Forschung
12 | Dezember 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Lebenserwartung und Bildung

Im letzten Jahrhundert ist die Lebenserwartung um ca. drei Monate pro Jahr gestiegen. Wissenschaftlern des MPI für demografische Forschung zufolge ist der Zuwachs aber nicht in allen Bildungsschichten gleich stark. Wie sie in einem internationalen Überblick zeigen, werden Hochgebildete grundsätzlich im Schnitt älter. So hätten z.B. Mitglieder akademischer Organisationen wie der Royal Society in Großbritannien sowie der nationalen Akademien in Deutschland, Österreich und Rußland sehr hohe Lebenserwartungen. Die Mortalität innerhalb dieser wissenschaftlichen Elite hat den Forschern zufolge schneller abgenommen als der entsprechende nationale Durchschnitt, obwohl die Sterblichkeit in diesen Gruppen von vornherein vergleichsweise niedrig war. Wie europäische Studien zu Bildungsunterschieden zeigten, seien die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen den Bildungsschichten in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Insgesamt gingen die Zugewinne in der Lebenserwartung in allen Bildungsschichten auf die niedrigere Sterblichkeit ab 65 Jahren zurück. Seit den späten 1960er und 1970er Jahren verbesserte sich mit der sog. kardiovaskulären Revolution die Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen ganz erheblich und ließ die Sterblichkeit im hohen Alter sinken. Dass sich vor allem die Hochgebildeten diesen Vorteil zunutze machen konnten, zeigen die Anteile der Altersgruppen an den Bildungsunterschieden. Zu Beginn der 1970er Jahre betrug der Unterschied zwischen Hochgebildeten und allen anderen Bevölkerungsschichten etwa bei finnischen Männern 4,4 Jahre. Dabei war allerdings nur knapp ein Drittel des Unterschieds auf eine geringere Sterblichkeit bei den über 65-Jährigen zurückzuführen. 35 Jahre später ist der Unterschied auf gut sechs Jahre gewachsen, wovon bereits zweieinhalb Jahre auf eine geringere Sterblichkeit der gut Gebildeten im hohen Alter zurückgehen. Der große Vorsprung der gut Gebildeten beim Anstieg der Lebenserwartung verdeutliche, dass es genug Potenzial gebe, die Lebenserwartung der mittleren und unteren sozialen Bevölkerungsschichten zu verbessern.
Jasilionis D./Shkolnikov V.M., Gerontology 2016;62:253-262 (DOI: 10.1159/000438901)

Fettreiches Essen und Hirnreifung

Neueste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass fettreiches Essen die Reifung eines Teils der Hirnrinde bei Heranwachsenden massiv stören könnte. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler der ETH und Universität Zürich. Sie hatten heranwachsende und erwachsene Mäuse entweder mit extrem fettreicher oder mit normaler Nahrung gefüttert. Das fettreiche Futter enthielt überproportional große Mengen an gesättigten Fetten. Solche Fette sind z.B. besonders häufig in Fast Food, Wurstwaren oder Butter. Schon nach vier Wochen beobachteten die Forscher bei den Jungtieren, die fettreiche Nahrung erhielten, erste kognitive Defizite. Diese seien aufgetreten, noch ehe diese Mäuse an Gewicht zulegten. Entscheidend für die Entstehung dieser Defizite sei das Zeitfenster des Fettkonsums: Dieser wirke sich vornehmlich in der Adoleszenz, also in der Zeit von der späten Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter, negativ auf die Reifung des sog. Präfrontalen Cortex aus, der Sitz von Gedächtnis, Planung, Impulskontrolle und Sozialverhalten. Die Reifung des Präfrontalen Cortex dauere länger als diejenige anderer Hirnstrukturen und sei bei Mensch und Maus erst im frühen Erwachsenenalter abgeschlossen. Er sei deshalb während seines Reifungsprozesses anfällig für negative Umwelteinflüsse wie Stress, Infektionen oder Traumata bzw. auch für einseitige unausgewogene Ernährung. Keinen Verhaltens­effekt konnten die Wissenschaftler dagegen bei ausgewachsenen Mäusen, die über längere Zeit (zu) fettreiche Nahrung aufnahmen, beobachten. Bei ihnen sei jedoch der Stoffwechsel aus den Fugen geraten: Sie verfetteten. Die Wissenschaftler schließen jedoch nicht aus, dass fettreiche Nahrung nicht auch die Gehirne von erwachsenen Mäusen schädigen könne. Die Ergebnisse sind den Wissenschaftlern zufolge auf den Menschen übertragbar.
ETH Zürich; M. Labouesse et al., DOI: 10.1038/mp.2016.193

Größere Bäuche

Pflanzenfressende Säugetiere haben größere Bäuche als ihre meist schlanken, fleischfressenden Artgenossen. Dies weist ein europäisches Forscherteam unter der Leitung der Universität Zürich und der TU Berlin anhand von 3-D-Konstruktionen von Tierskeletten nach. Die Wissenschaftler hatten die Form von Brust und Bauch von über 120 Vierbeinern aus der Urzeit bis heute untersucht. In einer 3-D-Datenbank sammelten sie Skelette von Dinosauriern, Reptilien, Vögeln, Säugetieren und fossilen Synapsiden (säugetierähnliche Reptilien). Anhand der computergestützten visuellen Auswertung dieser Daten rekonstruierten sie das Volumen des Brust-Bauch-Raumes, der durch Wirbelsäule, Brustkorb und Becken abgegrenzt ist, und fanden heraus, dass bei den Säugetieren Pflanzenfresser im Durchschnitt einen zweimal so großen Brust-Bauch-Raum haben wie Fleischfresser ähnlicher Körpergröße. Dies bestätigte die Vermutung, dass Pflanzenfresser größere Därme und darum voluminösere Bäuche hätten, da Pflanzen meist weniger gut verdaulich sind als Fleisch. Bei den Dinosauriern ließ sich dagegen kein Unterschied zwischen Fleisch- und Pflanzenfressern ausmachen.
Marcus Clauss et al., DOI: 10. 1111/joa.12557

Curry-Inhaltsstoff hemmt Entzündungen

Für den Kurkuma-Inhaltsstoff Kurkumin, verantwortlich für die typisch gelbe Curry-Farbe, belegen Studien eine heilsame Wirkung. Wissenschaftler der Universität des Saarlandes konnten nun nachweisen, dass Kurkumin ganz gezielt antientzündlich wirkt. Der Stoff, Hauptbestandteil in jedem Currypulver, beeinflusst wie Kortison gezielt ein bestimmtes Protein (Gilz). Gilz (Glucocorticoid-induzierter Leuzin Zipper) spielt für das Immunsystem des Menschen und insbesondere bei Entzündungsprozessen eine zentrale Rolle. Den Forschern zufolge wird dieses Protein, das bei Entzündungsprozessen typischerweise verschwindet, durch Kurkumin gezielt vermehrt gebildet. Demnach ruft Kurkumin eine Kortison-ähnliche Wirkung hervor, jedoch ohne Zellprozesse zu beeinflussen, die typischerweise mit Kortison-Nebenwirkungen verbunden sind. Dieses Ergebnis könnte in Zukunft dazu beitragen, nebenwirkungsarme Medikamente gegen Krankheiten wie Morbus Crohn zu entwickeln.
Alexandra K. Kiemer/Jessica Hopp­städter et al., DOI: 10.1074/jbc.M116. 733253

Blinde Passagiere

Toiletten an Flughäfen sind auch ein „Umsteigepunkt“ für gegen Antibiotika resistente Bakterien. Wissenschaftler der Universität Münster in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut Berlin fanden auf Abstrichen von inneren Türklinken zahlreicher Toilettenkabinen welt­weit Keime – darunter auch solche, gegen die herkömmliche Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen nicht oder nur eingeschränkt wirken. Sie untersuchten dafür 400 Türklinken von 136 Flughäfen in 59 Ländern. Besonders häufig fanden die Forscher den Staphylococcus aureus, der mit 5,5 Prozent etwa bei jeder zwanzigsten Probe auftrat, gefolgt von Stenotrophomonas maltophilia (zwei Prozent) und Acinetobacter baumannii (1,3 Prozent). Einige dieser Erreger wiesen Resistenzen auf. In einer Probe aus Paris fanden sie auch den MRSA-Erreger, der hauptsächlich in Indien vorkommt. Er müsse also vom Menschen dorthin gebracht worden sein. Methicillin-resistente S. aureus-Erreger (MRSA) können zu Infektionen an verschiedensten Stellen des Körpers führen. Sie sind resistent gegen die am besten wirksamen Antibiotika. Die Wissenschaftler raten auf öffentlichen Toiletten neben dem gründlichen Händewaschen zur alternativen Nutzung eines alkoholischen Händedesinfektionsmittels anstatt von Seife.
Frieder Schaumburg et al., DOI: 10.1016/j.cmi.2016.09.010


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