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07 | Juli 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Schon aufgegeben?

Mit dem Verschwinden des Bildungsbürgertums ist die Bildung jeder Selbstevidenz beraubt. Sie taucht bei Sonntagsreden oder im Gewand selbstverwirklichungsdienlicher „social skills“ noch auf, ansonsten geht es selbstredend um Ausbildung. Man hat sie stillschweigend aufgegeben.

Der Band versammelt vor allem Texte von Autoren, die sich entweder im Kontext des KIT (Karlsruher Institut für Technologie), der Anthroposophie und/oder der Hochschule Witten/Herdecke bewegen. Daneben sind es vor allem Philosophen, die sich äußern, auch einige „Prominenz“: Christoph Markschies, Peter Sloterdijk.

Von Bürokratie, Ökonomisierung, äußeren Zwängen und Standardisierungswut ist viel die Rede, von Europäisierung des Hochschulraums, Interdisziplinarität, Verschulungszwang und Bachelorreform als notwendiger Antwort auf die Bummelstudenten. Aber nirgendwo taucht die Frage auf: cui bono? Wer hat – an den Universitäten auf der Ebene der Professoren – von dieser ganzen „Kehre“ profitiert? Gab es Nutznießer der Reform insbesondere unter jenen, die sich heute in gesetzten Worten als Kritiker präsentieren? Welchen „akademischen“ Typus hat die Reform begünstigt? Warum sagt nur Konrad Liessmann in aller Deutlichkeit, dass „Bologna“ zu einem Etikett wurde, „das in erster Linie die Aufgabe hatte, Reformen und Initiativen aller Art, man könnte auch sagen: die Zerstörung der Universität gegen Kritik zu immunisieren“ (S. 104)? Gewinner der Reform, so sagt Liessmann richtig, sind die Hochschulleitungen und das durch sie gestiftete Netzwerk der „wohlunterrichteten Kreise“, die Bürokratien sowie die Agenturen, die diese Prozesse organisieren, durchsetzen und überwachen.

Wenn die Logik der Bildung, wie es im Vorwort zu lesen ist, individuelle, „existentielle Praxis“ ist, dann ist es um die „Bildungsgüter“ schlecht bestellt. Wenn es am Ende (des Vorwortes) heißt: „Die Aufgabe der Universität für die Bildung der Zukunft bleibt offen“, zuckt der Leser schon gar nicht mehr zusammen. Warum sollte man um die „Idee“ der Universität kämpfen, wenn man die Bildung schon aufgegeben hat?

Philip Kovce, Birger P. Priddat (Hg.): Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität. Metropolis Verlag, Marburg 2015, 258 Seiten, 24,80,- Euro.

Professor Dr. Georg Kamphausen, Universität Bayreuth

Aufs Korn genommen

Aus Diskussionen der Jungen Akademie zur Hochschulpolitik ist ein „Wissenschaftssimulationsspiel“ entstanden, das von Cornelis Menke, Wissenschaftsphilosoph an der Universität Bielefeld und Mitglied der Jungen Akademie, konzipiert worden ist. Ein Mitspieler zieht eine „Forschungskarte“. Über das darauf angegebene Thema muss er nun einen Vortrag halten, z.B. über „Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote“ oder „War Leibnitz ein Plagiator?“ Alle Themen sind wissenschaftliche Arbeiten, deren bibliographische Nachweise sich im Literaturverzeichnis finden. Im Anschluss diskutieren die Mitspieler über das Gehörte, aber keinesfalls einfach so, sondern unter Berücksichtigung der Standards kollegialer Begutachtung, die auf unterschiedlichen „Desiderata“-Karten vorgegeben sind: „Wurden Autoritäten zitiert?“, „Kann der Kollege überhaupt Latein?“. Je nachdem, wie die kollegiale Kritik ausfällt, kann der Vortragende „Meriten“-Karten erhalten, z.B. den Nobelpreis oder ein neues repräsentatives Büro. Die Spielanleitung liest sich wie eine Satire. Die Spieler können simulieren, sinnieren, fabulieren und die Wissenschaft, insbesondere das Peer Review, spielend aufs Korn nehmen.

Cornelis Menke / Junge Akademie (Hg.): Peer Review. Ein Wissenschafts­simula­tions­spiel, 16,- Euro. Zu beziehen: office@ diejungeakade­mie.de

Ina Lohaus


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