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09 | September 2014 Artikel versenden Artikel drucken

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Kollektive Erinnerung

Anlässlich des 80. Jahrestages des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ führte im Jahr 2013 die Universität Halle eine bewegende Gedenkveranstaltung durch, zu der Hinterbliebene der infolge des NS-Gesetzes Entlassenen u.a. aus USA und aus Israel nach Halle gekommen waren. Vorbereitet wurde diese Veranstaltung durch eine Gruppe Universitätsangehöriger aus allen Fakultäten – davon die wenigsten professionelle Historiker – unter Federführung des Herausgebers Friedemann Stengel, die sich bemüht hat, durch intensive Archivrecherchen möglichst alle Hochschullehrer zu erfassen, die seinerzeit Opfer dieses „Gesetzes“ geworden sind. (Die Arbeitsgruppe setzt ihre Arbeit fort, bezieht auch Mitarbeiter und Studierende ein und weitet den Zeitraum aus. Das Ziel ist eine umfassende Dokumentation politisch veranlassten Unrechts an der Universität in zwei Diktaturen.) Das Ergebnis der vorliegenden Publikation sind 43 Kurzbiographien mit je einem Portraitphoto (soweit verfügbar) und mit einigen faksimilierten Dokumenten. Darunter sind der Pädagoge Adolf Reichwein, der Jurist Guido Kirsch, die Indologin Betty Heimann, der Theologe Günther Dehn und der Mediziner Theodor Brugsch.

In seinem Vorwort stellt Friedemann Stengel die Auswirkungen des Gesetzes an der hallischen Universität dar und skizziert, wie nach 1945 reagiert wurde. In einem sehr informativen Essay ordnet Rüdiger vom Bruch die Bemühungen um die Aufarbeitung der NS-Zeit an der Universität Halle in den Kontext der Behandlung dieser dunklen Periode an deutschen Universitäten ein, wobei auch erkennbar wird, wie sich dieses Unrechtsgesetz an einer mittelgroßen Universität wie Halle ausgewirkt hatte. Die Arbeit insgesamt ist vorbildlich insofern, als mit Recht festgestellt werden kann: Sie dokumentiert „in neuartiger und anschaulich unterlegter Weise kollektive Erinnerung als Verantwortungsbereitschaft der gesamten civitas academica“ (vom Bruch, S. XXXIV).

Friedemann Stengel (Hrsgb.): Ausgeschlossen. Zum Gedenken an die 1933 – 1945 entlassenen Hochschullehrer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Universitätsverlag Halle-Wittenberg, Halle 2013, 36 + 401 Seiten, 49,80 Euro.

Professor Dr. Dr. Gunnar Berg, Universität Halle-Wittenberg

Utopie des idealen Buches

Bücher geraten immer stärker in Konkurrenz zu digitalen Medien. Roland Reuß, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und Honorarprofessor für Editionswissenschaft an der FU Berlin, kritisiert dies in überaus deutlichen Worten. Während die Lesbarkeit von Texten am Bildschirm leide, erleichtere ein gut gestaltetes Buch die Lektüre, und der geistige Gehalt der Texte lasse sich besser erschließen. Daher misst er der typographischen Gestaltung große Bedeutung zu. Reuß verwendet hier einen erweiterten Typographiebegriff, der u.a. schon die Wahl des Papiers mit einschließt. In alphabetischer Reihenfolge geht er auf wichtige Stichpunkte der Buchgestaltung ein. Sie reichen vom Apostroph bis hin zum zweispaltigen Satz. Aber es kommen auch Stichworte wie Ideologie, Qualität oder Verantwortung vor. Der Autor möchte seine Ausführungen als Notizen und nicht als Prinzipien verstanden wissen, in denen er in „bekennend subjektiver Weise“ seine Vorstellung vom idealen Buch zum Ausdruck bringt. Doch an manchen Stellen klingt dies wie ein „Memento eines Kulturpessimisten“, auch wenn es das ausdrücklich nicht sein soll. Sein Buch liest sich wie ein gelehrtes Plädoyer für ein Festhalten an der Utopie des idealen Buches.

Roland Reuß: Die perfekte Lesemaschine. Zur Ergonomie des Buches. Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 87 Seiten, 14,90 Euro.

Ina Lohaus


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