Forschung
05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Keiner wird zurückgelassen

Afrikanische Ameisen können ihre Artgenossen um Hilfe rufen, wenn sie auf ihrem Beutefang verletzt wurden. Sie werden dann zurück ins Nest getragen und verarztet. Das haben Forscher der Universität Würzburg herausgefunden. Die südlich der Sahara weit verbreiteten afrikanischen Matabele-Ameisen (Megaponera analis) jagen mehrmals am Tag Termiten. Sie ziehen in langen Kolonnen aus, überfallen Termiten an ihren Futterstellen, töten dort viele Arbeiter und schleppen die Opfer zurück in ihr Nest. Bei diesen Überfällen stoßen die Ameisen allerdings auf Gegenwehr – sie werden in Kämpfe mit der Soldatenkaste der Termiten verwickelt. Dabei kann es Tote und Verwundete geben. Die Ameisen haben darum ein Rettungsverhalten entwickelt, das man in dieser Form bei Insekten den Wissenschaftlern zufolge bislang nicht kannte. Ein chemisches Signal löse die Rettung aus: Werde eine Ameise im Kampf verletzt, „rufe“ sie ihre Artgenossen um Hilfe, indem sie chemische Signalstoffe absondere. Zurück im Nest, bestünde die „Therapie“ darin, dass meist die Termiten entfernt würden, die sich an der Ameise festgebissen hätten. Gerade bei sozialen Insekten, bei denen das Individuum im Vergleich zur ganzen Kolonie in der Regel nur wenig zähle, sei das nicht zu erwarten gewesen, so die Wissenschaftler. Aber offenbar zahle es sich in der Gesamtbilanz für die Kolonie aus, den Aufwand zur Rettung von Verwundeten zu betreiben.
Erik T. Frank et al., Sciences Advances, 12.4.17

Lose Schnürsenkel

Forscher haben herausgefunden, warum sich Schuhschleifen oftmals lösen. Wie die F.A.Z. berichtet, beruhe die schlagartige Veränderung der Schnürung auf der schleichenden Wirkung zweier Kräfte. Zum einen lockere sich durch das wiederholte Auftreten das Zentrum des Knotens. Zum anderen zögen die losen Enden der Schnürsenkel, die beim Gehen in Schwingungen geraten, den Knoten nach und nach auf. Das Versagen des Knotens passiere dann in wenigen Sekunden. Den Forschern zufolge lockerten sich Schnürsenkel nicht, wenn man im Sitzen das Bein lediglich hin- und herschwinge. Andersherum reiche bloßes Stampfen auf den Boden nicht aus, um den Knoten zu lösen. Dem Bericht zufolge gebe es Schleifen-Varianten, deren Knoten besser hielten als andere. Der „falsche Knoten“ – im Deutschen Altweiberknoten genannt – sei eine Variante, die sich besonders schnell löse. Der klassische Kreuzknoten halte hingegen länger, löse sich schließlich aber auch. Schwache Knoten versagen den Forschern zufolge immer und der starke Knoten nach einer gewissen Zeit. Allerdings wüssten die Wissenschaftler noch nicht, wo die entscheidenden mechanischen Unterschiede zwischen beiden Knoten lägen. Viele Fragen zu den mechanischen Grundlagen seien noch offen.
F.A.Z., 12.4.17; Christopher Daily-Diamond et al., University of California Berkeley

Epi-Sprache Latein

Ein Bochumer Philologe hat herausgefunden, warum Latein, das im 17. bis 19. Jahrhundert längst keine gesprochene Sprache mehr war, immer noch in zahlreichen Schriften auftauchte: Demnach diente Latein in dieser Zeit als Instrument, um Sprachen, die bis dahin in der abendländischen Kultur wenig bekannt waren, zu übersetzen. Die Gelehrten hätten die Sätze fremder Sprachen wie Arabisch oder Chinesisch mit Latein nachgebaut und so eine Textgrundlage für weitere Analysen erhalten. Die Übersetzer mussten sich dabei nicht an bestimmte sprachliche Vorgaben im Lateinischen halten, weil es keinen Muttersprachler mehr gab, der sich an einem ungewöhnlichen lateinischen Satzbau hätte stören können. Diese Anwendungsmethode nennt der Philologe Epi-Sprache: Latein wurde über die fremde Sprache gelegt. Die Anwendung der Epi-Sprache hätte den Vorteil gehabt, Texte zunächst neutral übersetzen zu können, bevor eine Version in der entsprechenden Volkssprache entstanden sei.
Reinhold Glei, Universität Bochum

Bildungs­erfolg und Genus

Mädchen können besser lesen, Jungen besser rechnen? So einfach scheint es nicht zu sein, wie Bildungsforscher des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) herausgefunden haben. In ihrer Untersuchung hätten sich zwar zunächst die bekannten Befunde bestätigt, dass Mädchen im Lesen und in Englisch, Jungen in Mathematik besser abschneiden. Allerdings fielen die Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern je nach sozialem Hintergrund unterschiedlich aus, und zwar sowohl im Lesen als auch in Mathematik und Englisch. Darüber hinaus sei der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Leistung bei den Jungen größer als bei den Mädchen. Die Leistungen der Jungen stiegen also bei einem höheren sozioökonomischen Status stärker an und fielen umgekehrt bei einem niedrigeren Status deutlicher ab. Die Forscher untersuchten Daten von knapp 4.000 Schülerinnen und Schülern der sechsten Klasse von knapp 90 öffentlichen Berliner Grundschulen.
Josefine Lühe et al., www.dipf.de

Diät und Alterungsprozess

Weniger zu essen verlängert die Lebensspanne vieler Organismen bis hin zu Affen. Warum das so ist, ist allerdings nicht vollständig bekannt. Eine internationale Forschergruppe hat nun im Tierversuch herausgefunden, dass eine Diät epigenetische Veränderungen im Erbgut von Mäusen auslöst. Eine um 40 Prozent reduzierte Nahrungsaufnahme verlängerte in der Folge die Lebenszeit um 30 Prozent. Bei verringerter Nahrungsaufnahme würden Gene u.a. epigenetisch abgeschaltet, die den Fettstoffwechsel steuerten, schreiben die Forscher. Dieser verstärkte Abbau von Fetten schütze den Körper vor einer altersbedingten erhöhten Fettablagerung in der Leber und letztlich vor der Entstehung einer Insulinresistenz, einem typischen Merkmal von Diabetes.
Oliver Hahn et al., MPI für Biologie des Alterns/Exzellenzcluster für Alternsforschung CECAD/Babraham Institut in Cambridge: Genome Biology; März, 2017

Tagträumen

Bei Menschen, die gezielt ihren Gedanken nachhängen, arbeiten bestimmte Hirnstrukturen, die für die kognitive Kontrolle zuständig sind, effektiver zusammen. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Universität York in England. Weil Menschen oft Fehler passieren, sobald sie die Konzentration auf ihre Umgebung verlieren, galt Tagträumen lange als Aussetzer im kognitiven Kontrollsystem, das sonst insbesondere die Aufmerksamkeit steuert und Handlungen planen lässt. Dieses Phänomen muss den Wissenschaftlern zufolge jedoch differenzierter betrachtet werden. Neben dem ungewollten, spontanen Abschweifen der Gedanken existiere eine weitere Form, bei der sich der Mensch bewusst dafür entscheide, seinen Gedanken nachzuhängen. Sie könne als eine Art mentale Probebühne dienen, auf der der Mensch gedanklich zukünftige Ereignisse durchspiele oder aktuelle Probleme löse. Bei diesen Menschen sei der Cortex im Stirnbereich des Gehirns dicker ausgebildet. Außerdem überlappten sich zwei entscheidende Hirnnetzwerke stärker. Durch diese stärkere Verknüpfung könne das Kontrollnetzwerk stärker auf lose Gedanken einwirken und ihnen so eine stabilere Richtung geben. Für die Wissenschaftler ist das der Beleg dafür, dass die geistige Kontrolle im Falle des gezielten Tagträumens keineswegs aussetzt. Könne man Tagträume gut kontrollieren, sie also unterdrücken, wenn es wichtig ist, und ihnen freien Lauf lassen, wenn es möglich ist, ließe sich der größtmögliche Nutzen aus ihnen ziehen.
Johannes Golchert et al., Neurolmage 146


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