Standpunkt
07 | Juli 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Früher war alles besser?

Elsbeth Stern ist Professorin für Lehr- und Lern­forschung an der ETH Zürich.

Elsbeth Stern ist Professorin für Lehr- und Lern­forschung an der ETH Zürich.

In „DIE Zeit“ vom 12. Juni 2015 zeichneten mehrere Wissenschaftler ein düsteres Bild von deutschen Universitäten: Als erfolgreicher Forscher gilt, wer sich zum Sklaven von Drittmittelgebern macht, seine Produkte in möglichst vielen Einzelpublikationen vermarktet und so geschickt netzwerkt, dass die Artikel nicht unbedingt gelesen, aber auf jeden Fall zitiert werden. Von geistigen Höhenflügen keine Spur. Noch elender sieht es seit der Bolognareform in der Lehre aus: Inhalte sind nachrangig, goutiert wird vor allem die reibungslose Administration des ECTS, durch das die vorwiegend im „Bulimie­lernen“ geübten Studenten im Akkord geschleust werden. Wehmütig erinnert man sich da an die eigene Studienzeit, in der man sich noch die Freiheit nahm, Interessen zu vertiefen, und mit Professoren kritisch-konstruktive Diskussionen führte.

Auch ich nehme sowohl absurde Entwicklungen im Publikationswesen wahr als auch eine Tendenz zur Bürokratisierung der Lehre, die nicht der Qualitätssicherung dient. Aber als jemand, der nahezu zwei Drittel seines Lebens an wissenschaftlichen Einrichtungen verbracht hat, sehe ich nicht, dass wir uns in einer Abwärtsspirale befinden – im Gegenteil. Zu gut erinnere ich mich noch an Professoren, die die Freiheit von Forschung und Lehre sehr wörtlich nahmen und in der Versenkung verschwanden. Das ist schwieriger geworden, seitdem Fachbereiche regelmäßig evaluiert werden und vor allem seitdem bei Berufungen transparente Leistungskriterien herangezogen werden. Kommissionen, die die besten Bewerber erst gar nicht zum „Vorsingen“ einluden, um den präferierten Kandidaten vor Konkurrenz zu schützen, waren früher keine Seltenheit. Beklagt wird, dass Studenten heute nur noch ECTS Punkten hinterherjagen, aber was ist der Unterschied zum „Scheinstudium“ vergangener Tage? Wenn Professoren rückblickend ihr eigenes Studierverhalten mit dem heutiger Durchschnittsstudenten vergleichen, vergessen sie, dass die meisten von ihnen hinsichtlich Interesse und Leistungsbereitschaft schon im Studium Ausnahmeerscheinungen waren.

Universitäten haben eine gesellschaftliche Verantwortung und unterliegen institutionellen Regeln, aber der große Gestaltungsrahmen bleibt. Was kann einen beamteten Professor davon abhalten, lieber zwei Jahre lang an einem größeren Werk zu arbeiten, statt alle paar Monate einen Miniartikel zu publizieren? Wer befürchtet, dass den Studierenden durch die vielen Einzelprüfungen der Blick für das Ganze verlorengeht, kann ECTS-Punkte für verpflichtende Veranstaltungen anbieten, in denen Inhalte früherer Abschlussprüfungen thematisiert werden. Es stimmt, dass sich Professoren vermehrt für ihre Arbeit rechtfertigen müssen, aber gute Begründungen zu liefern gehört seit jeher zum Kerngeschäft von Wissenschaftlern.


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