Gehirnalterung
Die geistige Leistungsfähigkeit reift, statt zu altern
Von etwa Anfang 30 bis 66 erreicht das erwachsene Gehirn ein Plateau in Intelligenz und Persönlichkeit, wobei es im Lebensalter zwischen 55 und 60 Jahren am besten funktioniert. Zu diesem Ergebnis kommen zwei aktuelle Studien, die sich mit der Entwicklung der geistigen Leistungskraft beziehungsweise mit der Alterung des Gehirns auseinandersetzen.
Das Forschungsteam um Kognitionsforscherin Dr. Alexa Mousley an der Universität Cambridge hat herausgefunden, dass das menschliche Gehirn insgesamt fünf Lebensphasen durchläuft. Die Forschenden kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass das Gehirn bis zum 32. Lebensjahr vor allem aufgebaut, konsolidiert und ausgebaut wird. Zwischen 32 und 65 Jahren erreicht es demnach ein Hochplateau: "Diese Phase der Netzwerkstabilität geht auch mit einem Plateau in Intelligenz und Persönlichkeit einher", schreibt das Autorenteam.
"Diese Phase der Netzwerkstabilität geht auch mit einem Plateau in Intelligenz und Persönlichkeit einher."
Aus der Studie von Dr. Alexa Mousley und ihrem Team, Universität Cambridge
Mit 66 Jahren nehme die Effizienz des Hirnnetzwerks langsam ab, um erst ab dem 84. Lebensjahr rasch zu degenerieren. Für die Ende November im Fachmagazin "Nature Communications" erschienene Studie untersuchten die Forschenden Gehirnscans von 3.802 Personen im Alter von Null bis 90 Jahren, um festzustellen, wie effizient Informationen weitergeleitet werden.
Zwei Arten von kognitiven Fähigkeiten, die sich ergänzen
In einer zweiten Studie analysierten Gilles Gignac, außerordentlicher Professor für Psychologie an der University of Western Australia, und Psychologieprofessor Marcin Zajenkowski von der Universität Warschau neben der Denkfähigkeit auch deren Wechselspiel mit dauerhaften persönlichen Eigenschaften. In seinem Statement auf der Universitäts-Website anlässlich der Studienveröffentlichung im Fachmagazin "Intelligence" hebt Gignac hervor, dass die Forschungsergebnisse verdeutlichen, "warum Menschen in dieser Altersgruppe am besten für komplexe Problemlösungen und Führung im Arbeitsmarkt geeignet sind".
Gignac differenziert, dass zwar die sogenannten fluiden kognitiven Fähigkeiten – wie Informationen schnell zu erinnern und zu verarbeiten – typischerweise ab Mitte zwanzig Jahren nachlassen würden. Berücksichtige man aber, wie er und Zajenkowski, insgesamt 16 psychologische Dimensionen, die für Entscheidungsfindung und Lebenserfolg wichtig sind, so könne man viel besser die "reale Leistung" vorhersagen. Zu diesen Faktoren gehörten unter anderem Bildung, Gedächtnisspanne, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Wissen und emotionale Intelligenz. Hinzu kommen Gignac zufolge die sogenannten Big Five-Persönlichkeitsmerkmale – Extraversion, emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Verträglichkeit.
Gignac und Zajenkowski definieren kristalline Intelligenz als wissensbasierte Fähigkeiten, die primär durch den Einsatz fluider kognitiver Fähigkeiten unter konkreten Umweltbedingungen erworben werden. Während laut Studie diese Fähigkeiten wie logisches Denken, Kurzzeitgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit mit dem Alter nachlassen, "verbessern sich kristalline Fähigkeiten wie Wortschatz und Allgemeinwissen tendenziell über weite Teile des Erwachsenenalters". Die kristalline Intelligenz erreiche ihren Höhepunkt typischerweise im Alter von etwa 60 Jahren und weise auch im hohen Alter nur "geringfügige Rückgänge" auf. Dadurch ließe sich die schwindende fluide kognitive Leistung teilweise ausgleichen.
Gipfel der Entwicklung in hohen Jahren und beruflicher Erfolg
Bezüglich bestimmter Persönlichkeitsmerkmale als nicht-kognitive Dimension von Intelligenz äußern die beiden Autoren mit Blick auf die aktuelle Forschungslage klare Zusammenhänge zu beruflichen Erfolgen, beispielsweise für Gewissenhaftigkeit: "Gewissenhaftigkeit wird von Personalverantwortlichen durchweg hoch bewertet (…) und gilt nach Intelligenz oft als die wertvollste psychologische Eigenschaft für beruflichen Erfolg." Nach Gewissenhaftigkeit gelte emotionale Stabilität weithin als zweitwichtigstes Persönlichkeitsmerkmal bei der Personalauswahl, da sie Gelassenheit, eine geringere Stressreaktivität, Selbstsicherheit und Ruhe mit sich bringe. Die emotionale Stabilität nimmt Gignac und Zajenkowski zufolge im Erwachsenenalter zu und erreicht im höheren Alter häufig ein Plateau.
"Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, das Midlife-Age als Countdown zu behandeln, und beginnen, dieses als Höhepunkt zu erkennen."
Gilles Gignac, außerordentlicher Professor für Psychologie, University of Western Australia
Emotionale Intelligenz nimmt laut Studie im frühen und mittleren Erwachsenenalter stetig zu, erreicht ihren Höhepunkt um Mitte 40 und nimmt dann im höheren Alter allmählich ab. Finanzkompetenz steige kontinuierlich über die gesamte Lebensspanne an und erreiche ihren Höhepunkt zwischen Ende 60 und Anfang 70. Die verschiedenen Entwicklungsmuster verdeutlichen den Autoren zufolge "das komplexe Zusammenspiel zwischen biologischer Reifung, Umweltanforderungen und im Laufe des Lebens gesammelten Erfahrungen". Gignac bringt sein Fazit so auf den Punkt: "Die Geschichte ist voller Menschen, die ihre größten Durchbrüche weit über dem Alter erreichten, das die Gesellschaft oft als 'Peak Age' bezeichnet. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, das Midlife-Age als Countdown zu behandeln, und beginnen, dieses als Höhepunkt zu erkennen."
Doch obwohl ältere Erwachsene in verschiedenen Bereichen Stärken aufweisen würden, zeige der vollumfängliche Blick auf die einzelnen Leistungsdimensionen ab etwa dem 65. Lebensjahr, dass "das sehr hohe Erwachsenenalter für verantwortungsvolle Positionen, die integrierte kognitiv-emotionale Fähigkeiten erfordern, suboptimal sein kann". Die Studie schlussfolgert: "Demnach sind Personen, die sich am besten für verantwortungsvolle Führungs-, Entscheidungs- oder leitende Positionen eignen, wahrscheinlich zwischen 55 und 60 Jahre alt – und mit hoher Wahrscheinlichkeit weder jünger als 40 noch älter als 65."
Arbeiten im Alter? – Schwerpunkt in "Forschung & Lehre"
Die Dezember-Ausgabe von "Forschung & Lehre" widmet sich mit einem Themen-Schwerpunkt der Gestaltung der dritten Lebensphase. Die Beiträge:
- Denis Gerstorf/Hans-Werner Wahl: Rasante Entwicklung. Alter und Altern im Wandel der Zeit
- Hans Martin Hasselhorn: Eher früher als später? Der Übergang in den Ruhestand in Zahlen
- Im Gespräch mit Axel Börsch-Supan: Aus dem Gleichgewicht. Das Rentensystem zwischen höherer Lebenserwartung und wirtschaftlicher Stagnation
- Im Gespräch mit Anne Schäfer: Verlangsamen und verjüngen. Einblicke in die aktuelle biologische Alternsforschung
- Julia Reuter/Oliver Berli: Professorale Abschiede. Vom Umgang mit dem Ende der wissenschaftlichen Karriere
- Martin Hellfeier: Was danach möglich ist. Über die Seniorprofessur und Alternativen
Die Redaktion hat außerdem persönliche Einblicke von Professorinnen und Professoren in die Zeit vor und nach der Pensionierung zusammengestellt. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe – Reinlesen lohnt sich!
cva