Standpunkt
08 | August 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Schluss mit dem Studenten-Bashing!

Dr. Christian Dries ist wissenschaftlicher Mit­arbeiter am Institut für Soziologie in Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Sozialphilosophie, ­Politische Theorie und Anthropo­logie.

Dr. Christian Dries ist wissenschaftlicher Mit­arbeiter am Institut für Soziologie in Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Sozialphilosophie, ­Politische Theorie und Anthropo­logie.

Studi-Schelte steht gerade wieder hoch im Kurs. Dabei gäbe es wichtigere Themen: Zum Beispiel die digitale Wissensrevolution.

Seit Jahren tönt das Feuilleton: Studierende seien angepasste, kritiklose, ichverliebte und faule Nutzenoptimierer ohne jedes fachliche Interesse. Wer heute an einer deutschen Universität Geistes- oder Sozialwissenschaften unterrichtet, benötigt in der Tat viel Enthusiasmus. Hausarbeiten mit zehn Kommafehlern pro Seite sind keine Ausnahme, Bücher stehen etlichen Bacheloranwärtern eher im Weg. Doch die Publikumsbeschimpfung der Lernenden durch die Lehrenden ist so alt wie die Idee der pädagogischen Wissensvermittlung. Studenten-Bashing ist ein psychohygienisches Ventil, hilft aber letztlich niemandem. Stattdessen wird es Zeit, die spürbaren Veränderungen und das wachsende Unbehagen (auch unter den Studierenden) ernst zu nehmen.

Wenn Gymnasiallehrer versichern, sie könnten nicht mehr auf demselben Niveau unterrichten wie vor fünfzehn Jahren, wenn Google zunehmend zum Substitut für fehlendes Allgemeinwissen wird, wenn angehende Soziologinnen und Philosophen Lesen lästig finden, wenn Noten resigniert und nicht nach Leistung vergeben werden, dann ist das für die viel beschworene Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden ein gravierendes Problem. Schuld an der ganzen Misere, so hört man immer öfter, sei der ‚digitale Wandel‘. Er generiere aufmerksamkeitsflüchtige Häppchenkonsumenten und ersticke die wissenschaftliche Neugier samt der dazu gehörigen Ausdauer, die es braucht, um dicke Bretter zu bohren.

Fakt ist: Durch die ‚neuen Medien‘ steht der gesamte Apparat der Wissensproduktion und -distribution vor seiner größten Umwälzung seit Humboldts Universitätsreform. Fest steht auch: Wir haben nur die Studierenden, die uns die Schule liefert. Sie zu beschimpfen führt zu nichts. Besser wäre es, wir würden über die wichtigen Fragen ins Gespräch kommen: Welche Veränderungen – zum Schlechten wie zum Guten – nehmen wir in der Lehre wahr? Was sind neben Internet und Co. deren Ursachen? Wo sollten wir dagegenhalten, in welche Richtung mitgehen? Was müssen wir selbstbewusst verteidigen (z.B. die Auseinandersetzung mit anspruchsvoller Literatur), wo sind neue Lehrformate gefragt? Wie begeistern wir auch künftig für Goethe und Hegel? Ist unser Repertoire, unser akademisches Ethos noch zeitgemäß?

Die Antwort darauf lautet nicht: Mehr Videos und Wikis im Seminar. Und hoffentlich nicht: Wissenschaft und Forschung für eine kleine Elite aus ‚bildungsnahen‘ Elternhäusern, ‚Bachelor light‘ für die breite Masse der digital natives, die alle Staffeln von Germany’s Next Topmodel kennen, aber Platons Höhlengleichnis nicht begreifen. Der digitalen Wissensrevolution ist weder mit erhöhtem Technikeinsatz und der hochschuldidaktischen Version von ‚Brot und Spiele‘ zu begegnen noch durch forciertes Lamento – sondern zu­nächst einmal mit unserer Kernkompetenz: Nachdenken.


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