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Forschungsförderung
Der Datenplan wächst mit

Viele Drittmittelgeber erwarten von Antragstellern einen Daten-Management-Plan. Birgit Glorius gibt Einblicke in ein Horizont-2020-Projekt.

Von Katrin Schmermund 31.08.2018

Forschung & Lehre: Frau Professorin Glorius, als Koordinatorin eines Horizont-2020-Projekts mussten Sie zum ersten Mal einen Daten-Management-Plan (DMP) erstellen. Wie sind Sie vorgegangen?

Birgit Glorius: Wir haben uns am Institut erst einmal im Internet eingelesen und Beispiele für solche Pläne herausgesucht. Dabei haben wir relativ schnell gemerkt, dass es sehr unterschiedliche Lesarten gibt, was ein sogenannter Daten-Management-Plan ist und was er leisten muss. Glücklicherweise gibt es auf den Webseiten der Europäischen Kommission zu den verschiedenen Förderlinien unter "Horizont 2020" Handreichungen, in denen recht konkrete Fragen vorformuliert sind, die man einfach textlich beantworten kann. Es gibt allerdings so viele Informationen, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten.

F&L: Haben Sie sich Hilfe von der Europäischen Kommission geholt?

Birgit Glorius: Wir hatten nach der Bewilligung unseres Antrags relativ wenig Kontakt. Wenn wir eine Nachfrage hatten, mussten wir meist mehrmals nachhaken und uns größtenteils alleine vorwärts tasten. Hilfreich war der Austausch mit Projektpartnern, die schon erfahrener in der Bearbeitung von  Horizont-Projekten waren. Allerdings mussten auch sie sich noch einmal informieren, weil sich von Förderrahmen zu Förderrahmen – aktuell "Horizont 2020" – Vorgaben ändern können.

F&L: Was haben Sie mit Blick auf das Datenmanagement zuerst geklärt?

Birigt Glorius: Unser grundsätzliches Problem war und ist, dass wir sehr sensible Daten erheben. Wir befragen unter anderem Migrantinnen und Migranten zu ihrer Fluchterfahrung und haben damit Transkripte von Interviews mit Personengruppen in schwierigen Lebenslagen. Einem Gespräch willigen sie teils nur ein, wenn wir ihnen eine vollständige Anonymisierung zusichern.

Juniorprofessorin Dr. Birgit Glorius
Juniorprofessorin Dr. Birgit Glorius koordiniert an der TU Chemnitz das EU-Projekt "CEASEVAL". privat

F&L: Wie konkret haben Sie Ihr Vorgehen im Daten-Management-Plan formuliert?

Birigt Glorius: Den Daten-Management-Plan mussten wir als eines von unseren Projektleistungen, den einzureichenden "Deliverables", in den ersten sechs Monaten der Projektlaufzeit erstellen. In dieser Anfangsphase des Projekts hatten wir noch nicht mit der Datenerhebung begonnen und konnten die Anforderungen an die Datenverarbeitung und mögliche Probleme dabei noch gar nicht abschließend beurteilen. Es waren daher eher grundsätzliche Absichten, die wir genannt haben. Wir mussten auch an der TU Chemnitz zunächst einiges klären, da wir gewissermaßen ein "Pilotprojekt" sind. Viele Anforderungen sind neu und erfordern andere Lösungen als für andere Projekte – unter anderem, weil wir mit vielen Projektpartner zusammenarbeiten, die außerhalb des Hochschulnetzes Zugriff auf Projektdaten haben müssen.

F&L: Wie verarbeiten Sie Ihre Projektdaten?

Birgit Glorius: Der Datenerheber, der Interviewer, hat die Audiodatei, macht sich davon eine Sicherungskopie und speichert diese zweimal lokal auf seinem Rechner oder analog auf CD oder USB-Stick. Die Interviews werden dann transkribiert beziehungsweise protokolliert und dabei, wie vorab mit dem Interviewpartner vereinbart, anonymisiert. Wir haben eine Matrix erstellt, mit der wir die Texte dem entsprechenden Projektpartner und dem sogenannten Work-Package, in dem sie erhoben wurden, zuordnen können. Nur der Interviewer selbst kann ein Interview-Transkript noch einer Person zuordnen.

F&L: Wo werden die Transkripte gespeichert?

Birgit Glorius: Wir nutzen eine von der TU-Chemnitz programmierte Cloud. Die Daten liegen auf unserem Hochschulserver.

F&L: Sie sind für das Datenmanagement also auf die Zusammenarbeit mit dem Rechenzentrum angewiesen?

Birgit Glorius: Nicht nur das. So ein Projekt verlangt einen Austausch zwischen uns, dem Rechenzentrum, Datenschutzbeauftragten und der Ethikkommission. Und das eigentlich nicht nur einmal, sondern regelmäßig, weil sich im Projektverlauf immer neue Konstellationen ergeben, über die man sich abstimmen muss.

"Man sollte sich am besten auch bereits Gedanken über die Einteilung der Fördersumme machen" Birgit Glorius

F&L: War es schwierig, mit einem Forscherteam aus 13 Ländern in Sachen Datenmanagement auf einen Nenner zu kommen?

Birgit Glorius: Die Projektpartner sind grundsätzlich sehr sensibilisiert für den Umgang mit Personendaten und aufgeschlossen für einen gemeinsamen Weg. Wir waren uns zum Beispiel alle darüber bewusst, dass wir nach den Regeln der EU-Datenschutzgrundverordnung von den Interviewpartnern einen "informed consent" einholen müssen, die Zustimmung des Interviewpartners zur Erhebung der Daten. Beim "wie" gingen die Meinungen auseinander: Zunächst waren wir für eine schriftliche Unterzeichnung. Dagegen gab es jedoch Einspruch von einzelnen Projektpartnern, die sagten, dass die Person ja anhand ihrer Unterschrift identifiziert werden könne und eine solche Aufforderung sie davon abhalten könnte, mitzumachen. Wir haben dann vereinbart, dass wir den Weg einer mündlichen Zustimmung per Audio-Aufzeichnung am Anfang eines jeden Interviews wählen. Eine unterschiedlich gelebte Forschungspraxis erleben wir aktuell, wenn es darum geht, sich gegenseitig Transkripte zur Verfügung zu stellen und man diese nicht über die Wege erhält, die wir vereinbart hatten. Das ist etwas, auf das ich als Koordinatorin immer wieder pochen muss.

F&L: Wie behalten Sie den Überblick, dass alle Vereinbarungen eingehalten werden?

Birgit Glorius: Indem ich bei einem Projektpartner nachfrage, wie es so läuft und als Antwort ein Interview-Protokoll geschickt bekomme, obwohl es ausschließlich in die Cloud geladen werden dürfte (lacht). Dann schreibe ich eine E-Mail an alle Partner, erinnere an unsere Vereinbarungen und bitte darum, mir mitzuteilen, wenn jemand Probleme mit den technischen Vorgaben hat. Es hilft sehr, dass wir uns quartalsweise mit allen Projektpartnern austauschen – entweder per Skype-Konferenz oder bei einem Treffen oder einer Tagung, zu der die meisten hinfahren.

F&L: Waren in allen Ländern die nötigen Rahmenbedingungen für das Forschungsprojekt gegeben?

Birgit Glorius: Grundsätzlich ja. Ein Projektteam sagte allerdings, dass sie ihre Rohdaten nicht im Büro aufbewahren würden, weil sie Sorge hätten, dass diese abgegriffen und politisch genutzt werden könnten. Sie speichern diese extern und die anonymisierten Daten wie alle anderen Forscher in unserer Cloud.

F&L: Im September steht die Zwischenevaluierung Ihres Projekts an, die "Mid-Term Evaluation" – wird dabei auch der Daten-Management-Plan ein Thema sein?

Birgit Glorius: Auf jeden Fall. Wir sind aktuell dabei, diesen zu überarbeiten, sodass unsere in der ersten Version formulierten Absichten noch zu den Anforderungen an die Datenerhebung passen. An der Konferenz nehmen auch Mitglieder unseres Beirats teil, des "advisory boards". Sie kommentieren und geben Ratschläge.

F&L: Haben Sie schon ein Feedback zur ersten Version des Plans erhalten?

Birgit Glorius: Bislang nicht. Wir haben den Daten-Management-Plan – so wie alle anderen Deliverables - auf einer internen Plattform der EU hochgeladen und eine Bestätigung erhalten, dass er dort als PDF-Datei sichtbar für die zuständigen Kommissionsmitglieder und Projektpartner hinterlegt ist. Damit ist er ebenso wie alle anderen Deliverables Bestandteil der Zwischenevaluation. 

F&L: Was würden Sie aus Ihrer bisherigen Erfahrung sagen: Ist ein Daten-Management-Plan mehr Nutzen oder ungerechtfertigter Aufwand?

Birgit Glorius: Ich halte den Daten-Management-Plan für gut und sinnvoll. Er hat uns geholfen, uns Schritt für Schritt zu überlegen, wie wir unsere Herangehensweise an die Datenerhebung unter allen Projektpartnern vereinheitlichen und uns die Daten untereinander sicher bereitstellen können. Ohne einen solchen Plan hätten wir unser Vorhaben wohl nicht so strukturiert festgehalten.

F&L: Was könnte vonseiten der Kommission organisatorisch verbessert werden?

Birgit Glorius: Uns fehlen für unsere Art von Daten - für qualitative Daten - gute Beispiele, die wir uns einfach mal anschauen können. Wir möchten ungern die Ersten sein, die solch sensible Daten einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen – gerade, weil wir in Deutschland in Fächern wie den Sozialwissenschaften noch verhältnismäßig wenig sensibilisiert sind für Open Access. Ich hätte auch gerne die Möglichkeit gehabt, mit Experten der Kommission über offene Fragen zu diskutieren – und das auf einem neutralen Territorium. Wenn ich zu unserer Zwischen-Evaluierung fahre, ist das eher nicht der richtige Ort, um Probleme hinsichtlich der Datenverarbeitung zu klären.

F&L: Was würden Sie bei Ihrem zweiten Daten-Management-Plan anders machen?

Birgit Glorius: Ich würde das Thema Datenmanagement bereits bei der Antragstellung stärker mitdenken und gemeinsam mit den Projektpartnern für jeden Projektbaustein diskutieren. Man sollte sich am besten auch bereits Gedanken über die Einteilung der Fördersumme machen – das rückt bei uns Wissenschaftlern schon mal gerne in den Hintergrund, weil wir uns hauptsächlich über die Inhalte austauschen. Hat man schon eine klare Vorstellung von den Erfordernissen für die Datenerhebung und –verarbeitung, kann die erste Version des Daten-Management-Plans nach Projektstart relativ schnell erstellt werden. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass der Plan mit dem Projekt mitwächst, das heißt, es sind laufend Ergänzungen erforderlich.

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