Forschung
02 | Februar 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Größe ist nicht alles

Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Beteiligung des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums hat herausgefunden, dass sich Tiere mit unterschiedlichen Methoden Temperaturänderungen anpassen, und zwar sowohl durch die Anpassung ihres Stoffwechsels als auch der thermischen Leitfähigkeit auf die unterschiedlich temperierten Lebensräume. Die Wärmeleitfähigkeit eines Tieres kann z.B. durch große Ohren, lange Beine oder einen dichten Pelz beeinflusst werden. Damit konnten sie nach eigenen Angaben die seit gut 60 Jahren geltende Annahme widerlegen, dass vor allem die Größe von Säugetieren und Vögeln für die Anpassung an Temperaturänderungen ausschlaggebend sei. Laut dieser Theorie glichen warmblütige Säugetiere und Vögel den Verlust von Wärme an die Umwelt durch wärmeerzeugende Stoffwechselprozesse aus. Sowohl die Rate der Stoffwechselprozesse als auch die Abgabe der Wärme nach außen würden maßgeblich von der Körpergröße beeinflusst.
Trevor S. Fristoe et al.; DOI: 10.1073/pnas.1521662112

Das Anthropozän

Die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf der Erde markieren nach Auffassung einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern eine geologische Epoche: das Anthropozän. Die Forscher stufen als Beginn dieser Epoche die Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Das Anthropozän sei charakterisiert durch die Verbreitung von Materialien wie elementarem Aluminium, Beton, Plastik, Flugasche und dem sog. Fallout von Kernwaffentests über den gesamten Planeten. Dies werde begleitet von erhöhten Treibhausgas-Emmissionen und in der Erdgeschichte beispiellosen transglobalen Arteninvasionen. Die Menschen hätten das Erdsystem in einem dermaßen starken Ausmaß verändert, dass inzwischen eine Reihe von Signalen in Sedimenten und Eis zu beobachten seien. Diese Signale unterschieden sich deutlich von der stabileren Holozän-Epoche der letzten 11.700 Jahre, die die Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst erlaubt hätte, um die Etablierung einer Anthropozän-Epoche in der erdgeschichtlichen Zeitskala zu rechtfertigen. Das Holozän sei eine Zeit gewesen, während der sich menschliche Gesellschaften durch die schrittweise Domestizierung von Landschaften zur Nahrungsmittelproduktion, durch den Bau von Städten und durch die Entwicklung von Fertigkeiten zur Gewinnung von Wasser-, Mineral- und Energieressourcen des Planeten weiterentwickelten. Die von den Forschern nun vorgeschlagene Anthropozän-Epoche sei dagegen als eine Zeit besonders rascher Umweltveränderungen charakterisiert. Diese seien verursacht insbesondere durch den extrem raschen Anstieg der menschlichen Bevölkerung und den stark erhöhten Ressourcenverbrauch während der „Großen Beschleunigung“ von Mitte des 20. Jahrhunderts an.
Reinhold Leinfelder, FU Berlin; DOI: 10.1126/science.aad2622

Warum Nervenzellen sterben

In Hirnzellen von Patienten mit der Alzheimer- oder Huntington-Krankheit können Forscher unter dem Mikroskop Proteinverklumpungen, auch Aggregate genannt, sehen. Dass diese Aggregate zum Tod der Nervenzellen beitragen, wird schon lange vermutet. Wissenschaftler des MPI für Biochemie konnten nun zeigen, dass der Ort der Aggregate innerhalb der Zelle ihr Überleben beeinflusst. Während Proteinklumpen im Zellkern die Zellfunktion kaum beeinflussten, störten sie im Zellplasma wichtige Transportwege zwischen Zellplasma und Zellkern. Weil die Aggregate klebrige Eigenschaften hätten, würden aus der Zelle lebensnotwendige Proteine weggefangen. Dies führe langfristig zum Tod der Zellen und Voranschreiten der Krankheit.
Mark Hipp et al.; DOI: 10.1126/science.aad2033

Honigbienen und Weltgeschehen

Politische und sozio-ökonomische Veränderungen beeinflussen den Rückgang von Honigbienenvölkern stärker als Pestizide. Zu diesem Schluss kommen Biologen der Universität Halle-Wittenberg. Allein in Europa seien zwischen 1989 und 1995 rund sieben Millionen Bienenvölker verschwunden. Der extreme Rückgang der Bienenvölker in Europa Anfang der 1990er Jahre falle zeitlich mit dem Ende der Sowjetunion und auch der politischen Wende in Deutschland zusammen. Vor 1989 sei die Imkerei in der DDR staatlich stark subventioniert worden. Nach der Wiedervereinigung hätte die Imkerei durch die fehlenden Subventionen an Attraktivität verloren, zudem nahm die Bevölkerung in den neuen Bundesländern rapide ab. Dadurch sei auch die Anzahl der Bienenvölker um bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Als weiteres Beispiel nennen die Wissenschaftler Entwicklungen in Asien: Dort käme die westliche Honigbiene immer häufiger als die einheimische Honigbiene zum Einsatz. Sie sei einfacher in der Haltung und ihre Völker produzierten mehr Honig. Die Varroamilbe, ursprünglich ein eher harmloser Parasit der asiatischen Honigbiene, sei durch die Importe nach Asien weltweit ein gefährlicher Bienenparasit für die westliche Honigbiene geworden. Da die westliche Honigbiene immer häufiger in weiten Teilen Asiens eingesetzt würde, drohe einerseits die Gefahr neuer Krankheiten durch weitere Erreger, zum anderen würden die ursprünglichen Arten der Honigbiene in Asien verdrängt. Für ihre Forschung haben die Wissenschaftler die statistischen Angaben der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zu Honigproduktion und -handel der letzten 50 Jahre aus rund 100 Ländern ausgewertet.
Robin Moritz/Silvio Erler; DOI: 10.1016/j.agee.2015.09.027

Schnelllesen

Lesen im Eilverfahren geht in den allermeisten Fällen zu Lasten des Textverständnisses. Zu diesem Schluss kommt eine Übersichtsarbeit von Wissenschaftlern der University of California, über die Spektrum der Wissenschaft berichtet. Die Forscher hatten zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Thema „Lesen“ beschäftigt hatten, untersucht. Geübte Leser erfassten auch unter normalen Bedingungen bereits zwischen 200 und 400 Wörtern pro Minute. Wer dies mit speziellen Techniken noch einmal um das Doppelte bis Dreifache steigern wolle, müsse damit rechnen, gleichzeitig weniger vom Inhalt mitzubekommen, heißt es in Spektrum der Wissenschaft. Das sei etwa bei Schnellleseprogrammen der Fall, bei denen die einzelnen Wörter blitzschnell hintereinander genau im Zentrum des Bildschirms eingeblendet würden. Der Hintergedanke sei in aller Regel, die vermeintlich Zeit raubenden Augenbewegungen beim Lesen auf ein Minimum zu reduzieren. Tatsächlich machten diese aber nur zehn Prozent der Zeit aus, die wir über einer einzelnen Seite brüteten, so die Forscher. Vergleichsweise schwach schnitten auch Schnellleseverfahren ab, die den Lesern beibringen wollten, mehr Informationen auf einen Blick zu erfassen. Untersuchungen zeigten auch hier, dass das, was der Mensch über sein peripheres Sichtfeld aufnehme, am Ende auch schlechter hängen bliebe. Die beste Methode, die Lesefähigkeit zu trainieren, sei demnach, sie schlicht und einfach besonders häufig zu benutzen und am besten eine Vielzahl verschiedenster Texte zu lesen – in welchem Tempo auch immer. Studien bestätigten, dass Menschen, die für Turboleser gehalten würden, meistens einfach nur besonders gut im Querlesen seien.
Elizabeth Schotter et al., Psychological Science in the Public Interest; Spektrum der Wissenschaft

Ungleiche Benotung

Physiksekundarlehrer und -lehrerinnen mit weniger als zehn Jahren Berufserfahrung benoten Mädchen bei gleicher Leistung deutlich schlechter als Jungen. Diesen Schluss ziehen Lernforscher der ETH Zürich aus einer Studie, die sie in der Schweiz, Deutschland und Österreich durchgeführt haben. Demnach mache die Benachteiligung von Mädchen im Schnitt 0,7 Noten in der Schweiz bzw. 0,9 Noten in Österreich aus. In Deutschland zeigte sich ein unheitliches Bild: Während Physiksekundarlehrer Schülerinnen und Schüler gleich benoteten, verhielten sich die Lehrerinnen hingegen wie ihre Schweizer und österreichischen Kolleginnen und Kollegen und benoteten Schülerinnen schlechter (im Schnitt 0,9 Noten). Erklären könnten die Lernforscher diesen speziellen Umstand anhand der erhobenen Daten nicht. Bei Lehrerinnen und Lehrern, die seit mindestens zehn Jahren unterrichteten, hätte das Geschlecht der Schüler keinen Einfluss auf die Benotung gehabt. Die schlechtere Benotung der Mädchen sehen die Lernforscher als Teil eines grundsätzlicheren Problems: Mädchen und Frauen könnten sich nicht darauf verlassen, dass sie für ihre Anstrengung belohnt würden. Mal würden sie zu gut benotet, mal zu schlecht. Ihre Noten spiegelten die tatsächliche Leistung weniger gut wider als bei Jungen und Männern. Das mache für sie die Orientierung schwierig. Die Lehrerinnen und Lehrer sollten den Lernforschern zufolge Noten sehr ernst nehmen, da sie sich stark auf das Selbstverständnis, die Motivation und Anstrengungsbereitschaft von Schülerinnen und Schülern auswirkten. In der Lehrerausbildung sollte man der Notengebung deshalb eine noch größere Beachtung schenken.
Sarah Hofer/Elsbeth Stern, ETH Zürich; DOI: 10.1080/09500693. 2015.1114190


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken