Studie
68 Prozent weniger Kosten durch Fördermittelvergabe per Lotterie
Forschende der Universität zu Lübeck haben untersucht, ob die Vergabe von Fördermitteln per Zufallsprinzip einfacher und gerechter sein könnte als ein reines Peer-Review-Verfahren. Die bei Nature Communications veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere Frauen weniger benachteiligt werden, letztlich aber die ganze Gesellschaft davon profitiert, wenn ein Losverfahren darüber entscheidet, wer einen Förderantrag einreichen darf.
Das Forschungsteam um Professor Sören Krach von der Universität zu Lübeck hat nun erstmals empirisch gezeigt, dass ein alternatives Vergabeverfahren insbesondere in Bezug auf bisher benachteiligte Gruppen gerechter ist. Nicht alle Interessierten müssen umfangreiche Förderanträge schreiben, weil in einem ersten Schritt ausgelost wird, wer teilnehmen darf. Erst danach folgt das klassische Begutachtungsverfahren durch Fachleute – die Peer Review.
Erhebliche Vereinfachung bei der Antragsstellung
Krach betont gegenüber Forschung & Lehre den Mehrwert des Lotterieverfahrens für die Antragstellenden: "Für viele stellt es ein Problem dar, wochenlang an einem Antrag zu arbeiten, der nur eine sehr geringe Chance auf Förderung hat, weil im Endeffekt oft nur ein einstelliger Prozentsatz gefördert werden kann."
"Im Endeffekt kann oft nur ein einstelliger Prozentsatz gefördert werden."
Professor Sören Krach, Universität zu Lübeck
Einige der Befragten hätten hervorgehoben, dass eine Lotterie fairer sei als ein reiner Peer-Review-Prozess. Faktoren wie das Renommee der Antragstellenden oder sehr unterschiedliche Einstellungen der Gutachterinnen und Gutachter zu bestimmten Antragsthemen spielten hier keine Rolle, erläutert Krach.
Das Team hat sich mit seiner Lottery-First-Methode bewusst um eine Alternative zur sogenannten Tie-Breaker-Lotterie bemüht. Bei dieser Methode wird das Losverfahren entweder am Ende des gesamten Entscheidungsprozesses bei der Vergabe eingesetzt oder zur Auswahl von Anträgen nach einem ersten Screening. Hier wurden von den Forschenden und von den Beteiligten am Vergabeprozess zwei bedeutende Nachteile ausgemacht: Erstens seien die kumulativen finanziellen und zeitlichen Kosten des Vergabeprozesses weiterhin sehr hoch. Zweitens könne das Zufallsprinzip bei dieser Methode Verzerrungen in den frühen Phasen des Verfahrens nicht beseitigen. Die Lottery-First-Methode umgeht dies.
Mehr Sichtbarkeit für Frauen und Kostenersparnis von 68 Prozent
Die Lottery-First-Methode wurde von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) in den Jahren 2023 und 2024 im Rahmen der Fördermittelvergabe für Projekte eingesetzt, die Ideen zur Aufwertung der Lehrpraxis entwickeln. Die Forschungsgruppe um Krach hat den Prozess begleitet und evaluiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Frauenanteil unter den Antragstellenden stieg um rund zehn Prozent, unter den Geförderten sogar um 23 Prozent im Vergleich zu einem vorher eingesetzten Verfahren, bei welchem die Mittelvergabe nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" mit anschließender Begutachtung durch Fachleute vollzogen wurde.
Gleichzeitig sanken die geschätzten gesellschaftlichen Kosten beispielsweise in Form von investierten Steuergeldern – also der geldwerte Zeitaufwand von Antragstellenden sowie Personen im Bereich Gutachten und Verwaltung – laut Studienauswertung um rund 68 Prozent. Auch die Forschungsvielfalt sei ein Gewinn für die Gesellschaft: "Die Vergabe von Lehr- und Forschungsgeldern bestimmt, was als relevant gilt und woran geforscht wird", erklärt Krach. Das Ergebnis zeige, dass eine vorgeschaltete Lotterie vor dem Begutachtungsprozess eine faire und effiziente Methode sein könne, die Verzerrungen reduziere und enorme Ressourcen spare.
"Das Kosteneinsparungspotential dieses Ansatzes zeichnet sich besonders dadurch aus, dass der Aufwand nur minimal von der Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber beeinflusst wird und stattdessen vor allem mit der Anzahl der Lottoscheine skaliert wird", heißt es dazu in den Studienergebnissen.
Gemischtes Feedback aus der Wissenschaftsgemeinschaft
Das Verfahren ist der Studie zufolge in Teilen der Wissenschaftsgemeinschaft gut angekommen. Etwa die Hälfte der Befragten sprach sich für die Kombination aus Lotterie und Peer Review aus. Sie schätzten vor allem den geringeren Arbeitsaufwand und die höhere Planbarkeit. "Gleichermaßen lehnt ein anderer Teil der Befragten die frühe Lotterie ab, weil es als unfair empfunden wird, dass gute Anträge nicht unbedingt zum Zug kommen", führt Krach gegenüber Forschung & Lehre aus.
"In einer Lotterie haben allerdings alle Lose erst einmal dieselbe Chance."
Professor Sören Krach, Universität zu Lübeck
Nach Ansicht des Forschungsteams hängt die Ablehnung häufig an der eigenen Einschätzung, einen sehr guten Antrag eingereicht zu haben. "Sehr gute Anträge haben in den Augen vieler in einem Peer-Review-Verfahren gute Chancen auf Förderung – in einer Lotterie haben allerdings alle Lose erst einmal dieselbe Chance", sagt Krach.
Bei den Gutachterinnen und Gutachtern ergebe sich Krach zufolge ein gespaltenes Bild: "Etwa die Hälfte präferiert das Verfahren mit der frühen Lotterie, während die andere Hälfte das konventionelle reine Peer-Review Verfahren bevorzugt." Was genau der Grund für die Präferenz oder Ablehnung ist, könne das Team mit den vorliegenden Daten momentan nicht beantworten. Ergebnisse einer aktuellen Studie zu immens gestiegenen Antragszahlen wiesen jedoch darauf hin, dass Gutachterinnen und Gutachter immer stärker belastet seien und die Einführung einer vorangestellten Lotterie von vielen als positive Arbeitsentlastung angesehen werden könnte.
Wichtige Komponente bei wissenschaftlichem Fortschritt
Wissenschaftliche Förderverfahren sind nicht nur ein internes Verwaltungsthema, sie entscheiden über Karrieren, Forschungsrichtungen und gesellschaftliche Innovation. Wenn bestimmte Gruppen im Bewerbungsprozess benachteiligt sind oder das System zu viel Zeit verschlingt, wirkt sich das unmittelbar auf den wissenschaftlichen Fortschritt aus.
Frühere Studien haben dem Forschungsteam zufolge gezeigt, dass die traditionelle Mittelvergabe bestimmte Gruppen benachteiligt, darunter Frauen, Personen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, Personen aus sozioökonomisch schwächeren Verhältnissen, Personen in frühen wissenschaftlichen Karrierephasen und People of Color.
Die Studie der Universität zu Lübeck liefert erstmals empirische Belege, dass neue Wege in der Lehr- und Forschungsförderung nicht nur theoretisch diskutiert, sondern auch praktisch umsetzbar sind, mit messbar positiven Effekten. Das Forschungsteam kommt zu dem Schluss, dass die Begutachtung durch Fachleute zwar weiterhin als Goldstandard für die Bewertung von Projektanträgen gilt, durch die Optimierung der Fördermittelvergabeprozesse mithilfe zusätzlicher Mechanismen jedoch wertvolle Ressourcen für das akademische System freigesetzt werden könnten.
Vorteile für alle Arten von Forschungsanträgen
Das Forschungsteam gibt in ihrer Analyse abschließend zu bedenken, dass das evaluierte Förderprogramm speziell auf innovative Lehransätze und nicht auf Forschungsprojekte abzielt. Dies wirke sich insbesondere auf die Generalisierbarkeit der bereitgestellten Kostenschätzungen und die Präferenzen für den Lottery-First-Ansatz aus.
"Ob Lehr- oder Forschungsförderung ist aus unserer Sicht nicht entscheidend."
Professor Sören Krach, Universität zu Lübeck
Das tatsächliche quantitative Kosteneinsparungspotentzial eines Lottery-First-Ansatzes hänge vom konkreten Szenario des Förderprogramms ab – einschließlich des Förderbedarfs und des realen Aufwands bei der Antragsentwicklung. Eine Reduktion der Verzerrung sei durch ein Losverfahren in jedem Fall gegeben. "Ob Lehr- oder Forschungsförderung ist aus unserer Sicht nicht entscheidend. Die hohen persönlichen und gesellschaftlichen Kosten der Auswahlverfahren sowie die Kritik an Verzerrungen, die mit dem Auswahlprozess einhergehen, betreffen sowohl Lehr- als auch Forschungsförderung", konstatiert Krach auf Anfrage von Forschung & Lehre. Die gesellschaftlichen Kosten seien auch bei der Forschungsförderung enorm. "Der Prozess der Auswahl dauert teilweise Jahre", so Krach.
"Wir haben bislang keine Daten dazu vorliegen, welchen Effekt eine frühe Lotterie auf die Qualität der letzlich bewilligten Projekte hat. Dies ist eine der Fragestellungen, denen wir uns in Zukunft widmen möchten", stellt Krach in Aussicht. Grundsätzlich nehme das Team an, dass Personen, die ausgelost wurden und somit eine höhere Chance auf Förderung bekommen, auch eher bereit sein sollten, riskantere und innovativere Projektideen einzureichen. "Aktuell ist eine häufig beschriebene Problematik bei Forschungsanträgen, dass diese immer weniger innovativ und riskant werden", führt Krach aus.
Hintergrund
Die Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Ländern getragen und fördert Projekte, die die Hochschullehre in Deutschland verbessern sollen.
Im Programm "Freiraum" werden innovative Lehrkonzepte unterstützt, für die in 2024 rund 50 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung standen. Die aktuelle Studie nutzte diese Ausschreibung, um unterschiedliche Vergabeverfahren miteinander zu vergleichen.
cva
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