Fundsachen
05 | Mai 2017 Artikel versenden Artikel drucken

Kapitulation

„Unser Staat ist in allen Sphären von Parteien durchdrungen, dass in der Praxis eine Trennung in breite Grauzonen nicht mehr möglich ist. Das ist zwar ein Riesenproblem, denn die Parteien verfolgen ihre eigenen Interessen, die mit denen der Bevölkerung keineswegs übereinzustimmen brauchen. Inzwischen hat man davor aber kapituliert.“
Professor Hans Herbert von Arnim; zitiert nach Die Welt vom 12. April 2017

Wahrnehmung

„Seit zwei Jahrzehnten bin ich Nachhilfelehrerin im Raum Stuttgart. Ich unterrichte Schülerinnen und Schüler aller Schularten, darunter auch Gymnasiasten. Seit Jahren zweifle ich an meiner Wahrnehmung. Meine täglichen Fragen sind: Wie wollen die Schüler das Abitur bestehen? Wie kommen diese Schnitte im Abitur zustande? Die meisten meiner Schüler haben keine Ahnung von Mathematik, sie wenden die Formeln und den Taschenrechner nur schematisch an. Es fehlt jedes Verständnis für den Inhalt der Stoffe. Fast keiner der Schüler beherrscht die Grundrechenarten, geschweige denn den Dreisatz. Ich bin oft fassungslos.“
Renate Janicsek in einem Leserbrief; zitiert nach Die Zeit vom 12. April 2017

Wissenschaftsfreiheit

„Wenn Wissenschaftler nicht selbst entschlossener und mutiger für ihre Wissenschaftsfreiheit eintreten, korrumpieren sie durch Selbstzensur jene Wissenschaftsfreiheit, die in Zeiten des Populismus und der Fake News überlebenswichtig ist. Sie setzen damit ihre eigene Existenz und die berechtigten Erwartungen der Gesellschaft an ihre privilegierte Position aufs Spiel. Mit Feigheit hat noch nie jemand einen Nobelpreis gewonnen.“
Heike Schmoll; zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. April 2017

Menschen

„Ich will aus sogenannten Fachidioten Menschen machen, die sich im allgemeinen Leben auskennen.“
Professor Wildor Hollmann, 92 Jahre, seit 27 Jahren emeritiert, der an der Kölner Sporthochschule noch eine Vorlesung über „Allgemeines akademisches Grundlagenwissen, hält; zitiert nach Spiegel online vom 18. April 2017

Bekennertum

„Das vom Professor angemahnte Bekennertum erfordert ein charakterliches Rüstzeug, das in Berufungsverfahren nicht abgeprüft wird und wohl auch nicht abgeprüft werden kann. Charakterbildung steht eigentlich überhaupt nicht auf dem Plan akademischer (Aus-)Bildung; dafür fühlt sich niemand zuständig. Die Ökonomisierung der Universität tut ein Übriges. Wer will es sich in einer Zeit, in der die Einwerbung von Drittmitteln zum nahezu wichtigsten Qualitätsmerkmal geworden ist, mit möglichen Geldgebern verscherzen, indem man diffamierten Kollegen beispringt? Der Hautgout haftet sehr schnell auch dem Unterstützer an. Besser ist es, politisch und auch sonst nicht weiter aufzufallen und jene Mainstream-Themen zu bedienen, die zu erforschen den meisten Erfolg versprechen.“
Professorin Barbara Zehnpfennig; zitiert nach Frankfurter Allge­meine Zeitung vom 20. April 2017

Karawane

„… wir stellen fest, dass der Lebens­zyklus von Klassikerausgaben kontinuierlich rückläufig ist. Wir feiern Klassiker, wir feiern sie damit aber auch ab. Wenn Sie vor 30 Jahren mit der Neuinszenierung eines Klassikers noch einen Nachlauf über Jahrzehnte hatten, dann verkauft sich eine solche Novität heute ein oder anderthalb Jahre sehr gut, danach aber zieht die Karawane weiter, und der Fokus fällt auf ganz anderen Titel.“
Horst Lauinger, Leiter des Programms des Klassikerverlags Manesse; zitiert nach Die Welt vom 21. April 2017

Eigensinn

„Doch zur Wissenschaft gehört, dass sie selbst entscheidet, wo sie Erkenntnischancen sieht. Zur Forschung gehört Eigensinn – auch der Eigensinn, gesellschaftliche Probleme zu sehen, die von der Politik nicht so gerne gesehen werden, weil sie nicht technologisch lösbar sind. Beispielsweise Bildungsprobleme, die entstehen, wenn alle nur noch Forschungsmitteln hinterherjagen und die Lehre vernachlässigen. Man demonstriert dagegen, dass Leuten die Wissenschaft gleichgültig ist. Recht so. Doch die Gründe für solche Gleichgültigkeit liegen nicht in zu wenig Forschungs­finanzierung, sondern in falschem Unter­richt, von der Schule bis zur Univer­sität.“
Jürgen Kaube; zitiert nach Frankfurter ­Allgemeine Zeitung vom 22. April 2017

Gerede

„Das Gerede von ,der Bildung’ (in einem neuen Sinn) bleibt Ideologie, solange nicht darüber gesprochen wird, was gelernt werden soll, von wem und für welchen Zweck.“
Thomas Steinfeld; zitiert nach Süddeutsche Zeitung vom 22./23. April 2017


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