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12 | Dezember 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

High-Tech Branche

Christoph Keese, Gründungsmitglied von Financial Times Deutschland und später Chefredakteur von Welt am Sonntag, zeichnet heute als Executive Vice President verantwortlich für den Wandel des Springer Verlags zum digitalen Medienunternehmen. Um sich vor Ort über die High-Tech Branche zu informieren, hat Keese zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern sechs Monate im kalifornischen Palo Alto gelebt und über seine Eindrücke und Schlussfolgerungen ein Buch geschrieben. Und zweifelsohne: schreiben kann er. Locker präsentiert er Menschen und Firmen aus dem Silicon Valley, verwebt geschickt Atmosphäre und Fakten und lässt uns teilhaben an dem Pioniergeist, der bei den jungen Startup-Unternehmen herrscht.

Leider sind diese Ausführungen durchtränkt von einer naiven Amerikaverehrung. Klar, dass Stanford mit einer Milliarde Dollar Spenden pro Jahr die beste Universität der Welt sein kann, aber dass Kalifornien seit Jahren kurz vor der Staatspleite steht, bleibt unerwähnt. Stattdessen schwärmt Keese von der „Disruptiven Innovation“, mit der etablierte Geschäftsmodelle großer Firmen infrage gestellt werden, und belächelt Deutschland in seiner Hasenfüßigkeit, das partout den American Way of Life nicht übernehmen will.

Doch dann reibt der Leser sich die Augen: Google hat wohl den Bogen überspannt, denn als Mitglied einer Delegation des Weltzeitungsverbandes empfindet Keese das Verhalten des Monopolisten als unfair und ruft nach Regulierung. Sein Feindbild vom übermächtigen Datensammler lässt ihn nun ins Esoterische abgleiten, und andächtig beschreibt er das ultimative Projekt des Silicon Valley, die „Singularität“. Hier lädt sich der Mensch selbst in die Cloud hoch, besiegt den Tod und erreicht das ewige Leben.

Auf dem Rückflug nach Deutschland kehrt Keese dann auf den Boden der Tatsachen zurück und empfiehlt, quasi als Fazit seiner Mission, der Bundesrepublik Deutschland eine Unternehmens- und Bildungsreform: Firmen müssen leichter Zugang zu Risikokapital erhalten, und Informatik muss Pflichtfach in der Schule werden. Dem kann sich der Rezensent nur anschließen.

Christoph Keese: Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. Knaus Verlag, München 2014, 320 Seiten, 19,99 Euro.

Professor Dr. Oliver Vornberger, Universität Osnabrück

Außergewöhnliche Karrieren

Sie haben physische oder psychische Leiden, und sie haben dennoch Herausragendes geleistet. Die Lebenswege der Wissenschaftler, die die Autoren hier in sehr eindrücklicher Weise beschreiben, sind von Krankheiten gezeichnet. Die Chemie-Nobelpreisträgerin Dorothy Hodgkin z.B., die schon als junge Frau an rheumatoider Arthritis erkrankt ist und trotz Schmerzen und deformierter Gelenke geforscht hat. Beachtlich auch der Weg von Morton Doran, der trotz Tourette-Syndrom ein anerkannter Chirurg geworden ist. Einige Wissenschaftler haben ihre Erkrankung zum Anlass genommen, auf diesem Gebiet zu forschen. Der krebskranke Nobelpreisträger Ralph Steinman etwa, der Impftherapien gegen Krebs entwickelt und im Selbstversuch eingesetzt hat. Die ebenso wie der Nobelpreisträger John Nash an Schizophrenie erkrankte Jura-Professorin Elyn Saks hat Rechtsvorschriften im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit zu ihrem Thema gemacht. Die außergewöhnlichen Karrieren, die von den Buchautoren nachgezeichnet werden, zeugen von einem starken Willen und einem ausgeprägten Durchhaltevermögen, ohne die die wissenschaftlichen Erfolge, die trotz Erkrankung erzielt wurden, nicht denkbar gewesen wären.

Heinrich Zankl / Katja Betz: Trotzdem genial. Darwin, Nietzsche, Hawking und Co. Wiley-VCH, Weinheim 2014, 288 Seiten, 24,90 Euro.

Ina Lohaus


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