Standpunkt
04 | April 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Wissenschaft jenseits der Verwertungslogik

Birgitta Wolff ist Präsidentin der Goethe- Universität Frankfurt

Birgitta Wolff ist Präsidentin der Goethe- Universität Frankfurt

Theodor W. Adorno brachte es auf den Punkt: Der Vater der Kritischen Theorie und Vordenker der Frankfurter Schule kritisiert, das herrschende Wirtschaftsmodell unterwerfe auch noch die soziale und kulturelle Welt einer Warenlogik. Für Forschende an Hochschulen enthält Adornos Einsicht eine verstörende Pointe: Auch die Wissenschaft selbst kann zur Ware werden, wenn sie sich die Maxime zu eigen macht, sie habe auf Bestellung ein bestimmtes Forschungsgut zu liefern. Und auch der Gedanke der „unternehmerischen Universität“ ist in diesem Sinne kräftig in Misskredit geraten.

Zunächst einmal: Liegt hier nicht eine Verwechslung von Zielen und Mitteln vor? Das berechtigte Unbehagen über die Unterwerfung von Wissenschaftszielen unter den „schnöden Mammon“ darf nicht verwechselt werden mit der Notwendigkeit, wissenschaftliche Ziele ressourcenschonend zu erreichen. Letzteres ist im Interesse der Wissenschaft; und wenn „universitärer Unternehmergeist“ darauf abzielt, ist nichts dagegen einzuwenden.

Aber wie ist das mit dem Nutzen von Forschungsergebnissen für ökonomische Ziele? Soll Wissenschaft grundsätzlich immer einen unmittelbaren Nutzen für die Gesellschaft aufweisen? Nein. Denn entsteht sie allein unter dieser Maxime, ist sie möglicherweise gerade deshalb nicht innovativ. Innovation verlangt Freiheit. Die Entstehung kreativer Ideen gelingt nicht durch Zwang und nach Auftrag – wohl aber mit Inspiration. Schon deshalb kann das Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft keine einseitige Lieferbeziehung, sondern muss eine partnerschaftliche Suche nach Problemlösungen sein. Zeichnet sich doch genuine Forschung dadurch aus, dass am Anfang oft nicht klar ist, was hinterher dabei herauskommt. Forschungsergebnisse können – positiv oder negativ – überraschen. Doch sogar das, was sich zunächst als unbrauchbar erweist, kann später manchmal wertvoll sein.

Wissenschaft hat einen kulturellen Wert jenseits der Verwertungslogik. Für diesen Wert lohnt es sich zu streiten, wenn wir das Erbe Humboldts und Adornos ernst nehmen. Wissenschaft ist nicht auf vordergründigen und schnellen Erfolg zu trimmen, ohne zu riskieren, sie im Kern zu zerstören. In der Wissenschaft „irren wir uns empor“, sagt der Physiker Harald Lesch. Allzu kurzatmige Förderzyklen bergen daher das Risiko, den Erkenntnisprozess in einer zu frühen Phase zu unterbrechen oder nur Schaufenster-Ergebnisse von geringer Reichweite hervorzubringen.

Eine freie Gesellschaft und eine freie Forschung bedingen sich gegenseitig. Denn unser Denken und Handeln ist nicht alternativlos. Freie Forschung und Lehre schaffen neue Denk- und damit auch neue Handlungsräume für die Gesellschaft. Davon profitieren auch die Studierenden, in denen wir die Fähigkeit wecken wollen, sich im Forschen selbst zu erkennen und ein kritisches Bewusstsein zu schärfen. Echte Demokratie ist ohne (wissenschaftlichen) Zweifel nicht denkbar.


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