Studie
Das Gefühl von Ungleichheit kann Nährboden für Populismus sein
Nicht allein die objektive, an Zahlen zur Verteilung von Einkommen und Vermögen ablesbare soziale Ungleichheit begünstigt das Wachstum populistischer Bewegungen. Zu diesem Ergebnis kommen Professorin Heike Klüver und Professor Johannes Giesecke vom Institut für Sozialwissenschaften (ISW) der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) sowie ihr ehemaliger Kollege Professor Lukas F. Stoetzer, der inzwischen an der Universität Witten/Herdecke tätig ist. Ihre Studie ist in Ausgabe 1/2026 des European Journal of Political Research erschienen. Entscheidend ist demzufolge, wie Menschen Informationen zu sozialer Ungleichheit subjektiv verarbeiten, welche Schlüsse sie daraus ziehen und welche Gefühle diese hervorrufen.
Das Forschungsteam stellt einleitend fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten Einkommens- und Vermögensunterschiede in vielen europäischen Ländern deutlich vergrößert haben, während die Unterstützung für populistische Parteien gewachsen ist. Frühere Studien hätten bereits darauf hingewiesen, dass steigende Ungleichheit das Wachstum populistischer Bewegungen möglicherweise begünstige. Das Team wollte den Zusammenhang näher untersuchen und erklären. Es sei "wichtig zu erkennen, dass objektive Ungleichheitsniveaus nicht zwangsläufig Einstellungen und Wahlverhalten beeinflussen", differenziert das Autorenteam in seiner Studie.
"Wenn Menschen den Eindruck haben, dass Vermögen in den Händen weniger konzentriert ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie populistische Einstellungen entwickeln", sagt Klüver, Leiterin des Lehrbereichs Politisches Verhalten im Vergleich am Institut für Sozialwissenschaften, laut Pressemitteilung der HU Berlin zu den Studienergebnissen. "Diese Wahrnehmung prägt politische Einstellungen unabhängig davon, wie die objektive Verteilung tatsächlich aussieht." Dies betrifft der Studie zufolge zentrale Dimensionen populistischer Einstellungen: Antielitismus, der Kampf zwischen Gut und Böse sowie Forderungen nach Volkssouveränität.
Populistische Parteien nutzen empfundene Ungleichheit
Um den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und der Unterstützung populistischer Parteien zu untersuchen, haben die Forschenden Daten des International Social Survey Programme (ISSP) des GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ausgewertet. Zusätzlich führten sie ein Verhaltensexperiment durch.
Die Auswertung der ISSP-Befragungen von fast 40.000 Personen in 20 europäischen Ländern zu sozialer Ungleichheit und ihrer Wahrnehmung zeigt, dass Menschen, die ihre Gesellschaft als besonders ungleich empfinden, mit einer um 2,7 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei unterstützen als jene, die ihre Gesellschaft als gerechter wahrnehmen. Ein solcher Unterschied sei in der Wahlforschung durchaus substantiell, da bereits wenige Prozentpunkte über den Erfolg oder Misserfolg politischer Parteien entscheiden können. Besonders deutlich zeige sich diese Korrelation bei größeren rechtspopulistischen Parteien wie der Dänischen Volkspartei (DF) oder der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Sie sei aber auch im Zusammenhang mit anderen populistischen Parteien zu beobachten.
Die Studie gehe den Gründen nach. Das sozialwissenschaftliche Forschungsteam argumentiert, dass es auch die Wahrnehmung sei, dass politische Eliten vor allem die Interessen der Wohlhabenden vertreten würden, die den Populismus befeuerten. Diese Wahrnehmung griffen populistische Parteien auf und machten sie sich zunutze.
Verhaltensexperiment stützt zentrale These
Um den Befund zur Korrelation von wahrgenommener Ungleichheit und populistischen Einstellungen auf seine Kausalität zu überprüfen, haben die Forschenden ein Experiment durchgeführt, an dem jeweils etwa 3.000 zufällig ausgewählte Personen in Deutschland, Dänemark und Italien teilnahmen. Dabei seien einem Teil der Probandinnen und Probanden Informationen über die tatsächliche Vermögensverteilung im jeweiligen Land vorgelegt worden, bevor sie Fragen zur Wahrnehmung von Ungleichheit in der Gesellschaft beantwortet hätten. Eine Kontrollgruppe habe vorab keine Informationen bekommen.
"Die Wahrnehmung von Ungleichheit kann eine Ursache für populistische Einstellungen sein."
Professorin Heike Klüver, HU Berlin
Das Experiment habe gezeigt, dass die Konfrontation mit Informationen über die tatsächliche Ungleichheit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Ungleichheit bei den Probandinnen und Probanden erhöhte – und populistische Einstellungen verstärkte. Gleichzeitig verstärkte dies jedoch nicht unmittelbar die Absicht der Teilnehmenden, populistische Parteien zu wählen. "Das Experiment stützt klar unsere zentrale These: Die Wahrnehmung von Ungleichheit kann eine Ursache für populistische Einstellungen sein", so Klüver. "Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass die kurzfristige Veränderung von Einstellungen nicht unmittelbar zu einer höheren Wahlabsicht für populistische Parteien führt. Dies deutet darauf hin, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen – etwa parteipolitische Angebote, parteipolitische Kampagnen oder andere politische Kontextfaktoren."
Wahrgenommene oder reale Ungleichheit bekämpfen?
"Ein wichtiges Instrument, das politisch Verantwortliche im Kampf gegen den potentiellen Aufstieg von Populistinnen und Populisten einsetzen können, ist die aktive Förderung von Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit in der Gesellschaft", heißt es in der Studie.
Ebenso wichtig sei es, auf die Wahrnehmung der Ungleichheit hinzuwirken. Populistische Parteien seien nicht erfolgreich aufgrund durchdachter Umverteilungskonzepte in ihren Programmen, sondern "weil Ungleichheit zu populistischer Unzufriedenheit führt, die sie mobilisieren können".
Polarisierung – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Im März nähert sich "Forschung & Lehre" in seinem Schwerpunkt dem Thema Polarisierung aus unterschiedlichen Perspektiven an. Die Beiträge:
- Im Gespräch mit Wolfgang Merkel
Verschwindet unsere Demokratie? Zu den Folgen politischer Polarisierungen und demokratischer Erosionsprozesse - Nils Kumkar
Zugleich real und konstruiert: Zur Debatte um die Spaltung der Gesellschaft - Hanna Schwander/Bastian Becker/Luke Shuttleworth
Dynamisches Phänomen: Aktuelle Zahlen zur affektiven Polarisierung in Deutschland - Im Gespräch mit Ute Frevert
Angstunternehmer unterwegs: Zur Bedeutung von Gefühlen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt - Andreas Zick
Identitätskämpfe: Polarisierungsprozesse aus sozialpsychologischer Perspektive - Christiane Eilders
Ideologisch oder affektiv: Zur Konfliktdynamik in öffentlichen Debatten - Michael Weber
Sicht auf reale Konsequenzen: Subjektive Erwartungen und geldpolitische Handlungsfähigkeit
Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!
cva