Kommentar
01 | Januar 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Systemversagen

Felix Grigat

Das Erziehungssystem soll Lebensläufe und Karrieren ermöglichen, damit es dabei nicht auf die familiäre Herkunft oder das Geld ankommt – theoretisch. Entscheidend dabei ist die Auswahl, bei der sogleich „die Scheinwerfer der Inszenierung“ (Luhmann) aufleuchten: Es gibt Lob und Tadel, Noten und Zeugnisse, Versetzungen und Abschlüsse. Aber was macht man, wenn Bestnoten inflationär vergeben werden? Wenn sich, wie in Berlin innerhalb von zehn Jahren, die Zahl der Abiturzeugnisse mit einer Durchschnittsnote von 1,0 vervierzehnfacht hat? Nicht die Schüler sind in diesem Maße leistungsfähiger geworden, sondern die Ambitionen der Eltern größer, die Lehrer unter Druck zu setzen, und der Ehrgeiz der Schulen, möglichst viele zum Abitur zu führen. Leider setzt sich dies an den Hochschulen fort, wo in den meisten Fächern Abschlussnoten zwischen eins und zwei vergeben werden.

Staat, Gesellschaft und Wirtschaft müssen aber wissen, welche Absolventen besser als andere sind. Zählt die Note „sehr gut“ nichts mehr, muss anders ausgewählt werden. Wenn es beim Eingang des Systems nicht funktioniert und es später nicht auf Protektion ankommen soll, wären dann Eingangsprüfungen sinnvoll? Doch kann dies, wie es ein nachdenklicher Beobachter sagte, wieder zu einer Verstärkung der Ungleichheit führen. Eine einfache Lösung für das Systemversagen ist nicht in Sicht.


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