoyer den einen oder anderen Tropfen Empirie in das heute gängige ideologische Gebräu der Wissenschaftspolitik zu träufeln: In der Expansionsphase der 60er und frühen 70er Jahre wurde ein großes Experiment gestartet. Die geisteswissenschaftlichen Fächer, die zu den fast ausschließlich für den Beruf des Gymnasiallehrers und natürlich die besten für den universitären Nachwuchs ausbildeten, erhielten den neuen Abschluss des Magisters und da es dafür auf dem Arbeitsmarkt keine etablierten Berufe gab, wurde ein „akademisches Proletariat“ in großem Umfange befürchtet. Was folgte war eine eminente Erfolgsgeschichte der Geisteswissenschaften. Ihre Absolventen konnten sich entgegen aller Prognosen auf dem Arbeitsmarkt behaupten, weil sie offenkundig Qualifikationen mitbrachten, die nachgefragt wurden und die sich eine Nachfrage schafften. Dieser Erfolg beruhte aber gerade nicht auf einer Schmalspur-Ausbildung, wie sie jetzt in den Bachelor-Studiengängen in einer zugegeben meistens gar nicht intendierten Eigendynamik besonders in Deutschland gängig zu werden scheint, sondern auf den Qualifikationen, die ein geisteswissenschaftliches Studium (forschungs- und wissenschaftsorientiert) gibt und gerade deswegen Urteilskraft, Präzision und Offenheit des Denkens, Artikulationsfähigkeit, Flexibilität förderte. Entscheidend für diesen Erfolg war nicht so sehr, was man jeweils im geisteswissenschaftlichen Spektrum studiert hatte, sondern dass man diese Qualifikationen in einem wissenschaftsorientierten Studium mitbrachte.

In den Jahren der extremen Überlast, vor allem auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern, hat die Universität zugelassen, dass besonders diese Ausbildungsgänge unterstrukturiert waren und die weniger selbstständigen und selbstbewussten Studierenden auf der Strecke blieben. Dies kann und wird die Umstellung auf neue Studiengänge ändern. Dies ist zu begrüßen. Zugleich aber müssen wir auf der letzten Etappe alle Anstrengungen unternehmen, um die Bildungssubstanz insb. der geistes- und kulturwissenschaftlichen Studiengänge aufrecht zu erhalten. Nicht nur, damit die Substanz der europäischen Universität erhalten bleibt, sondern auch um den Absolventen dieser Studiengänge auch in Zukunft Berufschancen außerhalb der Akademia zu geben.

 

A U T O R

Julian Nida-Rümelin lehrt Politische Theorie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In den Jahren 2001 und 2002 war er als Kulturstaatsminister Mitglied der Bundesregierung.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken