Symbolbild für einen Entscheidungsprozess mit zwei Figuren, die auf einer rot-weißen Zielscheibe stehen und sich den Ausschlag einer Art Pendel in Richtung verschiedener Symbole ansehen.
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Umfrageergebnisse
DFG-Förderpraxis: von Forschenden bestätigt und kritisiert

Den größten Handlungsbedarf erkennt die Forschungsgemeinschaft bei der Transparenz von Förderentscheidungen. Hier äußerten die Befragten Kritik.

23.09.2026

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat am 22. September die Ergebnisse einer Online-Befragung von rund 3.460 Antragstellerinnen und Antragstellern veröffentlicht. Diese hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH von November 2025 bis Januar 2026 für die DFG durchgeführt. Die Befragten haben sich laut des Berichts unter anderem zum Programmportfolio, zu ihrer Antragsmotivation und den Antragsbedingungen, den Begutachtungs- und Entscheidungsverfahren sowie zur Projektdurchführung geäußert. 

Die Ergebnisse lassen erkennen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Umfrage die DFG besonders dort positiv wahrnehmen, wo es um die allgemeinen Rahmenbedingungen der Förderung geht: Förderangebote, Antragstechnik über das elan-Portal, Projektbetreuung und die praktische Organisation von Begutachtungen über digitale Abläufe. Für "wichtig" bis "sehr wichtig" halten die Teilnehmenden darüber hinaus mit 97-prozentiger Zustimmung die Förderung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in frühen Karrierephasen sowie die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. 

Kritik äußern sie laut Bericht bei der Dauer, Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Förderentscheidungen, bei der Frage, wie gut das Portfolio interdisziplinäre oder risikoreiche Forschung ermöglicht sowie bei einigen formalen Anforderungen. Gemischter fällt das Urteil über die fachliche Angemessenheit von Gutachten oder die Repräsentation eigener Forschungsgebiete in Fächern und Fachkollegien aus.

Die Befragten 

Laut infas Institut sind insgesamt 10.000 zufällig ausgewählte Personen aus dem Kreis der Antragstellerinnen und Antragsteller für die Befragung angefragt worden, wovon rund 35 Prozent tatsächlich teilgenommen haben. Erstmals habe man unter den demografischen Merkmalen auch Angaben zum Bildungshintergrund der Eltern oder Geburtsland sowie zu persönlichen Lebensumständen wie Sorgeverpflichtungen gegenüber Kindern und anderen Personen erfasst. 

68 Prozent der Befragten sind männlich, 32 Prozent weiblich und weniger als ein Prozent ordnet sich als divers ein. 42 Prozent verfügen über eine unbefristete Professur. Jeweils 22 Prozent arbeiten auf einer anderen unbefristeten beziehungsweise befristeten Stelle in der Wissenschaft. 79 Prozent sind oder waren an Universitäten beschäftigt, 14 Prozent an außeruniversitären Forschungseinrichtungen und fünf Prozent an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. 75 Prozent sind in Deutschland geboren, 25 Prozent im Ausland. 

Hinweis zur Befragung: Bei Bewertungsfragen, wie zum Beispiel "War Aspekt x hilfreich?", waren regelmäßig die Tendenzen "nicht (hilfreich)", "eher nicht (hilfreich)", "eher (hilfreich)" und "sehr (hilfreich)" auszuwählen. Zusätzlich konnte ein fünfter Fall mit "teils/teils" vorkommen oder die Befragten konnten sich bewusst enthalten "kann ich/möchte ich nicht beantworten".

Anforderungen und Ablauf: viel Lob und drei Hauptkritikpunkte 

65 Prozent sagen dem Bericht zufolge, ohne Drittmittel könnten sie ihre Forschungsfragen "voll und ganz" nicht in der gewünschten Form verfolgen – weitere 20 Prozent "stimmen eher zu", sodass rund 85 Prozent diese Einschätzung teilen. 81 Prozent stimmen mindestens eher zu, dass erfolgreiche Drittmitteleinwerbung ihre Reputation erhöht, während sich rund 70 Prozent bessere Karrierechancen versprechen und 68 Prozent dadurch Stellen für Mitarbeitende sichern wollen. Daneben ist die Finanzierung der eigenen Stelle den Ergebnissen zufolge für knapp zwei Drittel kein Hauptmotiv für die Beantragung von DFG-Mitteln. 

Rund 90 Prozent der Befragten finden die Themenoffenheit der DFG "eher wichtig" (25 Prozent) bis "sehr wichtig" (65 Prozent). Mehr als die Hälfte hält den Antragsaufwand (51 Prozent) und die Bearbeitungsdauer (56 Prozent) für "eher unwichtig" oder "unwichtig" bei der Entscheidung für eine Antragsstellung bei der DFG. Fast alle (94 Prozent) tauschen sich bei der Antragstellung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus. Rund zwei Drittel (65 Prozent) lassen sich von der DFG beraten und finden das "eher hilfreich" (42 Prozent) bis "sehr hilfreich" (45 Prozent). 

"Fast alle Befragten bewerten die im Antrag erbetenen Angaben zu wissenschaftlichen Zielen und zum Arbeitsprogramm sowie zu den beantragten Mitteln als sehr oder eher sinnvoll", schreibt das infas Institut über die Befragungsergebnisse. Als auffällig wird im Bericht beschrieben, dass die Angaben zum Forschungskontext, wie zum Beispiel Ethik, Nachhaltigkeit oder Risiken internationaler Kooperationen, von 37 Prozent als "eher nicht sinnvoll" oder "nicht sinnvoll" bezeichnet würden. Am höchsten sei dieser Wert bezüglich der Angaben zur Relevanz von Geschlecht und Vielfalt (54 Prozent), so dass "dieser Aspekt die niedrigsten Zustimmungswerte hinsichtlich seiner Sinnhaftigkeit" erzielt hat. 

Die größten Bewertungsunterschiede zeigen sich zwischen den Geschlechtern: Die Angaben zur Relevanz von Geschlecht und Vielfalt in der Forschung halten 63 Prozent der Frauen für "eher" oder "sehr sinnvoll", bei den Männern sind es lediglich 41 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die besonders kritisch bewerteten Angaben nicht gleichzeitig als besonders arbeitsaufwendig empfunden werden: 67 Prozent halten die Angaben zu Geschlecht und Vielfalt für "eher nicht" oder "nicht aufwendig". Am aufwendigsten sind laut Umfrageergebnissen die als besonders sinnvoll bewerteten wissenschaftlichen Ziele und das Arbeitsprogramm: 74 Prozent bezeichnen diese als "eher" oder "sehr aufwendig". 

Weitere Kritikpunkte betreffen die Transparenz der Förderentscheidungen und die Verfahrensdauer: Lediglich 42 Prozent bewerten Rückmeldungen zu und Begründungen von Bewilligungen beziehungsweise Ablehnungen als nachvollziehbar. 31 Prozent sagen, dies sei "teils/teils" der Fall, 28 Prozent urteilen negativ. 38 Prozent stimmen "voll und ganz", weitere 28 Prozent "eher" zu, dass zwischen Antragstellung und Entscheidung zu viel Zeit vergeht – also teilen zwei Drittel der Befragten eine in der Tendenz kritische Einschätzung. Darüber hinaus wird kritisch gesehen, dass das DFG-Förderportfolio zu wenig risikoreiche Forschung ermögliche: "Die acht zur Auswahl gestellten Förderprogramme werden von den Befragten nur eingeschränkt als geeignet für risikoreiche Forschungsvorhaben empfunden." 

DFG zeigt sich zufrieden und betont Lernfähigkeit 

In der begleitend zum Bericht veröffentlichten Kommentierung fokussiert die DFG auf ausgewählte Ergebnisse und ordnet diese in den Kontext drei zentraler Themenbereiche ein: die Attraktivität des Förderportfolios, das Aufgabenspektrum der Forschungsgemeinschaft sowie Wettbewerb und Peer-Review unter den Bedingungen begrenzter Ressourcen. 

Die DFG hebt hervor, dass vor allem die Themenoffenheit ihrer Förderung sehr stark geschätzt werde und sie an diesem Förderprinzip festhalten werde. Gleichzeitig erkennt sie Grenzen des Förderportfolios an, was die unterschiedlichen Anforderungen und Interessen je nach Fach, Karrierestufe, Lebenssituation oder Institution angehe, die man als Förderinstitution "kontinuierlich auszuhandeln" habe. Ob für interdisziplinäre und risikoreiche Forschung andere Programme, Förderbedingungen oder Begutachtungsformate nötig seien, wolle man prüfen. Die Organisation benennt die die Ergebnisse zur Beurteilung der Transparenz als "Anlass zur weiteren Reflexion". Bereits die Befragung im Jahr 2010 habe eine überwiegende Unzufriedenheit mit der Begründung von Förderentscheidungen gezeigt. Die "Bereitstellung vollständiger Gutachten sowie der Stellungnahmen von Begutachtungsgruppen und Gremien" habe die Bewertung der Nachvollziehbarkeit jedoch nicht wesentlich verbessert. "Die DFG wird daher ihre Verfahren und Entscheidungsprozesse künftig noch transparenter gestalten und noch verständlicher kommunizieren", stellt sie in Aussicht. 

Aus den Ergebnissen leitet die Forschungsgemeinschaft laut eigenen Angaben Handlungsfelder für Verbesserungsbedarf ab. Dazu gehören die Stärkung von Kommunikation und Dialog, die Verbesserung der Effizienz und Belastung im Peer-Review sowie die Weiterentwicklung des Förderportfolios und der Rahmenbedingungen für Forschung. Eine vertiefende Analyse insbesondere der Freitextantworten und der Unterschiede zwischen den Wissenschaftsbereichen könnten hierzu im Nachgang weitere Erkenntnisse liefern.

cva