Standpunkt
02 | Februar 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Deutsch wird wichtiger

Dr. Roland Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main.   Foto: Jerome Gravenstein

Dr. Roland Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main. Foto: Jerome Gravenstein

Der Sprachwissenschaftler Florian Coulmas hat ein einfaches Gesetz aufgestellt: Je mehr Menschen eine Sprache sprechen, desto nützlicher ist sie. Und je nützlicher sie ist, desto mehr Menschen wollen sie lernen. Das Deutsche ist verbreiteter, als es viele meinen. 103 Millionen Menschen sprechen Deutsch als Muttersprache. Das ist ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass nur 300 Sprachen von den bestehenden 6.000 überhaupt mehr als eine Million Sprecher zählen. In sieben Staaten ist Deutsch nationale oder regionale Amtssprache. Es gibt große deutschsprachige Minderheiten im Ausland, 7,5 Millionen Menschen weltweit. Deshalb ist es auch von Belang, dass das Deutsche zu den wenigen Sprachen der Welt gehört, die im Ausland als Fremdsprache gelernt werden. Es sind wieder 15 Millionen Menschen, die Deutsch im Ausland lernen, und zwar an 95.000 Schulen. Die Zahl derer, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt Deutsch als Muttersprachler sprechen oder in irgendeiner Art und Form als Fremdsprachenlerner gelernt haben oder lernen, kann auf bis zu 280 Millionen Menschen weltweit geschätzt werden, so der Germanist Ulrich Ammon.

Man sollte also das Deutsche auch als überregional nützliche Sprache nicht zu früh abhaken. Im Gegenteil! Die Goethe-Institute melden in der jüngsten Zeit bedeutende Zuwächse in ihren Instituten, nicht nur in Südeuropa, sondern auch in Südamerika und Asien. Die Nachfrage nach Deutsch steigt. Vor allem hat die starke Flüchtlingseinwanderung eine einhellige Reaktion hervorgebracht: Die Integration der vielen Menschen aus anderen Sprachgemeinschaften und Kulturkreisen, so ist man sich hierzulande erstaunlicherweise einmal einig, muss in erster Linie über das rasche Erlernen des Deutschen gehen.

Kein Zweifel: Deutsch ist wieder wichtig. Als Sprache der Integration, als Sprache des Zugangs zu und des Aufstiegs durch Bildung.

Vielleicht ist dies ein Hinweis aus der gesellschaftlichen Praxis an all jene, die meinen, unsere Verständigung könne und solle nur noch in einer einzigen Weltsprache erfolgen. Vielleicht ist dies ein Hinweis darauf, dass wir auch an den Hochschulen und auf den Campi gut daran tun, die Landessprache Deutsch weiter zu verwenden. Sprachen sind kognitive Modelle sozialer Beziehungen, hat jüngst der australische Sprachforscher Nichols Evans formuliert. Um soziale Beziehungen geht es bei dem Zusammenleben, das wir erleichtern wollen und müssen.

Und wer mit Mark Twain der Meinung ist, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen, dem seien nur folgende Vorzüge unserer Sprache genannt: eine geniale Wortbildung mit reichem und transparentem Wortschatz, ein elastischer Satzbau und eine bemerkenswerte Beziehungsbegabung (durch die vielen kleinen Wörter, die die Kommunikation so erfreulich machen können: wohl, eben, ja, halt…).

Als Ermutigung möchte ich jene 18-jährige Deutsche libanesischer Herkunft zitieren, die ihre Einstellung zu unserer Sprache so ausgedrückt hat: „Das Deutsche ist die Sprache des aufgeklärten Geistes und eines freiheitlich-optimistischen Lebensgefühls.“ Vielleicht liegt die Zukunft unserer Sprache ja in den Händen derer, die von außen zu uns kommen und die sie als Sprache ihrer neu gewonnenen Sicherheit und Freiheit auch zu schätzen wissen.

Zuletzt veröffentlichte der Autor das „Logbuch Deutsch – wie wir sprechen, wie wir schreiben“ (Verlag Vittorio Klostermann).


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