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08 | August 2016 Artikel versenden Artikel drucken

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Hoffnung Europa

Deutschland – meldete im Juni 2016 die Statistik des UN-Flüchtlingshilfswerks – ist weltweit das „Flüchtlingsland Nummer zwei“, nach der Türkei. Mehr als 1,8 Millionen Asylzuwanderer werden hierzulande gezählt, darunter hochqualifizierte Fachkräfte und gebildete junge Menschen. Man müsse nur in die „erschöpften, verängstigten Gesichter“ der ankommenden Flüchtlinge blicken, um die „Hoffnung Europa“ zu verstehen, sagt Navid Kermani. Er muss es wissen. Der Schriftsteller und habilitierte Orientalist, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015, hat iranische Eltern und lebt in Köln. Über die Faszination der christlichen Bildwelten (in „Ungläubiges Staunen“, 2015) und die Begegnungen „Zwischen Koran und Kafka“ (2014) hat er ebenso kundig geschrieben wie über „Deutschland und seine Muslime“ (2009). Im Herbst 2015 ist er mit einem Fotografen die Balkanroute nachgefahren, in umgekehrter Richtung, von Deutschland über Budapest und Belgrad bis nach Lesbos und in die Türkei.

Kermanis Reportage dokumentiert den unsicheren Weg der Flüchtlinge, ihre Hoffnungen, die Schikanen bei Transport und Verpflegung, die schockierenden Erfahrungen mit Schleppern, die Positionen von Grenzpolizisten und Politikern. Zugleich erzählt er eindringlich von persönlichen Schicksalen. Mohammed, ein junger syrischer Kurde, wartet im türkischen Assos auf eine Überfahrt. Der Betriebswirtschaftsstudent hat in Hasaka den IS-Überfall überlebt. Über Beirut ist er geflohen. 800 Dollar hat er für die Überfahrt verdient. Doch die übervollen Boote machen ihm Angst. Neun von zehn Todesfällen bei Flüchtlingen geschehen im Mittelmeer. Doch Mohammed weiß, dass es anderen noch schlechter geht. Einige Afghanen haben ihr Geld an Erpresser verloren.

Navid Kermani schreibt von der „schlechten Geschichte“ der Flüchtlingstrecks, ohne die gute Geschichte in Deutschland zu verschweigen.

Die Balkanroute ist zwar geschlossen. Aber Blockaden und Barrikaden sind nicht der richtige Weg für ein demokratisches, freiheitliches Europa.

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. C.H. Beck, München 2016, 96 Seiten, 10,- Euro.

Professor Dr. Michael Braun, Konrad-Adenauer-Stiftung/Universität zu Köln

Zukunftsfest?

Der Bologna-Prozess, die ständig steigenden Studierendenzahlen, die unbegrenzte Verfügbarkeit von Wissen durch die technologische Entwicklung und viele Faktoren mehr haben zu einem Wandel des Wissenschaftssystems geführt und die Ziele und Leitideen von universitärer Lehre und Forschung verändert. Grund genug, den Bildungsbegriff zu überdenken und nach dem Bildungsauftrag der Universitäten zu fragen. Getan haben dies Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachdisziplinen auf einem Symposium der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Welches Ziel sollte die akademische Bildung haben, und welche Bedeutung kann zukünftig dem Humboldtschen Bildungsideal zukommen? Sind die traditionellen Lehrformate noch zeitgemäß? Welche Rahmenbedingungen sind an den Universitäten erforderlich, und an welchen Stellschrauben kann überhaupt gedreht werden? Es besteht Diskussionsbedarf, wie das Hochschulsystem zukunftsfest gemacht werden kann. Die Publikation, die auf das Symposium zurückgeht, liefert Anregungen und versammelt Ideen für die Universitäten des 21. Jahrhunderts.

Marita Hillmer / Katharina Al-Shamery (Hg.): Die Bedeutung von Bildung in einer Dienstleistungs- und Wissenschafts­gesellschaft. Welchen Bil­dungs­auftrag hat die Universität? Wissenschaftliche Verlags­gesell­schaft, Stuttgart 2016, 132 Seiten, 21, 95 Euro.

Ina Lohaus


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