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05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Universelle Werte

Timothy Garton Ash versteht sich als Wissenschaftler und Journalist zugleich. In seinem Buch über das große, aktuelle Thema Redefreiheit hat er sich entschlossen, als Journalist aufzutreten. So ist ein Sachbuch typisch angelsächsischer Prägung entstanden: wenige, einfache Thesen, hunderte von Beispielen und immer wieder persönliche Anekdoten, die den Autor als Gesprächspartner der Großen dieser Welt zeigen. Das Buch betreibt Marketing für die Plattform freespeechdebate.com, die alle Gutmeinenden dieser Welt („Männer und Frauen guten Willens“) einlädt, gemeinsam Regeln für eine globalisierte Welt zu formulieren, in der „wir alle zu Nachbarn werden“.

Das Buch will die „Bedienungsanleitung“ für eine weltweite Debatte über Redefreiheit als Grundbedingung von Demokratie und Frieden sein. Und genau so langweilig liest es sich denn auch. Es wird sicher unendlich oft gekauft und verschenkt werden, aber nur einige wenige Rezensenten werden bis zur Seite 664 durchhalten. Die zehn Prinzipien, die Timothy Garton Ash dieser Debatte als Rahmen vorgibt, sind von einer erschreckenden Banalität – und eignen sich gerade deshalb hervorragend für politische Sonntagsreden, Akademie-Tagungen und internationale Organisationen. So lautet das Prinzip des Wissenschaftlers zum Thema Wissen: „Wir nutzen jede Chance, Wissen zu verbreiten, und tolerieren hierbei keine Tabus.“ Und das Prinzip des Journalisten zum Thema Journalismus lautet: „Wir benötigen unzensierte, vielfältige und vertrauenswürdige Medien, um gut informierte Entscheidungen zu treffen und vollständig am öffentlichen Leben teilzuhaben.“

Die weltweite Debatte auf der Plattform freespeechdebate.com soll ein „transkultureller Dialog“ sein, der sich auf die Suche nach einem „universelleren Universalismus“ macht und am Ende „globale universelle Werte“ formuliert. Das spricht jedem Gesinnungsethiker aus der Seele. Die Botschaft dieses Buches lautet: Seminaristen aller Länder – vereinigt euch! Und sein Autor präsentiert sich als der nette, optimistische Liberale, der mit seiner Diskursethik die Welt ein wenig besser macht. Und dabei bedient er alle Vorurteile, die es gegen Liberale gibt.

Timothy Garton Ash: Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt. Hanser Verlag, München 2016, 688 Seiten, 28,- Euro.

Professor Dr. Norbert Bolz, TU Berlin

Differenzierte Debatte

Das neue molekularbiologische Verfahren des genome editing, mit dem zielgenaue Genveränderungen vorgenommen werden können, bietet in der Medizin ungeahnte Möglichkeiten, das Verständnis genetischer Erkrankungen zu verbessern und die Entwicklung neuer Therapien zu beschleunigen. Gleichzeitig wirft es ethische und rechtliche Fragen auf, die einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion bedürfen. Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina aus den Fachbereichen Biologie, Medizin, Jura, Theologie und Philosophie haben daher im März 2017 eine Publikation herausgebracht, in der sie ihre Position zu genetischen Eingriffen an Körperzellen, Keimbahnzellen und Embryonen darlegen. Der Einsatz des genome editing ist vor allem bei der Forschung an menschlichen Embryonen heftig umstritten. Die Autoren wollen mit dieser Publikation eine differenzierte Debatte über die Forschung an frühen menschlichen Embryonen anstoßen, die für Fortpflanzungszwecke erzeugt wurden, von den Spendern hierfür aber endgültig nicht mehr verwendet werden und die somit keine reale Lebenschance haben.

Jörg Hacker (Hg.): Ethische und rechtliche Beurteilung des genome editing in der Forschung an humanen Zellen. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina 2017, kostenloser Download unter www.leopoldina.org/de/publikationen/

Ina Lohaus


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