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04 | April 2009 Artikel versenden Artikel drucken

Prognose statt Utopie?

Zur Geschichte des Umgangs mit der Zukunft | Thomas Macho

Über einen langen Zeitraum hinweg bestimmten Orakel, Prophezeiungen oder Visionen den Blick in die nahe oder ferne Zukunft. Hat sich mit der Einführung der Prognostik die Zukunftsschau verändert?

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Ruine des Apollo-Tempels in Delphi

Welche Zukunft?

Hat die Zukunft keine Zukunft mehr? Und welche Zukunft? Wer von der Zukunft spricht, muss zwischen naher und ferner Zukunft unterscheiden. Nahzukunft ist morgen, in der kommenden Woche, im nächsten Herbst oder Frühjahr – der äußerste Schattenwurf der Nahzukunft reicht wohl nicht weiter als eine Legislaturperiode oder eine Fußballweltmeisterschaft. Fernzukunft ist dagegen das nächste Jahrzehnt, das kommende Zeitalter, die neue Ära. Sie wird als Jahrhundert des Aufstiegs oder Untergangs, technischer Triumphe oder Katastrophen, Erlösungen oder Flüche imaginiert. Fernzukunft wird in Epochen gegliedert; ihre Stichworte heißen Prophezeiung oder Vision, die Stichworte der Nahzukunft dagegen Strömung oder Trend. Die Unterscheidung zwischen Fern- und Nahzukunft erlaubt die Diskussion einer Beobachtung, die sich in folgender These zuspitzen lässt: Ein markanter kultureller Verlust positiver Fernzukunft – gewöhnlich als Krise der Utopien charakterisiert – spiegelt sich in steigender Aufmerksamkeit für Modewellen und Ereignisse der Nahzukunft. Selbst die Politik denkt nur mehr selten im Zeithorizont des ägyptischen Traumdeuters Josef, der dem Pharao immerhin ein Planungskonzept für mehr als drei Legislaturperioden – sieben fette Jahre, sieben dürre Jahre – vorlegte.

»Hochkulturen der Vergangenheit haben sich stets auch in ihrem Umgang mit der Zukunft konstituiert.«

Ausgehend von dieser Überlegung kann gefragt werden, welche Zukunft mit welchen Techniken der Voraussage erreicht wird. Im Altertum wurde das Orakel für die Nahzukunft bevorstehender Entscheidungen in Anspruch genommen; die Astrologie wurde dagegen auch zur Konstruktion von Epochen und Fernzukunft eingesetzt. Und heute? Welche Reichweite kann etwa mit der Statistik bewältigt werden? Wie verlässlich sind Szenarien, die mit Hilfe von Computersimulationen aufgebaut werden? Schon die Rede von Frühwarnsystemen signalisiert, dass die aktuelle Dominanz der Nahzukunft auch mit technisch-methodischen Schwierigkeiten der Konstruktion von Fernzukunft – sei es in Politik, Ökonomie oder Ökologie – zusammenhängt. Allzu oft haben sich die Trendforscher getäuscht; nahezu achtzig Prozent der futurologischen Prognosen aus den letzten fünfzig Jahren waren schlicht falsch, während tatsächlich umwälzende Ereignisse und Entwicklungen – der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Siegeszug des Internets, die Terroranschläge von New York oder die jüngste Wirtschaftskrise – nicht antizipiert werden konnten. Zu Recht betonte der erfolgreiche Science Fiction-Autor Andreas Eschbach, es sei „kein Privileg vergangener Generationen“, sich „mordsmäßig zu irren“.

Von der Prophetie zur Apokalyptik

Konstruktionen der Fernzukunft scheitern leichter als die Ankündigungen aktueller Trendforschung; die Prognose des Klimawandels ist erheblich komplexer als die Wettervorhersage für den nächsten Tag. Bereits in der Alten Welt wurde die Steigerung der zeitlichen Reichweite einer Prophezeiung oft teuer erkauft: Sobald mit Jahrtausenden gerechnet wurde, ging es meist nicht mehr um Planung und Ökonomie, sondern um das Ende aller Pläne am Jüngsten Tag. In Israel konvertierte die Prophetie zur Apokalyptik, etwa im Buch Daniel. Die Vision vom Ziegenbock mit den vier Hörnern, der den Widder zertritt und so lange wächst, bis er zu den Sternen reicht, wurde im frühen Mittelalter als Prophezeiung der historischen Sukzession von vier Großreichen gelesen, die durch den Weltuntergang zu ihrem Ende kommen sollte: Nach Babylon triumphierten die Perser, danach das Alexanderreich und schließlich – als viertes und letztes Reich – das Imperium Roms, das von den deutschen Kaisern per translationem imperii bis 1806 fortgeführt wurde. Im Mittelalter fungierte die Apokalyptik als Medium der Kritik und der Rebellion; sie wurde in der frühen Neuzeit abgelöst von rationaleren Konstruktionen der Fernzukunft: der Modellierung alternativer Gesellschaften. 1516 wurde die erste Staats- und Sozialutopie verfasst: die Utopia von Thomas Morus.

Auf Datenmengen reduziert

Die eigentliche Blütezeit der Utopie brach indes erst im 18. Jahrhundert an: mit dem Beginn der Geschichtswissenschaft, im Horizont einer Neuentdeckung der Zukunft, der Zukunft als Fortschritt. Diese Entdeckung benötigte keine Prophezeiungen mehr, keine Apokalyptik oder Utopie; viel dringender bedurfte sie einer wissenschaftlichen Prognostik, wie sie beispielsweise aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung entwickelt werden konnte. Seit dem 17. Jahrhundert hatten Mathematiker und Philosophen wie Pascal oder Huygens, später gefolgt von Leibniz oder Gauß, die Wahrscheinlichkeitsrechnung perfektioniert. In gewisser Hinsicht machten sie die Fernzukunft berechenbar, jedoch mit einer wesentlichen Einschränkung.

»Bereits in der Alten Welt wurde die Steigerung der zeitlichen Reichweite einer Prophezeiung
oft teuer erkauft.«

Ihre Operationen galten nämlich nur für große Zahlen. Die Kontingenz zukünftiger Ereignisse wurde gleichsam durch ihre massenhafte Vervielfachung gemindert. Die offene Frage der Zukunft wurde auf Proportionen und Größenordnungen von Datenmengen reduziert. Auf Basis moderner Mathematik, Statistik und Datenerfassung konnten die neuen Institutionen einer staatlichen Zukunftsverwaltung begründet werden: von den Systemen der Bildungs- und Wirtschaftspolitik bis hin zu den Kranken- und Rentenversicherungsanstalten. Freilich wurden die Datenmengen auch manchmal zu groß und unübersichtlich; an den beiden Grenzen, die sich aus einer zu kleinen – bis zum Einzelfall – oder zu großen Datenmenge ergeben, haben sich darum erfolgreich die Nischen gebildet, in denen die älteren Techniken der Zukunftsschau bis heute überleben: Orakel, Visionen, Prophezeiungen und Utopien. Von ihrer Unverzichtbarkeit profitieren nicht nur Astrologen oder Psychologen, sondern auch die Berater und Trendforscher.


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