Standpunkt
12 | Dezember 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Einseitige Vorlieben

Peter-André Alt ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Präsident der Freien Universität Berlin. Foto: Freie Universität Berlin / Bernd Wannenmacher

Peter-André Alt ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Präsident der Freien Universität Berlin. Foto: Freie Universität Berlin / Bernd Wannenmacher

Seit 2009 ist die Zahl der Studienanfänger hierzulande von 360.000 auf 500.000 angestiegen. Eine Steigerung um vierzig Prozent in fünf Jahren – vergleichbare Expansionen hat es niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Der Anteil der Abiturienten, die eine Ausbildung dem Studium vorziehen, ist rückläufig. Dagegen findet das duale Studium, das die Verbindung von Praxis und Theorie stärkt, wachsenden Zulauf.

Der Ausbau der Studienplätze war und ist politisches Programm aller Parteien. Was jedoch Grund zur Sorge bereitet, das sind die Entwicklungen bei der Fächerwahl. Das Interesse der jungen Menschen konzentriert sich mittlerweile auf eine kleine Zahl von Disziplinen, die eine krisensichere und planbare Karriere zu versprechen scheinen. Absolute Favoriten, mit steigender Tendenz, sind Betriebswirtschaftslehre, Jura und Psychologie. Universitäten und Fachhochschulen ersticken unter einer Flut von Bewerbungen für diese drei Fächer. In der Regel verzeichnen sie eine mehr als zehnfache Überbuchung. An der Freien Universität Berlin zum Beispiel entfielen auf diese drei Studiengänge im laufenden Herbstsemester 11.000 Bewerbungen für insgesamt 700 Plätze. Anderswo sehen die Relationen ähnlich aus.

Die Gegenbilanz: Für die Naturwissenschaften, für das Lehramt und die kleineren geisteswissenschaftlichen Studienfächer finden sich kaum noch genügend Interessenten. Gleiches gilt für die Ingenieurwissenschaften, die um ihren Nachwuchs kämpfen müssen. Das ist eine verhängnisvolle Fehlentwicklung, die unbedingt gestoppt werden muss. Deutschland braucht bestens qualifizierte Chemikerinnen, Tiefbau-Ingenieure, aber auch Anglistinnen und Kunsthistoriker. Und es benötigt nicht nur Betriebswirte und Juristen, sondern auch hochmotivierte Lehrer. Wenn es uns nicht gelingt, in den kommenden Jahren die Motivation für einen Einstieg in diese Studiengänge zu steigern, werden wir bald in eine neue Bildungskatastrophe laufen.

Was kann man tun, um den Trend aufzuhalten? Zunächst einmal: den Mut zu einer individuellen Entscheidung wecken. Zum Berufserfolg führen unterschiedlichste Wege – auch Historiker landen in Bankvorständen. Zweitens: Wir müssen das Interesse an den Naturwissenschaften stimulieren, durch Schülerlabors und verstärkte Fördermaßnahmen für die Besten. Gleiches gilt für die technischen Disziplinen. Drittens müssen wir sicherstellen, dass das Lehramt eine attraktive Berufsalternative wird, auch in Zeiten von Problemschulen und zunehmender Bildungsverweigerung.

Das sind keine ganz einfachen Aufgaben. Aber solange wir sie nicht gelöst haben, bleibt die Freude über den Aufwuchs der Studierendenzahlen getrübt. Wohin Fehlentwicklungen im Bildungssektor führen, erkennt man in vielen Ländern Osteuropas, denen die technische Intelligenz mittlerweile fehlt. Noch hat die Bundesrepublik die Chance, dieses Szenario zu verhindern. Aber es ist bereits fünf vor zwölf.


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