Studie
Danksagung wertvoller als Mitautorschaft?
Kann ein "Dankeschön" in der Wissenschaftswelt mehr wert sein als eine offizielle Zusammenarbeit? Dieser Frage ist ein kommunikationswissenschaftliches Team aus Philadelphia und Stanford nachgegangen. Die Ergebnisse ihrer Studie "Informal connections outweigh coauthorship ties in academic impact", deuten darauf hin, dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen der häufigen Nennung in Danksagungen (Acknowledgments) wissenschaftlicher Artikel und großem Publikationserfolg gibt. Dieser schlage sich so nicht in offiziellen Formen der Zusammenarbeit, beispielsweise einer Mitautorschaft, nieder. Die Studie ist am 27. April in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) erschienen.
Forschende könnten, so schließt das Autorenteam, aus informellen Netzwerken, die sich beispielsweise in den Acknowledgment-Teilen wissenschaftlicher Publikationen abbildeten, soziales Kapital generieren, das durch starre Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, wie eine Mitautorschaft, nicht entstehe. Solche Strukturen prägten den Zugang zu nützlichem Wissen, Ratschlägen und Ressourcen. "Die Studie zeigt, dass sich die Zeit, die man damit verbringt, anderen Forschenden bei ihrer Arbeit zu helfen, oft auszahlt, auch wenn dieser Nutzen meist nicht sichtbar ist", sagte Professorin Sandra González-Bailón, Mitautorin der Studie und Direktorin des Center for Information Networks and Democracy an der Annenberg School for Communication, gegenüber dem Online-Magazin Times Higher Education (THE).
Informelle Netzwerke sind dichter und weniger hierarchisch
Im Rahmen des Projekts analysierte das Team rund 130.000 politikwissenschaftliche Artikel aus dem Zeitraum 2003 bis 2023. Sie sammelten Daten zu Danksagungen und Mitautorschaften und untersuchten, welche wissenschaftlichen Netzwerke sich jeweils daraus bilden ließen und in welchem Verhältnis diese möglicherweise zum Publikationserfolg der Forschenden stehen. Es habe sich gezeigt, so die Autorinnen und Autoren, dass aus den informellen Verbindungen der Danksagung größere und dichtere Unterstützungsnetzwerke entstehen als aus offiziellen Mitautorschaften. So würden pro Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler in Danksagungs-Netzwerken durchschnittlich doppelt so viele Kontakte verzeichnet wie in denjenigen, die sich durch Mitautorschaften bilden. Zudem seien informelle Kooperationen weniger hierarchisch.
Der Zugang von Forschenden zu Danksagungs-Netzwerken steht, wie die Autorinnen und Autoren feststellen, in statistischem Zusammenhang mit größeren Publikationserfolgen – sowohl in der Produktivität als auch in der Wirkung. Insbesondere diejenigen Forschenden, die in informellen Netzwerken zentrale Positionen einnehmen, erzielen demnach eine höhere Publikationswirkung. In beiden Netzwerken seien Männer mit etwa 62 Prozent präsenter. In informellen Netzwerken nehmen sie jedoch eine noch zentralere – also vernetztere – Position ein. Problematisch sei, dass nicht alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zugang zu den informellen Netzwerken hätten und Chancen somit ungleich verteilt seien.
Formelle und informelle Netzwerke existieren nebeneinander
Das Autorenteam hebt hervor, dass Forschende neben den offiziellen Formen der Zusammenarbeit schon immer inoffizielle Varianten gepflegt haben – vom Austausch über Briefe bis zur Zirkulation von Manuskripten. Autorinnen und Autoren sorgten durch die inoffizielle Verbreitung ihrer Artikel für eine schnellere Zirkulation als über offizielle Kanäle. Dies spiele in der bisherigen Erfassung von Publikationswirkung bislang keine Rolle.
Entsprechend stellt ihr Ansatz laut González-Bailón auch keinen Ersatz existierender Messinstrumente dar, sondern eine Ergänzung bisheriger Verfahren, die neue Fragestellungen ermöglicht. Beispielsweise könnte untersucht werden, ob sich in Danksagungen andere geschlechtsspezifische Muster von Publikationspraktiken ergeben als bei Mitautorschaften.
Forschung kann neue Formen wissenschaftlicher Anerkennung fördern
Einschränkend merken die Forschenden an, dass informelle Wissenschaftsnetzwerke Interaktionen umfassen, die in Danksagungen nicht verzeichnet werden und die die Studie daher nicht umfasst. Auch unterschiedliche wissenschaftliche Praktiken führen möglicherweise zu einem anderen Ergebnis.
Dennoch hält das Team weitere Forschung für sinnvoll. Es sei wichtig, die Funktionsweise informeller Unterstützungsstrukturen zu dokumentieren, damit mehr Personen davon profitieren können. "Zumindest kann das Verständnis dieser Strukturen und ihrer Rolle bei der Wissensgenerierung dazu beitragen, dass Anerkennung dort zuteilwird, wo sie gebührt – jenseits der üblichen Messgrößen für akademische Leistung, die sich auf die Anzahl der Veröffentlichungen und die Anzahl der Zitate konzentrieren", so die Autorinnen und Autoren.
hae