Forschung
10 | Oktober 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Ursprung der Europäer

Die meisten der heutigen Europäer stammen von mindestens drei verschiedenen Populationen ab: Von Jägern und Sammlern aus Westeuropa, den ersten europäischen Bauern und von einer Population aus dem Norden Eurasiens, die wiederum eine Verbindung zu den Ureinwohnern Amerikas besitzt. Dies zeigt der Vergleich des Erbguts ursprünglicher Europäer mit dem heutiger Menschen, den ein internationales Forscherteam durchgeführt hat. Demnach entstanden im Nahen Osten vor etwa 11.000 Jahren die ersten bäuerlichen Kulturen. Mit der Zeit breitete sich diese bäuerliche Lebensweise nach Westen aus. In Mitteleuropa vollzog sich der Umbruch vermutlich vor etwa 7.500 Jahren. Frühere Untersuchungen hätten den Forschern zufolge gezeigt, dass das Erbgut der ersten europäischen Bauern sich von dem der europäischen Jäger und Sammler unterscheide. Es weise mehr Ähnlichkeiten mit dem modernen Menschen aus dem Nahen Osten auf. Des Weiteren untersuchten die Forscher das Erbgut von insgesamt neun?Ur-Europäern: von einer etwa 7 000 Jahre alten Bäuerin, deren Überreste in Deutschland gefunden worden waren, und von acht etwa 8.000 Jahre alten Jägern und Sammlern aus Luxemburg und Schweden. Dann verglichen sie das Erbgut mit dem von 2.345 Menschen aus 203 modernen Populationen weltweit. Der Anteil der jeweiligen Vorfahren unterscheidet sich demnach zwischen den heutigen Europäern erheblich. Nordeuropäer trügen mehr Gene der Jäger und Sammler in sich – Menschen in Litauen bis zu 50 Prozent – und Südeuropäer mehr bäuerliche Ahnenanteile (Johannes Krause et al., Universität Tübingen; dpa, 19.9.14).

Männerfreundschaften

Männliche Guineapaviane verhalten sich tolerant und kooperativ gegenüber ihren gleichgeschlechtlichen Artgenossen, auch wenn sie mit diesen nicht verwandt sind. Einer Studie des Deutschen Primatenzentrums zufolge sind Guinea­paviane damit ein ideales Beispiel, um die soziale Evolution des Menschen zu verstehen. Auch hier seien ausgeprägte Kooperationen und enge Bindungen zwischen nicht verwandten Männern weit verbreitet und den Forschern zufolge eine Voraussetzung für das Gelingen komplexer menschlicher Gesellschaften. Die zwei Jahre dauernde Feldstudie ergab, dass die soziale Organisation der Guinea­paviane drei Ebenen beinhaltet: Die kleinste und gleichzeitig zentrale Einheit der Gesellschaft bildeten sog. Parties, die drei bis vier Männchen sowie ihre jeweils ein bis fünf assoziierten Weibchen und deren Jungtiere umfasst. Innerhalb der Parties kommt es zu den engsten sozialen Bindungen zwischen Männchen. Die nächsthöhere Ebene ist die Gang, die aus zwei bis drei Parties besteht. Auch innerhalb der Gang konnten soziale Interaktionen zwischen den männlichen Tieren beobachtet werden. Die dritte Ebene umfasst alle Tiere, die sich ein Streifgebiet teilen, und wird als Community bezeichnet. Dabei gingen die Männchen enge kooperative Verbindungen sowohl mit verwandten als auch nicht-verwandten Artgenossen ein. Die männlichen Guineapaviane zeigten dabei sehr viel weniger rivalisierendes Verhalten untereinander sowie weniger Aggression gegenüber Weibchen als z.B. Bärenpaviane. Männerfreundschaften könnten damit als Schlüssel für die Evolution komplexer Sozialsysteme angesehen werden. Auch Menschen lebten in mehrschichtigen Sozialsystemen. Innerhalb der traditionellen Gesellschaften gingen männliche Individuen unabhängig vom Verwandtschaftsgrad starke kooperative Beziehungen untereinander ein. In zukünftigen Studien wollen die Forscher untersuchen, welche Rolle die Weibchen bei den Männerfreundschaften spielen (Patzelt et al., DOI: 10.1073/pnas.1405811111).

Geisternetze

Erstmals haben Taucher vor der deutschen Ostseeküste verlorengegangene Fischernetze – sog. Geisternetze – geborgen. Wie das Deutsche Meeresmuseum mitteilte, verfangen sich die Kunststoffnetze an alten Wracks und werden dort zur tödlichen Falle für andere Meeresbewohner. Zudem setzten die Netze feinste Mikropartikel frei, die in die Nahrungskette gelangen könnten. Bislang wurden an zwei Wracks vor Rügen rund eine Tonne Netze aus dem Wasser geholt. Die Forscher hatten allein um Rügen 28 Wracks aus den vergangenen Jahrzehnten identifiziert, an denen sich Netze verfangen hatten. Das Bundesamt für Seeschifffahrt hat in der deutschen Ostsee rund 100 Wracks ausgemacht, an denen Netze hängen (Thomas Förster et al.; dpa 12.9.14).

Schwimmstil von Spermien

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass alle Spermien eine fast identische Schwimmtechnik haben, manche dabei nur langsamer als ihre „Konkurrenten“ sind. Einem internationalen Forscherteam zufolge trifft diese Annahme in großen Teilen nicht zu. Sie konnten zeigen, dass Spermien ihren Schwimmstil wechseln, um die Eizelle zuerst zu erreichen. Sie können sich für wenige Sekunden an andere Zellen anheften, um danach wieder frei zu sein und – ausgelöst durch eine Rotation des Spermienkopfes – in eine andere Richtung schwimmen. Art und Geschwindigkeit der Rotation bestimmen dabei, in welche Richtung das jeweilige Spermium schwimmt. Zudem beobachteten die Wissenschaftler, dass Spermien in der Lage sind, in Gruppen von zwei bis vier aneinandergelagerten Zellen zu schwimmen, was eine signifikante Geschwindigkeitszunahme zur Folge hat (DF Babcock/P. Wandernoth/G. Wennemuth; Universitätsklinikum Essen, 8.9. 14).

Schneller wachsen und altern

Bäume in Deutschland wachsen und altern schneller als in früheren Jahrzehnten. Das geht aus einer Langzeitstudie der TU München hervor, für die Wissenschaftler 600.000 Baummessungen seit 1870 ausgewertet haben. Als Ursachen nennen sie das wärmere Klima und die längere Vegetationszeit. Ein weiterer Grund sei die Zunahme von Kohlendioxid und Stickstoff. Demnach entwickelten sich einzelne Buchen um 70 Prozent schneller als 1960, Fichten um 32 Prozent. Ganze Buchenbestände wüchsen um 30 Prozent, Fichtenbestände um zehn Prozent schneller. Der saure Regen habe das Baumwachstum auf den Versuchsflächen nur vorübergehend beeinträchtigt, der Eintrag von Schadstoffen sei seit den 1970er Jahren deutlich reduziert worden (Hans Pretzsch et al., Nature Communications; dpa 19.9.14).

Dämmerschlaf

Magen- und Darmspiegelungen gehören zu den gefürchteten Vorsorgeuntersuchungen. Durch die Sedierung, den durch Medikamente herbeigeführten Dämmerschlaf, können die Untersuchungen jedoch stress- und schmerzfrei durchgeführt werden. Allerdings wird dabei die Atmung reduziert, und es kann in Ausnahmefällen oder bei einer Überdosierung zu einem Atemstillstand kommen. Wie eine aktuelle Studie von Gastroenterologen nun ergeben hat, verläuft die Sedierung fast immer komplikationsfrei. Nur bei einer von 10.000 Sedierungen bei Magen- und Darmspiegelungen kam es zu schwerwiegenderen Problemen. Die Wissenschaftler hatten dazu mehr als 350.000 Eingriffe in 40 deutschen Kliniken ausgewertet. Sie gilt damit als bislang größte prospektive Studie zu Komplikationen bei Sedierungen (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen?Medizinischen Fachgesellschaften, 19.9.14).

Muskelkraft

Beim Erklettern von Bäumen gehen Schlangen auf Nummer sicher: Sie halten sich im Durchschnitt mit erheblich mehr Kraft fest, als nötig wäre, um nicht abzurutschen. Wie US-amerikanische Wissenschaftler herausfanden, ist bei der Königsboa (Boa constrictor) der Sicherheitspuffer besonders groß: Sie wendet beim Klettern im Durchschnitt das Fünffache der eigentlich benötigten Kraft auf. Während viele Tiere zum Klettern Krallen verwenden oder sich wie Geckos mit Saugnäpfen festhalten, müssen sich Schlangen mit reiner Muskelkraft anklammern (Greg Byrnes et al., Biology Letters; dpa, 22.8.14).

Lassie und Co

Der Erfolg von Hundefilmen beeinflusst die Popularität der dargestellten Hunderassen über Jahre. Das haben US-amerikanische Wissenschaftler herausgefunden. Sie setzten dazu die Popularität einzelner Rassen mit 29 Kinofilmen aus den Jahren 1926 bis 2005 in Verbindung, in denen ein Hund eine tragende Rolle gespielt hatte. Nach Erscheinen von „Heimweh“ im Jahr 1943, dem ersten Lassie-Film, sei in den folgenden zwei Jahren die Zahl der Collie-Registrierungen um 40 Prozent gestiegen. Der Disney-Film „Der unheimliche Zotti“ aus dem Jahr 1959 habe gar zu einem 100-fachen Anstieg bei den Registrierungen von Bobtails geführt. Der Trend ist den Forschern zufolge im frühen 20. Jahrhundert am größten gewesen und hat seitdem stetig nachgelassen. Das habe u.a. mit der Vielzahl der heute veröffentlichten Filme zu tun. Um 1940 herum sei weniger als ein Hundefilm pro Jahr erschienen, 2005 waren es sieben (Stefano Ghirlanda et al., PLOS ONE; dpa, 12.9.14).


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