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03 | März 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Fragen der Zeit

Dass sie sich äußern, dass sie sich einmischen, dass sie sich zusammentun – derlei Forderungen an die Intellektuellen des Landes wurden lange nicht mehr so vehement geäußert wie unserer Tage.

Darf, ja muss sich die intellektuelle Elite politisch einmischen? Welche Formen des Protests sind angebracht? Diese Fragen stellten sich vor rund 50 Jahren auch die Literaten in der noch jungen Bundesrepublik angesichts von Mauerbau, Auschwitzprozess und Vietnamkrieg. Jörg Magenau verdichtet sie in seiner literarischen Reportage „Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47“ auf rund 200 Seiten. Aufhänger ist die Reise der rund 80 deutschen Schriftsteller, Journalisten und Literaturkritiker nach Princeton. Es ist das zweite Auslandstreffen der Gruppe 47, die sich nach ihrem Gründungsvater und Spiritus rector Hans-Werner Richter nicht als eine offizielle Gruppe, schon gar nicht als politische Delegation versteht. Richter, aus dessen Perspektive hauptsächlich erzählt wird, legt demnach Wert auf die Regel, „dass der Ausschluss der Außenwelt die Konzentration auf die Innenwelt beförderte und Außenwelt allenfalls als Außenwelt der Innenwelt, also innerliterarisch zum Ausdruck gelangte, aber nicht von außer her ins Innere des Gruppendaseins eindrang“. Verhindern kann er es indes nicht, zu drängend sind die Fragen der Zeit, oder mit den Worten des Textes gesagt: „Literatur verweist, ob sie will oder nicht, darauf, dass die Welt auch anders sein könnte als immer bloß so, wie sie gerade ist“. Es sind Sätze wie diese, die man nicht nur einmal, sondern immer wieder lesen möchte. Manchmal kommen sie lakonisch und zugleich mit ironischer Schärfe daher, vor allem, wenn es um die Lesungen geht, die im Zentrum der Gruppentreffen und also auch des Treffens in Princeton stehen („Grass, ein paar Reihen vor Weiss, streckte, durchströmt vom angenehmen Bewusstsein, Günter Grass zu sein, die Beine aus.“) Ständig oszilliert der Text dabei zwischen der Reflexion individueller Situationen sowie der großen politischen Bühne – ein tiefgründiges Lesevergnügen von höchster Aktualität.

Jörg Magenau: „Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47“. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2016, 223 Seiten, 19,95 Euro.

Professor Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin

Reichweite

Über die Biologie hinaus schaut der Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer in seinem Buch, in dem er 58 wissenschaftliche und philosophische Disziplinen zusammengestellt und charakterisiert hat, in denen evolutionäre Prinzipien eine wichtige Rolle spielen und die durch den Evolutionsgedanken bereichert wurden. Es sind überwiegend Disziplinen am Rande bzw. jenseits der Biologie wie z.B. Evolutionäre Intelligenz, Evolutionäre Rechtstheorie oder Evolutionäre Kunst. Ein eigener Teil des Buches ist den Auswirkungen der Evolutionstheorie auf die Philosophie gewidmet, bzw. auf ihre Teilgebiete wie Evolutionäre Wissenschaftstheorie oder Evolutionäre Zukunft. Mit seinen Untersuchungen will Gerhard Vollmer die Reichweite des Evolutionsgedankens für die Naturwissenschaften, andere Wissenschaften und die Philosophie sowie für das gesamte Weltbild deutlich machen. Man müsse sein umfangreiches Buch nicht von vorne bis hinten lesen, hebt er hervor, vielmehr könne man darin schmökern wie in einem Lexikon. Der Leser erfährt hier, wie der Evolutionsgedanke in vielen Disziplinen Fuß gefasst hat, nicht zuletzt auch dort, wo der Zusammenhang mit der Evolution nicht gerade auf der Hand liegt, so dass Unerwartetes zu lesen ist.

Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution. Darwin in Wissenschaft und Philosophie. Hirzel Verlag, Stuttgart 2016, 613 Seiten, 39,- Euro.

Ina Lohaus


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