Standpunkt
10 | Oktober 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Kinder des Olymp

Stephan Lessenich ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

Stephan Lessenich ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

Der Nachwuchs steht in Deutschland hoch im Kurs. Die AfD fordert die Drei-Kinder-Familie (natürlich nur für „Deutsche“), Wirtschaftsexperten sorgen sich um die „Generationengerechtigkeit“ (und fordern deshalb Rentenkürzungen), die Kinderfreundlichkeit rangiert mittlerweile unter den öffentlichen Werten ganz oben (nur noch knapp hinter der Liebe zum Automobil). Also alles zum Besten bestellt in Sachen gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit? Ein etwas voreiliger Schluss. Denn Nachwuchs ist nicht gleich Nachwuchs. So geschätzt und überbehütet der eine, so vernutzt und unterbewertet der andere.

Der andere, das ist der wissenschaftliche. Lassen wir hier einmal jeden Gedanken über die infantilisierende Bezeichnung jüngerer Wissenschaftlerkohorten bzw. nicht-professoraler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als „Nachwuchs“ beiseite. Fragen wir einfach, der seltsamen Metaphorik folgend: Warum kümmert sich das Wissenschafts­system so wenig um die nachwachsenden Generationen? Oder, weil der Verweis auf das „System“ ja doch immer auch der Handlungsentlastung gilt: Warum erweisen sich Wissenschaftsminister, Hochschulleitungen und Dienstvorgesetzte so oft als Rabeneltern?

Fassen wir uns der Einfachheit und Gerechtigkeit halber am besten gleich selbst an die Nase: Jeder von uns kennt Kolleginnen und Kollegen (ich rede natürlich nicht von Ihnen!), die, einmal den Qualifizierungsdschungel durchquert und auf den Berufungsolymp gelangt, erstaunlich schnell vergessen, wie es dort, wo sie herkamen, aussah. Die mithin munter Stellen stückeln (50 Prozent, 6 SWS? – passt!), sich niemanden für ewig ans Bein binden wollen (nachher überlebt der mich noch!) und überhaupt Wettbewerb grundsätzlich für den besten aller Steuerungsmodi halten (warum also nicht auch im Spiel des akademischen Lebens?).

Die Folgen entsprechenden – ja, sicher: systemunterstützten – Handelns sind hinlänglich bekannt: von der Wissenschaft abspenstig gemachten und nun, mit einer gewissen Nachvollziehbarkeit, betriebsverachtenden Feuilletonisten bis zu höchstqualifizierten Endvierzigern, die vor der fremdverschuldeten wissenschaftlichen Berufsunfähigkeit stehen und nicht etwa entsprechende Rentenansprüche, sondern nur noch einen Termin beim zuständigen Arbeitsvermittler anmelden dürfen.

Ja, das Wissenschaftssystem ist so, wie es ist. Aber es ist nicht durch höhere, außergesellschaftliche Mächte so geworden. Und es ist daher auch von innen zu verändern, durch das alltagspraktische Handeln derer, die universitäre Personalpolitik betreiben. Eine status- und generationsübergreifende Gruppe wissenschaftlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – wir nennen sie Nachwuchs – aus der Soziologie hat soeben gegen die schlechte Normalität und für gute Arbeit in der Wissenschaft aufbegehrt. Einstweilen nur mit einem offenen Brief an ihre Fachgesellschaft. Allen am Karriereziel Angekommenen, auch den Nicht-Soziologen unter den Glücklichen, sei er zur Lektüre empfohlen. Als Probe aufs Exempel, dass Lesen bildet.


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