RKI-Auswertung
Bildung schützt vor Stressempfinden
Neue Datenauswertungen des Panels "Gesundheit in Deutschland" (2024) des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass etwa jede fünfte Person von erhöhter Stressbelastung berichtet, insbesondere Frauen, Erwerbstätige und Menschen mit niedrigem und mittlerem Bildungsabschluss. Die Ergebnisse wurden am 17. Juni im Journal of Health Monitoring veröffentlicht. Insgesamt habe sich die Stressbelastung im Vergleich zu den erhobenen Werten aus 2014 merklich erhöht.
Stress und Coping
- Wenn eine Person eine Situation als belastend, das heißt bedeutsam und gleichzeitig schwer zu bewältigen, erlebe, wende sie im Anschluss kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Bewältigungsstrategien (Coping) an.
- Laut im RKI-Paper dargestelltem theoretischen Hintergrund dienen diese individuumszentrierten Copingstrategien dazu, den mit der Situation verbundenen emotionalen Stress zu regulieren und/oder die Stressursache zu bewältigen.
- Wie effizient und schnell Stresserleben bewältigt werden kann, hängt wesentlich von den eingesetzten Copingstrategien ab.
- Richten sich diese Strategien auf die positive Beeinflussung, beispielsweise durch Problemlösung, Planung oder instrumentelles Handeln, gelten sie meistens als adaptiv und damit hilfreich für die psychische Gesundheit.
- Abwendende Strategien, wie zum Beispiel Vermeidung, ständiges Aufschieben oder den Stressor fokussierende Methoden – beispielsweise Katastrophisieren – gelten in den meisten Fällen als maladaptiv und damit schädlich.
Wahrgenommener Stress und Coping können sich nach Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Position unterscheiden, differenziert das Autorenteam. "Ein Großteil der Personen mit erhöhter Stressbelastung wies niedrige oder mittlere formale Bildungsabschlüsse auf", heißt es in den Auswertungsergebnissen zu den Risikogruppen. Eine hohe formale Bildung gehe hingegen mit weniger wahrgenommenen Stress einher.
Frauen gaben demzufolge ein signifikant höheres Stresserleben als Männer an. Junge Personen zwischen 18 und 29 Jahren berichteten das höchste Stresserleben. Mit zunehmendem Alter bis 79 Jahre sinke der wahrgenommene Stress, um dann in der ältesten Gruppe (80 bis 99 Jahre) wieder etwas anzusteigen.
Je höher die Bildung, desto vielseitiger die Copingstrategien
Eine hohe formale Bildung geht den Ergebnissen zufolge mit weniger wahrgenommenem Stress einher. Dies steht im Einklang mit vorherigen Studienergebnissen und hänge unter anderem mit der individuellen Bewertung eigener Bewältigungsmöglichkeiten zusammen. Dazu zählten neben Copingstrategien auch psychologische, soziale und materielle Ressourcen fürs Coping. Diese seien sozial ungleich verteilt: "So gehen z. B. mehr Selbstwirksamkeit, Kontrollgefühl und soziale Unterstützung sowie mehr materielle Ressourcen mit höheren Bildungsabschlüssen einher."
Die RKI-Forschungsgruppe nutzte zur Erfassung der genutzten Copingstrategien unter den Befragten die Short Adult Coping Scale-16 (SACS-16).
Sie erfasst acht zentrale Bewältigungsstrategien:
- Emotionale Unterstützung,
- instrumentelle Unterstützung,
- Beharrlichkeit,
- Coping-Flexibilität,
- Problemlösen,
- Verdrängung,
- Wunschdenken und
- Proaktives Coping.
Dabei seien laut Datenauswertung die Strategien Coping-Flexibilität, Problemlösen und Proaktives Coping signifikant mit geringerem Stresserleben assoziiert, Verdrängung und Wunschdenken hingegen mit höherem wahrgenommenen Stress. Bildungsbezogene Unterschiede in Copingressourcen könnten dazu beigetragen haben, dass Personen der niedrigen Bildungsgruppe zum Beispiel weniger häufig Problemlösen angaben.
"Je höher die formale Bildung war, desto häufiger wurden Emotionale und Instrumentelle Unterstützung, Beharrlichkeit, Coping-Flexibilität, Problemlösen und Proaktives Coping angegeben und desto seltener Verdrängung und Wunschdenken"“, erläutern die Autorinnen und Autoren die Korrelation zwischen Bildungshöhe und genutzten hilfreichen Bewältigungsmethoden.
Datenerhebung
Die Daten stammen aus der Jahreserhebung 2024 des RKI-Panels "Gesundheit in Deutschland". Die Studienreihe befragt wiederholt die deutschsprachige Bevölkerung in Privathaushalten. Für die Analysen wurden Daten von mehr als 14.000 Frauen und über 12.000 Männern zwischen 18 und 99 Jahren ausgewertet.
Prävention auf institutioneller und individueller Ebene
Hilfreiche Copingstrategien können laut RKI beispielsweise durch soziale Kontakte und Routinen sowie die Akzeptanz unangenehmer Gefühle gestärkt werden. Präventionsprogramme, die Stressreduktion adressieren, seien besonders angesichts des Zusammenhangs von Stress mit psychischen Erkrankungen relevant. Diese folgten aus dauerhaft wahrgenommenem Stress besonders häufig neben physischen Beeinträchtigungen und einer insgesamt höheren Mortalität. Präventions- und Interventionsprogramme sollten zielgruppenspezifisch ausgestaltet werden und in verschiedenen Settings stattfinden.
Ein wichtiger Lebensraum für Prävention sei der Arbeitsplatz und die Adressierung der dortigen Risikofaktoren, darunter hohe Arbeitsintensität und unvorteilhafte Arbeitszeiten, die einer ausgewogenen Work-Life-Balance entgegenstehen, sowie Faktoren in Führung und Organisation wie beispielsweise geringe Wertschätzung.
Zusätzlich könnten auf individueller Ebene verhaltenspräventive Maßnahmen wie Stressbewältigungstrainings und individuelle Beratungs- und Unterstützungsangebote hilfreich sein. Die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren: "Die Ergebnisse unterstreichen die Public-Health-Relevanz von Stress und weisen auf mögliche Ansatzpunkte für Präventionsmaßnahmen durch die Förderung geeigneter und zielgruppenspezifischer Copingstrategien".
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cva