03 | März 2008 Artikel versenden Artikel drucken

Mea culpa!

Die „Bologna-Reform“ als Widerstandsproblem mit FRUST-Potential | Volker Stein

Die Bologna-Reform wurde von Hochschulpolitik und -funktionären begrüßt und mit großem Einsatz installiert. Auch an den Hochschulen gibt es zahlreiche Unterstützer. Doch melden sich immer wieder hartnäckig Kritiker zu Wort, für die die Reform eine Qualitätsminderung des Studiums bedeutet. Eine Philippika.

Gegenwärtig sehe ich mich als Professor  schleichenden, aber offensichtlich wirkungsvollen „Gleichschaltungsversuchen“ ausgesetzt: durch eine (länder-)staat­liche Obrigkeit, durch Akkreditierungsorganisationen, durch eine zentralistische Hochschulleitung, die alle ein verbrieftes Freiheitsrecht nach dem anderen aufweichen, ohne dass irgendjemand dagegen bislang etwas Wirkungsvolles in der Hand hat. Was noch schlimmer ist: Mit den erzwungenen Vereinheitlichungen gehen in Deutschlands Bildungssystem sogar noch weitere freiwillige Ver­einheitlichungen durch vorauseilenden Gehorsam derjenigen Kollegen einher, die gar nicht schnell genug in die neue Hochschulwelt eintreten können. Und ich habe dazu bisher im Großen und Ganzen geschwiegen – mea culpa!

»Von Nachfolgekonferenz zu Nach­folge­konferenz wurde ein büro­kratisches Monstrum geschaffen.«

Ich rede von der „Bologna-Reform“ – einer tiefgreifenden Umwälzung unseres Bildungssystems, über die im Grunde die wenigsten Bürger etwas wissen, die noch weniger verstanden wird und die im Grunde auch die Wenigsten ernsthaft interessiert. Dabei ist es bereits extrem spannend, nachzuvollziehen, wie zu der „harmlosen“, in Bologna unterzeichneten Idee aus dem Jahr 1999, bis zum Jahre 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen, von Nachfolgekonferenz zu Nachfolgekonferenz, von Umsetzungsschritt zu Umsetzungsschritt ein bürokratisches Monstrum geschaffen wurde, das seinesgleichen sucht. Permanente Zielausweitungen der ursprünglichen Ideen, Hochschulgesetze als Mittel zur Durchsetzung feudalistischer Machtverschiebungen innerhalb der Hochschulstrukturen, administrative Mehrarbeit kaum geahnten Ausmaßes – und dies alles im Namen der Qualitätssicherung, die aus meiner Sicht,  trotz permanenter Beteuerung des Gegenteils, in eine spürbare Qualitätserosion der deutschen Hochschulausbildung mündet und weiter münden wird.

F – wie fatal

Ganz konkret heißt dies für mich:

  • Mir wird die Freiheit genommen, produktiv zu arbeiten (durchaus auch für die Weiterentwicklung von Lehre und Forschung), indem ich zwangsweise Dokumente wie Studienverlaufspläne und Modulhandbücher produzieren muss, deren Wirkung in meinen und meiner Kollegen Augen dysfunktional zur Erreichung international konkurrenzfähiger Bildungs- und Lehrziele sein wird.
  • Mir wird die Freiheit genommen, mein Lehrprogramm im Interesse der Studierenden kurzfristig zu verändern oder zu ergänzen und es damit flexibel an meine laufenden Forschungserkenntnisse anzupassen. Fatalerweise werde ich auch noch in eine lose-lose-Situation hineinmanövriert: Im Extremfall klagt der eine Studierende auf Einhaltung des Modulhandbuches, der andere auf sein Recht, aktuell ausgebildet zu werden – und beide im Namen ihrer gezahlten Semesterbeiträge.
  • Mir wird die Freiheit genommen, meine Lehrinhalte selbstbestimmt über einen vollständigen Ausbildungszyklus hinweg zu verteilen, denn sowohl im Bachelor- als auch im Masterprogramm muss de facto jedes Mal neu mit Grundlagenwissen begonnen werden. Wie sonst können die aus einer Vielzahl von Vorbildungen zugelassenen Studierenden kundenorientiert dort abgeholt werden, wo sie stehen (selbst wenn es „bei Null“ ist…)?
  • Mir wird die Freiheit genommen, über Lehrprogramme (mit) zu entscheiden, da mir die Auditoren der Akkreditierungsinstitute, die zum Teil fachfremd sind, mit einer – aus meiner persönlichen Sicht kaum zu überbietenden „Arroganz qua Amt“ – ins Gesicht sagen, der gerade konzipierte und in sich durchaus stimmige Studiengang sei (a) entweder zu generell oder (b) zu speziell oder (c) zu generell in Relation zu einem weiteren generellen Studiengang oder (d) zu speziell in Relation zu den übrigen speziellen Studiengängen, und das mit allen Konsequenzen des kompletten Neubeginns aller Planungen.
  • Mir wird schließlich die Freiheit genommen, mich mit Freude autonom wissenschaftlich selbst zu verwirklichen, was ja eine zentrale Motivation zum Ergreifen des Hochschullehrerberufes ist – denn das nicht marktgerechte W3-Gehalt in der Höhe der Einstiegsgehälter vieler meiner Absolventen kann ja nicht der eigentliche Anreiz für die Wahl eines höchst qualifizierten Berufes mit extrem langer Ausbildungszeit gewesen sein.

R – wie repressiv

Eine „Gleichschaltung“ – im allgemeinen Sinne – zeichnet sich dadurch aus, dass es (a) Versuche der Einschränkung individueller Freiheit, Mündigkeit und Unabhängigkeit durch universalistische Regeln gibt, die man (b) spät bemerkt, wodurch man (c) aufgrund vermeintlicher Ausweglosigkeit der Resignation in die Arme getrieben wird und damit (d) dann nur noch die Wahl hat zwischen kompletter Anpassung mit allen ihren Folgen oder aber Fundamentalwiderstand. Warum bringt uns ausgerechnet unser deutscher Staat – ob aus Europahörigkeit, unausgereiftem Modernisierungswahn oder einfach nur Inkompetenz, sei dahingestellt – in eine solche Situation wie die „Bologna-Reform“ hin­ein? Bitter finde ich, dass ausgerechnet die Masse der Professoren (wer beansprucht denn eigentlich hierzulande Reflexionskompetenz?) entgegen aller Vernunft hinterhergelaufen ist, hinterherläuft und weiter hinterherlaufen wird. Ich bekomme einen riesigen Schreck!

»In Gesprächen äußern die Kolle­­ginnen und Kollegen über­wiegend Skepsis.«

U – wie unbemerkt

„Wehret den Anfängen!“. Diesen Zeitpunkt – das fühle ich ganz sicher – habe ich schon längst verpasst. Obwohl ich an der Universität des Saarlandes in zweiter Linie stehend engagiert, aber vergeblich daran mitgekämpft habe, die Zwangseinführung von Bachelor und Master (die, wie wir alle wissen, von „Bologna“ nicht befohlen, sondern lediglich empfohlen worden war) zugunsten des etablierten Diploms in meinem Fachgebiet zu verhindern. Nun stehe ich an der Universität Siegen in erster Linie, und der Richtungskampf ist erneut verloren.
Ich kämpfe immer noch – nun aber mit den Beschlüssen der neuen universitären Ausbildungswelt und ihrer Umsetzung. Dies tue ich sogar noch engagiert, weil ich meinem Fachbereich gegenüber eine kollegiale Verpflichtung verspüre. Aber nicht aus innerer Überzeugung. Eigentlich sogar gegen meine innere Überzeugung. Selbst dies wäre noch nicht so schlimm (und ich würde mich mit meiner Minderheitsposition als Demokrat auch abfinden können), wenn ich nicht in den von mir geführten Gesprächen mit Kollegen überwiegend Skepsis an dem neuen System kommuniziert bekäme, so dass ich den Eindruck gewinne, ich sei gar nicht Teil der Minderheit. Aber warum kann sich dann eine ablehnende Mehrheit – unterstellt, sie gäbe es in dieser Frage wirklich – nicht durchsetzen?

S – wie sinnlos

Meine Suche nach den „Trägern des Widerstands“ bleibt ohne nennenswertes Ergebnis, denn wer verspürt einen Nutzen darin, sich diesen „Gleichschaltungsversuchen“ zu widersetzen? Nicht die Masse der jüngeren Professoren, denn diese wollen Karriere machen und es sich auf diesem Weg nicht mit ihrem Präsidenten oder Rektor verscherzen. Nicht die Masse der etablierten Professoren, denn diese haben bereits pragmatisch resigniert, fügen sich in das Unvermeidliche und ziehen sich ansonsten aus dem Feld der strukturellen Bildungspolitikumsetzung im Sinne einer inneren Kündigung heraus. Nicht die Masse der älteren Professoren, denn diese kümmern sich eher um ihren Nachruhm als („aus sicherer Position“) um die kritische, aber letztlich aussichtslose Einbringung ihrer Erfahrung zur Verbesserung des Systems. Nicht die Masse der Präsidenten und Rektoren, denn diese profitieren an anderer Stelle von der mit der „Bologna-Reform“ einhergehenden Zentralisierung und dem Machtzuwachs. Nicht die Masse der betroffenen Studierenden, denn sie können auf immer leichteren Wegen ihren gut klingenden Studienabschluss erwerben und haben im Übrigen zu Beginn selber unterstützt, was sie heute ablehnen – ihnen muss von Anfang an klar gewesen sein, dass die rechnerische Konsequenz zur Finanzierung der erwünschten Studienreformen die Einführung von Studiengebühren ist. Nicht die Masse der Bürokratieprofiteure, da diese recht gut davon leben, die Probleme, die sie durch ihre bildungspolitische Beratung mit heraufbeschworen haben, nun zu diagnostizieren und gut dotiert mit zu lösen helfen.

»Wenn ein Dominostein kippt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles kippt, relativ hoch.«

Was wäre denn ein angemessener und gangbarer Widerstand im Sinne einer bewussten politischen Opposition? Zum Beispiel immer wieder offen Position gegen weitere Vorschriften zu beziehen, die als Einschränkung von Freiheiten wahrgenommen werden. Gerade Professoren müssten dies doch eigentlich schaffen, haben sie doch im Grunde alle Bestandteile einer Widerstandskompetenz zusammen: (1) Reflexionskompetenz, die sie die Konsequenzen diskutierter Konzeptionen im vorhinein abschätzen lässt, (2) Wahrhaftigkeitskompetenz, die sie dazu befähigt, ehrlich ihre Meinung kundzutun, (3) Aktionskompetenz, die sie effektive Wege zur Umsetzung möglicher Gegenmaßnahmen finden lässt, und (4) Kommunikationskompetenz, die es ihnen ermöglicht, im politischen Prozess zu vermitteln, welche Entscheidungen sie getroffen haben und warum. Nur müsste eine kritische Masse mitwirkender Professoren zusammenkommen oder anders gesagt: Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat!

T – wie traurig

Ich fühle mich an „Domino Day“ erinnert, wenn ich sehe, wie gegenwärtig von allen Seiten eine Entscheidung nach der anderen „von oben herab“ verordnet wird, ohne dass die Betroffenen (also unter anderem ich) irgendeine realistische Veränderungsmöglichkeit hätten. Hier „Bologna“ von staatlicher Seite, dort der Abbau formaler Qualifikationsdistanzen per Ausbildung von „Bachelor Professionals“ durch die Industrie- und Handelskammern, hier die Anpassung der deutschen Semester- und Vorlesungszeiten an „internationale Standards“ durch die Hochschulrektorenkonferenz, dort strategische Planungen „auf der grünen Wiese“ durch Hochschulräte. Die Aufzählung neuer Dominosteine ließe sich fortsetzen. Alle, die hierzu beharrlich schweigen, versäumen es, wirksame Sicherheitsbarrieren einzubauen: Wenn nun ein Dominostein kippt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles kippt, relativ hoch. Mit der Gefahr, dass letztlich beim Kippen die Reste deutscher Bildungsqualität lawinenartig überrollt werden.

»Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat!«

F – R – U – S – T ?

Merkt man meinen Zeilen an, dass ich frustriert bin? Dies bin ich einerseits über die aus meiner Sicht unsinnigen Reformen mit immer unsinnigeren Handlungszwängen und nutzlosen Konsequenzen, die in die Bildungserosion und die nachlassende Qualität unserer Hochschulausbildung führen werden. Andererseits bin ich noch viel frustrierter darüber, dass ich es nicht geschafft habe, wirksam Widerstand zu leisten – wie meine Kolleginnen und Kollegen offensichtlich auch.

 

A U T O R

Volker Stein ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personalmanagement und Organisation an der Universität Siegen.


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