Standpunkt
08 | August 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Glühlampenausstieg

Kärin Nickelsen

Kärin Nickelsen ist Professorin für Wissenschaftsgeschichte am Historischen Seminar der LMU München.

Sommerzeit ist Segelzeit, am liebsten auf Nord- und Ostsee. Doch können an der Küste auch die Sommer neblig werden; beruhigend daher, dass an entscheidenden Stellen weithin sichtbare Leuchttürme die Wege weisen. Seit einigen Jahren steigt jedoch auch im deutschen Binnenland, besonders im akademischen Süden, die Leuchtturmdichte dramatisch; man wird schier geblendet, steht man einmal in der Wucht des Leuchtfeuers. Sofern es gerade blinkt.

Immer mehr Stellen im deutschen Wissenschaftsbetrieb werden als so entscheidend gewertet, dass man sie nicht wie bisher „sehr gut“ besetzen möchte, sondern mit einem „Leuchtturm“. Dies gilt zunehmend auch für normale W3 Professuren, jenseits von Clustern und Graduiertenschulen. Doch Leuchtturm(an)wärter(inne)n gibt es nur wenige; und nur einige dieser wenigen sind durch lockende Goldberge noch zu bewegen. Das Ergebnis sind abgebrochene Verfahren, vergeudete Zeit, vakante Stellen – die schließlich umgewidmet werden, um auf anderem Gebiet doch noch einen Leuchtturm zu ergattern. Etwa zeitgleich haben die Universitäten Deutschlands ihre Liebe zu Glühwürmchen entdeckt – kleine Tiere mit flüchtiger Verweildauer, die fröhliche Lichtpunkte setzen: Doktorandinnen und Doktoranden. Davon gibt es ungeheuer viele, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Glühwurm sich (in schräger Metaphorik und evolutionär zweifelhaftem Optimismus) zum Leuchtturm mausert.
Es ist schön, dass Deutschland sich zu Küstensehnsucht und Naturromantik bekennt. Doch ist es auch für sein hervorragendes Ingenieurwesen bekannt, und für seine nachhaltig leistungsfähigen Glühlampen. Deren Reichweite ist geringer als die von Leuchttürmen, dafür strahlen sie kontinuierlich und in ihr direktes Umfeld. Für die Besetzung von Lehrstühlen sind dies nicht zu unterschätzende Qualitäten.

Solche Glühlampen gibt es reichlich: Deutschland leistet sich eine stetig wachsende Zahl sehr gut ausgebildeter Privatdozent(inne)n. Für die Besetzung von Leuchttürmen kommen sie (noch) nicht in Frage – bleiben also die W2 Professuren; doch diese werden zunehmend mit Tenure-Track Option für promovierte Young Scholars ausgeschrieben. Das ist nicht notwendig eine schlechte Idee, aber eine folgenreiche; denn habilitierte Glühlampen sind damit für die einen Stellen unter-, für die anderen überqualifiziert. Neben W3 Leuchttürme, von Glühwürmchen umflattert, treten W2 Energiespardioden, und die Glühlampen werden zum Ladenhüter. Ob die resultierende Lichtqualität befriedigt, wird sich zeigen. Wenn dies aber das Beleuchtungskonzept der Zukunft ist: Sollten wir dann nicht umgehend die Produktion von Glühlampen einstellen?


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken