Forschung
01 | Januar 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Spätlerner

Wer Deutsch gut liest und schreibt, kann diesen Vorteil aufs Englische übertragen – unabhängig vom Alter zu Lernbeginn der Fremdsprache. Der frühe Fremdsprachenunterricht zahlt sich hingegen weniger aus als bisher angenommen. Das sind Ergebnisse einer linguistischen Fünf-Jahres-Studie mit 200 Zürcher Gymnasiasten zu Beginn und gegen Ende ihrer Schulzeit. Demnach wirkt sich der Fremdsprachenunterricht im früheren Alter weder kurz- noch langfristig vorteilhaft aus. Bereits nach sechs Monaten hatten die Lernenden, die fünf Jahre später einstiegen, die Frühlernenden eingeholt und teilweise sogar übertroffen. Untersucht wurden grammatikalische Korrektheit und Komplexität, Sprachfluss, Grammatikalitätsbeurteilung sowie inhaltliche und strukturelle Aspekte des schriftlichen Ausdrucks. Allerdings verfügten die Frühlernenden bei der ersten Datenerhebung über einen größeren Wortschatz, und sie hatten weniger die Tendenz, ihre Lücken im Wortschatz der Fremdsprache durch sog. Code-Switching ins Deutsche zu füllen. Zum Zeitpunkt der zweiten Datenerhebung, kurz vor dem Abitur, seien keine Unterschiede mehr bezüglich des frühen bzw. späten Einstiegs in den Fremdsprachenunterricht erkennbar gewesen. Die für den frühen Fremdsprachenunterricht wenig ermutigenden Ergebnisse ließen sich wie folgt erklären: Zu Beginn der Gymnasialschulzeit wiesen die Spätlerner signifikant bessere schriftliche Deutschkenntnisse auf als die Frühlernenden, die bereits in der Grundschule in Deutsch, Englisch und Französisch unterrichtet worden waren. Die Spätlerner begannen den Fremdsprachenunterricht daher mit einer günstigeren Grundlage in der Schriftsprache. Wobei sich dieser Vorteil nach fünf Jahren bei der zweiten Datenerhebung nicht wiederfand. Darüber hinaus korrelierte der Zusammenhang zwischen schriftlichen Deutsch- und Englischkenntnissen positiv und signifikant. Der Faktor Alter könne demnach für den Prozess des Fremdsprachenlernens nicht einzig auf ein möglichst frühes Alter zu Lernbeginn reduziert werden (Simone Pfenninger, Universität Zürich, DOI: 10.1080/13670050.2014.972334).

Wechseltaktik

Fußballtrainer fällen zuweilen ungünstige Entscheidungen, wenn ihr Team hinter den Erwartungen zurückliegt: Sie wechseln dann zu oft offensive Spieler ein, was die Lage noch verschlimmert. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Wissenschaftlerteam, das das Verhalten von Trainern und Spielern in zwölf Saisons der deutschen Bundesliga und der britischen Premier ­League untersucht hat. Liegt ein Team beispielsweise 0:1 zurück und ist dies nicht erwartet, dann wechseln die Trainer vermehrt Stürmer gegen Verteidiger ein – mit negativen Konsequenzen: Die Tordifferenz verschlechtert sich um 0,3 Tore pro offensivem Wechsel. Das bedeutet, dass derartige Wechsel die Anzahl der Gegentore stärker erhöhen als die Anzahl der selbst geschossenen Tore, was sich auch in einer um 0,3 verschlechterten Punktzahl für das Team niederschlägt. Wenn ein Rückstand den Erwartungen von Publikum und Trainer entsprach, zeigten sich solche Effekte nicht. Die Analyse ergab außerdem, dass die Schiedsrichter bei einem unerwarteten Rückstand wesentlich mehr Regelverstöße ahnden mussten. Karten wegen Tätlichkeiten nahmen um 85 Prozent zu, wenn das Team unerwartet zurück lag. Die Wissenschaftler werteten für ihre Analyse 8 200 Spiele mit insgesamt 22 460 Toren, 42 359 Einwechselungen und 30 694 gelben und roten Karten aus (Daniel Schunk/Leif Brandes/Björn Bartling, Management Science).

Geld und Kinder

Sozialwissenschaftler vom Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung haben untersucht, ob die mit dem 2007 eingeführten Elterngeld verbundenen Ziele, mehr Geld für Familien und höhere Geburtenraten, verwirklicht werden konnten. Demnach ist das Einkommen von Familien mit einem Baby von 2006 bis 2008 durchschnittlich um über 100 Euro pro Kopf gestiegen. Hinter dem Durchschnittswert verbergen sich jedoch erhebliche Unterschiede: Während sich das Einkommen von Müttern mit Haupt-, Real- oder Gymnasialabschluss nur geringfügig änderte, stieg es bei Müttern mit Hochschulreife und Lehre im Schnitt um 86 Euro monatlich, bei Müttern mit Hochschulabschluss um 236 Euro und bei Müttern mit Promotion gar um 965 Euro. Eine erhöhte Geburtenrate konnten die Wissenschaftler bei Akademikerinnen ausmachen: So stieg die geschätzte Geburtenrate von 1,26 Kindern für die Jahre 2000 bis 2006 über 1,37 Kinder für die Jahre 2008 bis 2010 auf 1,41 Kinder im Jahr 2011. In allen anderen Bildungsgruppen ließ sich dagegen keine ähnliche Entwicklung ausmachen. Damit hätten die Akademikerinnen die mittlere Bildungsschicht (Lehre und/oder Hochschulreife) bei den Kinderzahlen eingeholt, nachdem sie lange die geringsten Geburtenraten hatten (Martin Bujard/Jasmin Passet-Wittig, Demografische For­schung aus erster Hand, MPI?für Demografische Forschung Rostock).

Müllkippe Meer

Mehr als fünf Billionen Plastikteile treiben in den Weltmeeren. Das entspricht einem Gewicht von nahezu 270.000 Tonnen, wie eine internationale Forschergruppe anhand von Daten aus 24 Studien zusammengetragen hat. Der Großteil des Mülls bestehe aus Krümeln und befinde sich in großen subtropischen Meereswirbeln (Marcus Eriksen et al., DOI: 10.1371/journal.pone.0111913).

Übergewicht und Alter

Übergewicht wirkt sich auf das Gehirn aus. So stumpft das Belohnungszentrum im Gehirn beispielsweise bei einem übermäßigen Nahrungskonsum ab, so dass immer mehr Essen für das gleiche Sättigungsgefühl nötig ist. Wie Forscher des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften nun nachweisen konnten, gehen bei übergewichtigen Frauen Änderungen im Frontallappen der Großhirnrinde mit Änderungen von Nervenfasern aus diesem Areal in andere Gehirngebiete einher. Die Befunde im Gehirn ähnelten dabei solchen bei älteren Menschen: Im Alter nehme die Weiterleitung von Nervensignalen über diese Leitungsbahnen ab, so dass ein Nervensignal nicht so schnell von dem einen an den anderen Ort gelangen kann. Das führe dazu, dass sich gewisse Denk- und Handlungsprozesse im Verlauf des Alters veränderten. Eine mögliche Interpretation der Ergebnisse könnte sein, dass die Struktur einiger Leitungsbahnen bei Übergewichtigen frühzeitig gealtert sei. Dies bleibe allerdings zur Zeit noch spekulativ (Burkhard Pleger et al.).

Mittelmäßig

Deutsche Schülerinnen und Schüler erreichen im Umgang mit den neuen Technologien ein Kompetenzniveau, das sich im internationalen Vergleich im Mittelfeld bewegt. Das ergab die Schulleistungsstudie ICILS, die erstmals die Kompetenzen von Schülern der Jahrgangsstufe acht im Umgang mit den neuen Medien in 21 Ländern gemessen hat. Demnach sind 45 Prozent der Schüler in der Lage, unter Anleitung Dokumente zu bearbeiten und einfache Informationsprodukte zu erstellen, etwa 30 Prozent verfügen über rudimentäre Fertigkeiten bzw. basale Wissensbestände im Umgang mit neuen Technologien und digitalen Informationen. Lediglich 1,5 Prozent der Achtklässler erreichten die höchste Stufe, die elaborierte computer- und informationsbezogene Kompetenzen umfasst – der Anteil lag bei allen anderen teilnehmenden Ländern ähnlich niedrig. In der Studie zeichnete sich ein Leistungsvorsprung der Mädchen im Umgang mit den neuen Technologien ab, der in der überwiegenden Mehrheit der beteiligten Länder signifikant ist. Darüber hinaus zeigten sich in Deutschland – aber auch in allen an ICILS 2013 teilnehmenden Ländern – sehr deutliche herkunftsbedingte Unterschiede bei Achtklässlern im Umgang mit digitalen Medien, die zuungunsten von Jugendlichen aus sozioökonomisch weniger privilegierten Elternhäusern gingen. Ähnliches gilt für Schüler mit Migrationshintergrund: Hier zeigte sich eine deutliche Leistungsdifferenz zwischen Schülern in Deutschland ohne Zuwanderungshintergrund und mit Zuwanderungshintergrund. Fast die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland, die in der achten Jahrgangsstufe unterrichten, gab an, dass ein unzureichender Internetzugang (z.B. eine sehr langsame oder instabile Verbindung) den Computereinsatz im Unterricht einschränke (45,5 Prozent), 43,1 Prozent bemängelten, die Computer an der Schule seien veraltet, und es sei keine ausreichende Ausstattung mit neuen Technologien vorhanden (42,2 Prozent).


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