Standpunkt
04 | April 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Rotwein statt „Research“?

Hans Ulrich Gumbrecht ist  Albert Guérard Professor in Literature an der Stanford University.

Hans Ulrich Gumbrecht ist Albert Guérard Professor in Literature an der Stanford University.

Seit ich vor vielen Jahren in Stanford zu arbeiten begann, bin ich institutionell von dem Druck befreit, mich beim Nachdenken über literarische Texte oder philosophische Probleme als „Wissenschaftler“ verstehen zu müssen. Zuerst hatte ich den Namen „Humanities and Arts“ einfach als Synonym für das deutsche Wort „Geisteswissenschaften“ angesehen, an dem allenfalls das Substantiv „Arts“ bemerkenswert war. Denn während es auf die „Artes“ als Kompetenzbereiche der mittelalterlichen Universität zurückgeht, kann man sich heute mit ihm, anachronistisch zwar, aber in diesem unhistorischen Sinn zutreffend, auf eine Verschiebung des Interesses unserer College Studenten beziehen, von Kunstgeschichte zu „Studio arts,“ von Musikologie zu musikalischer Praxis oder von Literaturkritik zum „Creative Writing.“

Es dauerte seine Zeit, bis mir in allen Konsequenzen klar wurde, dass der Begriff der „Humanities“ zu umschreiben ist als denkende Auseinandersetzung mit Grundproblemen der menschlichen Existenz in verschiedenen thematischen und epistemologischen Dimensionen. Erst damit war ich auch subjektiv befreit von der in ihren verschiedenen Nuancen stets problematischen Analogie zu den Naturwissenschaften, deren immer komplexere Beschreibungen der außer-menschlichen Wirklichkeit zusammen mit den sie begründenden Theorien an die Möglichkeit empirischer Verifizierung und mithin auch an die Erwartung kollektiv zu erreichenden Fortschritts gebunden sind.

Ganz so gerade verlaufen institutionelle Grenzen freilich nie, und konzeptuelle Inkohärenz gibt es auch in den amerikanischen „Humanities.“ Zum Beispiel verwenden wir kaum je den Begriff „research“ im Blick auf unsere Arbeit neben der Lehre, doch die individuell ausgehandelten Finanzierungs-Freibeträge heißen trotzdem „research accounts.“ Wenn ich am Ende des Studienjahres eine Übersicht der einschlägigen Ausgaben lese, bestätigt sich immer wieder, was mir in den ersten amerikanischen Jahren ein schlechtes Gewissen bereitete: Ich gebe eine gute Hälfte dieses Gelds für Abend- und Mittagessen aus, bei denen wir ohne Zeitdruck, intensiv (und mit Kollegen und Doktoranden gerne auch über einer Flasche Rotwein) intellektuelle Probleme diskutieren, an denen uns liegt.

Und die Universität macht keinerlei Anstalten, mich wegen Veruntreuung zur Rechenschaft zu ziehen. Anscheinend ist klar, dass diese Art von Gesprächen – als das etwas modernistisch verdünnte Äquivalent des antiken Symposions – zur Lebensform der „Humanities and Arts“ gehört. Ich beschreibe sie gerne als „Kontemplation,“ das heißt als immer neu sich vollziehende Rückkehr der Konzentration zu Fragen, Texten, Figuren und historischen Momenten, die nur selten zu definitiven Antworten führt, aber immer wachsende Komplexität der Erfahrung hervortreibt. Der „wissenschaftliche“ Druck hin zu Lösungen und akkumuliertem Fortschritt des Wissens ist diesem Rhythmus eher abträglich, von „Sonderforschungsbereichen“ mit ihren „Begehungen“ oder „Drittmittel“-Einwerbung gar nicht zu reden.

Die politische Frage ist eigentlich nur, ob sich eine Gesellschaft solche Kontemplation leisten will, die mit hochfliegender Rhetorik von Zielen und Funktionen kaum zu vermitteln ist. Als authentische Form intellektuellen Lebens kommt sie ihr allemal billiger als das Missverständnis der Geistes-Wissenschaften – und erreicht sogar die jüngste Generation.


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