Standpunkt
01 | Januar 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Ein Rückholprogramm für mid-career-Forscher

Hans-Wolfgang Micklitz ist Professor für Europäisches Wirtschaftsrecht am Europäischen Hochschul­institut in Florenz. Foto: Thomas Trutschel/photothek.net

Hans-Wolfgang Micklitz ist Professor für Europäisches Wirtschaftsrecht am Europäischen Hochschul­institut in Florenz. Foto: Thomas Trutschel/photothek.net

Seit 2007 lehre und forsche ich am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (EHI). Aufgabe des EHI ist es, junge Historiker, Juristen, Sozialwissenschaftler und Ökonomen zum Abschluss eines Ph.D. (Doctor of Philosophy) zu verhelfen. Von den Anforderungen her steht der Ph.D. zwischen einer Doktorarbeit und einer Habilitation. Mehr als zwei Drittel der sorgfältigst ausgewählten Applikanten suchen in der Wissenschaft ihre Zukunft. Der Arbeitsmarkt für Wissenschaftler ist und bleibt oftmals fachspezifisch national, das gilt sicher für Historiker und Juristen, weniger für Ökonomen und Sozialwissenschaftler. Doch die Rückkehr in die Heimatländer nach Abschluss aller Examina ist mit Hindernissen bestückt. Die intermediär Externen treten in einen Wettbewerb mit denjenigen, die sich den nationalen Selektionsprozessen längst unterworfen haben. Allen formalen Anerkennungsprozessen von Bildungsabschlüssen zum Trotz findet der junge europäische Forscher in seiner Heimat keine offenen, sondern eher geschlossene oder nur kompliziert zu öffnende Türen. Wirklich offen für Wissenschaftler sind nur die entsprechenden Rekrutierungsfelder in Kanada oder den USA; in Europa sind es die Niederlande und das Vereinigte Königreich. Junge Forscher erleben Blockierungen und kehren nicht in ihre Heimatländer zurück, sondern suchen sich ihren Arbeitsplatz in einem dieser Länder.

Das EHI steht paradigmatisch für eine supranationale intensive wissenschaftliche Ausbildung von jungen Menschen jedweder Provenienz, die sich international bewähren wollen und sollen und nun vor zunächst irritierenden tagespolitischen Fragen stehen.

Der „Brexit“ hat die mid-career Forscher atmosphärisch getroffen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Sorgen der mid-career Forscher, die sich vom „Brexit“ und der aktuellen amerikanischen Präsidentschaftswahl verunsichert fühlen, weil sie einen tiefen Eingriff in ihre Berufs- und Lebensplanung befürchten, bewahrheiten. Diese nahezu seismographischen Sensibilitäten richten sich sowohl auf die Universalität wissenschaftlichen Arbeitens als auch auf die möglichen nationalstaatlichen Einschränkungen der wissenschaftlichen Arbeitsmärkte, die dann ausländische Forscher von heimischen Universitäten und Arbeitsfeldern fernhalten würden. Viele junge Forscher wenden sich mehr denn je und intensiver der Frage zu, ob es Alternativen gibt.

Deutschland sollte mit einem mutigen Schritt vorangehen und ein Programm auflegen, das diesen hoch qualifizierten jungen mid-career Forschern zum universellen Nutzen eine akademische Heimat und Zukunft bietet. Lange Jahre haben Kanada, die USA, die Niederlande und das Vereinigte Königreich den Wissenschaftsmarkt der ­jungen wissenschaftlichen Talente „abgefischt“. Nun ist es an der Zeit, den Spieß umzudrehen und die gebotene Chance zu nutzen, verunsicherten jungen europäischen Forschern eine Zukunft in Deutschland zu bieten.


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