Standpunkt
09 | September 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Nein zur Einheitshochschule

Professor Dr. Joybrato Mukherjee ist Präsident der Justus- Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Foto: Jonas Ratermann

Professor Dr. Joybrato Mukherjee ist Präsident der Justus- Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Foto: Jonas Ratermann

Die Politik hat sich auf den Weg gemacht, künftig Promotionen an Fachhochschulen zu erlauben. Mit Verweis auf die vermeintlichen oder gewachsenen Forschungsleistungen der Einrichtungen, die sich neuerdings zunehmend „Hochschulen für angewandte Wissenschaft“ (HAW) nennen, räumen ihnen einige neue Landeshochschulgesetze deutlich erweiterte Pro­mo­tionsrechte ein. Doch die eingeschlagene Richtung ist ein Irrweg. An dessen Ende wartet die Einheitshochschule – und damit eine deutliche Schwächung des weltweit anerkannten deutschen Wissenschaftssystems.

Mit der Bologna-Reform sind bereits die Studienabschlüsse für bestimmte Hochschultypen (zum Beispiel Diplom (FH)) verschwunden. Die Habilitation spielt in immer mehr Fächern kaum noch eine Rolle, insbesondere seit der Einführung des neuen Qualifikationswegs der Juniorprofessur. Einzig die Promotion ist im tertiären Bildungs­sektor eine echte universitäre Qualifikation geblieben – und dies mit gutem Grund: Nur an Universitäten sind die fachliche Breite, die interdisziplinäre Vielfalt, eine besonders forschungsintensive Umgebung, die Verbindung von Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung sowie die notwendige Erfahrung mit der Qualitätssicherung in Promotionsverfahren gegeben. Mit der ersten Förderlinie der Exzellenzinitiative, den „Graduiertenschulen“, wurde die besondere Verantwortung der Universitäten für die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses seit 2006 nochmals gestärkt.

Ein Promotionsrecht für die Fachhochschulen würde die arbeitsteilige Aufstellung des deutschen Wissenschaftssystems mit zwei Grundtypen an Hochschulen und mit starken außeruniversitären Einrichtungen (ohne eigenes Promotionsrecht) in Frage stellen – und das, obwohl genau diese Differenzierung des deutschen Systems auch international als äußerst erfolgreich wahrgenommen wird. So gilt es nicht nur, die Politik vor einer falschen Weichenstellung zu bewahren, sondern auch die Fachhochschulen davor, in einem mitunter irrational-symbolischen Kampf um einen universitätsähnlichen Status ihren „Markenkern“ – praxisorientierte und berufsnahe Leh­re mit einer intensiven Betreuung der Studierenden – aufzugeben.

Dass FH-Professoren und promotionsfähige FH-Angehörige einen verlässlichen Zugang zu universitären Promotionsverfahren benötigen, steht außer Frage. Hierzu sollte der Gesetzgeber, wie auch vom Wissenschaftsrat empfohlen, kooperative Promotionsplattformen verbindlich einfordern. Erfolgreiche Beispiele gibt es längst. Ein eigenständiges Promotionsrecht für Fachhochschulen, womöglich auch noch in Fächern ohne jegliche Promotionserfahrung (zum Beispiel in den Pflegewissenschaften), ist aber die falsche Antwort.

Differenzierung: ja – Nivellierung: nein. Mehr Kooperation zwischen den Hochschultypen: ja – Einheitshochschule: nein.


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