Standpunkt
05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Kleiner Amadé

Professor Sabine Doering-Manteuffel ist Präsidentin der Uni­versität Augsburg.

Professor Sabine Doering-Manteuffel ist Präsidentin der Uni­versität Augsburg.

In unserem Hochschulsystem gibt es viele „müde Pilger nach Erkenntnis und ein bisschen Glück“ (A. Strindberg). Das resultiert zum einen aus dem Deregulierungsparadox – je undurchschaubarer die Welt, umso bürokratischer das System – und zum anderen aus den Zwängen gesteuerter Prozesse wie Zielvereinbarungen, Abfrage von Leistungsparametern, dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz und einer eigenartigen Erfindung namens IHF-Basismodell.

Täglich werden wir mit neuen Abfragen konfrontiert. Die Resultate kommen Jahre später. Ach, so war das damals? Ist ja interessant. Die Recherche hat uns jedenfalls viel Zeit gekostet. Die Kolleginnen und Kollegen können sich über ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht beklagen. Allerdings sieht man langsam vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Wer durch dieses Dickicht hindurchkommen will, braucht gute Nerven. Eines der fragwürdigsten Steuerungsinstrumente ist die Zielvereinbarung.

Wir machen da nicht mit. Viele Gründe sprechen gegen Zielvereinbarungen. Berufungsmittel aus dem Staatshaushalt gibt es für sinnvolle Anschaffungen und einen guten Start. Ab einer bestimmten Höhe eingeworbener Mittel verbessert sich das Gehalt um projektbezogene, dauerhafte Leistungsbezüge. Ich will keine vorweggenommenen Erkenntnisse. Das hemmt den Forschergeist und produziert öde Texte. Zäh wird um wenig zündende Ideen gerungen. Dann muss das Ergebnis auch noch jemand kontrollieren. Viel Spaß dabei.

Mir ist lieber, jemand ist James Dean for a day, als langatmige Konzepte zu lesen, in denen dieses und jenes hoch und heilig versprochen wird. Fehl­allo­katio­nen sind nicht selten, etwa teure Datenbanken, die später niemand mehr pflegt. „Ich spielte, als wenn ich der größte Geiger in ganz Europa wäre“, sagte Wolfgang Amadeus Mozart einmal. Das würde mir besser gefallen. Und: „Ich bin ein Narr, das ist bekannt“, schrieb er im April 1770 aus Rom.

Bringt mir einen kleinen Amadé. Einen jungen Mozart, der, fragte man ihn nach seinen Zielen, die er in zwei Jahren zu erreichen gedenkt, antworten würde: „Tralaliera, tralaliera!“ Und auf die Frage, ob er in A+-Journals publizieren wird: „Jetzt lese ich just den Telemach: ich bin schon im zweiten Teil. Inzwischen lebe wohl.“ (Bologna, September 1770).

Lebt wohl. Und schwingt Euch auf die nächste Kutsche, die Bologna in Richtung Kingston Town oder Nashville, Tennessee, verlässt. Bleibt unterwegs nicht stehen. Wenn Ihr nach Euren Zielvereinbarungen gefragt werdet oder ob Euer Antrag bereits bewilligt wurde, sagt schlicht: I take a walk on the wild side.

Vielleicht begegnet Ihr unterwegs einem kleinen Amadé, der Euch zuwinkt und ausruft: „Tralaliera, tralaliera!“ Von solcher Art könnten die Universitäten durchaus mehr gebrauchen.


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