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07 | Juli 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Bildungshorizonte

Dass der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger (1882-1963) einst eine zentrale Figur des deutschen Bildungswesens war, dass seine Studien zur Basislektüre der Pädagogik gehörten, ist längst in Vergessenheit geraten. Nicht alles Vergangene muss wieder ans Licht befördert werden, aber angesichts der früheren Bedeutung Sprangers ist es im Sinne der historischen Standortbestimmung für diejenigen, die sich mit Fragen der Bildung beschäftigen, unumgänglich, sich die Grundzüge seines Denkens in Erinnerung zu rufen. Mit dieser Aufgabe will sich der zum fünfzigsten Todestag erschienene Band indes nicht bescheiden; ihm geht es vielmehr um eine Rehabilitierung Sprangers. Wolfgang Hinrichs, Mentor des Projekts und selbst Spranger-Schüler, vertritt in seiner Einleitung die Auffassung, dass Spranger, dessen Werk für ihn nichts an Aktualität eingebüßt hat, nur deshalb aus dem Blick geraten ist, weil er durch ideologische Machenschaften kaltgestellt wurde. Aber auch ohne diese Rahmenerzählung ist Spranger interessant. Dies belegt eine Auswahl von Texten, die der Band wieder zugänglich macht, darunter die Kapitel „Der ökonomische Mensch“ und „Der Machtmensch“ aus den „Lebensformen“, die als eine moderne Adaption aristotelischer Ethik zu verstehen sind. In den Schriften zur Erziehung wird, kaum überraschend, die Zeitgebundenheit seines Denkens deutlich, was dieses freilich nicht entwertet. Die dem Band beigefügten Studien zu Spranger leisten einen Beitrag zu seiner Historisierung, indem sie diesen in seinem geistesgeschichtlichen Kontext darstellen.

Diese Historisierung bedeutet nicht, dass Spranger damit erledigt wäre. Im Gegenteil lässt sich erst so die Bedeutung ermessen, die sein Denken für die Gegenwart haben kann. Es ist gerade die Verlustbilanz, die den Gewinn ausmacht. Auf diese Verlustseite gehört u.a. eine Konzeption von Bildung, die sich dem schier unaufhaltsamen Sog der Ökonomisierung entzieht, dem auch wohlmeinende Bildungsreformer scheinbar nicht zu entkommen vermögen. Sprangers Werk kann daran erinnern, dass der Horizont der Bildungsplanung nicht bei Bologna und Pisa endet, sondern auch Rom und Athen einschließen sollte.

W. Hinrichs / M. Porsche-Ludwig / J. Bellers (Hrsg.): Eduard Spranger. Verstehende Kulturphilosophie der Politik – Ökonomie – Pädagogik. Originaltexte und Interpretationen. Bautz Verlag, Nordhausen 2013, 380 S., 20,- Euro.

Prof. Dr. Georg Zenkert, Pädagogische Hochschule Heidelberg

Sprache des Denkens

Was sagt uns die Art und Weise, wie wir Gedanken und Gefühle in Worte fassen, über unsere menschliche Beschaffenheit? Dieser Frage geht Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University, in seinem neuen Buch nach. Mit einem wahren Füllhorn an Sprachbeispielen, darunter auch viele Anekdoten und Wortspiele, nimmt er Wörter und Satzkonstruktionen in den Blick. Anhand von Verben, Präpositionen oder Tabuworten führt er dem Leser vor Augen, wie vielfältig die Sprache mit dem Denken, mit Emotionen, Beziehungen und der Realität verknüpft ist. Insbesondere den Metaphern, die in der Sprache allgegenwärtig sind und durch die sich komplexe Gedankengebilde ausdrücken lassen, schreibt Pinker eine große Bedeutung zu. Zusammen mit der konzeptuellen Metaphorik ist es vor allem die kombinatorische Kraft der Sprache, durch die immer wieder neue Ideen erfasst werden können. Als Medium, mit dem wir Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen, ist die Sprache ein wesentlicher Teil des Menschseins. In ihr spiegelt sich unsere Interpretation der Wirklichkeit wider.

Steven Pinker: Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät. S. Fischer, Frankfurt 2014, 608 Seiten, 24,99 Euro.

Ina Lohaus


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