Standpunkt
02 | Februar 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Die Universität als Anwesenheitsinstitution

Rudolf Stichweh ist Professor für Theorie der modernen Gesellschaft an der Universität Bonn.

Rudolf Stichweh ist Professor für Theorie der modernen Gesellschaft an der Universität Bonn.

Die Universität ist seit ihrem Beginn im 12./ 13. Jahrhundert eine Institution, die auf der Anwesenheit der in ihr Lehrenden und Lernenden ruht. Die Mitglieder der Universität kommen von weit her. Sie bleiben bis zum Abschluss ihrer Studien an dem für sie fremden Ort. Diese Eigentümlichkeit der Universität als einer Institution der langfristigen Anwesenheit von Fremden in einer Gemeinschaft verknüpft sich mit weiteren soziologischen Charakteristika der Universität. Die Universität verbindet sich fast immer mit einer bestimmten Stadt, deren Namen sie trägt. Und in dieser einen Stadt präferiert sie zudem die räumliche Schließung des Campus der Universität auf einem abgegrenzten städtischen Terrain. Dies alles sind Voraussetzungen für die wichtigste Form der Anwesenheit in der Universität. Das Lehren und Lernen in der Universität vollzieht sich unter der Bedingung der physischen Anwesenheit aller Beteiligten in ein und demselben Raum wechselseitiger Wahrnehmung, und diese Prämisse gilt vor und nach der Erfindung des Buchdrucks und sie gilt vor und nach der Erfindung der Telekommunikation. Man wird diese Stabilität der Universität als Anwesenheitsinstitution so verstehen dürfen, dass es Gründe in der Verfasstheit komplexer intellektueller Lernprozesse gibt, die das Lernen in physischer Anwesenheit aller Beteiligten begünstigen. Es geht vermutlich um die Entwicklung des Arguments in Anwesenheit derjenigen, an die es adressiert ist, um die Möglichkeit der Rückfrage durch diese, um die Interaktion unter denjenigen, die als Lernende beteiligt sind. Die weitere Evolution der Universität hat diesem Anwesenheitsimperativ immer neue Facetten hinzugefügt. Die Erfindung von Forschung führt zu der Vorstellung einer Einheit von Lehre und Forschung, was bedeutet, dass sich selbst Forschung unter der Bedingung der gleichzeitigen Anwesenheit von Forschenden und der von ihnen Unterrichteten vollzieht. Und schließlich ist das Labor, das die Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert als Ort der Forschung hinzufügt, erneut eine Institution der über viele Stunden fortdauernden gleichzeitigen Anwesenheit aller Beteiligten an einem Ort.

Die Regierung des Landes Nordrhein-Westfalen hat ihren Universitätslehrern kürzlich ausdrücklich untersagt, die Anwesenheit der Studierenden in den Lehrveranstaltungen für erforderlich zu halten und die Erfüllung dieser Bedingung zu kontrollieren. Damit tritt eine autodidaktische Universität an die Stelle der Anwesenheitsinstitution. Die Kompetenz der Lehrenden, in Anwesenheit etwas zu vermitteln, was ohne diese nicht erreichbar ist, wird faktisch bestritten und auch die intellektuelle Produktivität des Kommunikationszusammenhangs von Lehrenden und Studierenden negiert. Vermutlich sollen die Studierenden für andere Engagements freigesetzt werden, was einen prinzipiellen Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Universität dokumentiert. Langfristig braucht eine solche Institution autodidaktischen Charakters nur Lehrbeauftragte und keine Professoren und kaum Räume. Zugleich werden die Lehrenden (eigentlich: Prüfenden) mit Mehrarbeit belastet. Die Folgen der Abwesenheit werden kognitive Defizite der Studierenden sein, und diese müssen in informellen Formen der Nachschulung kompensiert werden. Wahrscheinlich wäre es stringenter gewesen, die Landesregierung NRW hätte einfach die Universitäten abgeschafft; jetzt muss sie damit rechnen, dass die in NRW ausgebildeten Absolventen nicht mehr mit denen anderer Länder konkurrieren können und die Universitäten des Landes marginal werden. Glücklicherweise gibt es Internationalisierung.


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