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09 | September 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Ambivalenzen

Craig Venters „Leben aus dem Labor “ ist für den Laien oft viel zu kompliziert geschrieben. Bei Fachleuten dürfte seine Geschichtskonstruktion der Lebenswissenschaften, angefangen bei Schrödingers berühmter „Was ist Leben?“-Vortragsreihe von 1943 hin zur gegenwärtigen synthetischen Biologie und einem gewagten Blick in die Zukunft, vermutlich auf wenig Gegenliebe stoßen. Zu offensichtlich läuft sie – überraschungsfrei nach seiner 2007 publizierten Autobiographie – immer wieder auf keinen anderen als Venter selbst, seine diversen Arbeitsgruppen und Firmen hinaus. So wirkt das Buch zeitweise wie ein Bewerbungsschreiben an das Stockholmer Nobelpreiskomitee. Dennoch lohnt sich die Lektüre des Buches mindestens in dreifacher Hinsicht. Erstens gewinnt der Laie einen faszinierenden Einblick in die enorme Komplexität lebenswissenschaftlicher Forschungen, die eben keineswegs linear verlaufen, sondern von geduldigem Arbeiten mit vielerlei Rückschritten und eben auch „glücklichen Zufällen“ geprägt sind. Zweitens kann man die Motivlage des trotz oder wegen seiner Eitelkeit zweifelsfrei enorm erfolgreichen Forschers, Medientrommlers und Geschäftsmanns analysieren. Drittens – die vielleicht spannendste Perspektive, dieses Buch zu lesen – kann man eine Geisteshaltung studieren, die Lebenswissenschaft in pragmatischer Ingenieursperspektive begreift: Die DNA wird als Software des Lebens bestimmt, die Proteine als ihre Hardware, Moleküle sollen möglichst serienreif produziert, reproduziert und ihre Bausätze – so die Vision – erst global und dann später auch interplanetarisch teleportiert werden. Die großen Menschheitsprobleme können einer biotechnokratisch orientierten Lösung zugeführt werden. Skeptiker werden als „Ewiggestrige“ vergällt. Mit diesem Buch liegt in Reinformat ein marktschreierisches und dennoch visionäres Manifest vor, das Geldgeber lockt, beeindruckende Ergebnisse beschreibt und zugleich in Europa oft das Vertrauen in solide Wissenschaft untergräbt. Genau wegen dieser Ambivalenzen: eine klare Lese­empfehlung!

J. Craig Venter: Leben aus dem Labor. Die neue Welt der synthetischen Biologie. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, 304 Seiten, 19,99 Euro.

Professor Dr. Peter Dabrock, Universität Erlangen-Nürnberg

Nützlich?

Von „kämpferischem Geist“ beseelt prangert Nuccio Ordine in seinem eindringlichen Text ökonomisches Nützlichkeitsdenken an, demzufolge alles als nutzlos gilt, was keinen Profit bringt. Dadurch sieht er Kultur, Bildung, Lehre und freie Forschung in Gefahr. Die Logik des Gewinnstrebens habe an Universitäten zu Veränderungen geführt, die für den Autor einer „kopernikanischen Revolution“ gleichkommen. Er rechnet zu der „Lawine von Katastrophen“ z.B. auch das Verschwinden der alten Sprachen und der Klassiker an Schulen und Hochschulen. Dagegen hebt der Professor für Italienische Literatur an der Universität von Kalabrien die fundamentale Bedeutung des Unnützen – wie etwa Geisteswissenschaften oder Kunst – für das menschliche Leben hervor, das sich jedoch als nützlich erweise. Nützlich ist für Ordine alles, was hilft, „zu besseren Menschen zu werden“. Er führt fragmentarisch Zitate und Textauszüge von Philosophen und Literaten ins Feld, um u.a. die nützliche Nutzlosigkeit der Literatur, der Allgemeinbildung oder der Grundlagenforschung zu belegen. Er plädiert vehement dafür, den Wert des unnützen Wissens und des zweckfreien Wissenserwerbs wieder in den Vordergrund zu stellen und sich auf die schöpferische Kraft des Nutzlosen zu besinnen.

Nuccio Ordine: Von der Nützlichkeit des Unnützen. Warum Philosophie und Literatur lebenswichtig sind. Graf Verlag, München 2014, 269 S., 12,- Euro.

Ina Lohaus


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