Standpunkt
05 | Mai 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Bologna auf einem Bierdeckel

Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.

Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.

Die Bologna-Reform hat an den Hochschulen einen Bürokratisierungsschub unbekannten Ausmaßes ausgelöst. Die Verzahnung von Veranstaltungen und Prüfungen mit Modulen und Leistungspunkten verkompliziert die Studiengangsgestaltung in einem Maße, dass bei der Festlegung der Veranstaltungen häufig nicht mehr inhaltliche Betrachtungen im Vordergrund stehen, sondern nur noch die Überlegung, wie sichergestellt werden kann, dass die Studierenden am Ende ihres Studiums die erforderliche Punktzahl bürokratisch korrekt erreichen können.

In der Auseinandersetzung mit den unübersehbaren Pathologien der Bologna-Reform wird von der Hochschulpolitik bisher fast ausschließlich Symbolpolitik gemacht. Dabei gäbe es eine an den Grundproblemen ansetzende Radikallösung, die man mit Referenz auf Friedrich Merz’ steuerpolitischen Vorschlag ironisch „Bologna auf einem Bierdeckel“ nennen könnte. Der Vorschlag besteht darin, die Bologna-Vorgaben auf einen einzigen Satz zu beschränken: „Das Studium an einer europäischen Hochschule ist grundsätzlich zweistufig mit einem ersten Abschluss nach frühestens drei Jahren zu gliedern, alles andere ist den einzelnen Hochschulen zu überlassen.“

Die Bologna-Erklärung hatte einen Kerngedanken: Die Einführung eines zweigliedrigen Studiums. In der Umsetzung ist es jedoch zu einer Vervielfältigung von Regelungen gekommen, die den Hochschulen erheblichen Handlungsspielraum genommen haben: So zum Beispiel die Einführung einer Modulstruktur, in die verpflichtend alle Seminare, alle Prüfungen und alle Selbststudiumsphasen gepresst werden müssen, oder die ECTS-Punkte, die zwar in der Bologna-Erklärung als eine Möglichkeit für den Transfer von Studienleistungen angesprochen werden, die jetzt aber die für alle Studierenden verpflichtende Berechnungsgrundlage für Studienleistungen bilden.

Die Bologna-Ziele – Erhöhung der Mobilität und Verringerung der Studienabbrüche – werden ausschließlich durch die Einführung des zweigliedrigen Studiums erreicht. Der erste Studienabschluss ermöglicht es Studierenden, auch bei fehlendem Interesse ihr Studium abzuschließen und sich bei der Wahl ihres zweiten Studienabschnitts neuen Studienfächern an anderen Universitäten zuzuwenden. Alle anderen hochschulpolitischen Innovationen im Rahmen der Bologna-Reform hatten nur die bekannte Bürokratisierung – Stichwort Sudoku-Effekt – zur Folge. Der Vorschlag „Bologna auf einem Bierdeckel“ erhält die Idee der Zweigliedrigkeit des Studiums. Wenn Hochschulen darüber hinaus noch mit Modulen oder ECTS-Punkten hantieren wollen, ist das ihnen überlassen, aber sie sind dann für die Bürokratisierungseffekte auch selbst verantwortlich und können die Schuld dafür nicht mehr auf die Hochschulpolitik abwälzen.


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