Plagiate
03 | März 2011 Artikel versenden Artikel drucken

Mogelpackung

Plagiatserkennungssysteme auf dem Prüfstand | Debora Weber-Wulff

Die Anbieter von Plagiatserkennungssoftware versprechen viel, was sie nicht halten können. Die Systeme sind nur teilweise brauchbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die in einer umfangreichen Reihenuntersuchung den Nutzen der Software untersucht hat.

Das Plagiat ist kein neues Phänomen. Die Bezeichnung „Plagiat” stammt aus der Zeit des spätantiken römischen Epigrammatikers Martial, der böse war, weil ein Kollege seine „Geistes Kinder” geraubt und sie unter eigenem Namen veröffentlicht hatte. Er hat ihm „plagium“ (Menschenraub) vorgeworfen.

Philipp Theisohn hat kürzlich einen sehr ausführlichen Band über Plagiat vorgelegt, der die Geschichte des literarischen Plagiats aufzeichnet. Er hat sein Buch im Brecht-Haus in Berlin vorgestellt, einem sehr passenden Ort, denn auch Brecht hat sich genommen, was er brauchte, und seine Dreigroschenoper in großen Teilen aus der Übersetzung der Gedichte von François Villon durch Karl Ammer zusammengesetzt.

Auch im wissenschaftlichen Bereich sind Plagiate nichts Neues, wissenschaftliches Fehlverhalten wie Ghostwriting, Ehrenautorschaften und erfundene Daten sind bekannt. Alle Arten dieses Fehlverhaltens schaden der Wissenschaft sehr.

Aber schon bei der Definition von „Plagiat“ stellt man fest, wie schwer dieser Begriff zu fassen ist. Besteht ein Plagiat nur aus der buchstabengetreuen Kopie des Werks eines anderen oder ist auch die Übernahme einer Gedankenkette als Strukturplagiat zu betrachten?

Die Definition von Paul English in seinem Werk Meister des Plagiats, oder die Kunst der Abschriftstellerei aus den dreißiger Jahren findet heute nach wie vor Anwendung:

„Plagiat ist also die aus freier Entschließung eines Autors oder Künstlers betätigte Entnahme eines nicht unbeträchtlichen Gedankeninhalts eines anderen für sein Werk in der Absicht, solche Zwangsanleihe nach ihrer Herkunft durch entsprechende Umgestaltung zu verwischen und den Anschein eigenen Schaffens damit beim Leser oder Beschauer zu erwecken.“

Angesichts der Leichtigkeit, mit der heutzutage eine Zwangsanleihe getätigt werden kann, und der Fülle vorhandenen Materials im Internet, vermuten viele, dass der Umfang an Plagiaten stark zunimmt. Dies kann jedoch nicht belegt werden, da es kein Mittel gibt, Plagiate komplett und umfassend aufzudecken. Daher rufen viele nach einem Zauberstab, einem Software-System, das dazu in der Lage wäre, zuverlässig Plagiate zu erkennen. Obwohl viele Firmen es vorgeben, gibt es ein derart zuverlässiges System nicht auf dem Markt.

Plagiatserkennungssysteme

Seit 2004 testen wir Plagiatserkennungssysteme an der HTW Berlin, 2010 haben wir die vierte Großuntersuchung gemacht. Dabei werden Testfälle konstruiert, kleine Aufsätze auf Deutsch, Englisch und neuerdings auch auf Japanisch.

Beim Test 2010 haben wir 47 Systeme ermittelt, die Plagiate oder Kollusionen – eine Art Zitierkartell, wo mehrere Personen dasselbe Werk oder eine leicht veränderte Version als eigene Arbeit einreichen – oder Programmcodeentlehnungen zu erkennen vorgeben.

Insgesamt konnten wir 26 Systeme vollständig testen, das Ergebnis: Plagiate aus Büchern, Übersetzungsplagiate, Strukturplagiate – alle bleiben unerkannt. Beunruhigenderweise fanden viele Systeme aber im aktuellen Test bearbeitete Plagiate nicht, die sie im Test 2008 allerdings bemerkt hatten.

Wenn sie etwas gefunden hatten, wurde klar, dass das System nur mit Stichproben gearbeitet hatte. Hunderprozentige Plagiate wurden nur teilweise als Plagiate angezeigt. Auf der anderen Seite wurden unsere Originalwerke öfters als Plagiate dargestellt, teilweise weil Übereinstimmungen von vier bis sechs Wörtern wie „in hot weather the” oder „Stieg Larsson wurde im Jahr 1954 geboren” als Plagiat gemeldet, und die gefundenen „Plagiate” einfach aufsummiert wurden zu bedenklichen Werten. Beim Strukturplagiat hingegen meldeten viele Systeme nur eine Übereinstimmung bei der Bibliografie, die in einer Endnote dargestellt worden war.

Auch die Ergebnisdarstellung ließ oft stark zu wünschen übrig. Manche gaben lapidar Links an, die man verwenden kann, um die Stichprobe in eine Suchmaschine einzugeben. Da ist es einfacher und schneller, die Stichprobe selbst zu bestimmen und bei Google zu suchen.

Es ist ein ernstes Problem, wenn Plagiate nicht gefunden werden. Viel schwerer wiegen aber falsche Plagiatsvorwürfe. Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden ist eine fragile Beziehung, das durch solche Vorwürfe zerrüttet werden kann. Gerade die Wissenschaft sollte auf Vertrauen und Ehrlichkeit aufgebaut werden.

Daher rate ich davon ab, alle Studierenden unter Generalverdacht zu stellen und von ihnen zu verlangen, dass sie eine Art Persilschein für ihre Arbeiten besorgen, bevor wir uns überhaupt damit befassen. Dafür arbeiten die Systeme nicht zuverlässig genug.

Aufklärung und Hilfestellung

Stattdessen sollten wir viel mehr auf Aufklärung setzen. Ein Propädeutikum, das die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens und eine offene Diskussion über Plagiate – und vielleicht über den Gebrauch von Internetquellen wie Wikipedia – sollten in jedem Studiengang am Anfang stehen. Und es sollte oft wiederholt werden, was ein Plagiat ist und die Konsequenzen klar aufgezeigt werden.

Es muss aber auch von den Dozenten vorgelebt werden, was gute wissenschaftliche Praxis ist. Es dürfen nicht die Arbeiten von Studenten oder Doktoranden als eigene ausgegeben werden, man darf sich auch nicht als Autor auf alle im Lehrstuhl erscheinenden Paper setzen oder Folien aus dem Netz auf eigenen Namen umfrisieren. Passagen aus Wikipedia sollten nur übernommen werden, nachdem man ein fachliches Auge auf den Artikel geworfen, ihn ggf. verbessert und dann natürlich mit korrektem Quellenhinweis versehen hat.

Hat man aber bei der eigenen Stichprobensuche ein Plagiat gefunden, sollte es von der Seite der Hochschule Hilfestellung geben, damit man nicht in einer Person Ermittlungsbehörde, Staatsanwaltschaft, Gerichtswesen und Strafvollzug spielen muss. Es ist denkbar, dass eine Stabsstelle eingerichtet wird – vielleicht an die Bibliothek angegliedert – die vertiefte Recherchen mit den teilweise brauchbaren Systemen durchführt. Da könnten dann gerne auch mehrere Systeme eingesetzt werden, weil sie durchaus Verschiedenes finden.

Die Hochschule sollte dann eine Vorgehensweise definiert haben, gerne in der Rahmenprüfungsordnung verankert. Wie ist zu dokumentieren, wer ist zu informieren, was gibt es für Strafen? Auf Lehrveranstaltungsebene im Bachelorstudium reicht sicherlich eine Strafarbeit, mit nochmaliger Anfertigung der gewünschten Arbeit, für ein Maximalnote von 4,0. Oder es gibt eine 5,0, und ein Versuch ist weg. Evtl. sollte eine Nachschulung zum Thema wissenschaftliches Arbeiten anstehen.

Wenn es sich allerdings um eine Abschlussarbeit handelt, eine Masterveranstaltung oder gar eine Promotion bzw. Veröffentlichung von einem Kollegen, müssen ernste Konsequenzen folgen. Jede Hochschule hat einen Ombud für gute wissenschaftliche Praxis, diese Stelle sollte bei Plagiaten im wissenschaftlichen Bereich eingeschaltet werden.

Ein englisches Sprichwort sagt: An ounce of prevention is worth a pound of cure. Vorbeugen ist besser als bestrafen, besonders in der Wissenschaft. Wir sollten uns als Hochschule auf unseren Bildungsauftrag besinnen. Auch wenn es eine perfekte Software geben würde, um Plagiate zu erkennen, dieses Werkzeug wäre machtlos gegen Auftragsschreiber. Es liegt in unserer ethischen Verantwortung als Lehrkräfte, die Lernenden über akademische Integrität aufzuklären und darauf zu bestehen, dass die Standards eingehalten werden!

 

A U T O R I N

Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Berliner Hochschule für Technik und Wissenschaft (HTW). Seit sechs Jahren forscht sie zum Thema Plagiatserkennungssoftware. Foto: © Axel Völcker, DerWedding.de


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