Standpunkt
10 | Oktober 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Überdruck

Laurenz Lütteken ist Ordinarius für Musik­wissenschaft an der ­Universität Zürich.

Laurenz Lütteken ist Ordinarius für Musik­wissenschaft an der ­Universität Zürich.

Die 1999 von 30 zuständigen Ministern unterzeichnete Bologna-Erklärung hatte weitreichende Folgen für die Hochschulen, die Umsetzung wurde – wie immer in der Bildungspolitik – mit höchster Entschlossenheit vorangetrieben. Inzwischen blicken viele Universitäten (und nicht nur sie) auf eine gut fünfzehnjährige Erfahrung zurück, Zeit also für ein Innehalten. Mehr als zehn europäische Institutionen begleiten die ‚Umsetzung’, die mancherorts bereits zum dritten oder vierten Mal reformiert wurde, die Bürokratisierung expandiert nahezu unbegrenzt, die erhoffte Mobilität ist vielfach grotesk erschwert, die Vergleichbarkeit von Studiengängen nicht einmal mehr eine Illusion, überhaupt die Explosion der Studiengänge auf, laut HRK, über 18 000 allenfalls noch eine Herausforderung für Kafka-Leser. Aus alledem ist, trotz der politischen Beschwörung eines Erfolgs, irgendwie ein fortwährendes Experiment mit offenem Ausgang geworden. Für die Geisteswissenschaften, allemal die sogenannten ‚kleinen Fächer’, ist die Lage inzwischen prekär, wirken sich der programmierte Verzicht auf Bildung und die vermeintlich pragmatische Anwendungsorientierung hier besonders fatal aus. Der wie ein Tsunami über die Universitätslandschaft hereinbrechende und von Inhalten weitestgehend abstrahierte Normierungswille bedroht inzwischen ganze Fächer, wenn sie nicht gleich, wie etwa im Bachelorprogramm der Universität Amsterdam, abgeschafft werden.

Man fragt sich, worin der Sinn eines solchen Vorgehens liegen soll. In den geisteswissenschaftlichen Fächern, vor allem in den kleineren, herrschte auch vor Bologna eine hohe Mobilität, und der Dialog zwischen den Disziplinen funktionierte in der Regel nicht schlecht. Ein Studium mit zwei, besser drei Fächern garantierte methodische Offenheit – und am Ende ein substanzielles Wissen, also das, was inzwischen durch den schillernden Begriff der ‚Kompetenz’ ersetzt wurde. Eine solche ‚Architektur’ kann man verändern, anpassen, erweitern. Aber sie einfach aufgeben? Das Risiko eines schroffen, ohne Not herbei­geführten Systemwechsels ist stets hoch, weil der erhoffte Gewinn die Verluste meist nicht kompensieren kann. Der im Alltag eines sich verselbstständigenden Campus-Managements verschwundene Bildungsanspruch lebt gerade in den Geisteswissenschaften von einer speziellen Binnenspannung. Im Studium nimmt elementare Wissens­vermittlung nur einen kleinen Teil ein, der Erwerb von Kenntnissen ist der studentischen Eigen­initiative überlassen. In der Lehre kommt es darauf an, die Sensibilität für Fragen, für Probleme zu entwickeln und zu schärfen. Eine kluge Frage lässt sich eben nicht in die Stunden­bilanz eines Kreditpunktes übertragen. Die Hoffnung, es möge in den Überdruck des unausgesetzt hektischen Reformwillens wieder etwas mehr Ruhe und Besonnenheit einkehren, ist wahrscheinlich vergebens. Sie täten den Universitäten, insbesondere den Geisteswissenschaften, aber gut.


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken