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12 | Dezember 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Bewusstsein

Nicht nur in der Philosophie hält sich hartnäckig die Überzeugung, das Bewusstsein entzöge sich als wesentlich subjektives Phänomen prinzipiell einer wissenschaftlichen, wesentlich objektiven Beschreibung und Erklärung. Michael Pauen argumentiert in seinem jüngsten Buch über „Die Natur des Geistes“, dass diese historisch gewachsene Überzeugung auf Voraussetzungen beruht, die in erster Linie von der ungerechtfertigten Gleichsetzung von bewusster Erfahrung und Wissen über die bewussten Erfahrungen herrühren. Tatsächlich aber zeigt eine Vielzahl theoretischer Überlegungen, dass – obwohl bewusste Erfahrung ein rein subjektives Phänomen ist – die Erlangung des Wissens über die eigenen Erfahrungen („Introspektion“) kognitive Prozesse involviert, die prinzipiell genauso fehleranfällig sind wie dritt-personale, objektive Arten, Wissen über die Erfahrungen anderer zu erlangen („Exterozeption“). Daher gibt es kein epistemisches Privileg des Erfahrungssubjektes, so dass Wissen über subjektive Erfahrung auch im Rahmen einer Wissenschaft des Bewusstseins erlangt werden kann. Laut Pauen deuten empirische Daten darauf hin, dass eine objektive Beschreibung von bewusster Erfahrung in einigen Fällen die auf Introspektion beruhenden Beschreibungen in Präzision und Zuverlässigkeit deutlich übersteigen. Obwohl das nicht bedeutet, dass eine wissenschaftliche Lösung des Bewusstsein-Problems in Sicht wäre, gibt es Anlass zu der Hoffnung, dass mit weiterer empirischer Forschung die Problemstellung weiter präzisiert wird und eine wissenschaftliche Erklärung immer greifbarer wird.

Auch wenn in meinen Augen der Begriff der Introspektion zu unbestimmt bleibt – Michael Pauen verbindet in vorbildlicher Weise historische Betrachtungen mit systematischen Fragestellungen sowie begrifflich-theoretische Erörterungen mit der Interpretation empirischer Befunde. Insgesamt ist sein Buch nicht nur sehr angenehm zu lesen, sondern durch seine sachliche Argumentation und seine anschaulichen Beispiele wird es neben den vielen wertvollen Beiträgen zur fachinternen Diskussion auch interessierte Laien zum Nachdenken über die vermeintlich jedem bestens bekannte eigene Erfahrung anregen.

Michael Pauen: Die Natur des Geistes. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 320 Seiten, 24,99 Euro.

Professor Dr. Gottfried Vosgerau, Universität Düsseldorf

Forschungsfragen

Die Junge Akademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich für einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einzusetzen. Ein Projekt, mit dem sie das erreichen möchte, ist auch in diesem Jahr wieder ein Kalender, den sie herausgegeben hat. Mitglieder bzw. Alumni stellen hier ihre Forschungsfragen vor, mit denen sie sich in ihrem jeweiligen Fachgebiet beschäftigen – illustriert mit farbigen Abbildungen. Ein Schwerpunkt liegt auf Themen, die derzeit in der Gesellschaft sehr präsent sind, wie z.B. Klimawandel und Biodiversität, Antibiotikaresistenz, Regulierung internationaler Bankkonzerne oder die Vorhersagbarkeit von Finanzkrisen. Von Elementarteilchen und Mikroorganismen über intelligente Rechensysteme bis hinaus in den Weltraum oder hinein ins Mittelalter reichen die Forschungsfragen. In den Texten der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die eigene Begeisterung für ihr Fach und der Wunsch, beim Leser Interesse zu wecken, spürbar. Mit dem Kalender für das Jahr 2017 kann man 56 Ausflüge in wissenschaftliches Neuland unternehmen und darf Woche für Woche auf die nächste Forschungsfrage gespannt sein.

Angelika Riemer / Sibylle Baum­bach / Florian Meinel / Evelyn Runge (Hg.): Neuland in der Wissenschaft 2017. Wochenkalender, Verlag Thor­becke, 2016, 19,99 Euro.

Ina Lohaus


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