Standpunkt
07 | Juli 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Doublethink

Martin von Koppenfels ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der LMU München.

Martin von Koppenfels ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der LMU München.

Das Betriebsgeheimnis der Bologna-Reform ist die Sprach-Scham ihrer meist widerwilligen Exekutoren. Die Reform hat hierzulande in kumulativer Karnevalisierung ein zähes, trockenes Unterholz aus bürokratischer Narretei produziert, über das man nicht redet. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Wer will denn noch Bologna-Stories hören? Der bleierne Alltag entzieht sich ja auch sonst der Versprachlichung. Allerdings hat die zähneknirschende Kohabitation mit der Universitätsreform über die Jahre nicht nur unser Zahnmaterial angegriffen, sondern auch etwas, was uns kostbarer sein sollte: die Sprache, in der wir uns darüber verständigen, was wir an der Universität eigentlich tun – und damit längst auch dieses Tun selbst, das (zumindest in den Geisteswissenschaften) untrennbar ist von der Reflexion darüber.

Denn die Reform spricht. Sie tut eigentlich nichts anderes. Seit ihren Anfängen verwirklicht sie sich in einer Flut von Sprachregelungen und „Textbausteinen“ (das klingt nach free style Lego, aber am Ende kommt doch immer der gleiche graue Bausatz heraus). Schon das dreisprachige Glossary on [!] the Bologna Process der HRK hing über uns wie ein terminologischer Todesstern; und bis heute muss jedes Ministerium, jede Akkreditierungs-Anstalt und jeder Dezernent, der auf sich hält, neue Baustein-Stecksysteme hinzufügen. Im Hagel der Worthülsen haben wir über die Jahre ein Orwell’sches doublethink ausgebildet, ­eine Spaltung des Denkens, durch die wir irgendwie zusammenzuhalten suchen, was immer weiter auseinander driftet: das verordnete Glossar und das, was wir eigentlich zu tun glauben. Mit der Melancholie von Gnostikern, die wissen, dass sie nur durch den Scherz einer hämischen Gottheit gerade in diesem Körper und in dieser Welt gelandet sein können, streichen wir in Gedanken all die „Schlüsselqualifikationen“ und „learning out­comes“ und ersetzen sie durch „Denken“, „Gespräch“, „Kritik“ und womöglich sogar „Erkenntnis“. Gegen die Epidemie der Euphemismen glauben wir uns immun: „Forschung“ übersetzen wir ohne zu zögern in „Drittmittelakquise“, „breites Nebenfach“ in „unstrukturiertes Sammelsurium“, „mündiger Student“ bedeutet „unmündiger Student, der zwar sein Seminar nicht frei wählen kann, dafür aber auch nicht hingehen muss“, etc. In Bayern hat man unlängst – kein Witz! – den Ausdruck „ministerielle Genehmigung“ durch „Einvernehmen“ ersetzt.

Doch solch flinkes code-switching hat seinen Preis: Wer morgens mit seinem Präsidenten die Sprache der unternehmerischen Universität gesprochen und mittags mit seiner Rechtsabteilung Bolognesisch parliert hat, könnte nachmittags Wortfindungsstörungen bekommen, wenn er seinen Studenten gegenübersteht. Nicht jeder ist wie Karl V., der nach eigenem Bekunden mit Gott Spanisch, mit seiner Geliebten Italienisch, mit seinen Freunden Französisch und mit seinem Pferd Deutsch redete. (Der Vollständigkeit halber sollte man hinzufügen, dass sich der Kaiser mit 55 Jahren, von burn­out und Schuldgefühlen zermalmt, unter Verzicht auf sein volles Ruhegehalt ins Kloster zurückzog und hinfort nur noch mit seinem Beichtvater sprach.) Der Verzicht auf ehrliche Rede hungert das Denken aus. Man überlässt das Haus der Sprache nicht ungestraft dem bürokratischen Mauerschwamm.


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