Standpunkt
05 | Mai 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Respekt, Respekt

Professor Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg.

Professor Dieter Lenzen ist Präsident der Universität Hamburg.

Unlängst sprach mich ein befreundeter Kollege auf Respektlosigkeiten zwischen den Beschäftigten seiner Hochschule an: Professorales Personal gegenüber wissenschaftlichen Mitarbeitern und besonders gern auch gegenüber der Verwaltung, aber auch gegenüber den eigenen Kollegen und – womöglich in Reaktion darauf umgekehrt Respektverlust von Verwaltungs- und Führungspersonal gegenüber den Hochschullehrern und Hochschullehrerinnen. Von „Professorengezänk“ hat Schleiermacher schon gesprochen.

Die einen beklagen, dass alles nicht schnell genug geht, dass ihre Personalauswahl nicht von gesetzlichen Bestimmungen wie Einstellungsvoraussetzungen, Befristungsgründen und ähnlichem absehen kann, dass das Fenster nicht schon repariert wurde, bevor es überhaupt entzwei ging und dass die Rechtsabteilung bei der Einhaltung von Rechtsnormen in Prüfungsangelegenheiten nicht mitzureden habe.

Die anderen geraten unter derartigen Druck, dass sie gegenüber notorischen Besserwissern ihr Arbeitstempo reduzieren, Bearbeitungsschleifen einbauen, um Professoren und Professorinnen zu „erziehen“, eher „geht nicht“ sagen als „wir versuchen das“. – Und die Verachtung gegenüber der Wissenschaft wächst.

Für die Hochschule sind solche Reibereien eine erhebliche Belastung. Und: sie machen krank. Warum ist das so? Wissenschaft zu betreiben und dabei Wertschätzung zu erfahren ist eine fragile Angelegenheit. Es ist ähnlich wie im Theater: Mehr als Applaus und eine gute Theaterkritik gibt es nicht. Den technischen und administrativen Kräften geht es ähnlich: Ihre professionelle Arbeit wird für selbstverständlich gehalten.

Eine Bildungseinrichtung muss sich selber Regeln geben. Zur Bildung gehört nämlich die Fähigkeit, Menschen Respekt entgegenzubringen.

Achtung – Anerkennung – Unterstützung – Toleranz – Umsicht – kurz: Beachtung statt Missachtung. Der respektvolle Mensch demütigt andere nicht, er oder sie verhält sich nicht herablassend, er oder sie ist nicht gleichgültig gegenüber den Empfindungen der anderen, er oder sie ist nicht nachtragend, er oder sie erhebt keine Vorwürfe, er oder sie lässt den anderen sich erläutern, und schon gar nicht schimpft er oder sie oder rastet aus – schon deswegen nicht, weil er oder sie sich sonst als völlig unsouverän erweist.

Unser Land hat derzeit weiß Gott andere Probleme, als dass Eitelkeiten, Missachtung und Gleichgültigkeit toleriert werden könnten. Sollten nicht wenigstens Bildungseinrichtungen in der Lage sein, Vorbildgeber für ein adäquates Umgehen miteinander zu sein?

Man kann das alles auch ganz anders sagen:

„Der Mensch muss die eigene Würde der Geschöpfe und ihre Rhythmen respektieren und darf nicht beliebig schalten und walten.“

Oder, wem der Satz aus dem Katechismus nichts (mehr) sagt:

„Jeder soll als Person respektiert und keiner vergöttert werden“ (Albert Einstein).


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken