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04 | April 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Illusion

Der Autor, der selbst die Idee der „Freiheit der Universität“ vertritt, sich wohl bewusst seiend, dass sich das nur in der „Paradoxie“ einer „Selbstständigkeit in der Abhängigkeit“ verwirklichen lässt, legt eine Untersuchung zur Haltung DDR-sozialisierter Wissenschaftler der Humboldt-Universität zur Hochschulerneuerung vor. Die Basis sind ausführliche, strukturierte Interviews mit DDR-Professoren, die in den Evaluierungen als „unbelastet“ und „fachlich qualifiziert“ eingestuft wurden, so dass sie neu berufen werden konnten („Überlebende“; 8 von 134), mit Wissenschaftlern, die in der DDR keine Professur innehatten und in der Folge der Evaluierungen berufen wurden („Aufsteiger“; 10 von 85), sowie mit DDR-Professoren, die nicht neu berufen worden sind („Verlierer“; 10 von 366). Ergänzend dazu eine vierte Gruppe, die zwar die Universität gut kennt, aber nicht zu den Professoren mit Ost-Sozialisation gehört („Externe“; 7).

Das Ergebnis ist nicht statistisch signifikant, ergibt aber doch ein überaus interessantes Bild. Nicht überraschend ist die durchgehend positive Sicht auf die DDR-Universität durch die „Verlierer“, dagegen erschrecken die Sichtweisen der „Überlebenden“, wenn der Autor resümieren muss: „Bei vielen […] klingt keine Präferenz für diesen oder jenen deutschen Staatstyp durch“. Dazu kommt, dass diese Gruppe wie die der „Verlierer“ sich damit „entschuldigt“, dass sie sich vielfach wegen der „schulischen Auswahlprozesse“ in Fächern wiederfanden, „die für sie nicht erste Wahl gewesen waren“ – als wenn jemand gezwungen worden wäre, ein ideologisch belastetes Fach zu studieren! Einzig die „Aufsteiger […] betonen […] ohne Relativierungsversuch den großen Einfluss von SED und Staat auf die Berufspraxis der Wissenschaftler“!

Das Buch ist für jeden an der Hochschulpolitik Interessierten lesenswert, ist es doch ein Fallbeispiel dafür, dass eine Erneuerung aus der Universität heraus, wie in den 1990ern vielfach gefordert, eine Illusion war, da, von einigen der „Aufsteiger“ abgesehen, überhaupt keine Kräfte sichtbar sind, die eine ernsthafte Änderung der Situation, in der man sich offenbar gut eingerichtet hatte, gewünscht hätten.
Adriaan in’t Groen: Jenseits der Utopie. Ostprofessoren der Humboldt-Universität und der Prozess der deutschen Einigung. Metropol-Verlag, Berlin 2013, 191 Seiten, 19,- Euro.

Professor (em.) Dr. Dr. Gunnar Berg, Universität Halle-Wittenberg

Mehrsprachigkeit

Dass Englisch eine nützliche internationale Verkehrssprache ist, ist unumstritten. Inwieweit sie jedoch in der Wissenschaft – in Publikationen, bei der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern oder in der Lehre – anstelle von Deutsch zum Einsatz kommen sollte, wird kontrovers diskutiert. In der vorliegenden Dokumentation einer Podiumsdiskussion des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) und der FU Berlin werden die vielschichtigen Fragestellungen deutlich. Professoren aus den Geistes- und den Naturwissenschaften beziehen jeweils aus der Perspektive ihres Faches Stellung. Zusätzlich zu der Momentaufnahme einer solchen Diskussion sind die Empfehlung „Sprachenpolitik an deutschen Hochschulen“ der HRK, das „Memorandum zur Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache“ des DAAD und weiterführende Texte abgedruckt. Es zeigt sich, wie wichtig die Vielsprachigkeit und damit auch der Erhalt des Deutschen in der Wissenschaft ist. Den vielen Tagungen und Diskussionen zum Umgang mit dem Deutschen als Wissenschaftssprache müssen jedoch Taten erst noch folgen, um zu einer kontextbezogenen Mehrsprachigkeit zu gelangen.

Die Sprache von Forschung und Lehre: Welche – Wo, für Wen?, ADAWIS, Berlin 2013, 87 Seiten, 5,- Euro. (Zu bestellen unter info@adawis.de)

Ina Lohaus


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