Forschung
08 | August 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Die Erde als Puzzle

Ein komplexes Wechselspiel zwischen dem Erdmantel und der äußersten Schicht der Erde, der Lithosphäre, sorgt dafür, dass die Oberfläche der Erde aus verschieden großen Platten aufgebaut ist. Forscher der ETH Zürich und der Université de Lyon konnten nun einen neuen Ansatz zu der Frage präsentieren, wie es zu der Größenverteilung der Erdplatten gekommen ist. Die Lithosphäre gleicht, schreiben die Wissenschaftler, einem anspruchsvollen Puzzle: Insgesamt 52 größere und kleinere Platten formen die Hülle der Erde und prägen dadurch deren Aussehen. Die sieben größten Platten bedecken zusammen 94 Prozent der Erdoberfläche, die restlichen 45 kleineren Platten hingegen nur gerade sechs Prozent. Die Größenverteilung der kleineren Platten folgt anderen Regeln als diejenige der großen Platten: Während die kleineren Platten sehr unterschiedliche Größen haben, sind die großen Platten von ähnlicher Größe. Mit Hilfe eines numerischen Modells konnten die Wissenschaftler aufzeigen, warum es nur sieben große und so viele kleine Platten gibt. Das Modell berücksichtige sowohl die Konvektionsströme im Erdmantel, welche die Bewegungen der Erdplatten antreiben, als auch das Verhalten der Platten entlang ihrer Grenzen. Besonders wichtig seien die sog. Subduktionszonen. Bei diesen Zonen kollidierten jeweils zwei Platten miteinander, wobei die eine Platte unter die andere geschoben werde und tief in den Erdmantel abtauche. Dort, wo die Subkuktionszonen gerundet sind, sind die Platten den Forschern zufolge einer größeren mechanischen Belastung ausgesetzt. Übersteige diese ein bestimmtes Maß, breche die Platte an der Stelle auseinander – es entstehe eine neuere, kleinere Platte. Die Größenverteilung der Platten erkläre sich also aus einem komplexen Zusammenspiel von zwei Faktoren: den Bewegungen im Erdmantel und dem mechanischen Verhalten der Lithosphäre. Hätte die Lithosphäre eine andere Festigkeit, würde die Erde ganz anders aussehen.
Paul Tackley et al., ETH Zürich; Université de Lyon; DOI: 10.1038/nature17992

Zuviel Nestwärme?

Jugendliche, die viel elterliche Wärme und Unterstützung erleben, engagieren sich im jungen Erwachsenenalter seltener bürgerschaftlich als Altersgenossen, die weniger Zuwendung erhalten haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universitäten Jena, Jyväskylä und Helsinki (Finnland). Ihre Aussage stützen die Forscher auf die Untersuchung von mehr als 1.500 finnischen Schülern der Sekundarstufe (im Alter von 16 bis 18 Jahren zu Beginn der Befragung und 25 bis 27 Jahren an deren Ende). Ähnliche Effekte seien jedoch auch in einer deutschen Stichprobe aufgetreten. Die aktuellen Daten aus Finnland ließen sich demnach auch auf die Situation in anderen Ländern übertragen. Davon unabhängig seien Faktoren, die bürgerschaftliches Engagement generell fördern, etwa ein hoher Bildungsstand, offenbar allgemeingültig. Als Gründe für die erhaltenen Befunde vermuteten die Forscher eine Mischung aus verschiedenen Faktoren. Einerseits sähen finnische Eltern bürgerschaftliches Engagement weder als notwendig für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt noch als moralisch verpflichtend an, da der finnische Staat viele soziale Leistungen zur Verfügung stelle. Andererseits könnte eine hohe elterliche Unterstützung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter nicht mehr altersgemäß sein. Im jungen Erwachsenenalter könnte emotionale Nähe zu den eigenen Eltern in gewissem Sinne zu einer Falle werden, wenn sich junge Menschen um die Welt außerhalb ihres eigenen Kreises nicht kümmerten.
Maria Pavolova et al., DOI: 10.1007/s10964-016-0511-5

Diagnosen: Kollektive Intelligenz?

Methoden der kollektiven Intelligenz können zu erheblich genaueren medizinischen Diagnosen führen, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie unter Leitung des MPI für Bildungsforschung, die den Einfluss der Gruppenzusammensetzung auf das Ergebnis kollektiver Entscheidungen untersucht hat. Dass ärztliche Entscheidungen sich verbessern lassen, wenn mehrere unabhängige Meinungen zusammengeführt werden, konnte das MPI für Bildungsforschung und das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), das auch über das Auftreten von kollektiver Intelligenz in der Natur forscht, anhand von Haut- und Brustkrebstdiagnosen bereits nachweisen. Allerdings müssten sich laut aktueller Studie die Ärzte hinsichtlich ihrer Diagnosegenauigkeit ähneln. Nur so könnten die kombinierten Entscheidungen mehrerer Ärzte die Entscheidung des besten Arztes der Gruppe überflügeln. Das funktioniere nicht, wenn die Diagnosegenauigkeit der Ärzte zu unterschiedlich sei. Dieser Effekt zeigte sich auch bei verschiedenen Gruppengrößen oder unterschiedlichen Leistungsniveaus des besten Arztes innerhalb der Gruppe. Es sei nicht so, dass Gruppen immer zu besseren Entscheidungen gelangten. Bei zu unterschiedlichen individuellen Fähigkeiten innerhalb der Gruppe sollte der Diagnose des besten Arztes innerhalb der Gruppe vertraut werden, so die Wissenschaftler. Für ihre Studie griffen die Wissenschaftler auf über 20.000 Bewertungen von mehr als 140 Ärzten zurück und berechneten die Diagnosegenauigkeit der einzelnen Ärzte. Mit diesen Informationen hatten sie simuliert, unter welchen Bedingungen die mittels Regeln der kollektiven Intelligenz kombinierten Diagnosen treffsicherer waren als Einzeldiagnosen. Angewendet wurden dabei die Konfidenz- und die Mehrheitsregel. Während bei der Konfidenzregel pro Fall die Diagnose desjenigen Arztes gilt, der sich seiner Einschätzung am sichersten ist, gilt bei der Mehrheitsregel pro Fall diejenige Diagnose, welche am häufigsten von den Ärzten genannt wurde.
Ralf Kurvers, Max Wolf et al., DOI: 10.1073/pnas.1601827113

Sturm und Drang

Tiefgreifende Veränderungen in der Persönlichkeit von Heranwachsenden sehen vor allem die Eltern. Die Jugendlichen selbst empfinden weitaus mehr Stabilität und erleben die Veränderungen weniger problematisch. Zu diesem Schluss kommen Bildungsforscher der Universität Tübingen. Für die Studie wurden knapp 2.800 Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 14 Jahren sowie deren Eltern über drei Jahre befragt. Die Forscher untersuchten, wie sich die „Big Five“, die fünf Faktoren, die eine Persönlichkeit beschreiben, in der Phase der frühen Adoleszenz verändern: emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Extraversion, Offenheit und Gewissenhaftigkeit. Demnach folgt die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter nicht dem typischen Bild der Reifung: Die Verträglichkeit und Offenheit verringerten sich in dieser Phase. Bei dem Punkt Gewissenhaftigkeit hätten sich die Schüler selbst kritischer gesehen als die Eltern der Schüler. Laut Studie waren die Schüler der Meinung, weniger leistungsbereit, diszipliniert und zuverlässig geworden zu sein. Die Eltern hätten in diesem Punkt jedoch fast keine Veränderung ihrer Kinder feststellen können. Bei der Extraversion war es umgekehrt: Die Eltern erlebten ihre Kinder zunehmend weniger kontaktfreudig, als diese sich selbst beurteilten. Die Mädchen seien im beobachteten Zeitraum übrigens insgesamt verträglicher, gewissenhafter und offener als die Jungen, und die Extravertiertheit stieg bei ihnen schneller an.
Richard Göllner et al., DOI: 10.1111/jopy.12246/abstract

Schlafmangel

Personen unter Schlafmangel sind empfänglicher für Ratschläge als solche ohne Schlafmangel – und berücksichtigen dabei die Kompetenz der beratenden Person weniger. Das haben Psychologen der Universität Gießen herausgefunden. Für die Studie hatten die Forscher Versuchspersonen einem Schlafentzug von 24 Stunden ausgesetzt und sie mit einer Kontrollgruppe verglichen. Am Morgen danach sollten die Versuchspersonen Schätzaufgaben bearbeiten. Dabei konnten sie zusätzlich die Ratschläge von Beratern, von denen der eine kompetenter als der andere war, annehmen. Demnach nutzten Personen, die unter Schlafentzug standen, die Ratschläge stärker als ausgeruhte Personen. Insgesamt sei der Rat des kompetenten Beraters stärker berücksichtigt worden als der Rat des weniger kompetenten. Außerdem hätte sich gezeigt, dass Personen der Schlafmangelgruppe dem Rat des weniger kompetenten Beraters stärker folgten als Personen der ausgeruhten Kontrollgruppe.
Jan Häusser et al., Scientific Reports, 6, 24386


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken