Standpunkt
06 | Juni 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Langeweile-Legebatterie

Jürgen Wertheimer ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Tübingen.

Jürgen Wertheimer ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Tübingen.

Zehntausende besorgter Akademiker strömten vor einigen Wochen weltweit auf die Straßen, um gegen den allenthalben drohenden Verlust an Autonomie in Forschung und Wissenschaft zu protestieren. Zu Recht, denn die Maßnahmen von Trump, Orban, Erdo?gan zielen auf die Substanz der wissenschaftlichen Werte, der offenen, freien Kultur, für die die Universität steht. Und doch sollte man es sich nicht zu leicht machen und nur mit dem Finger auf die anderen zeigen. Die restriktiven Maßnahmen, die sich mit dem Namen „Trump“ verbinden, haben nur eine Krise sichtbar gemacht, die sich seit längerer Zeit angebahnt hat, und die nicht – jedenfalls nicht nur – fremdverschuldet, sondern durchaus auch hausgemacht ist.

Niemand wird ernsthaft infrage stellen, dass kein Weg am Elite- und Exzellenzsystem der letzten Jahre vorbeiführt. Nun, ich bin dieser Niemand. Ich leugne es geradezu, dass dieses System der Universität gutgetan hat und weiter guttun wird. Im Gegenteil, es hat uns verwundbarer, abhängiger, eingeschränkter gemacht. Eingesperrt in ein schier undurchdringliches und unabstellbares Regelwerk aus Evaluationen, Akkreditierungen, Modularisierungen, Normierungen und Standardisierungen hängen wir am Tropf fragwürdiger Rankings und rotieren in einer permanenten Castingshow der Besten, der Sichtbarsten, der Internationalsten. Wir haben uns darauf dressiert, dressieren lassen, Formate an die Stelle von Inhalten zu setzen, Ideen in Module einzupacken und Exzellenz anstatt Begabung zu fördern. Nein, ich habe nichts gegen Exzellenz – aber sehr viel gegen die automatisierte Herstellung von herdenartigen Serieneliten. Nichts gegen Format – wohl aber einiges gegen alles überlagernde Formate. Nichts gegen Perfektion, aber viel gegen Phantasielosigkeit, Leidenschaftslosigkeit. Auch in der Wissenschaft ist die sterile Geschäftsmäßigkeits-Routine der eigentliche, innere Feind der Kreativität. Wir sind gerade dabei, die Uni in eine solche perfektionistische Langeweile-Legebatterie umzubauen.

Kein Unternehmen der Welt macht auf Uni. Aber die Uni ist töricht genug, sich in eine Firma verwandeln zu wollen. Und Abläufe zu imitieren, die dort Sinn machen mögen – für das symbiotische, verletzliche, vielstimmige Geflecht „Uni“ aber tödlich sein können. So macht man es, ohne dies zu wollen, den Gegnern leicht. Komplexe Systeme sind in Krisenzeiten resilienter als homogene, eindimensionale.

Es könnte die große Stunde der Universitäten sein: als den letzten verbliebenen lebendigen Räumen jenseits ideologischer, religiöser oder kommerzieller Indoktrination – Universität als große säkulare, basisdemokratische Institution autonomen Nachdenkens und vertrauensvoller Zusammenarbeit!

Ja, von nun an geht es wirklich um einen Clash of Cultures, der sich – weltweit und unabhängig von einzelnen Religionen oder Systemen – schon seit einiger Zeit angebahnt hat: dem zwischen monologischem engen, auf Eindeutigkeit zentrierten Denken auf der einen und einer Lebensweise und Denkart auf der anderen Seite, die sich der Vielfältigkeit, Ambivalenz und Mehrdeutbarkeit der Wirklichkeit stellt. Ich hoffe, die Uni weiß, auf welcher Seite sie steht, zu stehen hat! Und zwar faktisch, nicht nur fiktiv.


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