Forschung
04 | April 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Typisch weiblich, typisch männlich?

Die Intuition gilt traditionell als weiblich und wird der männlichen Vernunft gegenübergestellt. Ob diese Stereotypen nach wie vor existieren, wollten Wissenschaftler des MPI für Bildungsforschung wissen. Einige Ergebnisse sind überraschend. Wenn es um die Wahl des richtigen Lebenspartners geht, war die Mehrzahl der befragten Frauen überzeugt, dass sie die bessere Intuition haben. Und die deutschen Männer stimmten ihnen zu. Das gleiche Bild zeigte sich bei anderen persönlichen Fragen. Ganz anders sah es jedoch zum Beispiel beim Aktienkauf an der Börse aus. Nur elf Prozent der befragten Frauen dachten, dass sie hier die bessere Intuition haben – und noch weniger Männer trauten ihnen das zu. Indes verfügen Männer zwar meist über mehr Wissen, aber nicht über eine bessere Intuition. Andere Studien hätten keinen Unterschied oder sogar leicht erfolgreichere Investitionen von Frauen ergeben. Diese Gleichförmigkeit der Stereotype bei Männern und Frauen wird den Wissenschaftlern zufolge jedoch in einem Bereich durchbrochen: die soziale Interaktion im Berufsleben. Dort gebe es diese Übereinstimmung und Polarisierung nicht mehr. Gehe es etwa um das Führen von Mitarbeitern, glaubten die Männer mehr an ihre Intuition als an die weibliche. Bei den Frauen war es hingegen umgekehrt: Mehr Frauen als Männer glaubten nicht an die männliche Intuition im Umgang mit Mitarbeitern. Ein großer Teil aber sah hier keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Ein unerwartetes Ergebnis erbrachte die Analyse des Alters: Junge wie ältere Deutsche hatten die gleichen Stereotype über Intuition. Ein?Ländervergleich ergab, dass beispielsweise die spanischen Frauen und Männer weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern sahen als die Deutschen, insbesondere in Bereichen, die den Beruf betreffen. Zwar seien im vermeintlich gleichgestellten Deutschland mehr Frauen berufstätig als in Spanien, jedoch dafür häufiger in Teilzeit. Gleichzeitig säßen mehr Spanierinnen als deutsche Frauen in Top-Positionen (Gerd Gigerenzer et al., DOI:?10.1177/0022022113487074).

Allergie und Ambrosia

Die ursprünglich in Amerika heimische allergieverursachende Beifuß-Ambrosie wird sich nach Erwartungen von Wissenschaftlern noch stärker in Europa ausbreiten als bisher erwartet. Die europäischen Populationen hätten sich weiterentwickelt und seien fitter geworden, berichten Wissenschaftler der Universität Frankfurt und des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F). Die Beifuß-Ambrosie, auch Ambrosia genannt, profitiere vom Klimawandel, habe sich vermutlich aber auch evolutionär verändert. Die europäischen Samen seien nicht nur deutlich größer als die der amerikanischen Pflanzen, auch ihre Keimrate sei mit 92 Prozent fast doppelt so hoch. Europäische Jungpflanzen vertragen nach den Untersuchungen der Wissenschaftler außerdem mehr Frost. Eine Erklärung könne sein, dass Krankheitserreger oder natürliche Feinde hierzulande fehlten. Während das unscheinbare Kraut in Deutschland noch vergleichsweise selten vorkomme, sei es im Südosten Europas schon fester Bestandteil der Vegetation. Nötig ist den Wissenschaftlern zufolge eine nationale Strategie wie in der Schweiz, wo jeder Bürger gesetzlich verpflichtet sei, Ambrosia-Vorkommen zu melden (dpa, 7.3.14).

Musik in Schuhkartons

Viele Liebhaber klassischer Musik bevorzugen rechtwinklige Konzertsäle in der Form eines Schuhkartons, haben Analysen ergeben. Einen möglichen Grund dafür nennt nun eine Studie finnischer Wissenschaftler. Der Widerhall der Seitenwände hebe die hohen Töne und Obertöne bei lauten Musikpassagen besonders hervor, so dass die Musik dynamischer klinge. Die Forscher untersuchten zehn europäische Konzertsäle, darunter sieben in Deutschland. Fünf der Säle hatten eine Schuhkartonform, die übrigen hatten andere Formen. Für ihre Messungen des Klangspektrums verwendete das Team Kopfmodelle mit Mikrofonen an den Stellen des linken und rechten Ohrs in einer Reihe, aber fünf verschiedenen Abständen zur Bühne. Auf der Bühne platzierten die Forscher Lautsprecher, die wie Orchestermusiker verteilt waren. Die Lautsprecher waren kalibriert, so dass sie in jedem Konzertsaal denselben Klang und dieselbe Lautstärke erzeugten. Als Referenzmusik dienten 20 Takte aus Anton Bruckners Sinfonie Nummer 9. Unterschiede zwischen den Konzertsälen ergaben sich vor allem bei den hohen Schallfrequenzen. Je weiter die Kopfmodelle von der Bühne entfernt platziert waren, desto deutlicher war der Effekt. Als Quelle der Verstärkung hoher Frequenzen machte das Forscherteam die Seitenwände aus, die den direkten Klang von der Bühne innerhalb von 100 Millisekunden um reflektierte Schallwellen ergänzten. Die Wissenschaftler sehen ihre Ergebnisse im Einklang mit den Vorlieben von Klassik-Fans: Ehrwürdige historische Konzertsäle in Schuhkartonform wie der Wiener Musikverein, das Konzerthaus Berlin oder das Concertgebouw in Amsterdam seien deshalb so erfolgreich, weil ihre Form den dynamischen Umfang des sinfonischen Klangs vergrößere (Jukka Pätynen et al., DOI: 10.1073/pnas.1319976111; dpa, 7.3.14).

Aussetzer-Gen

Das Gen „DRD2“ ist Psychologen der Universität Bonn zufolge mit verantwortlich für Vergesslichkeit und kurze Aussetzer. Wie die Forscher herausfanden, spielt das „Dopamin D2 Rezeptor-Gen“ eine wichtige Rolle bei der Signalweiterleitung in die Stirnlappen. Diese Struktur sei mit einem Dirigenten vergleichbar, der das Gehirn als Orchester koordiniere. Das DRD2-Gen entspreche in diesem Bild dem Taktstock, weil es an der Dopaminbindung im Gehirn beteiligt sei. Gebe der Taktstock zwischendurch das falsche Tempo vor, komme das Orchester durcheinander. Jeder Mensch sei Träger des DRD2-Gens. Wer über eine bestimmte Variante verfüge, sei häufiger „Opfer“ von Vergesslichkeit und Aufmerksamskeitsdefiziten. Bei Tests mit 500 Frauen und Männern war das ein Viertel der Probanden (Sebastian Markett et al., DOI: 10.1016/ j.neulet.2014.02.052).

Grippeviren

Wissenschaftler aus Köln und New York haben gemeinsam ein Modell erarbeitet, um die Evolution von Grippeviren von einem Jahr auf das nächste vorauszusagen. Dieses könnte künftig dabei helfen, passendere Grippeimpfstoffe herzustellen. Grundlage dafür sei das von Charles Darwin beschriebene Evolutionsprinzip, wonach nur die fittesten Individuen überleben. Die Frage lautet, was die Fitness eines Grippevirus bestimmt. Jeder Grippestamm kann jeden Menschen nur einmal infizieren. Würde sich der Grippestamm also nicht verändern, gingen ihm nach und nach die Wirte aus. Das Virus verändere also ständig seine Eigenschaften. Damit könne das menschliche Immunsystem das Virus nicht mehr erkennen, und der Mensch bekäme wieder eine Grippe. Wie die Wissenschaftler schreiben, sind erfolgreiche Mutanten jedoch auch konservativ, sie müssen alle wichtigen Funktionen des Grippevirus erhalten. Anhand von Genomdaten könnten die Wissenschaftler vorhersagen, welches Virus eine höhere Fitness habe als andere. Die Methode ermögliche eine neue, systematische Auswahl von Impfstämmen. Inwieweit das zu verbesserten Impfstoffen führe, werde sich jedoch erst nach weiteren umfangreichen Tests mit weltweiten Influenza-Daten zeigen. Bei der Forschungsarbeit ginge es auch um die grundsätzliche Frage, ob aus der Evolutionsbiologie eine vorhersagende Wissenschaft gemacht werden könne. Bis man beweisen könne, dass das Modell tatsächlich zu verbesserten Impfstoffen führe, sei es noch ein langer Weg (Marta Luksza/Michael Lässig, DOI:10. 1038/nature13087; dpa 28.2.14).

Drehscheibe

Deutschland ist eine wichtige Drehscheibe des internationalen Vogelzugs. Rund 500 Millionen Zugvögel fliegen jedes Jahr über Deutschland hinweg, überwintern oder brüten hier. Von den 279 regelmäßig vorkommenden Arten ist jedoch knapp ein Viertel im Bestand gefährdet, darunter die Kornweihe, der Rotschenkel und der Kuckuck. Das geht aus der ersten Roten Liste über wandernde Vogelarten in Deutschland hervor (BfN/ DRV, dpa, 14.3.14).


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