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01 | Januar 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Erneuerter Humanismus

Welche Antworten kann ein Philosoph auf neue Fanatismen und Fundamentalismus, auf Kommerzialisierung und Infantilisierung der westlichen Kultur geben? In seinem jüngst erschienenen Buch „Humanistische Reflexionen“ skizziert Julian Nida- Rümelin einen erneuerten Humanismus, der sich auf Menschenrechte und die individuelle und kollektive Selbstbestimmung, auf Bildung und Freiheit beruft. Ein Weg also zu einem richtig verstandenen Humanismus, der abstrahiert von einer Formenlehre, der versucht, den Kern genuin humanistischen Denkens zu fassen: nicht im Sinne einer Rekonstruktion, sondern im Sinne einer in sich stimmigen philosophischen Positionierung. In den seit 2009 zu diesem Thema gehaltenen Vorträgen und veröffentlichten Texten fordert Nida-Rümelin in der Tradition der analytischen, pragmatischen und aristotelischen Philosophie eine undogmatische Haltung gegenüber Andersdenkenden und eine von Respekt geprägte Wertschätzung. Wünschenswert sei eine höhere Bereitschaft, das eigene moralische Urteil auf der Grundlage eines „unaufgeregten Realismus“ in Frage zu stellen. Gerade die Behutsamkeit sei es, die das humanistische Denken und Handeln auszeichne, die Rücksichtnahme auf unterschiedliche Lebensformen, Einstellungen und Bewertungen, die im Einzelfall eine komplexe und gründliche Abwägung erforderlich machten. Insbesondere die intellektuelle Arroganz, die sich aus der üblichen Praxis des „Gründe­gebens“ und „Gründenehmens“ mit erhobenem Zeigefinger selbst feiere, sollte einer bewussten Abkehr von Normierungs- und Nivellierungstendenzen gerade in den Wissenschaften, vor allem in den Geisteswissenschaften, weichen. In seinem Plädoyer für die gleiche Anerkennung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen warnt Nida-Rümelin insbesondere vor der drohenden Talfahrt der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften als Folge vor allem einer zur starken Orientierung der Wissenschaftspolitik an den Naturwissenschaften.

Julian Nida-Rümelin: Humanistische Reflexionen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 474 Seiten, 22,- Euro.

Friederike Invernizzi

Das Wetter verstehen

Der Autor Peter Moore erzählt die Geschichte der meteorologischen Wissenschaft in den Jahren zwischen 1800 und 1870 anhand der Personen, die in diesen Jahren die Erkenntnisse zum Wettergeschehen zusammengetragen haben. Kurzweilig beschreibt er, wie sie mit Neugier und Forschergeist zu Werke gingen und von der Faszination des Entdeckens gepackt waren: z.B. Francis Beaufort, der die Windstärke auf einer Skala von 0-13 einteilte oder Luke Howards, der die Wolken klassifizierte. Insbesondere für die Seefahrt war es wichtig, das Wetter besser zu verstehen. Und so war es der Seefahrer Robert FitzRoy, der Darwins Kapitän auf der berühmten Reise der Beagle gewesen war, auf den die erste amtliche Wettervorhersage im Jahr 1861 zurückgeht. James Glaisher, der zuvor Tau und Schneechristalle erforscht hatte, musste erst seine Angst überwinden, bevor er in Mode gekommene Ballonfahrten nutzte, um umfangreiche Messungen vorzunehmen. Bei seiner zweiten Ballonfahrt 1862 wäre er in einer Höhe von sage und schreibe 10.850 Metern dabei fast umgekommen. Hier wird ein Stück Wissenschaftsgeschichte als Personengeschichte lebendig, in der die Grundlagen für heutige Wetterberichte geschaffen wurden, die aus dem modernen Alltag nicht mehr wegzudenken sind.

Peter Moore: Das Wetterexperiment. Von Himmelsbeobachtern und den Pionieren der Meteorologie. Mareverlag, Hamburg 2016, 560 Seiten, 26,- Euro.

Ina Lohaus


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