Standpunkt
08 | August 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Wissenschaftsfreiheit im Superwahljahr

Karl-Rudolf Korte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und Direktor der NRW School of Governance.

Karl-Rudolf Korte ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und Direktor der NRW School of Governance.

Auch Wissenschaftler wählen. Wir wissen nicht wie. Im Superwahljahr 2017 spielt das Sujet der Wissenschaft durchaus eine Rolle. Wie ist die Wirklichkeit wirklich? Darüber tobt nicht nur in den USA ein Deutungskampf, den die Trump-Administration gewinnen möchte, weil sie vorgibt, was untersucht und was nicht untersucht werden sollte. Auch in Deutschland zeigen sich Versuche, vermeintlich wissenschaftsfeindliche Themen an Universitäten zu unterdrücken, über die man dort besser nicht streiten sollte. Diskurswächter haben weiterhin Konjunktur. Dabei wäre es gerade im Wahljahr, einer kommunikativen Hochzeit, wichtig, daran zu erinnern, dass nur der Dissens, über den mit Mehrheit entschieden wird, eine breite Legitimation fördert und gerade nicht der Konsens, über den nie abgestimmt wurde. Er entbehrt deshalb jeder Lernoption, die für politische Systeme langfristig Freiheiten sichert. Streiten könnten wir uns auch darüber, warum die Grundfinanzierungen an Universitäten noch immer beschämend niedrig sind. In der letzten Koalitionsvereinbarung tauchte zumindest schon mal der Begriff wieder auf. Ohne Grundfinanzierung, die den Namen verdient, lässt sich Wissenschaftsfreiheit nicht realisieren, weil wir ansonsten nur nutzen- und ökonomiegetrieben Optimierungsspielen verfallen.

Der durchschnittliche Wähler wird im September 55 Jahre alt sein. Die größte Gruppe der Wähler ist im Seniorenalter, die zusätzlich den mit Abstand größten Wahleifer zeigen. Auch deshalb stehen Sicherheitsikonen und Stabilitätsgaranten hoch in der Wählergunst. Wo sind unsere Lobbyisten, die nicht vor dem Wandel schützen? Es liegt an uns, wie wir jetzt auf die Parteien einwirken. Sie sind ein sehr vitales Abbild unserer Gesellschaft. Anders wären der dynamische Aufstieg und Fall von Parteien gar nicht interpretierbar. Machen wir doch die Wissenschaftsfreiheit zu einem gesellschaftlichen Konfliktthema. Wir könnten zeigen, dass am Ende immer diejenigen eine Mehrheit erringen, die den Stoff der Zukunft offenhalten.

Erkenntnis- und Wahrheitssuche sind Zukunftsversprechen. Wer, wenn nicht wir, wäre deshalb besser geeignet, um laut unser unter Druck geratenes Gesellschaftsmodell zu verteidigen? Als Wissenschaftler sind wir Zukunfts-Garanten der Offenheit. In repolitisierten Zeiten haben wir zudem die Chance, die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen zu markieren. Eine Beratungs-Demokratie braucht und nutzt verantwortliche Kommunikation, die von Universitäten aus geführt werden könnte. Unser immer vorläufig generiertes wissenschaftliches Wissen überzeugt dabei sicher keine Snapshat-Wähler, die auf die Legitimation des Augenblicks am Wahltag setzen. Doch die Mehrzahl der Wähler honoriert kluge Angebote, die eine sichere Zukunft im Blick behalten. Und genau die ist ohne Wissenschaftsfreiheit unrealistisch.


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