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05 | Mai 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Konflikt als Quelle der Einsicht

Es ist erfreulich, das Buch eines noch jungen Fachvertreters der Philosophie zu lesen, der von der Philosophie derart überzeugt ist, dass er als ihr Botschafter in Weltgegenden reist, in denen man sie für überflüssig hält – sofern man überhaupt etwas von ihr weiß. Der Autor ist ein noch junger Deutsch-Brasilianer, der an der McGill-University in Montreal lehrt und als Gastprofessor in Princeton, Jerusalem, Oxford, Paris und München tätig war.

Der erste Ort ist die palästinensische al-Quds-Universität in Jerusalem. Die anderen sind eine islamische Hochschule im indonesischen Makassar, ein die religiösen Vorschriften unterlaufender philosophischer Diskussionskreis chassidischer Juden in New York, ein Schulungszentrum für Lehrer in der brasilianischen Provinz Bahia sowie ein Philosophie-Workshop im Reservat der Mohawk-Indianer in Kanada.

Die Zusammenstellung macht klar, dass es dem Autor um die Erfahrung kultureller Vielfalt geht. Er sucht Orte mit extremen religiösen und politischen Gegensätzen auf, die er in lebendiger Schilderung der Anlässe und Umstände vor Augen führt, um die Widerstände kenntlich zu machen, die einer philosophischen Aufklärung entgegen stehen. Ihr versucht er im philosophischen Diskurs eine Chance zu eröffnen.

Die Kenntnisse nicht nur über Platon, sondern insbesondere auch über die arabische und jüdische Philosophie, die Carlos Fraenkel dabei einzubringen versteht, sind eindrucksvoll. Sie erlauben ihm, den ihm überall entgegengehaltenen Eurozentrismus-Vorwurf zu entkräften. Beachtlich ist die Sicherheit, mit der er am Anspruch auf Wahrheit festhält. Und nur im Vertrauen auf sie gelingt es ihm, die Vorbehaltlosigkeit und Offenheit durchzuhalten, die er als das methodische Programm der Philosophie einzubringen sucht. Darin sieht er den unverzichtbaren Beitrag des philosophischen Denkens zur globalen Verständigung der Menschheit.

Das Buch ist lehrreich und unterhaltsam. Sein philosophischer Vorzug resultiert aus dem Geschick des Autors, selbst im Wirbel größter Gegensätze an der Notwendigkeit undogmatischen Nachdenkens festzuhalten. Wenn er damit die Hoffnung verbindet, mäßigend auch auf die Religionen einzuwirken, könnte er noch überzeugender argumentieren, als er es unter Berufung auf prominente historische Vorbilder tut. Denn Glauben und Wissen gehören in ihrer Stellung und Leistung enger zusammen als der Autor zu erkennen gibt.

Carlos Fraenkel: Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt. Hanser Verlag, München 2016, 256 Seiten, 19,90 Euro.

Professor Volker Gerhardt, HU Berlin

Zufall?

Er hat Physik studiert, weil ihn die Berechenbarkeit der Welt fasziniert hat. Jetzt aber erkundet der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert die Zufälle und Unberechenbarkeiten im Privatleben, in der Arbeitswelt und auch in der Wissenschaft – und das mit viel Humor. Die Geschichte der Menschheit sei eine sonderbare Aneinanderreihung von Zufälligkeiten. Es sei allerdings kein Zufall, dass viele Entdeckungen auf Zufällen beruhten. Er fragt sich, ob es nicht möglich sei, mit Big Data der Unberechenbarkeit ein Schnippchen zu schlagen. Doch dann nimmt er die vielen Dinge, die man aus riesigen Datenmengen berechnen kann, die aber nichts mit der Realität zu tun haben müssen, gehörig aufs Korn. Der Mensch sei viel mehr als eine große Datenmenge und – zum Glück – häufig sehr irrational. Vince Ebert lobt die Irrationalität, die Kreativität und Phantasie hervorbringe, ohne die wir in unserer unberechenbaren Welt nicht bestehen könnten.

Vince Ebert: Unberechenbar. Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016, 316 Seiten, 16,99 Euro.

Ina Lohaus


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