Forschung
09 | September 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Wie wirken Wahlplakate?

Bildplakate wirken bei Wahlen generell besser als Textplakate: Fast 70 Prozent der Betrachtungszeit entfallen auf die Bildbereiche, und der „Bild-Überlegenheitseffekt“ lässt sich in allen Wählergruppen feststellen. Zu diesem Schluss kommen Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim. Befragungen und sog. Eyetracking (Blickaufzeichnungen) zur Bundestagswahl 2017 hätten ergeben, dass Wahlplakate, auf denen ein Kandidat bzw. eine Kandidatin aus dem Wahlkreis abgebildet wird, meist versehen mit dem Namen, dem Parteilogo und einem Slogan, kaum wirken. Diese sog. „Kopfplakate“ machten die Kandidaten zwar etwas bekannter, doch viele Menschen seien früher oder später von diesen Plakaten genervt. Anders sei dies bei den Plakaten der Spitzenkandidaten. Auf deren „Kopfplakaten“ werde in der Regel ein Thema oder eine besondere Eigenschaft angesprochen. Durch die Verbindung eines Themas mit einem Spitzenkandidaten könnten diese Plakate größere Wirkung entfalten. So solle z.B. Angela Merkels Plakat mit dem Slogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ das Erreichte hervorheben und an die gute Wirtschaftslage Deutschlands anknüpfen. Sie setze auf Vertrautes und auf Verlässlichkeit. Das Plakat von Martin Schulz mit dem Slogan „Die Zukunft braucht Ideen. Und einen, der sie durchsetzt.“ ziele auf Wandel und auf vermeintliche Leadership-Qualitäten des SPD-Kandidaten ab. Bei der dritten Kategorie handelt es sich den Wissenschaftlern zufolge um reine Themenplakate, insbesondere zu den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Hierfür eigneten sich die Kombination aus einem Foto, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und einem passenden Slogan. Reine Textplakate hingegen wirkten gar nicht bzw. sogar abstoßend. Wahlplakate verändern den Wissenschaftlern zufolge kaum Einstellungen der Wählerinnen und Wähler. Ihre Hauptfunktion bestehe darin, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken, die für die Wählerinnen und Wähler relevant sind.
Frank Brettschneider et al., Universität Hohenheim

Schweizer Gletscher nicht zu retten

Die Gletscher in der Schweiz sind angesichts des Temperaturanstiegs nach Expertenangaben nicht mehr zu retten. Wie ein Glaziologe der ETH Zürich dem „Tages-Anzeiger“ sagte, würden selbst mit den größten Anstrengungen zur CO2-Reduktion 80 bis 90 Prozent der Eismassen bis ins Jahr 2100 verloren gehen. Eine Verlangsamung der Erderwärmung komme für die Schweizer Gletscher zu spät, heißt es im „Tages-Anzeiger“, der in einer umfangreichen Darstellung über den Rückgang der Gletscher in der Schweiz in den vergangenen 170 Jahren berichtet. Seit 1850 ist demnach das Eisvolumen von 130 auf 54 Kubikkilometer gesunken. Seit Beginn der Aufzeichnungen sei die Gletscherschmelze noch nie so stark gewesen wie in den letzten Jahren: Von den acht extremsten Schmelz-Jahren fanden demnach sechs nach 2008 statt. Auch die Hitzewellen im Juni und Anfang Juli 2017 hätten den Gletschern sehr zugesetzt. Die Schneedecke aus dem Winter liege nur noch in den oberen Bereichen der Gletscher. Außergewöhnlich in den letzten 150 Jahren sei die unglaubliche Geschwindigkeit der Erwärmung der Atmosphäre und damit des Gletscherrückgangs. Der Anstieg der Temperatur liege weit jenseits dem in der Erdgeschichte Bekannten, heißt es in dem Bericht. Und der Temperaturanstieg korreliere mit den Emissionen von CO2 in die Atmosphäre, die mit der Verbrennung von fossilen Energieträgern stark zugenommen hätten. Auch wenn schon morgen der Ausstoß von Treibhausgasen gestoppt werden könnte, würden vier von fünf Gletschern verschwinden, heißt es im „Tages-Anzeiger“.
Tages-Anzeiger, 2.8.17; Matthias Huss, ETH Zürich/Universität Freiburg

Zucker und Zähne

Hoher Zuckerkonsum verursacht Zahnbehandlungskosten in Milliardenhöhe. Global belaufen sich die Zahnbehandlungskosten auf jährlich rund 128 Milliarden Euro. Allein in Deutschland sind es 17,2 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie eines deutschen Wissenschaftlerteams, in der repräsentative Daten zum Vorkommen von Karies, Zahnfleischentzündungen und Zahnverlust, entsprechende Behandlungskosten und Krankheitslasten sowie Daten zum Zuckerverbrauch in 168 Ländern für das Jahr 2010 ausgewertet wurden. Auf Basis dieser Daten errechneten die Forscher den Anteil an den Gesamtkosten durch übermäßigen Zuckerkonsum. Pro Mehr­verzehr von 25 Gramm Zucker pro Person und Tag – was ungefähr acht Zuckerwürfeln oder einem Glas gesüßter Limonade entspricht – stiegen demnach die Zahnbehandlungskosten in Ländern mit hohem Einkommen im Durchschnitt um 75 Euro pro Person und Jahr an. In Deutschland würden täglich im Durchschnitt zwischen 90 und 110 Gramm?Zucker pro Kopf verbraucht. Die Behandlungskosten beliefen sich auf jährlich 210 Euro pro Person. Damit liege Deutschland in der Gruppe der Länder mit den höchsten Behandlungskosten pro Kopf und Jahr. Dazu gehörten ebenfalls die Schweiz, Dänemark und die USA. Würde die Zielvorgabe der Weltgesundheitsorganisation von 50 Gramm Zucker pro Person und Tag erreicht, ließen sich in Deutschland 150 Euro Behandlungskosten pro Person und Tag einsparen, so die Wissenschaftler.
Toni Meier et al., Universität ­Halle-Wittenberg; DOI: 10.1177/ 0022034517708315

Neue Schlangenart

Ein internationales Forscherteam hat eine neue europäische Schlangenart identifiziert. Anhand genetischer Untersuchungen von mehr als 1.600 Schlangen konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass die u.a. in Westdeutschland lebende „Barren-Ringelnatter“ (Natrix helvetica) eine eigene Art ist. Bislang galt sie als Unterart der Ringelnatter (Natrix natrix). Untersucht wurden zwei Kontaktzonen – im Rheingebiet und im Osten Deutschlands –, in denen verschiedene genetische Linien von Ringelnattern aufeinandertreffen. Damit habe sich die Anzahl der Schlangenarten in Deutschland auf sieben erhöht.
Uwe Fritz et al., Senckenberg Natur­historische Sammlungen Dresden; DOI:?10.1038/s41598-017-07847-9

Kaugummi-Schnelltest

Wissenschaftler der Universität Würzburg haben einen Kaugummi-Schnelltest entwickelt, mit dem Patienten künftig frühzeitig Entzündungen im Mund erkennen können. Vor allem für Träger von Zahn­implantaten könnte diese neue Möglichkeit der Schnelldiagnose sinnvoll sein. Bei sechs bis fünfzehn Prozent der Patienten entsteht den Forschern zufolge in den Jahren nach dem Setzen des Implantats eine Entzündung. Verursacht werde sie von Bakterien; schlimmstenfalls zerstöre die Entzündung das weiche Gewebe und den Knochen rund um das Implantat. Bei Entzündungen im Mund werden spezifische proteinabbauende Enzyme aktiviert. Kaut der Patient das Kaugummi und liegt eine Entzündung im Mundraum vor, dann wird ein bitterer Geschmacksstoff freigesetzt. Diese Art von Früherkennung soll helfen, schwerwiegende Komplikationen wie Knochenschwund zu verhindern. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass bis zur Marktreife noch zwei bis drei Jahre vergehen werden.
Lorenz Meinel et al., Universität Würzburg; DOI:?10.1038/s41467-017-00340-x

Europas demografische Zukunft

Europa ist demografisch gespalten. Im Norden, im Westen und im Zentrum des Kontinents sorgen vergleichsweise hohe Kinderzahlen und Zuwanderung auf absehbare Zeit für Bevölkerungswachstum. Vielen Regionen Süd- und Osteuropas drohen dagegen eine starke Alterung und deutliche Bevölkerungsverluste. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die insgesamt 290 Regionen umfasst und verschiedene Indikatoren zur demografischen und ökonomischen Entwicklung untersucht. Besonders gut stehen demnach die hochentwickelten Regionen der Schweiz, Süddeutschlands und Skandinaviens da. Grund hierfür seien mancherorts hohe Kinderzahlen und gute Bildungssysteme. Dagegen dürften zur Mitte des Jahrhunderts in Griechenland und Portugal die im Schnitt ältesten Menschen Europas wohnen. Häufig könnten sich in Süd- und Osteuropa nur die Hauptstadtregionen demografisch stabilisieren, während ländliche Gebiete zusehends an Bevölkerung verlören. Die demografische Lage sei auch eine Folge der zahlreichen Krisen und Umwälzungen, die Europa im vergangen Jahrzehnt erlebt hätte, heißt es in der Studie. So löste die Wirtschaftskrise eine neue Süd-Nord-Wanderung aus. Die sog. Flüchtlingskrise habe vielerorts für unerwartet steigende Einwohnerzahlen gesorgt. Die Integration der Neuankömmlinge werde dadurch zur großen Zukunftsaufgabe Eu­ro­pas.
Reiner Klingholz et al.


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