Standpunkt
09 | September 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Humbug!

Pirmin Stekeler-Weit­hofer ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig und Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

Pirmin Stekeler-Weit­hofer ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig und Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

Jeder weiß, was Humbug ist. Das englische Wort ist im Deutschen längst heimisch geworden und oft weit passender als der Neologismus Bullshit, den ein Bestseller des Philosophen Harry Frankfurt seit einiger Zeit salonfähig gemacht hat. Ironischerweise verkehren sich hierzulande die inferentiellen Konnotationen: Bei uns ist Bullshit geredeter Humbug. Humbug ist getaner Bullshit. Im Englischen steht die Reduktion des Sprechens auf das Summen eines Käfers seit dem 18. Jahrhundert für rein verbalen Unsinn oder gar Betrug: Das Fehlen von Sinn kann Verlust von Orientierung oder bewusste Desorientierung sein. – Ein ganzer Kontinent des Humbugs tut sich auf, wenn wir unsere Bildungspolitik betrachten. Hauptursache ist die Illusion, Exzellenz durch Lob und Tadel, Anreize und Sanktionen nach Art der Abrichtung von Ratten steuern zu können. Dabei produziert gerade der auf W-Professoren ausgeübte Zwang, durch Projekte die Finanzierung der Universität aufzubessern, mit einiger Sicherheit bloß ephemere Forschung. Wie in Wagners Meistersinger urteilen Kommissionen nach kanonischen Standards und beruhigen sich damit, dass zwei bis drei Jahre dauernde Projekte zwar nichts Neues liefern können, das über Tagesmoden hinausreicht, aber wenigstens Doktorandinnen und Post-Docs im System halten – aufgrund der Unterstützung durch eine Deutsche Förderung von Graduierungen (DFG) leider zu viele und zu lange. Nicht nur hier geht jede Projektplanungskompetenz mehr und mehr verloren, wie der Fall des achtjährigen Gymnasialunterrichts zeigt oder dass ein gut funktionierender Wettbewerb zwischen praktisch allen Universitäten durch die Schaffung von Exzellenzuniversitäten partiell abgewürgt wird, wobei Konstanz oder Aachen sicher auch noch gegen Breslau und Königsberg gekürt worden wären, wenn diese Städte noch zu Deutschland gehörten. Die durch unwiderstehliche Finanzanreize geschaffenen so genannten Leuchttürme versprechen immerhin auch nur, Dauerbaustellen zu bleiben, zumal institutionell richtungsrichtige Entscheidungen unmöglich sind, wenn der begehrliche Blick in Nachbars Garten (den der USA) blind macht gegenüber einem Verständnis der Infrastrukturvorteile unseres eigenen dezentralen Wissenschafts- und Forschungssystems. Besondere Problemfälle sind dabei, wie der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Peter Strohschneider klar erkennt, die Universitäten und deren zu schwache Länderfinanzierung. Dabei hätte gerade die Bologna-Reform die Möglichkeit eröffnet, in der universitären Ausbildung die richtigen Weichen zu stellen, etwa durch ein Y-Modell, das die Entscheidung für das Lehramt erst nach den BA-Abschluss legte. Stattdessen wird neben den BA- und MA-Studiengängen die alte Lehrerausbildung mit Staatsexamen wieder eingeführt, um schon ab dem ersten Semester angehende Lehrer in der Vermittlung eines nicht vorhandenen Wissens anzuleiten – wobei die so genannten Erziehungswissenschaften dem subjektiv sehr verständlichen Wunsch nach einer Art technischen Schulung zum Lehramt ohne weitere Bildung und Erfahrung gerne nachkommen. Glücklicherweise wird sich angesichts der vernachlässigten Geisteswissenschaften in, sagen wir, 20 Jahren niemand an diesen Humbug erinnern oder nach den Ursachen der dann eingetretenen Folgen forschen.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken