Forschung
03 | März 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Likes und Tweets

Worüber spricht das Web? Welche Themen werden am häufigsten geteilt? Wie ein Wissenschaftlerteam in einer Langzeitstudie herausfand, wurden im Jahr 2014 rund 91 Prozent der empfohlenen Nachrichten über Facebook weitergereicht (2013: 84,8 Prozent), nur noch 6,9 Prozent über Twitter (2013: 12,4 Prozent) und beinahe konstante 2,6 Prozent über Google+ (2013: 2,8 Prozent). Für die Studie wurden 476.000 Artikel aus den beliebtesten 15 Internet-Seiten berücksichtigt, etwa 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Leser gaben diese 476.000 Beiträge 75,4 Millionen Mal über Likes auf Facebook, 5,7 Millionen Mal über Tweets auf Twitter und 1,9 Millionen Mal über One ups auf Google+ weiter. Die Zahl der Empfehlungen hat sich demnach gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt: Rund 83 Millionen Mal (2013: knapp 40 Millionen Mal) reichten Nutzer Artikel weiter. Die beliebteste Quelle war mit 19,3 Millionen Empfehlungen die Website Bild.de, die das Angebot Spiegel Online (17 Millionen Empfehlungen) damit von Platz eins verdrängte. Zum ersten Mal schaffte es auch die Special-Interest-Seite Sport1.de unter die zehn bestplatzierten Internet-Medien. Obwohl Spiegel Online seinen Spitzenplatz eingebüßt hat, ist die Seite in der Ressortauswertung in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weiter vorn. Bild.de führt der Studie zufolge im Bereich Sport, im Ressort Technik behauptete Heise.de seine Marktführerschaft aus dem Vorjahr. Google+ wird mehr und mehr die Plattform der Wahl bei den technikaffinen Nutzern, stellten die Forscher fest, Twitter verliere hier weiter an Boden. Unter den am meisten über Facebook geteilten Berichten fanden sich vergleichsweise viele über Gewalttaten und Verbrechen, politische Themen liefen verstärkt über den Kurznachrichtendienst Twitter.
(„Development of the Social Network Usage in Germany since 2012“, TU Dresden/TU Darmstadt)

Speichern für die Ewigkeit

Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Langzeitspeicherung großer Datenmengen richtet sich der Blick auf ein Speichermedium aus der Natur: die Erbsubstanz DNA. Bereits vor gut zwei Jahren zeigten Forscher, dass sich Daten in Form von DNA speichern und wieder ablesen lassen. Wissenschaftler der ETH Zürich konnten nun zeigen, wie sich eine fehlerfreie Langzeitspeicherung, möglicherweise sogar für mehr als eine Million Jahre, erreichen lässt. Sie verkapselten die informationstragenden DNA-Stücke in Siliziumdioxid (Glas) – ähnlich wie in fossilen Knochen, in denen sich mehrere Hunderttausend Jahre altes Erbgut isolieren und analysieren lässt, da dieses darin verkapselt und geschützt vorliegt. Die von den Forschern in die DNA geschriebene Information waren der Schweizer Bundesbrief von 1291 sowie „Archimedes’ Methodenlehre von Mechanischen Sätzen“. Um in kurzer Zeit den Verfall des Informationsträgers DNA über lange Zeiträume zu simulieren, lagerten die Forscher diese bis zu einem Monat bei Temperaturen zwischen 60 und 70 Grad Celsius. Dank solcher hohen Temperaturen lässt sich der chemische Verfall mehrerer Jahrhunderte innerhalb von wenigen Wochen nachvollziehen. Auf diese Weise verglichen die Forscher die Lagerung der DNA im Silikatmantel mit anderen gängigen Lagerungsmethoden. Dabei stellten sich die Moleküle im Silikatmantel als besonders stabil heraus. Die DNA ließ sich mittels einer Fluoridlösung einfach aus dem Mantel herauslösen und die Information aus ihr ablesen. Da der Einschluss in Siliziumdioxid ungefähr demjenigen in fossilen Knochen entspricht, konnten die Wissenschaftler auf diese prähistorischen Daten über die Langzeitstabilität von verkapselter DNA zurückgreifen. Daraus errechneten sie ihre Prognose: Bei Lagerung bei tiefen Temperaturen, wie z.B. im weltweiten Saatgut-Tresor auf Spitzbergen bei minus 18 Grad Celsius, könnte die DNA-kodierte Information über eine Million Jahre überdauern. Um die Daten auch fehlerfrei wieder auslesen zu können, entwickelten die Forscher einen Algorithmus. Selbst bei Lagerung unter widrigen Umständen ließen sich dank dieser Fehlerkorrektur der Schweizer Bundesbrief und Archimedes’ Text fehlerfrei wiederherstellen.
(Robert Grass et al., DOI: 10.1002/ anie.201411378)

Singles in Deutschland

Eine große Rolle für die zunehmende Zahl an Singles spielen demografische Engpässe auf dem sog. Partnermarkt. Das hat ein Soziologe der Universität Heidelberg auf Basis der für Deutschland repräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) im DIW Berlin ermittelt. Beispielsweise kamen Mitte der 1960er Jahre besonders viele Kinder zur Welt – die geburtenstarken Jahrgänge. Anschließend sanken die Geburtenzahlen so stark ab, dass in den nachfolgenden Jahrgängen bis zu 40 Prozent weniger Kinder geboren wurden. Da sich – wie bereits mehrere frühere Studien belegt haben – Männer bei der Partnersuche meist auf die zwei bis vier Jahre jüngeren Frauen, die Frauen sich umgekehrt auf die zwei bis vier Jahre älteren Männer konzentrieren, könne dies zu Engpässen bei der Partnersuche führen: Die vielen Männer aus den geburtenstarken Jahrgängen konkurrierten um die wenigen Frauen aus den zahlenmäßig kleineren Jahrgängen. Außerdem trugen die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen und der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den 90er Jahren dazu bei, dass immer mehr Menschen immer häufiger alleine leben. Durch das eigene Einkommen der Frauen verliere die traditionelle Versorgungsfunktion einer Beziehung an Bedeutung. Das weit verbreitete Bild, dass vor allem beruflich erfolgreiche Frauen ohne Partner lebten, würden die SOEP-Daten jedoch nicht bestätigen. Die Entscheidung für ein Singledasein sei unabhängig von der beruflichen Position der Frauen. Ausschlaggebend sei vielmehr, ob die Frauen überhaupt ein eigenes Einkommen hätten. Eine weitere Ursache sei bei beiden Geschlechtern die Zunahme der Arbeitslosenzahlen ab Beginn der 90er Jahre. Die Zahl der Arbeitslosen stieg seit 1990 von unter 2,5 Millionen auf zeitweilig 4,5 Millionen in den Jahren 2003 bis 2006. Der Anteil der Singles im Alter zwischen 20 und 35 Jahren erhöhte sich in diesem Zeitraum um 12 Prozent. Schlechte Arbeitsmarktchancen verlangten ein höheres Maß an Flexibilität und liessen eine gemeinsame Zukunftsplanung in einer stabilen Partnerschaft oft nicht zu.
(Jan Eckhard, Zeitschrift für Soziologie Jg. 43, Heft 5, S. 341-360)

Nachthimmel

Ein internationales Forscherteam hat die weltweite Aufhellung des natürlichen Nachthimmels untersucht und dabei herausgefunden, dass diese durch künstliches Licht und Wolken sogar viel stärker variiert als die des Tages. Vor allem Wolken beeinflussen die Helligkeit des Nachthimmels. Messungen an ein und demselben Ort ergaben, dass der bedeckte Nachthimmel bis zu 18 Mal heller sein kann als der Himmel in einer klaren Nacht. Wolken wirkten in diesen Fällen wie ein Verstärker, denn die in den Wolken enthaltenen Wassertropfen könnten das vom Boden abgestrahlte Licht meist nicht absorbieren und reflektierten einen Großteil davon zurück auf die Erde. Helle Gegenden erschienen in bedeckten Nächten deshalb noch heller. In weit abgelegenen Regionen hingegen verdunkeln Wolken den Nachthimmel, indem sie Mond- und Sternenlicht abschirmten. Die Forscher stellten bei den Durchschnittswerten weltweit extreme Unterschiede fest: So zeigte sich der bedeckte Nachthimmel über Berlin 300 Mal heller als der über der Nordseeinsel Schiermonnikoog (NL). Die Auswirkungen der immer heller werdenden Nächte sind den Forschern zufolge noch weitgehend unbekannt. Sie vermuten allerdings, dass sich dadurch Verhaltensmuster von Tieren ändern, die nächtliche Navigation einzelner Arten gestört wird und Räuber-Beute-Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten. Die an 50 Orten weltweit durchgeführte Studie zur Helligkeit des Nachthimmels sei die bisher umfangreichste ihrer Art.
(Christopher Kyba et al., DOI: 10.1038/srep08409)

Soziales Netzwerk im Gehirn

Jede Nervenzelle im Gehirn ist mit einer Vielzahl anderer Nervenzellen verbunden, doch die stärksten Verbindungen bestehen zwischen den wenigen Zellen, die sich besonders ähneln. Das haben Wissenschaftler der Universität Basel und des University College London herausgefunden. Nervenzellen bilden ein komplexes Geflecht aus Verbindungen, den Synapsen, von denen es bis zu mehrere Tausend pro Zelle gibt. Doch nicht alle dieser synaptischen Verbindungen sind gleich: Die große Mehrheit ist schwach, nur sehr wenige sind stark. Den Wissenschaftlern zufolge sind gleichgesinnte Neuronen stark miteinander gekoppelt, während Neuronen, die sich unterschiedlich verhalten, nur schwache oder gar keine Verbindung haben. Die schwachen Kontakte im Gehirn hätten kaum Bedeutung, obwohl sie in der Mehrheit seien. Die wenigen starken Verbindungen zwischen Neuronen mit ähnlicher Funktion hingegen hätten den stärksten Einfluss auf die Aktivität ihrer Partner. Dieses Zusammenspiel könnte ihnen helfen, bestimmte Informationen der Außenwelt zu verstärken. Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Vielzahl an schwachen Verbindungen für Lernprozesse wichtig sein könnte. Wenn Neuronen ihr Verhalten ändern müssten, stünden schwache Verbindungen bereits zur Verfügung, um zu starken Verbindungen ausgebaut werden zu können. Folglich könne sich das Gehirn schneller an Veränderungen in der Umwelt anpassen.
(Thomas Mrsic-Flogel et al., Nature online, 4.2.15)


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken