05 | Mai 2013 Artikel versenden Artikel drucken

Wir utilisieren uns zu Tode

Felix Grigat ist verantwortlicher Redakteur von Forschung & Lehre.

Felix Grigat ist verantwortlicher Redakteur von Forschung & Lehre.

Schenken wir alten Erzählungen Glauben, dann hat es einmal eine Zeit gegeben, in der das Studentenleben ein unbekümmertes Sich-Wiegen, ein dem Augenblick abgerungenes gleichsam zeitloses Behagen gewesen sein muss. Eine Zeit, die durch die Abwesenheit aller Pläne und Zwecke, losgelöst von allen Zukunftsabsichten, für die rastlose und heftige Bewegung der Gegenwart fast etwas Traumartiges an sich trug – so ein junger Hochschullehrer im 19. Jahrhundert.

Heute wird einem allerdings so gar nicht mehr wohl bei dem Gedanken an die Bildung. Dies liegt daran, dass man in der Bildung so lange nur das gesehen hat, was Nutzen bringt, bis man das, was Nutzen bringt, mit der Bildung verwechselte, wie es derselbe Hochschullehrer analysierte und prophezeite. Dies aber zerstört beides: Die Bildung und den Nutzen, der sich dann selbst abnutzt, einen in Lebensdingen doch auch wichtigen Pragmatismus.

Was aber ist Bildung? Bildung ist – und das ist die alte und immer wieder neue Einsicht – etwas zutiefst Humanes und zunächst von Schule und Universität Verschiedenes, ein aliud. Es wäre eine große Aufgabe, dies wieder aufzuspüren. Eine Aufgabe freilich, die dem heutigen Denken sehr fremd ist. Doch hatten auch frühere Zeiten damit ihre Schwierigkeiten. So schrieb Hölderlin einmal an einen Freund: „…die Barbaren um uns her zerreissen unsre besten Kräfte, ehe sie zur Bildung kommen können, und nur die feste tiefe Einsicht dieses Schicksals kann uns retten, dass wir wenigstens nicht in Unwürdigkeit vergehen“. Einen Ausweg sah er allerdings: „Wir müssen das Treffliche aufsuchen, zusammenhalten mit ihm, so viel wir können, uns im Gefühle desselben stärken und heilen und so Kraft gewinnen“. Man kann es aber auch ein wenig erdiger sagen, wie Goethe: „Denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte notwendig aus einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen“.

Diese doch so human herausfordernde Rede von dem Vorbild des Vortrefflichen passt nicht in unsere Zeit. Setzt sie doch Rangunterschiede, setzt sie doch Bewusstsein für Qualität voraus. Die Aufgabe des sich Bildenden wäre, wahrhaftig zu sein und sich wirklich in ein Verhältnis zu allem Großen zu setzen. Kurz: „Bildung ist das Leben im Sinn großer Geister mit dem Zwecke großer Ziele“ (Nietzsche). Gewohnt, uns nur an die Gegenwart und die vor der Nase liegende Zukunft zu klammern, klingt all dies sehr fremd. Weil es bei der Bildung des Menschen nicht um „zeitgemäße Bildung“, nicht um passgenaue Menschen geht, weil die in der großen Tradition gemeinte Bildung aus der Ruhe wächst, weil sie den „ausdauernd wartenden“ Menschen will. Dagegen meint man heute mit unglaublicher Anmaßung, früheren Zeiten weit überlegen zu sein, und das ausschließliche „passgenaue“ Erziehen für das Funktionieren im ökonomischen und gesellschaftlichen Betrieb, in Hast und Eile (unter der Chiffre der „Kompetenz“) sei der Weisheit letzter Schluss.

Die Frage, die sich dabei stellt: Ist es möglich, Menschen in einer Zeit des globalisierten Utilitarismus, der sich als „alternativlos“ verkauft, davon zu überzeugen, gegen die Gegenwart und für eine humane Zukunft zu erziehen? Sollte man sich empören? Indignez-vous!


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