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10 | Oktober 2014 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Offene Fragen

Schon seit der Antike haben Menschen versucht, Einfluss auf ihre Fortpflanzung zu nehmen. Durch den medizinischen Fortschritt haben sich die Möglichkeiten einer Geburtenkontrolle in einem Maß erweitert, das zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt hat und noch weiter führen wird, insbesondere durch neue Wege, die durch die Kombination von Reproduktionsmedizin und Genetik beschritten werden können. Um Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik, präkonzeptionelle genetische Diagnostik und ihre medizin-ethischen und sozialen Aspekte ging es daher bei dem „Leopoldina-Gespräch“, das in dieser Publikation dokumentiert ist. Humangenetiker, Biologen, Juristen, Gynäkologen, Medizinethiker und -historiker sowie ein Theologe haben über die Perspektiven der neuesten genetischen Diagnostik diskutiert. In den Gesprächsrunden wird das nach aktuellem Forschungsstand Machbare deutlich, aber auch die möglichen Folgen für Paare mit Kinderwunsch und für die Gesellschaft sowie die Dimensionen der offenen Fragen, die sich daraus ergeben. Stimmt die Annahme, dass mit mehr Möglichkeiten ein größerer Nutzen und mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung verbunden sind? Welche Auswirkungen wird es auf das Gesundheits- und Krankheitsverständnis geben? – um nur zwei Beispiele zu nennen. Nicht zuletzt geht es auch um die Wertschätzung behinderter Menschen, die trotz allem geboren werden. Hier setzt die promovierte Diplom-Biologin Katja Bragança, die mehr als zehn Jahre in der Bonner Humangenetik gearbeitet hat, einen bewegenden Kontrapunkt. Die Gründerin der Publikation „Ohrenkuss“, des weltweit einzigen Magazins, in dem alle Texte von Menschen mit Down-Syndrom geschrieben werden, hebt hervor, dass diese sich selbst überdurchschnittlich häufig als „glücklicher Mensch“ bezeichnen. Vermeintliches Leid werde vielfach auf Menschen mit Down-Syndrom projeziert, das dann durch vorgeburtliche Diagnostik vermieden werden soll. Nicht nur hier zeigt sich, dass neue Antworten gefunden werden müssen, damit das Machbare nicht auf der Überholspur an den offenen Fragen vorbeizieht.

Peter Propping / Heinz Schott (Hg.): Auf dem Wege zur perfekten Rationalisierung der Fortpflanzung? Perspektiven der neuesten genetischen Diagnostik. Dt. Akad. der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, Halle 2014, 200 Seiten, kostenloser Download auf den Inter­net­seiten der Leopoldina.

Ina Lohaus


Kreativität der Natur

Von der Entstehung des Lebens über DNA, Photosynthese, komplexe Zellen, Sex, Bewegung, Sehen, Warmblütigkeit und Bewusstsein bis hin zum Tod geht Nick Lane zehn evolutionären Neuerungen nach, die er in Ermangelung eines besseren Wortes Erfindungen nennt. Er betont, dass es sich um eine subjektive Auswahl handelt, die er nach vier Kriterien getroffen hat: Die Erfindung muss das Leben auf der Erde und damit den Planeten selbst revolutioniert haben, sie muss von außerordentlicher Wichtigkeit und das Ergebnis der Evolution durch natürliche Selektion sein und einen gewissen Symbolcharakter haben. Er erläutert die verschiedenen Theorien zu entwicklungsgeschichtlichen Fragen und schreibt damit zugleich eine Geschichte der Evolutionswissenschaften. Zahlreiche bildhafte Umschreibungen erleichtern immer wieder das Verständnis. Der Biochemiker Lane, der Wissenschaftler am Department of Genetics, Evolution and Environment am University College in London ist, sagt über sich selbst, er sei ein „leidenschaftlich neugieriger Mensch“. Seine im Buch zu spürende Begeisterung für die Kreativität der Natur und die Wissenschaft über die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten zeugt davon.

Nick Lane: Leben. Verblüffende Erfindungen der Evolution. Primus Verlag, Darmstadt 2014, 368 Seiten, 29,90 Euro.

Ina Lohaus


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