Forschung
06 | Juni 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Das älteste Labortier der Welt

Wissenschaftler der Universitäten Regensburg und Jena haben die 150-jährige Geschichte des ältesten Labortiers der Welt, des Axolotls, beschrieben. Demnach brachte Alexander von Humboldt die ersten Axolotls von seinen Forschungsreisen mit. Zunächst habe es sich um zwei präparierte Tiere gehandelt, die als Larven einer noch unbekannten Spezies klassifiziert worden seien. Lebend kamen erstmals 1864 Axolotls nach Europa. Eine französische Expedition hatte die 34 Tiere, deren einziges bekanntes Vorkommen im Seensystem im Tal von Mexiko liegt, nach Paris gesandt. Empfänger sei die „Société impériale zoologique d’acclimatation“ gewesen, eine Gesellschaft, die gegründet worden war, um exotische Lebewesen in neue Lebensräume zu verpflanzen. Von Paris aus kamen die Axolotls sowohl in die Aquarien von Liebhabern exotischer Wesen als auch in die Labore der Wissenschaftler. Auf diese Weise entwickelte sich eine europäische und später globale Axolotl­population, unabhängig von den Tieren in der mexikanischen Heimat. Axolotls verfügen über eine nahezu perfekte Regenerationsfähigkeit: Im Versuch wuchsen abgetrennte Gliedmaßen vollständig wieder nach. Manche Axolotls ließen das Larvenstadium sogar hinter sich und gingen an Land. Die Mehrzahl der Tiere lebt jedoch aquatisch, d.h. Axolotls verbringen ihr ganzes Leben im Wasser. In Jena führte der Haeckel-Schüler Julius Schaxel ab 1918 Experimente mit Axolotls durch. Bis heute sind die Tiere – Nachfahren jener 34 aus Paris – beliebte Untersuchungsobjekte. Hingegen sehe es für die wilden Axolotls in Mexiko-Stadt düster aus. Bei einer Bestandsaufnahme im Jahr 2014 konnte kein einziges lebendes Exemplar gefunden werden.
Reiß C., Osson L., Hoßfeld U.; DOI: 10.1002/jez.b.22617

Klimawandel und Militärstrategien

Die Streitkräfte weltweit beziehen den Klimawandel in ihre strategischen Überlegungen ein. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Universität Hamburg, die für 38 Staaten die offiziellen Dokumente zur nationalen Sicherheitspolitik zwischen 2002 und 2013 untersucht haben. Alle untersuchten Staaten erwähnten den Klimawandel in ihren offiziellen Strategiepapieren. Die größte Gruppe mit 27 Ländern (71 Prozent) erwarte mehr extreme Naturereignisse und daher einen verstärkten Einsatz des Militärs in der Katastrophenhilfe im In- und Ausland. Sechs Länder (USA, Großbritannien, Japan, Frankreich, Rumänien und Irland) gingen außerdem davon aus, dass ihre Streitkräfte künftig humanitäre Hilfe in komplexen Einsätzen leisten würden. Zehn Staaten rechneten damit, ihr Militär künftig „schlanker“ auszurichten und in Richtung „Eliteeinheiten“ zu spezialisieren. Finanzielle Mittel könnten vom Verteidigungshaushalt abgezogen und bevorzugt für Maßnahmen gegen den Klimawandel eingesetzt werden. Neun Länder möchten die Streitkräfte selbst „grüner“ und klimafreundlicher gestalten. So gebe es bereits seit den 1980er Jahren in Großbritannien – später auch in den USA – Vorgaben für die Streitkräfte, den CO2-Verbrauch zu drosseln. Allerdings gelten diese Sparziele nicht für Kampfeinsätze. Großbritannien und die USA sehen der Studie zufolge ihr Militär auch als potenzielles Opfer des Klimawandels. So könnten z.B. marine Militärbasen in Übersee durch den Meeresspiegelanstieg unbrauchbar werden. Die beiden Länder seien zudem die einzigen, die bisher wissenschaftliche Studien zum Thema in Auftrag gegeben hätten. Nur vier Länder (USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich) erwarteten in Zukunft mehr militärische Auseinandersetzungen aufgrund des Klimawandels. Nur Kanada habe hier bisher konkret gehandelt und mehrere Fregatten bestellt. Insgesamt werde das Thema nicht als ein?Problem der nationalen Sicherheit gesehen.
Michael Brzoska et al.; http://www.emeraldinsight.com/doi/pdfplus/ 10.1108/IJCCSM-10-2013-0114

Visumfreies Reisen

Sozialwissenschaftler der HU Berlin haben in einer Studie die Möglichkeiten des visumfreien Reisens von über 150 Ländern in den beiden Jahren 1969 und 2010 untersucht und verglichen. Demnach sind die Möglichkeiten des visumfreien Reisens in den vergangenen 40 Jahren zwar deutlich größer geworden, diese sind jedoch weltweit immer ungleicher verteilt. Wohlhabende Länder und die OECD-Länder boten ihren Bürgern z.B. in den vergangenen 40 Jahren eine immer größere Reisefreiheit. Andere Regionen, insbesondere frühere Kolonialländer und die Länder Nordafrikas, konnten sich dieser Entwicklung nicht anschließen. Spitzenreiter im Hinblick auf visumfreies Reisen war im Jahr 2010 Irland, dessen Einwohner in 82 von 166 Ländern ohne vorherige Beantragung eines Visums einreisen konnten. Den letzten Platz teilten sich Afghanistan und Somalia. Deren Bewohner durften lediglich in Haiti visumfrei einreisen. Diese Polarisierung vollziehe sich auch zwischen den Kontinenten. Bewohnern Eu­ro­pas war es im?Jahr 2010 erlaubt, in durchschnittlich 62 von 166 Ländern visumfrei einzureisen, Bewohnern Afrikas hingegen nur in 15. Im Vergleich: 1969 reisten Europäer in 40 und Afrikaner in 19 von 155 Ländern visumfrei ein.
Steffen Mau et al., DOI: 10.1080/1369183X.2015.1005007

Geistig leistungs­stark im Alter

Anspruchsvolle Tätigkeiten im Beruf wirken sich auch noch im Alter positiv aus. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung von Medizinern der Universität Leipzig. In einer Langzeitstudie hatten die Forscher mehr als 1.000 Senioren zur Altenbevölkerung („Leila 75+“) über acht Jahre regelmäßig untersucht und auf ihre geistige Leistungsfähigkeit getestet. Die Probanden wurden ausführlich zu ihrem Berufsleben und bestimmten Anforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, befragt. Dazu gehörten z.B. Strategieentwicklung, Konfliktbewältigung, Informationsbewertung, Datenanalyse oder Konzentration auf Details. Diejenigen Studienteilnehmer, die in ihrem Berufsleben das höchste Niveau in allen Anforderungsbereichen hatten, schnitten auch im Alter am besten ab und hatten im weiteren Studienverlauf die geringsten Abbauerscheinungen. So verschlechterte sich ihre Leistungsfähigkeit innerhalb von acht Jahren nur halb so stark wie die von Personen mit dem niedrigsten Anforderungsniveau.
Francisca S. Then et al.; DOI: 10.1212/WNL.0000000000001605

Durch Landwirtschaft weniger mobil

Eine historische Knochenanalyse hat ergeben, dass von der Stein- bis zur Römerzeit das Beinskelett der Menschen immer schwächer wurde. Dies sei nach und nach geschehen, so wie die Intensivierung der Landwirtschaft – und nicht abrupt, so wie der Beginn der Sesshaftigkeit. Ein internationales Forscherteam hatte dazu die Festigkeit von Oberschenkel- und Schienbeinknochen von 1.842 Menschen aus ganz Europa untersucht und dabei eine Zeitspanne abgedeckt, die von vor 33.000 Jahren in der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert reicht. Demnach sei wohl die veränderte Nahrungsmittelgewinnung für die zarteren Knochen verantwortlich. Auch die Fortbewegung mit Pferden und Wagen seit der späten Jungsteinzeit dürfte die Entwicklung unterstützt haben. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass vor allem die Mobilität der Menschen damals abnahm, nicht aber die allgemeine körperliche Aktivität. Die Stärke des Oberarmknochens habe sich im gleichen Zeitraum nämlich kaum geändert. Nach der Römerzeit sei die durchschnittliche Beinknochenstärke gleich geblieben. Mechanisierung, Verstädterung und Industrialisierung hätten offenbar kaum einen Einfluss auf die Robustheit des Beinskeletts gehabt.
science.ORF.at; Christopher B. Ruff et al., DOI: 10.1073/pnas.1502932112

Sehstörungen bei Schlaganfall

Sehstörungen zählen mit zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. In seltenen Fällen tritt dabei der Verlust des räumlichen Sehens ein. Die Patienten nehmen die Welt um sich herum nur noch flach wie ein Bild wahr und können keine Entfernungen mehr abschätzen. Wie Neuropsychologen der Universität des Saarlandes gemeinsam mit Kollegen der Charité-Universitätsmedizin Berlin herausgefunden haben, können diese Patienten die Seheindrücke ihrer beiden Augen nicht mehr zu einem Gesamtbild verschmelzen. Experten bezeichneten diesen Prozess als binokulare Fusion. Sie sei wichtig für das dreidimensionale Sehen. Das Wissenschaftlerteam entwickelte nun eine Therapie, mit der es einem Patienten gelang, wieder räumlich zu sehen, Entfernungen richtig einschätzen und Gegenstände zielsicher greifen zu können. Auch zu einer weiteren Sehstörung, den sog. visuell-räumlichen Neglect, entwickelten die Neuropsychologen aus dem Saarland ein neues Therapieverfahren. Neglect-Patienten vernachlässigen alles, was sich in ihrer linken Sicht- und Körperseite abspielt. Bei ihrer Methode stimulierten die Psychologen mit schwachen elektrischen Impulsen das Gleichgewichtssystem der Probanden. Mittels dieser neuen Therapie gelang es den Patienten, die vernachlässigte linke Körperseite wieder besser wahrzunehmen.
Georg Kerkhoff et al.; DOI: 10.1016/j.neuropsychologia. 2015.01.029; DOI: 10.1016/j.neuropsychologia.2014.10.039


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