Standpunkt
12 | Dezember 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Endlich denkfrei

Ernst Pöppel ist Vorstand im Humanwissenschaftlichen Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gast­professor an der Peking University.

Ernst Pöppel ist Vorstand im Humanwissenschaftlichen Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gast­professor an der Peking University.

Wir sind also im post-faktischen Zeitalter angelangt. Meinungen sind alles. Tatsachen zählen nicht. Was sind schon Argumente! Sätze müssen kurz sein. Fünf Wörter reichen. Denken stört nur. Es ist auch anstrengend. Ohne denken geht alles schneller. Vorurteile sind praktisch. Man spart Zeit. Denken ist ungesund; es erzeugt Stress. Ich lasse für mich denken. Die werden schon wissen. Wie sie reden, großartig! Meine Erleuchtung. „Erkenne dich selbst.“ Ich brauche keine Vorschläge. Ich weiß längst, wer ich bin. Die Griechen haben zu viel gedacht. Wir sind frei, endlich denkfrei. Dabei hat alles anders angefangen. Vor zweieinhalb Tausend Jahren meinte Parmenides, dass man zwischen Meinungen und dem zu unterscheiden habe, was richtig oder sogar wahr sei, was also den Tatsachen entspricht. Es gibt wohl „Meinungsfreiheit“, aber es gibt keine „Tatsachenfreiheit“. Vergessen sind die Worte, die vier Fehler-Arten, welche zu Beginn des wissenschaftlichen Geschäfts in der Neuzeit von Francis Bacon aufgeschrieben wurden: Wir machen Fehler, weil wir Menschen sind, also durch unser evolutionäres Erbe belastet sind; weil wir durch unsere individuellen Prägungen bestimmt sind; weil wir durch unsere Sprache verführt werden und nicht immer das sagen (können), was wir denken; und weil wir unsere Theorien, unsere Vorurteile in uns tragen, von denen wir meist nichts wissen. Dass wir uns aber nicht immer selbst ausgeliefert sein müssen, hat Tacitus aufgeschrieben, als das römische Reich im Absturz war: nördlich der Alpen lebe ein Volk, das Entscheidungen unter zwei Bedingungen treffe, nämlich einmal im gefühlsgeladenen Zustand (trunken), und dann bei klarem Verstand (nüchtern); wenn in beiden Fällen das Urteil gleich ausfalle, dann sei die Entscheidung gefallen. Es geht also um die Komplementarität von Denken und emotionalem Bewerten. Nun sind wir aber leider alle mit einer Krankheit belastet, der „Monokausalitis“; wir suchen immer nach nur einer Ursache; es muss einfach sein, wird dann aber oft zu einfach. Aber wie kann man, wie ein chinesisches Sprichwort sagt, mit nur einer Hand klatschen? Wir werden vom Rausch der Emotionen mitgerissen und schreien, oder wir geben uns der Illusion hin, alles rational bestimmen zu können; ahnungslos über uns selber. Wenn jemand sagt, er oder sie habe keine Vorurteile, dann ist genau das ein Vorurteil. In der Wissenschaft ist glücklicherweise alles ganz anders. Wir leben in einer Welt ohne Vorurteile; es gibt keine „mainstreams“; das Unerwartete, das Neue wird in seiner Bedeutung sofort erkannt. Wir sind nicht angekränkelt von den Verwerfungen in den anderen Teilkulturen, der Politik, der Wirtschaft, der Medien, der Sinn-Instanzen. An uns soll man sich ein Beispiel nehmen. Wir verstehen alles, und bei uns herrscht Anstand.


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