Standpunkt
03 | März 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Hat Geist eine Zukunft?

Norbert Bolz ist Professor für Medien­wissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Norbert Bolz ist Professor für Medien­wissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Vor einem halben Jahrhundert standen die Professoren unter dem Schock der Studentenbewegung, heute stehen sie unter dem Schock des Bologna-Prozesses. Der verläuft zwar weniger spektakulär, ist aber genau so folgenreich. Was damals die Anarchie noch nicht ganz erreichte, vollendet heute die Bürokratie: die Austreibung des Geistes aus der Universität. Kaum jemand stört sich mehr daran, dass der Student als Kunde und die Lehre als Dienstleistung verstanden wird. Wie in einem religiösen Zwangsritual beten auch Geisteswissenschaftler den Fetisch Drittmittel an. Hinzu kommen Spardiktate der Politik, die Professoren dazu anhalten, selbst zu entscheiden, welches Pfund Fleisch sie sich vom eigenen Körper schneiden wollen. Angesichts dessen kann die Verzagtheit der Geisteswissenschaftler nicht erstaunen. Halbherzig schielen sie nach den alles legitimierenden Drittmitteln und entwerfen Projekte, die „etwas mit Medien“, „Gender“ oder „Nachhaltigkeit“ zu tun haben.

Doch die Misere der Geisteswissenschaftler ist auch hausgemacht. „Die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ ist ganz anders gelungen, als es sich ihr Initiator, der Germanist Friedrich Kittler, einmal ausgedacht hatte. Was als Aufklärung und Entzauberung geplant war, schlug rasch um in Voodoo Science. Gemeint ist der metaphorische Gebrauch von Wissenschaft: Mathematik als Imponiergehabe, pseudotechnischer Jargon und die gepflegte Esoterik des „Dekonstruktivismus“. Soziologen zitieren George Spencer Brown und Humberto Maturana, Germanisten zitieren Jacques Lacan und Claude Shannon. Was dabei entsteht, ist leider zumeist nicht Interdiszi­plinarität, sondern – im präzisen Sinne des Philosophen Harry Frankfurt: Bullshit. Der Physiker Allan Sokal hat sich schon vor 20 Jahren in einer grandiosen Parodie darüber lustig gemacht. Doch das blieb leider ohne Folgen.

Es ist deshalb kein Wunder, dass die Geisteswissenschaften heute nur noch als Ornament am Rand der Hard Sciences angesehen werden. Der wichtigste Kulturfaktor unserer Zeit, Big Data, kann sich denn auch als ironischer Widersacher des Geistes präsentieren, weil sich der Geist der Geisteswissenschaften blamiert hat. In seinem knappen, aber sehr lesenswerten Manifest „The End of Theory“ beschreibt Chris Anderson, wie Daten das Denken ersetzen. Computer und ihre Netzwerke sammeln Daten, die dann von Algorithmen durchgearbeitet werden. Mehr ist nicht mehr nötig. Man braucht nichts mehr zu verstehen und muss nichts mehr erklären – Korrelationen genügen.

Dass es gegen all diese Tendenzen gelingen wird, das Denken zu verteidigen, ist unwahrscheinlich. Denn dazu bräuchte man nicht nur Mut und Herzblut, sondern auch jenen gesellschaftlichen Atopos, an dem Nutzloses erlaubt war: die alte Universität.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken