Eine Person überreicht einer anderen ein Dokument
mauritius images/Photo Alto/Frederic Cirou

Serie: 25 Jahre Forschung & Lehre
"Forschen gerne, aber nur ohne Drittmittel"

Viele Wissenschaftler sind laufend auf Drittmittel angewiesen. Mit der Professur kommt die Chance, sich etwas Freiraum auszuhandeln.

Von Wolfgang Kemp 24.03.2019

Die Kollegin wird den Ruf nach Berlin nicht annehmen, obwohl sie dort wohnt – wie alle deutschen Geistesschaffenden. Ich erfahre das auf dem Raucherbalkon und beglückwünsche sie beziehungsweise uns und frage nach den Konditionen, die sie aushandeln konnte. Sie zählt etliches auf und schließt mit den Worten: "und drei Jahre Drittmittelfreiheit".

Ich habe so etwas noch nie gehört, glaube aber zu wissen, was sie damit meint. Sie sagt, sie brauche drei Jahre lang keine Anträge stellen und müsse an den Antragsverfahren anderer Kollegen nicht teilnehmen. Sie habe in den letzten drei Jahren an der Beantragung eines Graduiertenkollegs (erfolgreich), eines Kooperationsprojekts mit außeruniversitären Institutionen (erfolgreich) und eines Sonderforschungsbereichs (nicht erfolgreich) mitgewirkt und bei den bewilligten Projekten mitgearbeitet (ohne Reduzierung des Deputats). Jetzt brauche sie Zeit für sich, für ihre eigene Forschung, ein neues Buch.

Drittmittelfreiheit – eine neue Art von akademischer Freiheit? Das könnte die erste Antwort auf die zunehmende Beschneidung der alten Freiheiten von Forschung und Lehre sein. Drittmittelfreiheit wäre ein Angriff auf das seit 30 Jahren sukzessive sich durchsetzende Regime des Wettbewerbs, der Evaluationen, der Zielvereinbarungen, der h-Index-Ziffern, der Akquise von Mitteln und Stellen, des Zwangs zu Internationalität und Interdisziplinarität usw. Nennen wir es ein Regime gleichermaßen angetrieben von Anreiz und Misstrauen.

Publikationen verlieren Einzigartigkeit

Es hat tiefgreifende Folgen gehabt. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Wissenskommunikation: Die Geisteswissenschaften gehen in Sammelbänden, die Naturwissenschaften in sechsseitigen Papers unter: feingeschredderte, atomisierte Wissensmaterie, die sich in der Tat am besten nur nach Zitationshäufigkeit messen lässt.

Unternehmen haben die als Betätigungsnachweis angeschwollene Produktion zugleich angefacht und in andere Zahlen umgewandelt: Der Fachverlag Elsevier veröffentlichte 2016 420.000 Papers und erreichte ein Jahr später eine Gewinnmarge von 40 Prozent, beträchtlich höher als Google, Amazon und Microsoft. In Zahlen heißt das 913 Millionen Pfund Gewinn. Autorenhonorare fielen dabei nicht an.

Die Zahl der wissenschaftlichen Zeitschriften verdoppelt sich alle 20 Jahre. Man kann das uni in universitäre Publikationen auch anders aussprechen, nämlich üni, unter Zuhilfenahme des Begriffs aus der Modebranche. Und was die Seite der Akteure angeht: Dieses System hat den Einzelforscher (Typus Ordinarius mit einer Venia für sein Fach als Ganzes) und den Non-Publishing-Scholar, wie die englischen Kollegen so höflich sagen, abgeschafft – in beiden Fällen wurde der männliche Artikel bewusst gewählt.

Nur am Rande und um die Stimmung ein wenig aufzuhellen: Die Universitäten in Großbritannien wurden den Wettbewerbs-, Rechenschafts- und Begutachtungsritualen zuerst und bis heute in brutalster Form unterworfen, Forschung gemäß Scientific Management oder REFA. Weil Non-Publishing-Scholars die Bilanz jedes Departments und jeder Universität verdarben, hat man eine Zeitlang versucht, sie im Jahr der Evaluation der Zentralverwaltung zuzuordnen. Das ist aber nicht der Grund, warum die Universitätsverwaltungen in allen Ländern die Abteilungen waren, die personell am stärksten wuchsen.

Es soll vorgekommen sein, dass in der Hochschullehrerschaft hämisch gegrinst wurde, wenn ein Kollege beziehungsweise eine Kollegin an einem großen Antrag arbeitete oder die Rolle des Sprechers beziehungsweise der Sprecherin übernommen hatte. Man glaubte zu wissen, dass eine solche Person damit aus dem Wettbewerb ausgeschieden sei, nicht aus dem Wettbewerb um Mittel und Prestige, aber aus dem Wettbewerb um innovative Forschung.

Drittmittelfreiheit könnte nun eine andere Untugend hervorrufen: schieren Neid. Aber beschwichtigend sei betont: Die Freiheit, von der wir sprechen, ist eine vom System gewährte und nicht ein Ausstieg aus demselben. Das Beispiel der Kollegin zeigt es deutlich: Ohne erfolgreiche Akquise hätte sie nicht die drei Jahre frei bekommen. Und dann sagte sie noch etwas: Das Freisemester, das sie sich auch herausgehandelt hatte, wurde nur zugestanden, wenn es einen drittmittelträchtigen Zweck erfüllt. Fazit: Drittmittel dienen der Forschungsförderung, Drittmittelfreiheit auch. Man klopfe mit dieser Folgerung nicht beim Fachbereich für Philosophie an, soweit dieser noch an den Satz vom Widerspruch glaubt.

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