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11 | November 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Wozu Wissenschaft?

Warum sollte man nach den Zwecken der Wissenschaft fragen? Den Hintergrund der Betrachtung des Wissenschaftsphilosophen Joachim Schummer bildet das problematische Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, das hinter den beiden gängigen Antworten auf die Frage „Wozu Wissenschaft?“ stehe: Wer auf den technischen Nutzen der Wissenschaft verweise, rede einer „Einverleibung der Wissenschaft“ durch die Gesellschaft das Wort; wer die Zweckfreiheit betone, einer „Selbstisolation“. Beides sei, so die Hauptthese Schummers, ein „folgenschwerer Irrtum“ und gefährde die Wissenschaft: das eine, indem es mit der Autonomie auch die Funktionsfähigkeit der Wissenschaft bedrohe, das andere, indem es den Blick für die eigentlichen Zwecke und damit den gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaft verstelle.

Schummer unterscheidet und diskutiert neun Zwecke, die alle Wissenschaften charakterisierten und die sich wechselseitig bedingten: den (nur zum Teil auf Technik beruhenden) Beitrag der Wissenschaft zur Weltverbesserung und zur Orientierung in der Welt; die Methodenentwicklung; Erklärungs- und Prognosekraft; das Hervorbringen neuen Wissens; die Befriedigung der Neugierde; schließlich die wissenschaftliche Lebensform selbst sowie die Bildung, in der sich die ersten acht Zwecke wiederfänden. Erst der Blick auf diese Vielfalt von Zwecken ermögliche ein angemessenes Verständnis der Wissenschaft und schaffe so die Grundlage für die gesellschaftliche Akzeptanz der Freiräume, welche die Wissenschaft brauche.

Schummers Diskussion der Zwecke ist beispiel- und facettenreich und verbindet wissenschaftsphilosophische, -historische und -soziologische Gesichtspunkte. Seine Thesen sind klar und pointiert, teils auch bewusst überspitzt, und an manchen Stellen wird nicht jeder Leser Schummer folgen wollen. Immer wieder tritt ein idealistisches Wissenschaftsverständnis hervor, das angesichts des betriebsförmigen Forschungsalltags ungewohnt anmutet. Die Untersuchung führt Schummer zu einem wissenschaftspolitischen Plädoyer für eine – eingeschränkte – Autonomie der Wissenschaft; sie fordert teilweise Widerspruch heraus, ist aber durchweg anregend.

Joachim Schummer: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Kulturverlag Kadmos Berlin 2014, 243 S., 19,90 Euro.

Dr. Cornelis Menke, Universität Bielefeld

Studierfähig?

Angesichts der Bildungsexpansion und der vielen Reformen an Schulen und Hochschulen wird allseits über eine gesunkene Leistungsfähigkeit der Studierenden geklagt – allerdings, wie Jürgen Oelkers zu Bedenken gibt, wird diese Klage schon seit Jahrhunderten von der jeweils älteren Generation erhoben. Dennoch sind Fragen nach der Vergleichbarkeit von Abschlüssen, nach der Gerechtigkeit bei der Vergabe von Studienplätzen oder nach den Studienabbruchquoten Anlass genug, über Allgemeinbildung, Studierfähigkeit und wissenschaftspropädeutische Bildung nachzudenken. In den lesenswerten und für die aktuelle Diskussion um die jetzige Studentengeneration wichtigen Beiträgen von Wissenschaftlern aus Pädagogik und Bildungsforschung wird theoretisch, empirisch und in historisch vergleichender Perspektive ausgelotet, was Studierfähigkeit bedeutet. Die Autoren beleuchten die vielfältigen Zusammenhänge, in denen sie betrachtet werden muss, wie z.B. Gymnasium, Abitur oder die institutionelle Studierbarkeit. Der Blick wird auch auf die Schnittstelle zwischen Gymnasium und Universität gerichtet, die stärker miteinander kooperieren müssten, um vorhandenes Verbesserungspotenzial ausschöpfen zu können.

S. Lin-Klitzing/D. Di Fuccia/ R. Stengl-Jörns (Hg.): Abitur und Studierfähigkeit. Ein in­ter­diszi­plinärer Dialog. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heil­brunn 2014, 216 Seiten, 17,90 Euro.

Ina Lohaus


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