Forschung
09 | September 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Riskante Lebensstile

Wer auf Alkohol und Zigaretten verzichtet, dazu nur wenig rotes Fleisch und Wurst isst und auf ein normales Gewicht achtet, lebt bis zu 17 Jahre länger. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum. Sie haben errechnet, wie viele Jahre jedes einzelne Risikoverhalten von der durchschnittlichen Lebenserwartung eines heute Vierzigjährigen raubt, und darüber hinaus die Auswirkungen der kombinierten Risiken ermittelt. Demnach schlägt das Rauchen am stärksten zu Buche: Raucht ein Mann über zehn Zigaretten pro Tag, so verliert er ganze 9,4 Jahre an Lebenserwartung, eine Frau 7,3 Jahre. Weitere Lebensstilfaktoren, die zu einem deutlichen Verlust an zu erwartenden Lebensjahren führen, sind Adipositas (3,1/3,2 Jahre), starker Alkoholkonsum (3,1 Jahre, nur Männer) bzw. hoher Verzehr an rotem Fleisch (1,4/2,4). Aber auch ein Body Mass Index unter 22,5 kg/m2 verringert die Lebenszeit (3,5/2,1). Ein?Mangel an körperlicher Aktivität machte sich nicht durch einen signifikanten Verlust an Lebenserwartung bemerkbar. Die Forscher errechneten auch, welche Effekte eine Kombination dieser riskanten Lebensstilfaktoren mit sich bringt: Demzufolge büßt ein adipöser starker Raucher, der viel trinkt und viel rotes Fleisch verzehrt, gegenüber dem Mitmenschen mit günstigstem Risikoprofil bis zu 17 Jahre an Lebenserwartung ein. Bei einer Frau wären es 13,9 Jahre. Die Wissenschaftler nutzten für ihre aktuelle Untersuchung die Daten von EPIC, der gesamteuropäischen Studie zum Zusammenhang von Ernährung, Lebensstilfaktoren und Krebs. In der Studie werden die Daten von einer halben Million Europäer seit 20 Jahren dokumentiert (Rudolf Kaaks et al; BMC Medicine 2014).

Künstlernamen

Richtige Künstlernamen sind unter Hollywoods Schauspielern offenbar nicht mehr besonders beliebt. Statt den Namen komplett zu ändern, wie es beispielsweise Bernard Schwartz alias Tony Curtis gemacht hat, nehmen die amerikanischen Film- und Fernsehschauspieler heute lieber mehr oder weniger starke Anpassungen vor, um ihren Geburtsnamen zu modulieren. Dies ergab die Untersuchung einer Mainzer Namensforscherin, die rund 900 Künstlernamen von amerikanischen Film- und Fernsehschauspielern der Geburtsjahre 1910 bis 1989 untersucht hat. Demnach sind Künstlernamen, ein vom Geburtsnamen völlig abweichendes Pseudonym, kaum noch zu finden. Komplette Namensänderungen seien bis in die 1950er oder 1960er Jahre üblich gewesen, als die Künstler noch angestellt waren und die Produzenten die Namen auswählten. Heutzutage sei es schon fast verpönt, einen Künstlernamen im engeren Sinne zu tragen. Stattdessen würde der bürgerliche Name zu Optimierungszwecken oft verkürzt oder der Spitzname verwendet, der sonst nur Freunden vorbehalten sei (Nikola Kunz, Universität Mainz).

Weitergereichte Ängste

Traumatisierte Mütter können eigene Ängste an den neugeborenen Nachwuchs weitergeben, ohne dass dieser selbst schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wie US-Forscher nach Versuchen an Ratten herausfanden, genügt schon der Duft des mütterlichen Angstschweißes, um bei den Kleinen dauerhaft Furcht auszulösen. Die Studie könne erklären, wie Ängste auch bei Menschen über Generationen weitergereicht würden. Während der ersten Tage seien kleine Ratten immun gegen Informationen zu Umweltgefahren. Aber wenn ihre Mutter die Quelle der bedrohlichen Information sei, könnten sie von ihr lernen und dauerhafte Erinnerungen bilden. Dies gelte auch für Menschen. Studien hätten gezeigt, dass Kleinkinder schon sehr früh im Leben von mütterlichen Angstbekundungen lernen könnten. Am wichtigsten sei, dass die durch die Mutter übertragenen Erinnerungen langlebig seien, während andere Arten des Lernens schnell verblassten, wenn sie nicht wiederholt würden (Jacek Debiec/ Regina Marie Sullivan, DOI: 10.1073 / pnas.1316740111; dpa, 1.8.14).

Krebstypen

Eine Neuklassifizierung von Tumoren könnte künftig die Behandlung vieler Krebspatienten verbessern. Jeder zehnte Betroffene könnte eine angemessenere Therapie erhalten, wenn die Diagnose sich weniger nach dem befallenen Organ oder Gewebe richten würde als vielmehr nach den molekularen und genetischen Eigenschaften des jeweiligen Tumors. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam nach einer Analyse Tausender Proben von zwölf verschiedenen Krebsarten. Teilweise waren die gefundenen Eigenschaften typisch für das befallene Organgewebe, doch manche Varianten, die sich durch eine veränderte Aktivität bestimmter Gene auszeichneten, passten gleich zu mehreren Krebstypen. So identifizierten die Forscher bei Blasenkrebs mindestens drei Subtypen. Einer davon war quasi deckungsgleich mit Adenokarzinomen der Lunge, ein anderer ähnelte stark Plattenepitheltumoren des Kopf-Hals-Bereichs. Auch bei bestimmten Brustkrebs-Arten fanden die Forscher Parallelen zu anderen häufigen Tumorvarianten (Christopher Benz et al., DOI: 10.1016/j. cell.2014.06.049; dpa, 15.8.14).

Exoten in Deutschland

In Deutschland kommen nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) rund 1 100 gebietsfremde Tierarten (Neozoen) vor. Nicht alle können unter den hiesigen Bedingungen dauerhaft überleben. Doch mindestens 260 Arten, knapp die Hälfte davon Insekten, sind laut BfN inzwischen etabliert, für mehr als 440 Arten fehlen Angaben für eine zuverlässige Einschätzung. Bei vielen Zuwanderern sehen Forscher keine Probleme, bei anderen betrachten sie die Entwicklung mit Sorge. Als unproblematisch sehen die Wissenschaftler beispielsweise die einzige Flamingo-Kolonie Mitteleuropas, die seit etwa 30 Jahren das Naturschutzgebiet Zwillbrocker Venn westlich von Münster besiedelt. Die mittlerweile rund 40 Tiere leben und brüten nahe der niederländischen Grenze. Die Bedingungen seien gut. Im Winter, wenn der See zufriert, ziehen die Tiere an die nahe niederländische Küste. Im Frühjahr kommen sie wieder zurück zum Brüten. Kritisch hingegen bewerten Forscher die aus Afrika und Asien stammenden Halsbandsittiche, die sich im Köln-Bonner Becken – und auch weiter rheinaufwärts – eingenistet haben. Die Papageien sind vermutlich aus Parks entflogen, nun brüten sie in Baumhöhlen am Rhein. Weil die Sittiche keine eigenen Höhlen bauen, hielten sie sich an Brutstellen anderer Vögel, etwa von Spechten. Weil es an alten Bäumen mangele, hätten diese nun selbst einen Mangel an Brutstätten. Durch ihr Verhalten seien die Sittiche anderen Vögeln weit überlegen. Sie scheuten keine Konfrontation und tauchten obendrein in Schwärmen auf. Probleme bereitet den Vögeln aber die Kälte im Winter. Nach sehr kalten Monaten wurden schon Tiere mit abgefrorenen Zehen oder Beinen gefunden. Insgesamt gelten nur wenige Arten laut BfN als invasiv, gefährden also andere Arten, Lebensräume oder die Wirtschaft (dpa, 1.8.14).

Vertrauenswürdig oder dominant?

Bestimmte Gesichtsformen entscheiden zum großen Teil darüber, ob ein Betrachter einen Menschen beim ersten Eindruck als vertrauenswürdig, attraktiv oder dominant einschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie britischer Psychologen. Die Wissenschaftler erstellten aus verschiedenen Einschätzungen von Befragten zu einer Person, deren Bild nur 100 Millisekunden zu sehen war, drei Faktoren: Zugänglichkeit, Dominanz und Jugendlichkeit/Attraktivität. Jeder Faktor ging mit zahlreichen Gesichtsmerkmalen einher, aber die stärksten Zusammenhänge konzentrierten sich überwiegend auf wenige Gesichtspartien. So galten diejenigen als besonders zugänglich, deren Mund am größten und am weitesten geöffnet wahrgenommen wurde – die also am deutlichsten lächelten oder lachten. Als jugendlich und attraktiv empfunden wurden vor allem Personen mit großen Augen, schmalen, geschwungenen Augenbrauen und einer breiten Unterlippe. Dominant wirkten Gesichter mit männlichen Zügen und relativ dunkler Haut, wobei alle Fotos europäisch aussehende Menschen zeigten. Die Forscher ließen zunächst 1.000 Gesichter bewerten. Die Fotos waren nicht standardisiert, sondern zeigten die Menschen in Alltagssituationen. Mit Hilfe von 179 charakteristischen Punkten eines Gesichts übertrugen die Wissenschaftler jedes Gesicht in eine Computergrafik. Die Einschätzungen der Befragten setzten sie mit den Gesichtsmerkmalen in Beziehung und bildeten einen Mittelwert. So gelangten sie zu Modellbildern, mit denen sie 58 Prozent aller Einschätzungen bestimmten Merkmalen zuordnen konnten. Diese gezeichneten Modellbilder wiederum ließen die Psychologen von weiteren Versuchsteilnehmern bewerten. Den Autoren zufolge nahmen die Befragten die Modellbilder tatsächlich in der erwarteten Weise wahr: Das generierte Bild eines attraktiven Menschen wurde als attraktiv wahrgenommen (dpa, 1.8.14).


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