Rentensystem
50 Prozent der Menschen unterschätzen die eigene Lebenserwartung
Eine Mehrheit der Menschen würde sich für eine höhere zeitlich befristete statt für eine niedrigere lebenslange Rente entscheiden, unterschätzt dabei jedoch die eigene Lebenserwartung. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende der Fachhochschule Dortmund in einer Studie vom 16. Februar 2026. Im Rahmen eines Online-Experiments hatten sie 1.541 Personen zwischen 25 und 55 Jahren über die Verwertung eines fiktiven Rentenkapitals von 50.000 Euro befragt. Zwei Experimentalgruppen hatten die Wahl zwischen einer Zeitrente von 330 Euro monatlich bis 85 Jahre, einer Leibrente von 170 Euro, 200 Euro oder 280 Euro monatlich oder der Ablehnung beider Angebote. Die Kontrollgruppe konnte lediglich zwischen 330 Euro Zeitrente und der Ablehnung wählen. Nach der Entscheidung wurden zudem die Gründe der Wahl, die subjektive Lebenserwartung, das Sterbealter naher Angehöriger, gesundheitliche Einschränkungen sowie soziodemografische und -ökonomische Merkmale erhoben.
Hintergrund des Experiments ist das sogenannte Altersvorsorgereformgesetz, das die sogenannte Riester-Rente ablösen und ab Januar 2027 neue Anreize zur privaten Altersvorsorge schaffen soll. Ein Kernaspekt der Reform ist die Einführung flexibler Auszahlungsphasen, die neben der lebenslangen Leibrente zeitlich befristete Auszahlungspläne ermöglicht, die mindestens bis zur Vollendung des 85. Lebensjahres laufen. Bundestag und Bundesrat müssen dem am 17. Dezember vom Kabinett verabschiedeten Gesetzentwurf noch zustimmen.
Eine niedrigere Leibrente ist weniger attraktiv
Aus den Ergebnissen der Studie geht hervor, dass sich die finanzielle Differenz zwischen Zeit- und Leibrente auf die Entscheidung der Befragten auswirkt. Insgesamt lehnten 20,8 Prozent beide Angebote ab. Von denjenigen, die sich für eine Verrentung entschieden, wählten gut 58 Prozent die Zeit- und knapp 42 Prozent die Leibrente. Dabei galt, je niedriger die Leibrente, desto weniger Menschen wählten sie. Betrug sie 170 Euro pro Monat, entschieden sich nur 25,7 Prozent dafür. Bei 200 Euro waren es 43,5 Prozent. Erst bei einem geringen Abstand von 330 Euro Zeit- gegenüber 280 Euro Leibrente entschieden sich die Probandinnen und Probanden mit 54,4 Prozent überwiegend für letztere.
Die grundsätzliche Möglichkeit einer Wahl zwischen unterschiedlichen Vorsorgemodellen sehen die Forschenden durch die Auswertung der Kontrollgruppe eindeutig positiv. So entschied sich eine Mehrheit von 79,2 Prozent der Befragten, die zwischen zwei Modellen privater Altersvorsorge wählen konnten, dafür, überhaupt eines der Angebote anzunehmen. Bestand die Wahl hingegen nur aus einem Vorsorgeangebot (Zeitrente) und dessen Ablehnung, fehlte also der Wettbewerb, lehnten 70,2 Prozent das Angebot ab.
Die meisten Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung
Die Gründe für das Wahlverhalten der Befragten sucht das Forschungsteam unter anderem in der Einschätzung der eigenen Lebenserwartung. Den Bezugspunkt bildeten die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes von 1923 bis 2023. Hier zeigte sich, dass nur 24,4 Prozent ein realistisches Bild von der eigenen Lebenserwartung hatten, während 26,4 Prozent sie überschätzten. Knapp die Hälfte (49,1 Prozent) unterschätzte sie sogar um 9,5 Jahre. Die tatsächliche Lebenserwartung hat in den letzten Jahrzehnten jedoch deutlich zugenommen und dabei neue Ausdrucksformen des Alters und des Alterns hervorgerufen. Das erläuterten Denis Gerstorf, Professor für Entwicklungspsychologie an der Humboldt-Universität Berlin, und Hans-Werner Wahl, Seniorprofessor am Psychologischen Institut und des Netzwerks für Altersforschung der Universität Heidelberg, in Forschung & Lehre. Sie führten diese Zusammenhänge in Ihrem Gastbeitrag zum Themenschwerpunkt "Arbeiten im Alter" der Dezemberausgabe 2025 detailliert aus.
Die subjektive Beurteilung der eigenen Lebenserfahrung hängt laut der neuen Studie jedoch weniger mit demografischen Faktoren als mit dem Sterbealter innerhalb der eigenen Familie sowie gesundheitlichen Einschränkungen zusammen. Sie beeinflusst die Wahlentscheidung zur privaten Altersvorsorge deutlich. Von den oben genannten drei Gruppen entschied sich nur die erste jeweils zu etwa gleichen Teilen für eine Leib- und eine Zeitrente. Wer seine Lebenserwartung überschätze, entschied sich zu 60,1 Prozent für eine Leibrente. Diejenigen, die ihre Lebenserwartung unterschätzten, wählten zu 73,2 Prozent die Zeitrente.
Weitere Entscheidungsfaktoren machen die Autorinnen und Autoren der Studie bei den soziodemografischen und sozioökonomischen Merkmalen aus. Für die Zeitrente entschieden sich demnach mehrheitlich Menschen zwischen 46 und 55 Jahren, vorrangig Männer sowie Befragte mit höherem Bildungsabschluss und einem höheren Haushalts-Nettoeinkommen. Signifikante Ergebnisse wurden zudem für die Gruppe erzielt, die beide Angebote ablehnte, darunter Probandinnen und Probanden mit geringerem Bildungsabschluss, niedrigerem Nettoeinkommen sowie alleinlebende oder alleinerziehende Personen.
Forschende empfehlen Anhebung des Mindestalters für Zeitrenten
Insgesamt sehen die Verfasserinnen und Verfasser der Studie die Einführung von Wahlmodellen in der privaten Altersvorsorge positiv, formulieren jedoch Anpassungsbedarf. Auf Grundlage der Ergebnisse raten sie neben der Aufklärung über demografische Entwicklungen und Lebenserwartungen dazu, das vorgeschlagene Mindestalter für die Zeitrente von 85 auf 95 Jahre zu erhöhen, um die Fehleinschätzungen der Lebenserwartung zu kompensieren. Da Restkapital gegebenenfalls vererbt werde, entstehe daraus in der Gesamtbetrachtung kein Nachteil, falls Betroffene zu einem früheren Zeitpunkt sterben. Zudem gehe es um mehr als nur finanzielle Rationalität. "Für die Betroffenen kann es eine erhebliche psychische Belastung bedeuten, wenn sie als betagte Menschen realisieren müssen, dass ihre Zeitrenten nicht ausreichen und zu früh verbraucht sind."
Zudem empfehlen die Forschenden, den Beratungsaspekt zu stärken und den beratungsfreien Verkauf von Anlagen einzuschränken. Ziel dieser Maßnahme sei es, vulnerablen Gruppen wie Alleinerziehenden, Geringverdienern und Personen mit geringerem Bildungsabschluss, die auf dem Anlagemarkt womöglich benachteiligt wären, den Zugang zu den Vorsorgeangeboten zu erleichtern. Eine ähnliche Problematik erkennt auch Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Research Institute for the Economics of Aging and SHARE Analyses (MEA), der den Aufbau neuer Privatrentenmodelle im Interview mit Forschung & Lehre (12/2025) kritisierte: "Sie überfordern Menschen, die sich auf dem Kapitalmarkt nicht gut auskennen. Ich denke, ein viel besserer Weg besteht darin, die Betriebsrente auch für kleine und mittlere Unternehmen zugänglich zu machen und mit der gesetzlichen Rente besser auszutarieren."
hae