Nahost-Konflikt
Deutsche Forschende mit Nahostbezug zensieren sich
Bei einer bundesweiten Umfrage der Freien Universität (FU) Berlin haben 85 Prozent der teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angegeben, die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit habe seit der erneuten Eskalation des Nahost-Konflikts am 7. Oktober 2023 zugenommen. Die Studienergebnisse sind am 14. September veröffentlicht und zuerst vom Tagesspiegel aufgegriffen worden. Sie liefern nach eigenen Angaben erstmals systematische Evidenz über die Perspektive derjenigen, die tagtäglich zum Themenbereich Naher Osten lehren und forschen. Teilgenommen haben demnach 477 Personen.
"Je prekärer und abhängiger die Beschäftigungssituation, desto stärker ist das empfundene Bedürfnis zur Selbstzensur."
Aus der Studie "Deutsche Wissenschaft seit dem 7. Oktober"
"Je prekärer und abhängiger die Beschäftigungssituation, desto stärker ist das empfundene Bedürfnis zur Selbstzensur und desto größer die wahrgenommene Bedrohung für wissenschaftliche Freiheit", stellt die Untersuchung fest. Fast 48 Prozent der Teilnehmenden über alle akademischen Statusgruppen hinweg gaben demzufolge an, die Bedrohung für die Wissenschaftsfreiheit habe "stark zugenommen", weitere 37 Prozent meinen, sie habe "zugenommen". Die Unterschiede in der Bewertung zeigten sich vor allem im Grad der empfundenen Verschärfung, wobei die Gruppe der Postdocs sich am stärksten bedroht fühle. "Diese besonders ausgeprägte Sorge könnte mit der prekären Phase ihrer Karriere zusammenhängen, in der sie stark von Reputation, Publikationen und Drittmitteln abhängig sind", erklärt das Forschungsteam die Studienergebnisse.
Knapp 26 Prozent der Befragten gaben an, "oft" das Gefühl zu haben, ihre Meinung nicht frei äußern zu können. Rund 46 Prozent haben zumindest manchmal das Bedürfnis, sich zu zensieren. Über drei Viertel berichteten, vor allem bei Israel-bezogenen Themen zurückhaltend zu sein (76 Prozent). Diese Selbstzensur betreffe Inhalte für öffentliche Veranstaltungen (81 Prozent), Medienbeiträge (54 Prozent) und das eigene Kollegium (42 Prozent). Die Befragten begründeten dieses Vorgehen mit der Angst vor Missverständnissen (63 Prozent), öffentlicher Anfeindung (60 Prozent) und möglichen beruflichen Konsequenzen (60 Prozent). Berichte von erlebten negativen Konsequenzen legten nahe, "dass das Bedürfnis nach Selbstzensur oft nicht nur eine abstrakte Sorge ist, sondern mit konkreten oder beobachteten negativen Erfahrungen korreliert". Die Ergebnisse deuten darüber hinaus darauf hin, dass eine Festanstellung und größere Autonomie die Angst vor direkten beruflichen Nachteilen zwar reduzieren, aber keineswegs eliminieren kann.
Differenziertes Lagebild jenseits anekdotischer Evidenz
Drei Dimensionen standen bei der Befragung im Vordergrund: zum einen individuelle Erfahrungen von Zensur, Hassrede und institutionellen Konsequenzen, zudem die Bewertung öffentlicher Debatten zu Entwicklungen auf dem Campus sowie die Art und Weise, wie biografische und identitätsbezogene Faktoren die individuelle Bedrohungswahrnehmung prägen. "Ziel ist, ein differenziertes Lagebild der deutschen Nahostwissenschaft seit dem 7. Oktober jenseits anekdotischer Evidenz zu zeichnen", erläuterte Forschungsleiter Dr. Jannis Julien Grimm das Projekt im Frühjahr in einem Artikel im Universitätsmagazin zum Vorhaben. Grimm leitet die Forschungsgruppe "Radical Spaces" am Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung (INTERACT) der FU Berlin.
"Ziel ist, ein differenziertes Lagebild der deutschen Nahostwissenschaft seit dem 7. Oktober jenseits anekdotischer Evidenz zu zeichnen."
Dr. Jannis Julien Grimm, Forschungsleiter
Grimm beschreibt in seinem Artikel, dass die aktuelle Debatte um Wissenschaftsfreiheit die Gefahr einer doppelten Instrumentalisierung berge: "Einerseits soll der Vorwurf mangelnder Wissenschaftsfreiheit bisweilen auch legitime Kritik an der Positionierung von Forschenden pauschal abblocken. Andererseits legitimiert der gut gemeinte, aber schlecht gemachte Schutz von Hochschulen aber vor allem autoritäre Maßnahmen, die kritische wissenschaftliche Diskurse ersticken." Dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei bestimmten Themen die Schere im Kopf anlegten, sollte aus seiner Sicht als ernste Warnung verstanden werden.
Forschungsleiter Grimm hat gegenüber dem Tagesspiegel eingeräumt, dass systematische Verzerrungen der Ergebnisse nicht auszuschließen seien, da womöglich besonders Betroffene teilgenommen hätten. Nicht an der Studie beteiligte Experten wie der Konfliktforscher Professor Andreas Zick und der Politikwissenschaftler Dr. Heiko Giebler bewerten die Untersuchung gegenüber dem Tagesspiegel als ein Stimmungsbild und eine gute Diskussionsgrundlage.
Proteste ja, Boykott nein
Ein weiteres Studienergebnis betrifft die Haltung zu studentischen Protesten an deutschen Hochschulen: Das Recht auf Protest auf dem Campus wird – unabhängig von der politischen Ausrichtung des Protests – durch die Befragten mit circa 60 Prozent deutlich befürwortet. Der Schutz der Meinungsfreiheit wird dabei von den Befragten als signifikant wichtigere Aufgabe für Hochschulen bewertet als die Gewährleistung eines ungestörten Lehr- und Forschungsbetriebs.
Die Ergebnisse dokumentieren zudem, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten Forderungen nach einem akademischen Boykott Israels ablehnt. Unabhängig davon, ob ein fachliches Interesse, eine familiäre Verbindung oder ein Gefühl historischer Verantwortung besteht, äußerten die Befragten überwiegend eine "sehr ablehnende" oder "eher ablehnende" Haltung gegenüber einem Boykott im Wissenschaftsbereich.
Insgesamt schätzt ein Großteil der Umfrage-Teilnehmenden den aktuellen Diskurs über die Länder Israel/Palästina im Vergleich zu früheren Kontroversen als deutlich herausfordernder ein. Dies gelte besonders für politische und mediale Debatten, finde sich aber auch in privaten und fachlichen Debatten sowie im Lehrkontext wieder.
Die Studie weist resümierend auf Handlungsbedarfe hin: gezielte Schutzmechanismen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen, Unterstützung bei Angriffen und eine Debattenkultur, die unterschiedliche Betroffenheiten anerkennt.
Wer wurde befragt?
Die Befragten decken der Studie zufolge ein breites disziplinäres Spektrum ab, wobei Arabistik und Islamwissenschaft, Kulturwissenschaften, Area Studies und Politikwissenschaften am stärksten vertreten sind. Die meisten arbeiten demnach in der Forschung (85 Prozent) und lehren teils gleichzeitig (56 Prozent). Knapp drei Viertel der Befragten sind an Universitäten tätig.
Die Stichprobe bestand überwiegend aus Postdocs (25 Prozent), Professorinnen und Professoren (20 Prozent) sowie Doktorandinnen und Doktoranden (18 Prozent), deren Stellen mehrheitlich durch öffentliche Mittel finanziert werden (69 Prozent).
cva