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04 | April 2015 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Denk- und Lesebilder

Man kann sich die „Siebziger“ als bunte, formlose Masse vorstellen. Vom Heroismus der 68er, einer „paperback revolution“, war der Lack abgeblättert, den intellektuellen Ton gab das Nachbarland Frankreich an. Ulrich Raulff, Jahrgang 1950, hat das Jahrzehnt als persönliche Bildungsgeschichte erlebt und in einem sehr lesenswerten Buch repräsentativ genug beschrieben, um daraus auch ein feinsinniges Porträt der Zeit zu gewinnen.

Raulffs „Siebziger“ erzählen vor allem eine Geschichte des wilden Lesens. Der Philosophiestudent hält sich aus den ideologischen Grabenkämpfen heraus, wahrt Distanz zu den Renegaten und Epigonen. Er fühlt sich wohl in den Biotopen der Bibliotheken in Marburg, Paris, Berlin und London, hört bei Taubes und Barthes, bekommt eine attestation von Foucault (die ihm alle Türen in Paris öffnet), gründet eine „Zeitschrift für Verkehrswissenschaft“. Und kommt mit der Erfahrung, dass alle Theorie nur so gut ist, wie die Praxis, in der sie sich bewähren muss, in die 1980er Jahre.

Ulrich Raulff hat leitende Positionen in der Süddeutschen Zeitung und der FAZ inne gehabt, jetzt ist er Direktor des Marbacher Literaturarchivs. Er schreibt seine Erinnerungen unnostalgisch, als kritischer Leser und wacher Beobachter der geistigen Milieus. Auch wenn die Postmoderne etwas zu behaglich daherkommt, manche Anekdoten gediegen wirken, so lebt das Buch aus seinen Denk- und Charakterbildern. Das gilt vor allem für das Nachbarland, dessen Faszination in den drei fast „kantischen“ Fragen einer attraktiven jungen Frau erfasst wird: „Qui suis-je? D’où je viens? Et qu’est-ce que je vais porter ce soir?“ („Wer bin ich, woher komme ich, und was soll ich heute abend anziehen?“)

„Frankreich dachte deutsch“, notiert Raulff, und erzählt, wie Foucault bei einem Abendessen in Paris Habermas mit der Frage irritiert hat, ob er ihn, Foucault, für einen „Anarchisten“ halte. Der Strukturalismus, der alle Haupt- und Königswörter in den Plural von „Gegenmächten“ steckte, hatte es wahrlich schwer hierzulande. Mit dem Pop sieht Raulff die „Siebziger“ zu Ende gehen, auf das Jahrzehnt der Texte folgte das Jahrzehnt der Bilder.

Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 170 Seiten, 17,95 Euro.

Professor Dr. Michael Braun, Konrad-Adenauer-Stiftung/Universität zu Köln

Bildband

Alexander von Humboldt war Ethnologe, Archäologe, Kulturwissenschaftler, Botaniker, Zoologe, Anatom, Geologe, Geograph und Kartograph. Zudem war er Zeichner und Graphiker, so dass er auf seinen weiten Forschungsreisen die fremden Welten und seine wissenschaftlichen Befunde nicht nur mit Worten und Zahlen, sondern auch mit Bildern dokumentiert und damit veranschaulicht hat. Sein graphisches Gesamtwerk umfasst 1512 Zeichnungen, die in dem von Oliver Lubrich, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Bern, herausgegebenen Bildband erstmals vollständig abgedruckt sind. Maßstabsgerecht und so „originalgetreu wie möglich“, ohne die korrespondierenden Texte aus den jeweiligen Publikationen von Humboldts lässt Lubrich die Bilder „als solche“ zur Geltung kommen. Ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Landschaften oder Hieroglyphen der Azteken, die Vielfalt der Zeichnungen ist abolut beeindruckend. Hier zeigt sich die Nähe von Wissenschaft und Ästhetik im Werk des preußischen Weltreisenden. Und so kann man sich beim Durchblättern des Bandes an den kunstvollen Bildzeugnissen erfreuen.

Oliver Lubrich (Hg.): Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk. Verlag Lambert Schneider, Sonderausgabe 2015, 800 S., 129,- Euro.

Ina Lohaus


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