06 | Juni 2007 Artikel versenden Artikel drucken

Im Strom der Zeit

Die Umgestaltung der Semester- und Vorlesungszeiten | Winfried Müller

Der Unmut über die mit dem Bologna-Prozess einhergehende hypertrophe Selbst­bürokratisierung der Universitäten und die Zweifel über die berufsqualifizierende Validität des Bachelor-Studiums sind noch im Wachsen, da kündigt sich bereits ein neuer Vorgang der Standardisierung an. Angesprochen ist damit der im Dezember 2006 unternommene Vorstoß der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), möglichst schon zum Wintersemester 2008/09 die Homogenisierung der Semester- und Vorlesungszeiten durchzusetzen; bereits für die Gießener Mitgliederversammlung der HRK am 4. Mai 2007 wird eine abschließende Beschlussfassung angestrebt. Angesichts der Unkenntnis vieler Hochschullehrer und Studierender über diese Absicht scheint es notwendig, die von der HRK angekündigte ausführliche hochschulinterne Diskussion zu diesem Thema zu befördern. Dies gilt umso mehr, als es unter dem Begriff der Homogenisierung um nicht weniger als eine gravierende Umstrukturierung der Zeitabläufe von Studium und Forschung geht. Zielvorgabe ist die Einführung von Frühjahrs- und Herbstsemestern. Ersteres soll vom 1. Februar bis 31. Juli währen, wobei die – verlängerte – Vorlesungszeit von Ende Februar/Anfang März bis Ende Juni reichen soll. In dem am 1. August beginnenden und am 31. Januar endenden Herbstsemester soll vom 1. September bis 23. Dezember gelesen werden. Wie schon bei der Modularisierung der Studiengänge ist die Harmonisierung des internationalen Hochschulraumes das Ziel. Um sich diesem argumentativ anzunähern, werden zunächst einmal die üblichen Drohkulissen aufgebaut: Mehrere Mitgliedshochschulen der Konferenz hätten – darauf scheint es anzukommen – „unter starker Medienbeachtung“ entschieden oder beabsichtigten ernsthaft, ihre Zeitstrukturen zu ändern. Bezug genommen wird dabei auf den Vorstoß der Universität Mannheim, die als erste und bislang einzige deutsche Universität ihre Vorlesungszeiten in der oben beschriebenen Weise rhythmisiert hat. Das darauf erfolgte Medienecho kann freilich nicht unbedingt als ein starkes apostrophiert werden; am eingehendsten, in durchaus kritischer Absicht und für die Universität Mannheim wenig schmeichelhafter Wortwahl griff „Die Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 1. März 2007 das Thema auf. Aber unabhängig davon, wie man den Mannheimer Schritt bewertet, kann nicht die Suggestion der „Medienbeachtung“ entscheidendes Handlungskriterium sein. Vielmehr sollte gefragt werden, ob die von der Pressestelle der Mannheimer Universität verbreiteten Erfolgsmeldungen dem ansonsten so beliebten Instrument einer Fremdevaluierung standhalten und ob es richtig ist und den Aufwand lohnt, auch alle anderen Universitäten auf den Mannheimer Sonderweg zu führen. Stattdessen suggeriert das Schreiben der HRK seiner ganzen Diktion nach, dass wieder einmal ein paar unverbesserliche Nachzügler den Trend der Zeit verpasst haben. Hier erfolgt natürlich auch wieder der – selbstredend unhintergehbare – Rekurs auf die Internationalisierung, die die angestrebte Homogenisierung zu einem zwingenden Erfordernis mache. Damit zusammenhängende Probleme werden mit leichter Hand beiseite geschoben, etwa mit dem Hinweis, die in Deutschland üblichen Kongressgepflogenheiten müssten eben internationalen Usancen angepasst werden, soll wohl heißen: künftig sollen Kongresse in den neuen vorlesungsfreien Zeiten Januar/Februar und Juli/August durchgeführt werden. Ein Blick etwa auf den Kongresskalender 2007 der mit der Vermarktung von Tagungen befassten Organisationen zeigt allerdings, dass auch internationale Fachverbände aller Fakultäten bevorzugt in den Monaten März/April/Mai/ Juni bzw. im September als dem klassischen Kongressmonat tagen. Die veränderten Semesterzeiten werden, so darf prognostiziert werden, wenig an den Kongressgepflogenheiten ändern; kein an Publikum interessierter Ausrichter wird so verrückt sein, seine Veranstaltung auf den Juli oder August zu verlegen. Er wird sie vielmehr im September aus den Universitäten auslagern und in Kongresszentren veranstalten.

»Landläufigem Generalverdacht zum Trotze dient die vorlesungsfreie Zeit nicht dem süßen Leben, sondern dem Forschen und Schreiben.«

Gleichzeitig orientieren sich ja nicht nur Kongresse an der bisherigen Struktur der vorlesungsfreien Zeiten, sondern auch Begutachtungsphasen der großen Wissenschaftsförderungsgesellschaften, Stipendien- und Studienauswahlverfahren etc. Dazu kommt, dass im Sommer für die Studienanfänger die Zeitspanne zwischen Abitur und Immatrikulation mutwillig verkürzt wird – mit der Folge, dass die Bewerbungsfristen für die Abiturienten kaum noch einzuhalten sind und Auswahlgespräche, online-Einschreibungen etc. in den Hochsommer gelegt werden müssen, jene Monate also, die in „Old Europe“ mit Schulferien, Urlaubssaison und für die Hochschullehrer mit der vorlesungsfreien Forschungszeit zusammenfallen. Im Übrigen hätte die Überschneidung von vorlesungsfreier Zeit und Schulferien für die Lehramtsstudierenden die Folge, dass Schulpraktika nicht mehr in den Semesterpausen absolviert werden können, so dass studienverlängernde Extra-Semester erforderlich sein werden. Und schließlich täte man auch den bereits im Studium Befindlichen vor allem mit dem Herbstsemester keinen Gefallen. Durch die neuen Studiengänge sind die Studierenden verstärkt zur Absolvierung von Praktika angehalten, die natürlich vielfach in die vorlesungsfreie Zeit fallen. Wenn aber nach der neuen Semesterstruktur die Monate vorlesungsfrei sind, in denen Firmen und Kultureinrichtungen die Aktivitäten und das Personal reduzieren bzw. Betriebsferien sind, werden dort kaum Interesse und Kapazitäten für die Praktikantenbetreuung vorhanden sein.

Grundsätzlich ist zu beachten, dass die angedachte Homogenisierung auf eine Verkürzung der vorlesungsfreien Zeit hinausläuft, soll doch das Herbstsemester 16, das Frühjahrssemester sogar mindestens 16 Vorlesungswochen umfassen. Zugleich wird die bislang ins Wintersemester fallende Weihnachtspause der vorlesungsfreien Zeit zugeschlagen. Das Prüfungs- und Korrekturvolumen wird einerseits im Zuge der Modularisierung deutlich intensiviert, zugleich wird der dafür vorgesehene Zeitkorridor immer enger. Für die Lehrenden bedeutet die Homogenisierung der Semester- und Vorlesungszeiten vor allem aber eine weitere Aufweichung des die Universität von dem Gymnasium scheidenden Forschungsimperativs. Landläufigem Generalverdacht zum Trotze dient die vorlesungsfreie Zeit nicht dem süßen Leben, sondern sie vor allem ist es, in der man noch zum Forschen und Schreiben kommt und in der man jene Anträge, Aufsätze und Bücher schreiben soll, die der Drittmitteleinwerbung und dem Nachweis wissenschaftlicher Exzellenz zu dienen haben. Den Anspruch der Lehrenden, auch diese Seite ihres Berufes weiterhin aktiv und kreativ – und das heißt eben auch zeitintensiv – verfolgen zu können, gilt es umso mehr offensiv zu vertreten, als die Lehrbelastung an den deutschen Universitäten im Vergleich zum internationalen Standard ausgesprochen hoch ist und mittlerweile als wissenschaftspolitischer Standortnachteil gilt. Wenn über Homogenisierung nachgedacht wird, dann doch auch einmal an diesem Punkt.

Gewiss, die herkömmlichen Semesterzeiten sind keine Heilige Kuh, diskutiert werden kann über alles. Nur: es muss auch tatsächlich diskutiert werden, und zwar nicht nur hochschulintern. Die Universitäten führen – dies noch einmal mit Blick auf Praktika und Studienplatzbewerbungen – kein von den Schulsystemen der künftigen Studierenden und den künftigen Berufswelten der Studierenden unabhängiges Inseldasein. Bezogen auf die Universitäten selbst gilt, dass unter den vielen Problemen, mit denen die Hochschulen zu kämpfen haben, die herkömmliche Semesterstruktur im Augenblick nachrangig ist und die Pläne der HRK hier weniger einem existierenden Reformdruck als vielmehr der Eigendynamik einer Reform um der Reform willen folgen. Diese ausgerechnet zu der Stunde zu avisieren, in der die kraft- und zeitraubende Implementierung des Bologna-Prozesses läuft, ist nichts weniger als eine Rücksichtslosigkeit der HRK gegenüber den Lehrenden, Studierenden und Verwaltungen der Hochschulen, deren Interessen sie zu vertreten hat.

 

A U T O R

Winfried Müller ist Professor für Sächsische Landesgeschichte an der TU Dresden. Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildungs- und Universitätsgeschichte, 18. Jahrhundert und Aufklärung und historische Jubiläumskultur.


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