Bücher
09 | September 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Lesen und lesen lassen

Befristung

Im Wissenschaftsbereich wird immer die Notwendigkeit bestehen, in einem großen Umfang befristete Arbeitsverträge zu haben. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz aus dem Jahr 2007 trägt dieser Besonderheit Rechnung, wurde aber zunehmend ausgenutzt. Die Novellierung korrigiert die Fehlentwicklungen der letzten Jahre und ist im März 2016 in Kraft getreten. Die Novelle berücksichtigt, dass die Hochschulen gleichzeitig Flexibilität und damit Sonderregelungen brauchen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Vielleicht ist es allein deswegen bei diesem Kommentar relevanter als bei anderen, sich mit der sehr strukturiert und logisch aufgebauten Einleitung auseinanderzusetzen. Grundgedanken und Leitmaximen, wie die bloße Erlangung des Status eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, welche die Chance für weitere wissenschaftliche Qualifikation bildet, werden anschaulich erklärt. Der Kommentar enthält daneben sehr wichtige Angaben zu allein über Leitmaximen nicht herleitbaren Antworten auf die aus dem Gesetz hervorgehenden Einzelfragen – wie etwa zur Bewertung von Lehrdeputaten bei Sprachwissenschaftlern oder zum hoch relevanten Thema einer Sachgrund-Befristung auf der Grundlage von Drittmitteln. Stichwort ist hier die Differenzierung zwischen Beschäftigungsbedarf und Projektfinanzierung. In einigen Fällen ist nach wie vor das Prognoseprinzip die gedankliche Brücke zwischen den Leitmotiven des Gesetzes und einer Befristung auf der Basis von Drittmitteln. Danach bemisst sich die Zulässigkeit der Befristung nach den tatsächlichen Umständen im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses und den auf diesen berechtigterweise begründeten Erwartungen. Zur Förderung der Flexibilität von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern wirken sich Unterbrechungen der wissenschaftlichen oder künstlerischen Qualifizierung nicht nachteilig auf den Befristungsrahmen für die sachgrundlose Qualifizierungsbefristung aus.

Der Kommentar bedient sowohl den mit täglichen Fragestellungen im Befristungsrecht befassten Spezialisten als auch Personen mit einer eher übergreifenden Aufgabenstellung, welche die Strukturen in dieser durch die starke Binnendifferenzierung des Wissenschaftssystems geprägten Rechtslage besser verstehen wollen.

Ulrich Preis / Daniel Ulber: Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Kommentar, Verlag Luchterhand, Neuwied 2. Auflage 2017, 588 Seiten, 59,- Euro.

Manfred Nettekoven, Kanzler der RWTH Aachen

Janusköpfig

Die Deutschen, so wird gesagt, wissen nicht, wer sie sind. Und doch denken sie über das, was deutsch sei, was die eigene Identität ausmache, wie keine andere Nation so unaufhörlich und tiefgründig nach. Die Antworten, die der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in seinem groß angelegten Werk „Was ist deutsch?“ aufzeigt, zeugen von tiefem Selbsthass und Zweifeln einer zerrissenen Nation einerseits und von unbändigem Superioritätsbewusstsein und nationaler Überheblichkeit andererseits. Borchmeyer präsentiert keine Ergebnisse auf die Frage, sondern lässt Schriftsteller und Philosophen deutscher Geistesgeschichte wie Goethe, Schiller, Nietzsche und Richard Wagner umfassend und sehr detailliert zu Wort kommen. Sie zeigen vor allem, wie sehr das schon über Jahrhunderte währende Ringen um die eigene Identität die Deutschen prägt und welche Folgen dies für Land und Gesellschaft hatte und hat bis heute.

Dieter Borchmeyer: Was ist Deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst, Rowohlt Berlin, 2017, 1.056 Seiten, 39,95 Euro.

Friederike Invernizzi


Zurück | Artikel versenden Artikel versenden | Artikel drucken Artikel drucken