Standpunkt
11 | November 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Universität als Projekt

Friedmar Apel, Universitäts-Professor, lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, ist Mitherausgeber der Werke Goethes im Deutschen Klassiker Verlag und Romanautor.

Friedmar Apel, Universitäts-Professor, lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, ist Mitherausgeber der Werke Goethes im Deutschen Klassiker Verlag und Romanautor.

Vor einigen Jahren hat der Soziologe Luc Boltanski in der Managerliteratur eine „Kultur des Projekts“ ausgemacht, die sich immer mehr auf „his­to­­risch vom Kapitalismus verschonte Be­rufs­felder“ ausdehnen werde. Davon blieben tatsächlich auch die Universitäten nicht verschont. Längst hat der projektorientierte Professor an Statur gewonnen, dessen Prestige sich nicht mehr von seinen Lehr- und Forschungsleistungen herleitet, sondern vom Maß seiner Aktivitäten.

Der projektorientierte Professor ist aktiv, risikobereit und anpassungsfähig. Seine bevorzugte Publikationsform ist der von ihm selbst heraus­gegebene Sammelband, die Zahl seiner oft in Ko­autor­schaft verfassten Aufsätze ist Legion, während die Form der Monographie meist auf die Qualifikationsschriften beschränkt bleibt.

Mit dem Ansehen des projektorientierten Professors sinkt dasjenige des introvertierten Forschers älterer Prägung, der nicht auf das Ideal selbstbestimmt praktizierter Gelehrsamkeit verzichten will. Ein geringschätziger Sprachgebrauch hat sich in der Hochschule längst eingebürgert. Wer einem umfangreichen individuellen Forschungsvorhaben nachgeht, der „wurstelt vor sich hin“.

Die Daueraktivität des projektorientierten Professors erfordert dagegen Gewandtheit im Auftreten, gute Laune, Flexibilität und weitestgehende Verfügbarkeit. Wer sich als Familienvater oder in sozialen und kulturellen Institutionen zu sehr gebunden hat, gilt schnell als inflexibel und damit unbrauchbar.

Ähnliches haben die niederländischen Bildungs­forscher Jan Masschelein und Maarten ­Simons im Menschenbild der Bologna-Planer gefunden. Die Zutrittsberechtigung zum europäischen Hochschulraum setze offensichtlich das Bekenntnis zum Unternehmerischen voraus: „diejenigen, die nichts einbringen oder einsetzen können und somit auch keine aktive, unternehmerische Haltung zum Selbst einnehmen, haben hier keinen Platz.“ In der Konzeption des europäischen Bildungsraums sei ein Ort, „an dem man stillstehen, eine Pause einlegen, eine Frage stellen oder nachdenken kann“, nicht vorgesehen.

Diese Entwicklung wird in Forschung und Lehre wie im Studium unweigerlich dazu führen, dass die Akademie als Lebensform die letzten Reste ihrer Besinnungsrefugien einbüßen wird und damit ihre Anziehungskraft für exzellente Köpfe der eigensinnigen Art. Mit traditionellen Ideen von Systemveränderung ist Masschelein und Simons zufolge dagegen nichts auszurichten. Widerstand könne allenfalls darin bestehen, „schlichtweg andere Dinge zu tun“.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken