Forschung
12 | Dezember 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Ergründet und entdeckt

Vera Müller

Wassertank-Hypothese

Wann und wie stark ein Mensch von geistigem Verfall betroffen ist, variiert Experten zufolge stark. Bei Senioren gebe es zum Beispiel eine ausgeprägte Abnahme vom Botenstoff Dopamin vermittelter Prozesse. Des Weiteren schwinde mit dem Alter die Menge grauer und weißer Hirnsubstanz, auch dabei gebe es von Mensch zu Mensch erhebliche Unterschiede. Zu den Variablen zählt Wissenschaftlern zufolge auch die abnehmende Plastizität des Gehirns, die Fähigkeit von Synapsen, Nervenzellen und ganzer Gehirnareale, sich zu verändern und an neue Anforderungen und Einflüsse anzupassen. Ein Faktor sei dabei wohl das Zusammenspiel von Angebot und Bedarf, also die Frage, ob das Gehirn überhaupt noch neue Aufgaben meistern müsse. Generell bleibe die intellektuelle Stärke oder Schwäche eines Menschen meist ein Leben lang erhalten, das zeigten u.a. weltweit einmalige Daten aus Schottland: Anfang des 20. Jahrhunderts befürchtete die schottische Regierung, in der Bevölkerung schwinde die Intelligenz. Zur Klärung wurden großflächige Intelligenz-Tests initiiert. 1932 wurden erstmals Elfjährige getestet, 1947 erneut mehr als 70 000 Kinder dieses Alters – insgesamt etwa 160 000. Jahrzehnte später, 1997, entdeckten Forscher den Stapel mit den Testergebnissen zufällig wieder und führten mit mehr als 500 Teilnehmern des Tests von 1932 und mehr als 1.000 der IQ-Studie von 1947 eine erneute Untersuchung durch. Der Vergleich der Ergebnisse bietet Wissenschaftlern zufolge eine einmalige Gelegenheit, dem Altern des Gehirns nachzuspüren. Mit einem Faktor ließen sich die kognitiven Fähigkeiten im Alter demnach besser als mit jedem anderen Einzelmerkmal voraussagen: dem Ergebnis des IQ-Tests im Alter von elf Jahren. Insgesamt hätten die Ergebnisse eine salopp „Wassertank-Hypothese“ genannte Theorie gestützt: Mit je mehr im Tank der Mensch starte, desto länger dauere es, bis der Tank leer sei (DOI: 10. 1126/science.125440; dpaq. de/nPhuc; dpa, 31.10.14).

Mikroplastik

Kläranlagen sind mit Mikroplastik im Abwasser überfordert. Nur eine teure Schlussfiltration kann die Belastung drastisch reduzieren, wie eine Untersuchung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) ergab. Viele dieser winzigen Partikel stammten direkt aus Duschgels, Zahnpasta oder anderen Artikeln mit Peeling-Effekt. Andere sind Bruchstücke und Fasern, die durch Abrieb und Zersetzung von Plastikgegenständen oder Fleecepullovern entstünden. Mikroplastik sei ein ökologisches Problem, weil es Schadstoffe an sich binde und in die Nahrungskette gelange. Bei den zwölf untersuchten Kläranlagen reichte die Belastung durch Partikel von 86 bis zu 714 je Kubikmeter und durch Fasern von 98 bis 1.479 pro Kubikmeter. Je nach Anlagengröße gelangten pro Jahr zwischen 93 Millionen und 8,2 Milliarden Partikel in die Vorfluter und damit in die Flüsse. Auch im Klärschlamm wurden große Mengen Mikroplastik gefunden. Wenn Klärschlamm auf Felder ausgebracht wird, gelangen die Teilchen abermals in die Umwelt (dpa, 31.10.14).

Frühgeburt

Frühgeburten sind erstmals die häufigste Todesursache weltweit für Kleinkinder unter fünf Jahren. Wie US-amerikanische Wissenschaftler ermittelt haben, sterben jeden Tag mehr als 3.000 Kinder an den Komplikationen einer zu frühen Geburt. Von insgesamt 6,3 Millionen Kleinkindern, die im Jahr 2013 starben, waren fast 1,1 Millionen Frühchen. Die allermeisten – 965.000 – überlebten die ersten vier Wochen nicht. Weitere 125.000 starben in den fünf Jahren nach der Geburt an den Folgen. Einer der Gründe für diese Entwicklung ist die steigende Frühgeburten-Rate (Robert Black et al., The Lancet; dpa, 21.11.14).

Unehrlich

Bankangestellte sind nicht unehrlicher als ihre Kollegen anderer Branchen. Allerdings begünstigt die Unternehmenskultur der Bankenindustrie implizit unehrliches Verhalten. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Zürich. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die sozialen Normen in der Bankenindustrie unehrliches Verhalten eher tolerierten und damit zum Reputationsverlust der Banken beitrügen. Die Forscher empfehlen der Finanzwirtschaft einen Normenwandel hin zur Förderung moralisch einwandfreiem Verhaltens. Zu ihren Erkenntnissen gelangten die Forscher durch Experimente mit rund 200 Bankangestellten. Sie wurden in zwei Gruppen zum Münzwerfen eingeteilt – jeweils mit der Chance auf Extra-Gewinne durch Schummeleien. Der einen Gruppe wurde der Eindruck vermittelt, es gehe um den Freizeitbereich. Die anderen Probanden wurden auf ihre Rolle als Banker eingestimmt. Diese Gruppe habe sich bei Kopf oder Zahl „signifikant unehrlicher“ verhalten. Ähnliche Experimente in anderen Branchen hätten hingegen keine derartigen Unterschiede ergeben (Michel André Maréchal et al., DOI: 10.1038/nature13977).

Naturschutzzonen

Weltweit stehen immer mehr Landschaften und Meere unter Naturschutz. Derzeit sind es über 200.000 Einzelflächen mit zusammen fast 33 Millionen Quadratkilometern – einer Fläche größer als Afrika. Das geht aus dem UN-Umweltprogramm (Unep) hervor. Die Zahl der Schutzgebiete habe sich in jeder Dekade der vergangenen 20 Jahre verdoppelt. Insgesamt stünden 15,4 Prozent der weltweiten Landfläche samt Inlandsgewässern sowie 3,4 Prozent der Ozeane unter Naturschutz. Allerdings schützten die Länder nicht immer die Gebiete, die es am nötigsten hätten, meinen die Autoren der Unep-Studie, und zwar Gebiete mit besonders hoher Artenvielfalt. Außerdem müsse das Management in vielen Bereichen verbessert werden. Nach dem Bericht wären im Jahr für den Schutz aller relevanten Flächen und das nachhaltige Management 76 Milliarden Dollar nötig (dpa, 14.11.14).

Mensch und Katze

Das Jahrtausende lange Zusammenleben von Mensch und Katze hat im Erbgut der Tiere Spuren hinterlassen. Bei Hauskatzen sind US-amerikanischen Wissenschaftlern zufolge offenbar Erbanlagen verändert, die das Gedächtnis, das Lernen durch Belohnung und das durch Angst gesteuerte Verhalten beeinflussen. Menschen leben seit mindestens 9.000 Jahren mit Katzen zusammen. Zur Familie der Katzen gehören knapp 40 Arten, die rund um den Globus verbreitet sind und sich an unterschiedlichste Umweltbedingungen angepasst haben. Hauskatzen gelten nur als semidomestiziert, da sie nicht isoliert von Wildkatzen leben und der Mensch – zumindest oft – nicht ihre Futterversorgung und die Aufzucht der Nachkommen kontrolliert. Aus diesem Grund gingen die Forscher davon aus, dass die Domestizierung nur leichte Spuren im Katzen-Erbgut hinterlassen hat. Dort fanden sie fünf Regionen, die offenbar mit ihrer Domestizierung zusammenhängen. Außerdem stießen sie auf Besonderheiten des Fettstoffwechsels, die wohl mit der Fleisch-intensiven Ernährung von Katzen zusammenhängen, sowie Gen-Variationen, die die außergewöhnlichen Seh- und Hörfähigkeiten der Vierbeiner erklären (Wesley Warren et al., Proceedings; dpa, 14. 11.14).


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken