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06 | Juni 2016 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Gelebte Interdisziplinarität

Ein anregendes Buch zur gelebten Interdisziplinarität haben der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Medienhistoriker Wolfgang Schäffner von der HU Berlin vorgelegt. Sie versammeln Autorinnen und Autoren aus dem Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“, das sich als interdisziplinäres Labor versteht. Gearbeitet wird zwischen Labor und Reißbrett, Operationssaal und Schreibtisch, bild- und textgebenden Verfahren, performativer und informativer Ebene der Wissenschaft. Welche Methodentransfers lassen sich beobachten? Wie helfen z.B. die Methoden der morphologischen Biologie, vegetabile Ornamentsysteme der Gotik zu untersuchen? Wie beeinflussen verschiedene Formen des Bildwissens Prozesse der Forschung und Wissenskommunikation, z.B. in der Neurochirurgie? Wie entstehen feedback-Mechanismen zwischen neuen Hochtechnologien im Bau und der Wissensentwicklung der Architektur, und wie kann die Architektur als Strukturwissenschaft verstanden werden? Dies sind nur einige der Fragen, die im Band reflektiert werden. Nichtwissen und Ambiguität, z.B. die Mehrdeutigkeit von Modellen oder die variable Wahrnehmung von Datengrafiken, stellen sich als konstruktive Strukturmerkmale wissenschaftlicher Gestaltungsprozesse dar. Der Anspruch der Beteiligten, die vielfältigen Wissensformen als integrativen Akt der Gestaltung von Wissen herauszustellen anstatt, wie üblich, im Rahmen einer Methodendiskussion abzuhandeln, ist auf illustrative und unterhaltsame Weise eingelöst worden.

Horst Bredekamp und Wolfgang Schäffner (Hg.): Haare hören – Strukturen wissen – Räume agieren. transcript Verlag , Bielefeld 2015, 215 Seiten, 34,99 Euro.

Professorin Dr. Nicole C. Karafyllis, TU Braunschweig

Edge-Frage

Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? Diese Frage hat der amerikanische Literaturagent John Brockman im Online-Forum „edge.org“ an „führende Köpfe“ gerichtet. 175 Antworten von Wissenschaftlern und Intellektuellen sind nun auf 637 Buchseiten versammelt. Die Nobelpreisträger Anton Zeilinger und Frank Wilczek, Wissenschaftler aus Harvard, Princeton, Cambridge oder Oxford, auch deutsche Wissenschaftler wie Gerd Gigerenzer und Ernst Pöppel sowie einige Autoren haben ihre Überlegungen zu überholten Theorien formuliert. Durch ihre jeweiligen Fachgebiete ist ein wahres Füllhorn an Themen zusammengekommen: Universum, Evolution, Gene, Bewusstsein oder Sprache, um nur einige zu nennen. Die Autoren beziehen Position, wenn z.B. die künstliche Intelligenz für tot erklärt wird oder die Unterscheidung von Geist und Materie als zum Untergang verurteilt beschrieben wird. Selbst die für die Wissenschaft grundlegende Annahme, dass sich unsere Erkenntnis endlos vertiefen wird, sei nicht mehr haltbar. Auch viele Theorien, die die Wissenschaft selbst betreffen, etwa zur wissenschaftlichen Moral oder zu ihrer Selbstkorrektur, werden in Frage gestellt. Doch es gibt auch Stimmen, die den Wert von falschen oder überholten Ideen hervorheben, da sie als theoretische Ausgangsbasis nützlich sein könnten. So warnt dann auch der Schriftsteller Ian McEwan vor Arroganz. Es gäbe z.B. Möglichkeiten, falsch zu liegen, wodurch andere zu richtigen Ansichten gelangten. Er plädiert dafür, „jede kleinste ernste und systematische Spekulation über die Welt“ zu bewahren.

John Brockman: Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand? Die führenden Köpfe unserer Zeit über die Ideen, die uns am Fortschritt hindern. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016, 637 Seiten, 13,99 Euro.

Ina Lohaus


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